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Full text of "Bausteine zur Psychoanalyse II Praxis"

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




J 



D*. S. t'ERENCZI 

BAUSTEINE ZUR 
PSYCHOANALYSE 

IL BAND! PRAXIS 



BAUSTEINE ZUR 
PSYCHOANALYSE 



VON 



Dr. S. FERENCZI 



II. BAND 

PRAXIS 



1927 

INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG /WIEN / ZÜRICH 



Alle Rechte, 
insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten 

Copyright t£27 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 

Ges. m. b. H.", Wien, VII. 



Druck: Llbemühl, Wien, IIL, Rüdengasse II 



Inhalt des zweiten Bandes 

In den eckigen Klammern [in Kursivschrift] ist Ort und Zeit des ersten 
Erscheinens der einzelnen Beitrüge angegeben. Abkürzungen; #Jb u = Jahrbuch 
für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen; n ZW" = Zentral' 
btatt für Psychoanalyse; »!Z U = Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse. 

P RAX l S 

Seite 

Über passagere Symptom büdungen während der Analyse 
(Passagere Konversion» Substitution, Illusion , Halluzination 
„Charakterregression^ und „Ausdrucks Verschiebung) * 9 
iZbt II, 1912} 

Einige „passagere Symptome* » • , , ♦ * 26 

I) Parästhesien der Genitalgegend S. 26 — II) Der Flatus, 

ein Vorrecht der Erwachsenen 27 — III) Unruhe gegen 
das Ende der Analysenstunde 28 — IV) Schwindel- 
empfindung nach Schluß der Analysenstunde (Beitrag zur 
Erklärung psychogener Körper Symptome) 29 — V) Ein- 
schlafen der Patienten während der Analyse 51 — 
VI) Zwangsneurose und Frömmigkeit 52 — VII) Über ver- 
schämte Hände 33 — VIII) Heiben der Augen als Onanie- 
ersatz 55 — IX) Urinieren als Beruhigungsmittel 35 — 
X) Geschwätzigkeit 36 — XI) Das „Vergessen" eines 
Symptoms und seine Aufklärung im Traume 56 — XII) Die 
Position während der Kur 36 — XIII) Zwanghaftes 
Etymologisieren 37 

/Die Beiträge I, II, XII u. XIU: 1Z I 7 19I}; die Beiträge IV 
his Vin u.XI; /Z II, X9J4; die Beiträge III, IX u,X: JZ III, r?if} 



Seit* 

Zur psychoanalytischen Technik , • . . 38 

I) Mißbrauch der Assoziationsfreiheit 58 

II) Fragen der Patienten — Entscheidungen während 

der Kur 45 

III) Das „Zum Beispiel" in der Analyse 47 

IV) Die Bewältigung der Gegen üb er tragung ...» 49 
[TZ F t i 9 i 9 ] 

Diskontinuierliche Analysen * 55 

[IZ II, i 9 r 4 J 

Zur Frage der Beeinflussung des Patienten in der Psycho- 
analyse 58 

[IZ V, t 9 i 9 ] 

v t Weiterer Ausbau Her „aktiven Technik" in der Psychoanalyse 62 
< [IZ FIT, 1921} 

Über forcierte Phantasien (Aktivität inder \sso£iationstechnik) 8 7 
[IZ X, 1 9 2 4 ) 

Kontraindikationen der aktiven psychoanalytischen Technik 99 
[IZ XII 7 1926} 

Zur Kritik der Rankscheu Ä Technik der Psychoanalyse" 116 

[iz xin t ip2?j 

Über vermeintliche Fehlhand hingen 129 

flZin t r 9 i f J 

Über lenkbare Traume 157 

(Ulli, I 9 IT] 

Affektvertauschung im Traume . ♦ ♦ . * 141 

[IZ 1F, tgi6] 

Der Traum vom Okklusivpessar ..».,».*.** 143 
[IZIII, i 9 if] 

Pollution ohne orgastischen Traum und Orgasmus im 

Traume ohne Pollution 152 

[IZ IV, j 9 i6] 

Ein Fall von „dejä vu" 161 

IUI II, }9i2j 

Analyse von Gleichnissen 164 

[IZ III, ujfsj 

Sonntagsneurosen * * 178 

[IZ r, i 9 u } ) 

Ein kleiner Hahnemann «... + »•* 185 

[IZ I, i 9 rj} 



Seit* 

Die psychischen Folgen einer „Kastration" im Kindesalter 196 
flZ IV) 1916] 

Analytische Deutung und Behandlung der psychosexuellen 

Impotenz beim Manne *•«.*• 203 

[Psychißtr.-NtUTQl, JVschr* X, 1908] 

Die Nacktheit als Schreckmittel 222 

[IZ V, 1 9 T 9 ] 

Psychogene Anomalien der Stimmlage 227 

(IZ III, t 9 ij] 

Misciigebilde von erotischen und Charakterzügen , * • , 233 
(IZ IV, 1916} 

Symmetrischer Berührungszwang • , * • »,*•«* 236 

[IZ. IV, i 9 t6j 

Die Symbolik der Brücke , * • ♦ 238 

(IZ VII, t$2Ij 

Die Brückensymbolik und die Don Juan -Legende * . . 244 

[IZ Vfil, T$22] 

Ekel vor dem Frühstück * « » • . . 247 

[IZ V, t 9 x 9 l 

Beitrage zur Genitalsymbolik 249 

I) Sinnreiche Variante des Schuh symbols der Vagina S, 249 
- — 11) Symbolik der Bettwäsche 250 — II l) Der 
Drachenflieger als Erektionssymbol 250 — IV) Infantile 
Vorstellungen über das weibliche Genitale 251 — 
V) Kindliche Vorstellungen von der Verdauung 25 z 
— VI) „Nonum prematur in annum 1 " 255 — 
VII) Schweigen ist Gold 255 — VIII) Pecunia — 
ölet 257 — IX) Ungeziefer als Symbol der Schwanger- 
schaft 261 X) Zwei typische Kopro- und Pädo- 
symbole 261 

IA\U IZ, iL zw. die Beitrüge Kr, II— IV BtL V (i 9 tj\ Nr. IX JM II 
O914), iVr. IV u* X Bd. Ill (191J), Nr, I, VII u. Fl FI Bd. IV (1916)} 

Zur Augensymbolik 264 

[IZ /, i 9 i j] 

Einige klinische Beobachtungen bei der Paranoia und 

Paraphrenie (Bcitragzur Psychologie der „Systembildung") 270 
HZ IL W4) 



Seite 

Heizung der analen erogenen Zone als auslösende Ursache 
der Paranoia (Beitrag zum Thema: Homosexualität und 
Paranoia) ....*••»«•••«*.««., 281 

[Zbi J, 1911J 

Wirkung der Potenz Verkürzung des Mannes auf das Weib 287 
{Budapest* Onwsi Ujsäg 1908} 

Soziale Gesichtspunkte bei Psychoanalysen 2 §2 

I) Der „Familienroman der Erniedrigung** , * # . # 29$ 
II) Psychische Erkrankung als Folge des sozialen Aufstieges 206 

[TL VIII, j 9 22} 



Register ............ 298 



Ober passagere Symptombildungen während 
der Analyse 

Passagere Konversion, Substitution, Illusion, Halluzination, 

„ Charakterregression w und „AusdrutksversAiebung 1 ' 

Die überzeugendsten Eindrücke von der Richtigkeit der ana- 
lytischen Symptomerklärungen erhält der Arzt wie der Patient 
erst in der Übertragung, Solange den Kranken nur das durch 
die freie Assoziation gelieferte psychische Material als Beweis für 
die Richtigkeit der analytischen Erklärungen zu Gebote steht, 
mögen ihnen diese Erklärungen merkwürdig, überraschend, auch 
einleuchtend erscheinen: die Überzeugung- von ihrer unzweifel- 
haften Richtigkeit, clie Empfindung, daß sie die einzig mög- 
lichen Erklärungen sind, erlangen sie noch nicht, auch wenn 
sie sich noch so redlich bemühen, überzeugt zu werden, ja, 
sich das Überzeugtsein mit aller Kraft aufzwingen wollen* Es 
hat förmlich den Anschein, als oh der Mensch durch logische 
Einsicht allein überhaupt zu keinen echten Überzeugungen 
gelangen könnte; man muß etwas affektiv erlebt, gleich- 
sam am eigenen Leibe empfunden haben, um jenen Grad von 
sicherer Einsicht zu gewinnen, der den Namen ^Überzeugung** 



10 S. Fcrcncz! 

verdient. Auch der Arzt, der die Analyse nur aus Büchern 
gelernt hat, ohne sich selber einer gründlichen Seelen analyse 
unterzogen und praktische Erfahrungen bei Kranken gesammelt 
zu haben, kann sich von der Wahrheit ihrer Ergebnisse nicht 
überzeugen; er gewinnt höchstens einen mehr oder minder 
hohen Grad von Zutrauen, der zeitweise der Überzeugung sehr 
nahekommen mag, hinter dem aber immer noch unterdrückter 
Zweifel lauert. 

Ich will hier eine Reihe von Symptomen anführen, die ich 
bei meinen Patienten während der Kur entstehen und durch 
die Analyse vergehen gesehen habe und die dazu beitrugen, 
daß der Eindruck von der Wahrheit der Freudschen Mecha- 
nismen in mir zur Gewißheit — und daß in den Patienten 
das Vertrauen zur Sache geweckt oder gestärkt wurde* 

Die freie Assoziation und die analytische Durchforschung 
der Einfalle wird bei Hysterischen nicht sehen durch das 
unvermittelte Auftreten körperlicher Erscheinungen sensibler 
oder motorischer r* T atur unterbrochen. Man wäre zunächst 
geneigt, diese Zustände für unliebsame Störungen der Analysen- 
arbeit anzusehen und sie danach zu behandeln* Macht man aber 
mit dem Satz von der strengen Determiniertheit alles 
Geschehens wirklich Ernst, so wird man auch für diese Er- 
scheinungen Erklärungen suchen müssen, Entschließt man sich 
dazu, unterzieht man also auch diese Symptome der Analyse, 
so stellt es sich heraus, daß sie eigentlich symptomatische Dar- 
stellungen von unbewußten Gefühls- und Gedankengängen 
sind, die durch die Analyse aus ihrer Inaktivität (Ruhezustand, 
Gleichgewicht) aufgerüttelt wurden und der Bewußtseins- 
schwelle nahegerückt sind, aber ihres für das Bewußtsein 
milustvollen Charakters wegen noch vor dem Bewußtwerden, 
gleichsam im vorletzten Moment, zurückgedrängt wurden, wobei 
ihre nicht mehr ganz unterdruckbare Erregungs menge zum 



über passagere Symptombildungen während der Analyse 11 

Hervorbringen körperlicher Symptome verwendet wurde* Ein 
auf diese Art zustande gekommenes Symptom stellt aber nicht 
nur eine gewisse Erregungsmenge vor, sondern erweist sich 
auch als qualitativ determiniert. Richtet man nämlich auf die 
Eigenart des Symptoms» auf die Art des motorischen oder 
sensiblen Heiz- oder Lähmungszustandes t auf das Organ, in 
dem es sich einstellt, auf die Vorfalle und Einfalle, die der 
Symptombildung unmittelbar vorausgingen, seine Aufmerksam- 
keit und versucht es, den Sinn des Symptoms zu entdecken, 
so entpuppt sich jenes körperliche Symptom als symbolischer 
Ausdruck einer durch die Analyse angeregten unbewußten 
Gedanken- und Gemütserregung, übersetzt man dann dieses 
Symptom vor dem Patienten aus der symbolischen in die 
Begriffssprache, so kann es vorkommen, daß der Patient, auch 
wenn er von diesem Mechanismus vorher keine 
Ahnung hatte, sofort unter den Anzeichen großer Ver- 
wunderung erklärt, daß jener sensorische oder motorische Reiz- 
oder Jähmungsartige Zustand ebenso plötzlich verschwand, wie 
er gekommen ist* Die Beobachtung des Patienten zeigt in nicht 
mißverständlicher Weise, daß das Symptom nur aufhört, wenn 
der Patient unsere Erklärung nicht nur verstanden, sondern ab 
richtig erkannt hat Sehr oft verrat der Patient dabei sein 
^Ertapptwerden" durch Lachein, Lachen, Erroten oder irgend- 
ein sonstiges Zeichen der Verlegenheit; nicht selten bestätigt 
er selber die Richtigkeit unserer Vermutung oder bringt 
sofort Erinnerungen aus seiner Vergangenheit, die unsere An- 
nahme bekräftigen* 

Einen der Träume einer hysterischen Patientin mußte ich 
als eine Wunschphantasie deuten; ich sage ihr* dieser Traum 
verrate, daß sie mit ihrer Lage unzufrieden, sich einen 
gebildeieren, liebenswürdigeren Mann von angesehenerer 
Stellung, besonders aber für sich schönere Kleider wünscht. In 



12 S. Ferenczl 

diesem Augenblick wird die Aufmerksamkeit der Patientin 
durch einen plötzlich auftretenden Zahnschmerz von der 
Analyse abgelenkt. Sie bittet mich, ich solle ihr dagegen irgend- 
ein schmerzlinderndes Mittel oder zumindest ein Glas Wasser 
verabreichen* Statt dieser Aufforderung Folge zu leisten, erkläre 
ich der Patientin, daß sie mit diesem Zahnschmerz vielleicht 
nur die ungarische Redensart „Es tut mir nach diesen 
guten Dingen der Zahn weh" bildlich ausdrücken 
wolle. Ich sagte das durchaus nicht in zuversichtlichem Tone, 
auch wußte sie gar nicht, daß ich von dieser Mitteilung das 
Aufhören des Schmerzes erwarte. Und doch erklärte sie im 
selben Augenblick ganz von selbst und sehr verwundert, daß 
der Zahnschmerz plötzlich aufgehört habe. 

Die nachträgliche Befragung der Patientin stellte fest* daß sie 
das Bestreben hatte, sich selbst gegenüber die mißliche Lage der 
unter ihrem Stand verheirateten Frau abzuleugnen. Die Deutung 
des Traumes legte aber ihre unerfüllten Wünsche in einer 
Weise klar, daß sie sich der Richtigkeit dieser Enthüllung nicht 
ganz entziehen konnte. Immerhin gelang es ihr noch, im 
letzten (richtiger: im vorletzten) Augenblick die Unlustzensur 1 
walten zu lassen und die Anerkennung meiner Deutung durch 
die Brücke der Assoziation: „Der Zahn tut mir danach weh" 
in die Körperfühlsphäre zu drangen und so die schmerzliche 
Einsicht in Zahnschmerz zu verwandeln. — Die unbewußte 
Verwendung dieser landläufigen Redensart war vielleicht die 
letzte, aber nicht die einzige Bedingung der Symptombildung* 
Besitzt doch der psychische Raum, ebenso wie der physische, 
mehrere Dimensionen, daher läßt sich darin der Ort eines 
Punktes nur mittelst mehrerer Koordinatenachsen genau 
bestimmen. In die Sprache der Psychoanalyse übersetzt, heißt 
das: jedes Symptom ist überdeterminiert. Die Patientin kämpfte 
seit Kindheit mit ihrer ungewöhnlich starken Masturbation s- 



Über passagere Symptombildungen während der Analyse 13 

neigung, — für Masturbanten sind aber Zähne von besonderer 
symbolischer Bedeutsamkeit; auch das Moment des Körperlichen 
Entgegenkommens ist in solchen Fällen immer zu berück- 
sichtigen. 

Ein anderes Mal bringt dieselbe Patientin ihre verdrängten 
infantil-erotischen Phantasien in Form einer an den Arzt 
gerichteten Liebeserklärung zum Ausdruck und erhält als Ant- 
wort — statt der erhofften Erwiderung — die Aufklärung über 
den Übertragungscharakter dieser Gefühlsanwandlung. Unmittel- 
bar darauf bekommt die Patientin eine merkwürdige Parästhesie 
auf der Zungenschleimhaut; sie ruft: »Die Zunge ist mir plötz- 
lich wie abgebrüht* Meine Erklärung, daß sie mit dem Worte 
„abgebrüht" nur ihre Enttäuschung über die abgewiesene Liebes- 
werbung ausdrücken wolle, will sie zunächst nicht akzeptieren, 
doch das plötzliche und sie höchlichst überraschende Ver- 
schwinden der Parästhesie nach meiner Aufklärung stimmt sie 
nachdenklich und sie gibt allsogleich zu, daß ich mit meiner 
Vermutung recht behalten dürfte. Auch in diesem Falle war 
die Bevorzugung der Zunge als Schauplatz der Symptom- 
bildung durch mehrere Bedingungen determiniert* deren Analyse 
das Eindringen in tiefere Schichten unbewußter Komplexanteile 
ermöglichte. 

Ungemein häufig drücken Patienten ein plötzlich auftreten- 
des seelisches Leid durch passagere Herz schmerzen aus, das 
Gefühl der Erbitterung durch ein bitteres Gefühl auf der 
Zunge, Sorgen durch plötzlich auftretenden Kopfdruck. Ein 
Neurotiker sagt mir seine gegen mich {richtiger: gegen seinen 
Vater) gerichteten aggressiven Absichten gewohnlich in Form 
von Empfindungen, die er an jenen Körperstellen verspürt, an 
denen sein Unbewußtes mich verletzen möchte: das Gefühl, 
als ob er plötzlich einen Schlag auf den Kopf erlitten hatte, 
entpuppte sich als Totschlagsabsicht* ein Stich in der Herz- 



14 S, Ferenczi 

gcgend als die Absicht des Erstechens. (Er ist im Bewußte» 
Masochist und seine aggressiven Phantasien können nur in 
Form der selbstverbüßten T a 1 i o n-Strafe [Aug' um Aug\ 
Zahn um Zahn] ins Bewußtsein vordringen.) Ein Patient bekam 
regelmäßig ein eigenartiges Schwiudelgefühl, sobald wir auf 
Dinge zu sprechen kamen, die setn mangelhaftes Selbst- 
vertrauen allzu stark in Anspruch nahmen. Die Analyse führte 
zu infantilen Erlebnissen, bei denen er in ziemlich bedeuten- 
der Höhe sich so hilflos vorkam, daß er schwindlig wurde* 
Plötzlich auftretende H i t z e- oder Kälteempfindung mag 
analog benannte Gemütsbewegungen beim Patienten bedeuten 
oder konvertiert die Idee darstellen, daß der Patient beim Arzte 
solche Gefühle vermutet. 

Eine „fürchterliche SchläfrigXeit if überkam eine Patientin 
jedesmal, wenn sie der ihr unangenehm werdenden Analyse 
auf kurzem Wege entkommen wollte. Eine andere wollte damit 
ihre unbewußten erotischen Phantasien andeuten, die an diesen 
Schlafzustand assoziiert waren-, sie gehorte zu jenen Personen, 
die sexuelle Phantasien nur ohne allen Selbstvorwurf, d, h. 
nur in Form der erlittenen Notzucht ertragen können* 

Auch im Gebiete der Motilität kann man solche passagere 
Konversionen — wenn auch viel seltener — beobachten. 
Ich meine damit nicht die s Symptom Handlungen* im Sinne 
von Freuds Alltags- Psychopathologie, die höher zusammen- 
gesetzte koordi nierte Handlungen sind, sondern isolierte, 
mitunter schmerzhafte Krämpfe in einzelnen Muskeln oder 
plötzlich einsetzende lahmungsartige Schwächezustände in 
denselben. ^ 

Ein Neurotiker, der durchaus homosexuell bleiben und der 
sich mächtig vordrängenden heterosexuellen Erotik auf alle 
mögliche Art entfliehen will, bekam jedesmal einen Krampf 
im linken Unterschenkel, wenn es ihm xvährend der 



Ober passagcre Symptomblldimgcn während der Analyse i,S 

Analyse gelang, Phantasien, die Erektion hervorzurufen drohten, 
zu unterdrücken* Die symboli seh e Identifizierung „Bein — Penis, 
Krampf = Erektion" fand der Patient seihst heraus* Einziehung 
der Bauchwand mit oder ohne das Gefühl der Retraktion des 
Penis stellte sich bei einem Patienten jedesmal ein, wenn er 
sich dem Arzte gegenüber mehr Freiheiten herausnahm, als ihm 
sein infantil eingeschüchtertes Unbewußtes gestatten wollte. Der 
Krampf war nach dem Ergebnisse der Analyse eine Schutz- 
maßregel gegen die befürchtete Strafe — die Kastration. Nicht 
sehen läßt sich das krampfhafte Ballen der Faust als Angriffs- 
neigung, eine Kontraktur der Kaumuskeln als Nichtsprechen oder 
als Beissen wollen demaskieren. 

Vorübergehende Schwächezustande der ganzen Muskulatur 
oder gewisser Muskelgruppen lassen sich manchmal als Sym- 
ptome der moralischen Schwäche oder des Nichtwollens irgend 
einer Handlung erklären. Der Kampf zwischen zwei gleich 
starken Tendenzen kann sich wiederum — wie im Traum — 
in einem Gehemmtsein gewisser Bewegungen äußern. 

Bei der Analyse solcher flüchtiger Konversionssymptome 
erfährt man zumeist, daß ähnliches im Leben der Patienten 
schon vorgekommen ist; man muß dann nach den Anlässen 
forschen, durch die sie seinerzeit hervorgerufen wurden. Es 
kommen aber auch flüchtige Symptome vor, die dem Patienten 
ganz neuartig erscheinen und die er vor der Analyse nicht 
erlebt haben will; auch in solchen Fallen bleibt es allerdings 
zumeist unentschieden, ob sie nicht nur der vor der Analyse 
noch minder geschulten Introspektion des Kranken entgangen 
sind. Von vornherein ist aber die Möglichkeit nicht von der 
Hand zu weisen, daß die Analyse, indem sie in sehr unlustvolle 
Schichten der Seele vordringt und deren scheinbare Ruhe stört, 
die Patienten zwingen kann, auch ganz neue Symptombildungs- 
Moglichkeiten in Anspruch zu nehmen. Im gewöhnlichen Leben 



16 S. Ferenczl 

oder bei der nichtanalytischen Behandlung hätte eben die 
Gedankenverknüpfung recht weit von den unlustvollen Bezirken 
Halt gemacht. 

Auch flüchtige Zwangserscheinungen können in 
der Kur zum Vorschein kommen. Etwas der Zwangsvorstellung 
Ähnliches steckt eigentlich in jedem noch so sinnlosen Ein- 
fall, der sinnvolle aber verdrängte Vorstellungen im Bewußten 
substituiert. („Ersatz-Einfälle" nach Freud.) Es kommt aber 
manchmal zur Produktion anscheinend unsinniger Vorstellungen 
von wirklichem Zwangscharakter, die also das Denken des 
Patienten förmlich obsedieren und nur der analytischen Auf- 
klärung weichen. Ein zwangsneu rotischer Patient z> B\ unter- 
bricht die freie Assoziation urplötzlich mit dem Einfall: er ver- 
stehe nicht, warum das Wort Fenster gerade ein Fenster 
bedeute; warum die Buchstaben F-e-n-s-t-e-r, die doch nur 
sinnlose Geräusche und Töne sind, einen leibhaftigen Gegen- 
stand bedeuten sollen« Der Versuch, ihm zum weiteren Asso- 
ziieren zu bringen, mißlingt; die Idee der Bedeutung des 
Wortes Fenster beherrscht den Patienten so stark» daß er 
keinen neuen Einfall mehr hervorbringen kann, Ich lasse mich 
eine Weile von dem intelligenten Patienten täuschen, gehe auf 
seine Idee ein und spreche etwas über die Theorien der 
Sprachbildung. Doch bald sehe ich ein. daß dem Patienten 
nichts an der Erklärung gelegen ist, die Vorstellung bleibt 
weiter zwanghaft haften. Da fallt es mir ein, daß das ein Stück 
Widerstand sein könnte, und ich sinne nach 1 wodurch, es 
wohl ausgelöst worden sein mag. Ich denke nach, was diesem 
Zwangseinfall in der Analyse vorausging, und erinnere mich, 
daß ich dem Patienten unmittelbar vor jenem Einfall die 
Bedeutung eines Symbols erklärte und er mit einem gefalligen 
^Ja" meine Erklärung anzunehmen schien* Nun gebe ich 
meiner Vermutung Ausdruck, daß der Patient jene Erklärung 



Ober passagere SymptombJldungen während der Analyse 17 

eigentlich nicht gutheißen konnte, den Widerspruch dagegen 
aber verdrängte* In jenem Zwangseinfall, „warum die Buch- 
staben F-e-n-s-t-e-r gerade ein Fenster bedeuten/ kehrte dann 
der verdrängte Unglaube in verschobener Weise wieder. Es 
sollte eigentlich heissen; „warum bedeutet jenes vorher erklärte 
Symbol gerade jenen Gegenstand", Mit dieser Erklärung 
war die Störung beseitigt, 

Der indirekte Widerspruch, der sich hier als 
Zwangserscheinung ganz unbewußt bildet, bat seine Quelle 
offenbar in ähnlichen bewußten Reaktionen kleiner Kinder, 
die durch ihren Mangel an Mut und Selbstvertrauen zu dieser 
mittelbaren Sprache gezwungen sind, wenn sie einem Erwach- 
senen widersprechen möchten ♦' 

Ein anderer Zwangsneurotiker gab seinen Unglauben auf 
andere Art zu erkennen. Er fing an, Fremdwörter, die ich 
gebrauchte, nicht mehr zu verstehen, dann - - als ich ihm die 
Fremdwörter ein Weile getreulich übersetzte — behauptete er, 
daß er nunmehr auch die Muttersprache nicht verstehe. Er 
gebürdete sich förmlich wie blöde. Da erklärte ich ihm, daß 
er mit seinen Unverständnis unbewußt seinem Unglauben 
Ausdruck gibt. Eigentlich wollte er mich (meine Aus- 
führungen) verhöhnen, verdränge aber diese Neigung und stelle 
sich blöde, als wollte er sagen : wenn ich diesen Unsinn aner- 
kenne, bin ich ein Narr. Von da an verstand er meine 
Erklärungen vorzüglich* 

i) Ich sagte einmal einem 5jährigen Knaben, er brauche sich vor 
dem LÖwen nicht au fürchten; der Lowe laufe davon, wenn er ihm nur 

fest in die Augen sehe. „Und nicht wahr, auch das Lamm kann einmal 
den Wolf auffressen", war seine nächste Frage. „Du hast meine 
Erzählung vom Löwen wohl nicht geglaubt", sage ich darauf. „Nein, 
wirklich nicht, — aber bitte, seien Sie mir darum nicht böse", antwortete 
der kleine Diplomat. 

i) Analytische Erfahrungen machen es höchst wahrscheinlich, 
daß manche intelligente Kinder vor dem Verdrängungsschub e der 

Ferenczi, Bnusteine xur Psychoanily« II 



i8 S, Fcrenczi 

Einem dritten Neurot iker fiel merkwürdigerweise zwanghaft 
die slavisehe Bezeichnung des Wortes Arzt (Lekaf) ein. Der 
Zwang rührte vom deutschen Homonym dieses Wortbildes her< 
einem Schimpfwort, das der ethisch hochstehende Mann nur 
indirekt verlautbaren konnte. 

In seltenen Ausnahmefällen kommt es zum Hervorbringen 
echter Halluzinationen in der Analysenstunde. (Viel 
häufiger natürlich zu Erinnerungen von besonderer Klarheit und 
Gegenwärtigkeit, denen gegenüber aber der Patient sich immer- 
hin noch objektiv verhalten, <L h, deren Unwirklichkeit er 
richtig bewerten kann.) 

Eine meiner Patientinnen zeigte eine besondere Fähigkeit 
zu Halluzinationen, deren sie sich stets bediente, wenn die 
Analyse auf gewisse, ihr besonders unlustvolle Dinge stieß. In 
solchen Fällen pflegte sie den Faden der freien Assoziation 
plötzlich fallen zu lassen und produzierte statt solcher echte 
Halluzinationen ängstlichen Inhalts: sie sprang auf, verkroch 
sich in einem Winkel des Zimmers, machte unter den Anzeichen 
heftiger Angst krampfhafte Abwehr- und Schutzwehrbewegungen ? 
um sich bald darauf zu beruhigen. Nachdem sie zur Besinnung 
kam, konnte sie mir den Inhalt der halluzinierten Vorgänge 
genau erzählen und es stellte sich dabei heraus, daß es in 
dramatisierter oder symbolisierter Form dargestellte Phantasien 
waren (Kämpfe mit wilden Tieren, Vergewaltigungsszenen usw.) t 
die an die der Halluzination unmittelbar vorausgegangenen 
Einfalle anknüpften und deren Analyse meist neues Erinnenmgs- 
material zutage förderte und der Patientin große Erleichterung 
verschaffte. Die halluzinatorisch- symbolische Darstellung war 

Latenzzeit, bevor sie die „große Einschüchterung 1 * durchgemacht haben, 
die Erwachsenen für gefahrliche Narren halten, denen man die Wahrheit 
nicht ohne die Gefahr, dafür bestraft zu werden, sagen kann, auf deren 
Inkonsequenzen und Narrheiten man also Rücksicht nehmen muß. Die 
Kinder haben damit nicht so ganz unrecht. 



Über passagere Symptombildungen während der Analyse IQ 

also nur das letzte Mittel, um dem Bewußt werden gewisser 
Einsichten zu entgehen. Es war auch in diesem Falle schon 
zu beobachten, wie die Assoziationen sich einer bewußten 
Erkenntnis allmählich näherten, um im vorletzten Moment 
plötzlich auszugleiten und die Erregung auf die Sinnessphären 
regredieren zu lassen. 

Nicht selten treten vorübergehende illusionäre Täu- 
schungen in der Analysenstunde auf (besonders solche des 
Geruchsinnes). In einem Falle ließ sich eine illusionäre „Ver- 
änderung der Wahrnehmungswelt" in der Analyse feststellen. 
Ich bemühte mich gerade, einer Patientin ihre von der narziß- 
tischen Fixierung herrührende übermäßige Ambition klarzu- 
machen und sagte ihr, daß sie glücklicher sein könnte, wenn 
sie das einsehen, auf einen Teil der Geltungsphantasien ver- 
zichten und sich mit kleineren Erfolgen zufriedengeben könnte. 
In diesem Augenblick ruft sie mit strahlendem Gesicht : „Es 
ist wunderbar, jetzt sehe ich plötzlich alles, das Zimmer, den 
Bücherkasten so dinglich klar vor mir stehen, alles hat helle 
und natürliche Farben und ist im Baum so plastisch neben- 
und hintereinander.** Bei näherer Befragung erfuhr ich von ihr + 
daß sie seit Jahren nicht so „dinglich" sehen konnte» sondern 
ihr die Außenwelt matt und fahl und wie flächenhaft erschien. 
Die Erklärung war die folgende: Als verzogenem Kinde wurde 
ihr die Befriedigung aller Wünsche gewährt; seitdem sie heran- 
gewachsen ist, nimmt die tückische Welt keine solche Rück- 
sicht auf ihre Wunschphantasien und seitdem „gefällt ihr die 
Weh nicht"; sie projiziert dieses Gefühl ins Optische, indem 
sie seitdem die Welt in der beschriebenen Weise verändert 
sieht. Die ihr gestellte Aussicht, durch Verzichtleistung auf 
einen Teil der Wunscherfüllungen zu neuen Glücksmöglich- 
keiten gelangen zu können, wurde gleichfalls ins Optische 
projiziert und äußerte sich dort als Aufhellung und dinglichere 



20 S. Perenczi 

Wirklichkeit der Wahrnehmnngswelt. Diese Schwankungen der 
optischen Erregbarkeit kann man als autosymbolische 
Phänomene im Sinne Silberers auffassen, als symbolische 
Selbst Wahrnehmung psychischer Vorgange von der „funktionalen 
Kategorie**. In diesem Falle wäre es übrigens richtiger, von 
vorübergehendem Symptom Schwund als von flüchtiger Symptom - 
bildung eu sprechen. 

Flüchtige Charakterregressionen möchte ich ein 
während der Kur recht häufiges Vorkommnis nennen, dessen 
Wesen darin besteht, daß gewisse Charakterzüge vorübergehend 
ihrer Sublimierungen verlustig gehen und plötzlich auf jene 
primitiv-infantile Stufe des Trieblebens regredieren, aus der sie 
seinerzeit ihren Ursprung nahmen. 

Nicht selten meldet sich z. B* bei gewissen Patienten in der 
Analysenstunde ein heftiger Harndrang. Manche halten mit 
der Entleerung bis zum Ablauf der Sitzung zurück» andere 
müssen aber urplötzlich aufstehen und zur Verrichtung dieser 
Notdurft — manchmal unter den Anzeichen von Angst — sich 
aus dem Zimmer entfernen. In Fällen* wo sich die natürliche 
Erklärung dieses Vorfalles ausschließen ließ (und nur auf solche 
bezieht sich meine Mitteilung), konnte ich folgende psychische 
Entstehung des Entleerungskrampfes feststellen: Es waren stets 
sehr ambitiöse und eitle, ihre Eitelkeit aber auch vor sich 
selbst ableugnende Patienten, die sich durch das in der Analysen - 
stunde hervorgebrachte psychische Material gerade in ihrem 
Ehrgeiz aufs empfindlichste verletzt und sich von dem Arzt 
gedemütigt fühlten, ohne sich diese Verletzung ihres Ichs voll- 
kommen bewußt gemacht, logisch verarbeitet und überwunden 
zu haben. 

Bei einem dieser Patienten war der Parallelismus zwischen 
dem mehr oder minder verletzenden Inhalt des analytischen 
Gespräches und dem Grade des Harndranges so bemerkbar, daß 



über passager e Symptonibildiingcn während der Analyse 2t 

ich durch das Verweilen bei einem dem Patienten sichtlich 
unangenehmen Thema den Harndrang hervorrufen konnte* Die 
analytische Aussprache über dieses Thema kann diese ff Cha- 
rakterregression* wieder rückgangig machen oder deren 
WiedeTattfrreten hintanhalten. 

Ein solcher Vorfall laßt den von Freud festgestellten Vor- 
gang der Regression gleichsam in flagranti beobachten. Er zeigt, 
daß ein sublimierter Charakterzug im Falle der Versagung - 
'die entsprechenden Fixierungsstellen in der psychischen Ent- 
wicklung vorausgesetzt — wirklich auf jene infantile Stufe 
zurückfallen kann» auf der die Befriedigung des noch nicht 
sublimierten Triebes auf keine Hindernisse stieß. Die Redensart 
n on revient toujom^s ä ses prerniers amours* findet hier ihre 
psychologische Bestätigung ; der in seinem Ehrgeiz Enttäuschte 
greift auf die autoerotische Grundlage dieser Leidenschaft 
zurück. 

Vorübergehende Stuhlbeschwerden (Diarrhöen, Ver- 
stopfungen) entpuppten sich in der Analyse oft als Regressionen 
des Analcharakters. Eine Patientin bekam gegen Ende des 
Monats, wo sie ihren Eltern die vom Unbewußten nur ungerne 
hergegebene Unterstützungssumme absenden muflte, heftige 
Diarrhöen. Ein anderer entschädigte sich für das Honorar, indem 
er massenhaft Darmgase produzierte. 

Fühlt sich ein Patient vom Arzte lieblos behandelt, so greift 
er — bei entsprechender autoerotischer Fixierung — zur 
Onanie. Er bringt in Form dieser Übertragung das Geständnis 
seiner Kindheitsmas turbation. Seinerzeit, als Kind, verzichtete 
er auf die Selbstbefriedigung nur, indem er dafür durch die 
Objektliebe entschädigt wurde (durch die Liebe der Eltern). 
Fühlt er sich in dieser Art liebe enttäuscht, so wird er rück- 
fällig. Auch Patienten, die sich nicht erinnern konnten, je 
onaniert zu haben, können eines Tages bestürzt mit dem Ge* 



22 S. Ferenczi 

ständnis in die Stunde kommen, daß sie plötzlich einem 
unwiderstehlichen Zwang zur Selbstbefriedigung gehorchen 
mußten. 

(Diese plötzlichen Regressionen zur analen, urethralen und 
genitalen Autoerotik geben auch die Erklärung dafür, warum 
in Angstzuständen [z. B. bei Prüfungsangst] die Disposition zur 
Betätigung dieser Erotismen so stark wird. Auch daß der 
Gehenkte in seiner furchtbaren Angst beide Schließmuskeln 
entspannt und dazu ejakuliert, dürfte nebst direkter Nerven- 
reizung auch durch eine letzte krampfhafte Regression auf die 
Lustquellen des Lebens zu erklären sein. Ich sah einmal, wie 
ein von heftigen Kopfschmerzen und Hautjucken geplagter 
siebzigjähriger Nephritiker in seiner Verzweiflung Onanie- 
bewegungen ausführte.) 

Bei männlichen Neurotikem können — wenn sie sich vom 
Arzt unfreundlich behandelt fühlen — homosexuelle 
Zwangsideen auftauchen, die sich oft auf die Person des 
Arztes beziehen. Ein beinahe experimentell zu nennender Beweis 
dafür, daß die Freundschaft im Wesen sublimierte Homo- 
sexualität ist und im Falle der Versagung auf diese primitive 
Stufe zu regredieren geneigt ist, 

Ausdrucksverschiebungen. Ich bemerkte bei einem 
Patienten, daß er auffallend häufig gähnte. Es fiel mir dann 
auf, daß er gerade solche analytische Gespräche mit Gähnen 
begleitete» deren für ihn wichtiger, wenn auch unlustvoller 
Inhalt viel eher Interesse als Langeweile hervorzurufen geeignet 
war. Eine Patientin, die bald nachher in meine Behandlung 
trat, brachte mir dann, wie ich glaube, die Lösung dieser 
sonderbaren Erscheinung* Auch sie gähnte oft und zu unan- 
gebrachten Zeiten, aber bei ihr war das Gähnen manchmal von 
Tränenfluß begleitet. Das brachte mich auf die Idee, daß 
das Gähnen dieser Kranken ein entstelltes Seufzen sein konnte* 



Über pas sagere Symptombildungen während der Analyse 23 

und die Analyse brachte bei beiden die Bestätigung meiner 
Vermutung- Die Zensur bewirkte bei beiden die Verdrängung 
gewisser uulustvoller Gemütsbewegungen, diö durch die Analyse 
geweckt worden sind (Schmerz* Trauer)» vermochte aber nicht 
die volle Unterdrückung, sondern nur eine Verschiebung 
der Ausdrucksbewegung zustande zu bringen, die immerhin 
bedeutend genug war, um den wirklichen Charakter jener 
Gemütsbewegung vor dem Bewußtsein zu verdecken. Als ich 
dann — nach diesen Beobachtungen — meine Aufmerksamkeit 
auch bei anderen Patienten den Ausdrucksbewegungen zu- 
wandte, stellte es sich heraus, daß es auch andere Formen von 
„Ausdru cks Verschiebungen" gibt» Ein Patient z. B* 
mußte jedesmal husten, wenn er mir etwas verschweigen 
wollte; die beabsichtigte, dann unterdrückte Rede setzte sich 
doch noch als Husten durch* Wir sehen, die Verschiebung von 
einem Gemütsausdruck auf den anderen erfolgt längs der 
physiologischen Nachbarschaft (Gähnen — Seufzen; Reden — 
Husten). Der Husten kann übrigens auch Vertreter des bewußt 
oder unbewußt beabsichtigten und dann unterdrückten Lachens 
sein, wo dann der verschobene Ausdruck der Gemütsbewegung 
— wie beim echten hysterischen Symptom — auch die Strafe 
für die Lustbefriedigung mitenthält. Neurotische Frauen 
hüsteln oft, wenn sie arztlich untersucht, z. B* auskultiert 
werden; auch diesen Husten glaube ich als Verschiebung der 
durch unbewußte erotische Phantasien ausgelösten Lachbewegungen 
aufTassen zu können» Daß ich in einem Falle auch den vor- 
übergehend aufgetretenen Singultus als Stellvertreter eines 
verzweifelten Schluchzens entlarven konnte, wird nach dem 
Gesagten wohl nicht mehr überraschen. — — Diese in der Analyse 
nur flüchtig auftretenden Symptome werfen übrigens auch auf 
die chronischen hysterischen Symptome dieser Art (Lach krampt 
Wemkrampf) ein Licht. Schier unglaublich — aber nichts- 



24 S. Ferenczi 

destoweniger wahr ist das Vorkommen einer ^Ausdrucks- 
verschiebung", auf die mich Prof Freud aufmerksam machte. 
Manche Patienten produzieren ein Gurren im Magen, 
wenn sie etwas verschwiegen haben. Die unterdrückte Rede 
setzt sich in Bauchreden um. 

Nebst dem zu Anfang gewürdigten didaktischen Wert für 
Arzte und Patienten könnte diesen „passageren Symptombilduiigen tf 
eine gewisse praktische und theoretische Bedeutung zukommen. 
Sie bieten uns Angriffspunkte zur Bekämpfung der stärksten, 
als Übertragung verkleideten Widerstände der Patienten und 
erlangen dadurch praktisch-technischen Wert für die Analyse. 
Und indem sie uns Gelegenheit bieten, Krankheitssymptome 
vor unseren Augen entstehen und vergehen zu seilen, werfen 
sie ein Licht auf die Art des Entstehens und des Vergehens 
neurotischer Erscheinungen überhaupt. Sie ermöglichen es, uns 
von der Dynamik des Erkrankens — wenigstens für 
manche Erkrankungsarten — theoretische Vorstellungen zu 
bilden. 

Wir wissen von Freud, daß die Erkrankung an Neurose in 
drei Etappen vor sich geht: den Urgrund jeder Neurose macht 
die infantile Fixierung (eine Entwicklungsstörung der Libido) 
aus; die zweite Etappe ist die der Verdrängung, die noch 
symptomlos bleibt — die dritte der Krankhehsausbruch : die 
Symptombildung. 

Die hier gesammelten Erfahrungen über „passagere Symptom - 
bildungen* machen es wahrscheinlich, daß — wie bei diesen 
„Neurosen en miniature" so auch bei den großen Neurosen — 
es nur zur Bildung von Symptomen kommt, wenn verdrängte 
Komplexanteile auf innere oder äußere Anlasse hin mit dem 
Bewußtsein in assoziative Verbindung zu treten, d, h- bewußt 
zu werden drohen, und dadurch das Gleichgewicht einer früher 
stattgehabten Verdrängung gestört wird. Der über die Ruhe des 



Cber passagcrc Symptombildungen während der Analyse 25 

Bewußtseins wachenden Unlustzensur gelingt es dann, gleichsam 
im vorletzten Augenblick die Erregung vom progredienten 
Wege, d. h. vom Wege zum Bewußtwerden, abzulenken und 
— da die ZuriickdränKung in die alte Verdrängungssituation 
nicht restlos gelingt — einen Teil der Erregung und der 
anbewußten psychischen Gebilde in den Symptomen doch zu 
einem wenn auch entstellten Ausdruck gelangen zu lassen. 



Einige „passagere Symptome" 

i 
Parästhesien der Genitalgegend 

Um) 

Psychosexuell impotente Patienten pflegen darüber zu klagen, 
daß sie ihren Penis „nicht fühlen**; andere berichten über 
ausgesprochenes Kältegefühl in der Genitalgegend; andere 
wiederum von der Empfindung des Zusammenschrumpfens 
des Penis ; alle diese Parästhesien steigern sich im Momente 
eines Kohabitationsy ersuch es. Im Laufe der Analyse sagen dann 
die Patienten ganz spontan, wenn sie ihren Penis „besser 
fühlen", wenn jenes „Kältegefühl** abnimmt, wenn das (nicht- 
erigierte) Glied etwas „konsistenter** wird, usw. Es ist nun 
aus technischen Gründen nicht ratsam, auf solche Klagen hin 
körperliche Untersuchungen vorzunehmen, in einigen Fallen 
konnte ich dem aber nicht ausweichen, vermochte jedoch 
objektiv keine besondere „Kälte , auch keine Anästhesie oder 
Analgesie, wohl aber Zusammengescbrumpftsein des Penis zu 
konstatieren. Analytisch ließ sich als unbewußte Quelle dieser 
Sensationen die infantile Kastrationsangst feststellen, die, 
wie ich es an anderer Stelle ausführte/ auch die Ursache jener 

i) S. „Über passagfrre Symptombildungen" (Dieser Band S* 9)* 



Einige „passagere Symptome" 27 

Retraktionsemp findungen ist, die manche Patienten 
an der Peniswurzel und am Damme, besonders bei Angst vor 
dem Analytiker (Vater) bekommen. Einer dieser Patienten 
erwachte nun eines Nachts mit der Empfindung, daß er seinen 
Penis „überhaupt nicht fühlt". Er bekam große Angst und 
mußte sich durch Betasten der Genitalien davon überzeugen, 
daß er (wirklich) das Glied noch besitze. Die Erklärung war 
folgende : als Kind wurde ihm wegen onan istischer Berührung 
der Genitalien mit Kastration gedroht ; seither „Berührungs- 
angst" vor dem Genitale, Das ängstliche Hingreifen erwies sich 
als Kompromiß zwischen dem alten Onaniewunsch und der 
Angst vor der empfindlichen Strafe. („Wiederkehr des Ver- 
drängten"). — Solche Parästhesien zeigen in ihren Schwan* 
kungen manchmal ganz gut die Besserung oder Verschlimmerung 
im Zustande des Patienten an. — Nebst unbewußten (onani- 
stischen) Inzestphantasten sind Kastrationsbefürchtungen die 
häufigsten Ursachen der psychischen Impotenz; meist aber 
beide zusammen: Angst vor Kastration wegen der Inzest- 
Onanie* 1 

II 

Der Flatus ein Vorrecht der Erwachsenen 

('£'?) 

'EfS kommt vor t daß der Analysand mit der Versuchung kämpft, 
in der Stunde einen laut hörbaren oder auch spürbaren Flatus 
zu lassen ; er fühlt das meist, wenn er sich gegen den Arzt 
auflehnt* Das Symptom bezweckt aber nicht nur die Beschimp- 
fung des Arztes, sondern er will auch besagen, daß sich der 
Patient Dinge erlauben will, die ihm der Vater verbot, sich 

1) S. „Analytische Deutung und Behandlung der psychosexuellen 
Impotent beim Manne*' (Dieser Band S, 205). 



28 S. Ferenczi 

selber aber gestattete. Die erwähnte Ungeniertheit vertritt hier 
eben die Stelle der Vorrechte, die sich die Eltern herausnehmen, 
den Kindern aber strenge verbieten* 

in 

Unruhe gegen das Ende der Analysenstunde 

Der Patient wird, wenn der Schluß der Analysen stunde naht, 
manchmal unruhig. Er unterbricht das Assoziieren mit der 
Frage: „Ist es noch nicht vier Uhr?** oder mit der Behauptung: 
„Ich glaube, die Stunde ist schon zu Ende" usw. Die Analyse 
dieses Verhaltens ergab, daß der Patient bei früheren Gelegen- 
heiten durch meine unvermittelte, plötzliche Mitteilung, die 
Stunde sei zu Ende, unangenehm berührt war- Er richtete sich 
beim Arzte häuslich ein, als konnte er für ewig so sicher bei 
seinem geistigen Führer verbleiben. Das plötzliche Aufgeruttelt- 
w erden aus diesem Wahne kann den Patienten so erschüttern, 
daß er sogar zur Bildung eigenartiger kleiner Symptome 
kommen kann, 1 Das unruhige Fragen nach der Zeit gegen das 
Ende der Analysenstunde ist eine Schutzmaßregel gegen diese 
Erschütterung; der Patient geht lieber selber weg, als daß er 
weggeschickt wird. Ein Pendant z\x diesem Verhalten ist im 
Alltagsleben die übertriebene Bescheidenheit der Anspruchsvollen, 
Diese wollen „niemand zur Last fallen", d. h, sie flüchten vor 
allen Anlässen, bei denen ihre Selbstliebe durch die Wahr 
nehmung, jemand zur Last zu fallen, verletzt werden könnte. 
Der Mechanismus dieser Maßnahme erinnert an den der hyste- 
rischen Phobien, die ja auch Schutzmaßregeln gegen unlust* 
entbindende Situationen sind. 



1) „SchwiTidelempfindiuig nach Schluß der Analysenstunde" (In 

diesem Band S. 29), 



Einige „passagcre Symptome 4 29 

IV 
Sdiwindelempfindung nadi Schluß der Analysenstunde 

(Beitrag zur Erklärung psychogener Körpersymptome) 
{1904) 
Beim Aufstehen aus der Hegenden Stellung am Schluß der 
Analysenstunde bekommt mancher Patient ein Gefühl des 
Schwindels* Die ■ — an sich rationelle — Erklärung, daß es sich 
dabei um die Folgen des plötzlichen Lagewechsels handelt 
(Anämie des Gehirns), erweist sich bei der Analyse als gelungene 
Rationalisierung; in Wirklichkeit ist die Sensation beim Lage- 
wechse] nur die Gelegenheit zur Äußerung gewisser noch 
zensurierter Gefühle und Gedanken. Während der Stunde gab 
sich der Patient sorglos der freien Assoziation und ihrer Vor- 
bedingung r der Übertragung auf den Arzt, hin und lebt 
gleichsam im Wahne, er werde es immer so gut haben. Plötzlich 
wird er aus dieser seiner (unbewußten) Phantasie durch die Mahnung 
des Arztes, die Stunde sei zu Ende, aufgeschreckt, er kommt 
plötzlich zum Bewußtsein des wirklichen Sachverhaltes: er ist 
hier nicht „zu Hause", sondern ein Patient wie jeder andere; 
der nezahlte Arzt und nicht der hilfreiche Vater steht ihm 
gegenüber. Diese plötzliche Veränderung der psychischen Ent- 
stell ung, die Enttäuschung (bei der man sich ja „wie aus den 
Wolken gefallen" vorkommt), mag dasselbe subjektive Gefühl 
hervorrufen, das man bei plötzlichem und unvorbereitetem 
Lage Wechsel verspürt, wo man unfähig war, sich der neuen 
Situation durch kompensierende Bewegung und durch Korrektor 
mittels der Sinnesorgane anzupassen, d, h. das „Gleichgewicht* 
zu bewahren, was ja das Wesen des Schwindels ausmacht. 
Natürlich verschwindet in den Momenten dieser Enttäuschung 
sehr leicht auch jener Teil des Glaubens an die Analyse, der 
noch nicht auf ehrlicher Überzeugung, sondern nur auf väter- 
lichem Vertrauen beruhte, und der Patient ist plötzlich wieder 



3*> S, Ferenczi 

geneigter, die analytischen Aufklärungen für einen „Schwindel 4 
zu erklären, welche Wartbrücke das Zustandekommen des 
Symptoms erleichtern mag. Durch diese Feststellung wird aber 
das Problem nicht gelöst, nur verschoben, denn sofort erhebt 
sich die Frage, warum man überhaupt den Betrüger einen 
Schwindler nennt, d, h. für einen Menschen hält, der in einem 
anderen Schwindelgefühle zu erwecken versteht? Wohl nur 
darum, weil er imstande ist, Illusionen zu erwecken, die im 
Momente der Enttäuschung das Gefühl des Schwindels 
(in der eben beschriebenen Weise) hervorrufen werden! 

Der Schluß der Analysenstunde bringt übrigens notwendiger* 
Weise auch eine andere Art psychischer „Schwankung" mit 
sich. Die in der Analysenstunde genossene volle Assoziations- 
freiheit muß vor dem Weggehen eingedämmt, alle logischen 
ethischen und ästhetischen Schranken t die die soziale Existenz 
erfordert, müssen wieder aufgerichtet werden. Diese voll- 
kommene Umschaltung des Denkprozesses, seine plötzliche 
Unterordnung unter das Realitätsprinzip hat ein Zwangs- 
neurotiker Knabe, der dieses Schwindelgefühl nach der Stunde 
besonders stark verspürte, in der von ihm bevorzugten auto- 
mobilistischen Terminologie einmal so ausgedruckt, daß er beim 
Aufstehen sein Denken auf einmal von fünfzig Kilometer auf 
fünfundzwanzig Kilometer bremsen muß. Diese Ein- 
schaltung der Bremsvorrichtung kann aber — wenn deren Not- 
wendigkeit an den Patienten plötzlich herantritt — im ersten 
Moment mißlingen, die „Maschine" arbeitet auch in der neuen 
Lage eine Zeitlang mit der alten „Geschwindigkeit", bis es den 
Kompensationseinrichtungen gelingt, der Situation Herr zu 
werden, was dem Schwindelgefühl eine Ende macht. Am 
schwersten gelingt es offenbar, den konventionellen Ton in 
bezug auf die Erotik im ersten Moment nach der Analysen- 
stunde wieder zu finden. Der Kranke, der soeben noch seine 



Einige „passagere Symptome* 31 

intimsten Geheimnisse gedankenlos preisgab* — steht plötzlich 
dem Arzt als einem „fremden Herrn" gegenüber, vor dem er 
sich schämen zu müssen glaubt, — sich tatsächlich schämt wie 
einer, der sich dabei ertappt, daß seine Kleider nicht ordnungs- 
mäßig r zugeknöpft" waren. Bei einer besonders empfindlichen 
Patientin hielt diese nachträgliche Beschämung oft eine 
ganze Stunde nach der Analyse an, sie hatte das Gefühl, als 
ob sie ganz nackt unter den Leuten herumginge. 

Das hier beschriebene kleine Symptom ist von keiner 
besonderen pathologischen Wichtigkeit, es bereitet dem Arzte 
auch technisch kerne Schwierigkeit, schwindet auch meist, 
wenn der Patient sich an die plötzlichen Umschaltungen der 
psychischen Einstellung gewöhnt hat. Ich beschrieb es nur, weil 
es ein Beispiel gibt von der Art, in der psychische Erregungs- 
zustände in die Körpersphäre überfließen* was zum Verständnis 
der hysterischen Konversion beitragen könnte. Im 
Falle des Schwindelgefühls nach Schluß der Analysenstunde 
kann sich das Gefühl bei der psychischen Um Schaltung in 
die Empfindung des Schwindels wahrscheinlich nur um- 
wandeln, weil es sich bei beiden Vorgängen um eine analoge 
Störung des Gleichgewichts handelt. Es ist möglich, daß die 
Erklärung jedes psychogenen Körpersymptoms und jeder 
hysterischen Konversionserscheinuug die Annahme erfordert, 
daß zwischen dem in Frage stehenden seelischen und körper- 
lichen Vorgang die Identität des feineren Mechanismus als 
tertium comparationis vorhanden sei. 

V 
Einschlafen des Patienten während der Analyse 

(19*4) 
Patienten klagen während der Analyse manchmal (auf der 
Höhe des Widerstandes) über Schläfrigkeit, drohen sogar damit, 



32 S. Ferenczi 

daß sie einschlafen werden« Sie drücken so ihre Unzufriedenheit 
mit der zwecklosen, unsinnigen und langweiligen Kur aus* 
Der Arzt erklärt ihnen, was sie mit ihrer Drohung bezwecken, 
worauf sie s zum Beweis dessen, daß man das Richtige getroffen 
hat, meist wieder munter werden. Einer meiner Patienten ließ 
es aber nicht mit der Drohung sein Bewenden haben, sondern 
schlief einigemal wirklich ein. Ich ließ ihn ruhig gewähren 
und wartete ab, wußte ich doch, daß er „schon mit Rücksicht 
auf die Kostspieligkeit der durchschlafenen Zeit" nicht lange 
ruhig schlafen können würde, wußte auch, daß ihm diesmal 
auch darum zu tun war, meine Methode, ihn reden zu lassen 
und selber zu schweigen, ad absurdum zu führen* Ich schwieg 
also und der Patient schlief richtig etwa fünf Minuten lang» 
schreckte aber dann auf und setzte die Arbeit fort* Er wieder- 
holte dies drei- oder viermal* Beim letzten solchen Fall hatte 
er einen Traum, dessen Deutung die Annahme rechtfertigte, 
daß der Patient darum diese eigentümliche Art des Widerstandes 
wählte, weil er damit auch unbewußten passiv- homoerotischen 
Phantasien Ausdruck geben konnte. (Phantasie vom Überwältigt- 
werden im Schlafe), Ähnlich erklärt sich der Wunsch vieler 
Patienten , daß man sie hypnotisieren möge. 

VI 
Zwangsneurose und Frömmigkeit 

fJ9*4) 
Zur Illustration der Theorie Freuds, daß Zwangsneurose 
und Religionsübung im Wesen identisch (d. h. beide Tabu- 
Symptome) sind, dient der Fall einer Patientin, bei der aber- 
gläubische Frömmigkeit und Zwangszustände zyklisch alternieren. 
Solange sie »gesund* (d. h« von Zwangssymptomen frei) ist, 
hält sie jedes religiöse Zeremoniell gewissenhaft ein, merk- 
würdigerweise insgeheim oft auch Vorschriften ihr fremder 



Einige „passagere Symptome" 33 

Religionen und huldigt jedem Aberglauben, von dem sie hört. 
Im Moment, wo die gefürchteten Zwangssymptome auftreten, 
wird sie ungläubig und irreligiös. Ihre Rationalisierung für 
diese? Verhalten lautet : Da mich Gott (oder das Schicksal) 
trotz strenger Einhaltung aller Vorschriften vor der Wiederkehr 
der Krankheit nicht geschützt hat, unterlasse ich die nutzlosen 
Vorsichtsmaßregeln. In Wirklichkeit wird ihre Religion und 
Aberglaube überflüssig, sobald sie, aus ihr unbewußten Gründen, 
ihre „individuelle Religion" (die Zwangsneurose) zu kultivieren 
beginnt. Wenn es ihr aber wieder besser geht, kommt sie mit 
den sozial anerkannten abergläubischen und Religionsübungen 
aus, sie wird wieder gläubig. Ich habe Gründe zur Annahme, 
daß die Zwangsperioden starken Libidoschüben entsprechen. 

YTl 
Über verschämte Hände 

Es ist ein bei jungen Leuten, sehr häufig aber auch 
bei Erwachsenen vorkommendes Symptom, daß sie mit den 
Händen nichts anzufangen wissen. Ein unerklärliches Gefühl 
zwingt die damit Behafteten, die Hände irgendwie zu beschäftigen, 
sie finden aber die passende Beschäftigung nicht. Dabei wähnen 
sie sich diesbezüglich von den Anwesenden beobachtet, machen 
allerlei (meist ungeschickte) Versuche, die Hände zu betätigen, 
schämen sich dann ihrer Ungeschicklichkeit, was ihre Verlegen- 
heit nur noch steigert und zu allerlei Symptomhandlungen 
führt: Umwerfen von Gegenständen, Gläsern, etc, Ihre 
Aufmerksamkeit ist jedenfalls zu stark auf die jeweilige Stellung 
und Bewegung der Hände gelenkt und diese bewußte Beob- 
achtung stört die sonstige „Ungeniertheit", d. h. den Automatismus 
der Haltung und der manuellen Handlungen. Manche helfen 
sich aus dieser Verlegenheit, indem sie die Hände unter dem Tisch 

Fereuczi, Bausteine £«r Psychoanalyse II 3 



34 S. Ferenczi 

odeT in die Tasche verstecken, andere ballen die Fäuste oder 
bringen Arme und Hände gewohnheitsmäßig in irgend eine 
steife Position. 

Nach meiner Erfahrung handelt es sich in solchen Fällen 
zumeist um ungenügend unterdrückte Onanie* 
n e i gu n g (seltener um die unvollkommen abgewehrte Tendenz 
zu einer anderen „Unart" wie Nägelkauen, Nasenbohren, 
Sich-kratzen etc*)* Die Unterdrückung der Onanteneigung gelang 
hier eben nur so weit, daß der Zweck der auszuführenden 
Bewegung (die Masturbation) nicht mehr bewußt ist, der 
Antrieb zu irgendeiner Bewegung aber immer noch durch- 
dringt. Der Zwang, die Hände zu beschäftigen, ist nur die 
verschobene Äußerung dieser Tendenz, gleichzeitig auch der 
Versuch, sie zu rationalisieren. Der eigentümliche Beachtungs- 
wahn erklärt sich aus der verdrängten Exhibitionsneigung, 
die sieh ursprünglich aufs Genitale bezog, dann auf die wenigen 
unbedeckt bleibenden Körperstellen (Gesicht und Hände) 
verschoben wurde, 

Die Berücksichtigung von Tendenzen, die während der 
Latenzzeit verdrängt waren und zur Zeit der Pubertät sich 
durchzusetzen versuchen, aber vom Bewußtsein abgelehnt oder 
mißverstanden werden, könnte vielleicht auch andere „absonder- 
liche* und „komisch wirkende Eigenheiten des Pubertätsalters 
unserem Verständnis näherbringen* 1 

i } Dr. Otto Rank, verdanke ick folgende wertvolle Ergänzung 
obiger Mitteilung; 

In einer psychologisch feinen Studie „Hände" hat Hans Freimark 
mit wenigen knappen Stricken das Schicksal eines Mannes gezeichnet, 
den „eine kleine rauhe Bubenhand * , . vor Jahren . ♦ , gelehrt 
hatte, daß Unart, Hehl und Sünde sü0 sein können," Der Mann scheitert 
in der Liehe und im Leben an der schließlichen Unfähigkeit, diese 
Neigung zu überwinden, was ihm nur schwer und nur zeitweise 
gelingt. Die mühselige und gewaltsam unterdrückte sexuelle Aktion 
der Hände kehrt ungewollt im Traum, im Schlafen und im Wachen 



j 



Finiße „passagere Symptome" 35 

VIII 
Reiben der Augen ein Onanieersatz 

Ein zwangsneurotischer Patient, in dessen Leiden die ver- 
drängte Onanieneigung eine große Rolle spielt* reagiert auf 
geschlechtliche Erregung mit heftigem Jucken der Augenlider, 
das er durch Reiben zu lindern sucht. Ich verweise auf die 
symbolische Identität von Auge und Genitale. 

IX 
Urinieren als Beruhigungsmittel 

('?'/) 
Wenn das kleine Kind erschrickt, wird es von der Amme 
auf den Topf gesetzt und zum Urinieren aufgemuntert. Das 
Kind beruhigt sich daraufhin sichtlich und verzichtet aufs 
Weinen. Kein Zweifel, daß hier dem Kinde eine Libidoprämie 
geboren wurde. Daß das Urinieren gerade den Schreckaffekt 
so gut ableitet, mag daran Hegen, daß es dem Kinde eine der 
Plötzlichkeit des Erschreckens adäquate plötzliche Erleichterung 
verschafft, 

wieder. „Im Schlummer empörten sich seine Hände wider ihn • . , Er 
band sie. Aber sie spotteten Jeder Bande . , „ Er ersann tausend Listen 
sie zu betrügen, Sie waren listiger als er. Sie, die Glieder seines 
Körpers, wurden Gegner seines Körpers, Widersacher seiner Seele * . . 
Je mehr er sie betrachtete, um so selbständiger schienen sie ihm. 
Wie ihre Finger spielten, ohne daß er sich des Wollen* bewußt war, 
das schien ihm teuflisch, das griff und klammerte, faltete und löste sich 
ohne sein Wissen . ♦ . Ihm wurde Angst Er mied es, Hände anzusehen. 
Aber die Hände kamen und stellten sich ihm vor. Im Traume kamen 
sie zuerst «u ihm ... der Hände wurden immer mehr. Immer 
zudringlicher wurden sie, immer furchtbarer in ihrer Gier. Aus den 
Träumen reckte sich eine hinüber ins Wachen, in den Tag, Eine nur, 
eine kleine rauhe Bubenhand.« 1 Mit diesen Durchbruch der infantilen 
und verdrängen Vorstellung verfallt der Mann in psychische Kiankheit: 
schreiend stürzt er durch die Strafen, sich vor den Händen zu retten, 
die ihn verfolgen. „Und die Hände hahen Gewalt über ihn. 4 ' 

5* 



36 S. Ferenczi 



X 

Gesdiwätzigkeit 

in mehrereil Fällen entpuppte sich die Geschwätzigkeit des 
Patienten als ein Mittel des Widerstandes. Sie redeten ober- 
flächlich über alles mögliche Unwesentliche, um von einigem 
Wesentlichen nicht reden oder darüber nicht nachdenken 
zu müssen. 

Xi 
Das »Vergessen** eines Symptoms und seine Aufklärung 

im Traume 

Eine Patientin, die die Gewohnheit hat» vor dem Schlafen- 
gehen unters Bett zu schauen» ob dort kein Räuber versteckt 
ist, vergaß eines Abends, diese Schutzmaßregel auszuführen. 
In derselben Nacht träumt ihr, daß sie von einem jungen 
Mann verfolgt und mit einem Messer bedroht werde. Die 
Assoziationen führten vom Traum einerseits zu infantilen 
sexuellen Erlebnissen, anderseits zu einer Phantasie vor dem 
Einschlafen; die sonst sehr prüde Patientin getraute sich, eine 
sexuelle Szene zivischen sich und ihrem jugendlichen 
Vis-a-vis vorzustellen» Man kann annehmen, daß das Unter- 
lassen der Zimmerdurchsuchung dem Zwecke diente, diese 
Phantasie — allerdings in ängstlicher Entstellung — bei Nacht 
fortspinnen zu können. Da nämlich nach dem „Räuber" nicht 
geforscht wurde* konnte der Gedanke an ihn eher den Schlaf 
der Patientin „stören". 

XU 
Die Positur während der Kur 

In zwei Fällen verrieten männliche Patienten ihre homo- 
sexuellen Phantasien dadurch, daß sie sich während der Analyse 



Einige „passag&re Symptome* 37 



aus der Rücken*, beziehungsweise Seitenlage plötzlich auf den 
Bauch legten, 

XIH 
Zwanghaftes Etymologisieren 

Zwanghaftes Etymologisieren äußerte sich bei einem Patienten 
als Substitution der Frage, woher die K in der kommen, durch 
die Frage nach der Herkunft der Worte, Biese Identifizierung 
wäre das pathologische Pendant zu Hans Sperbers Theorie 
vom sexuellen Ursprung der Sprache* (Imago, L Jahrgang)- 



Zur psychoanalytischen Technik 

Vortrag in dtr Ungarlandischen Psychoanalytischen Vereinigung in Budapest im 

Dezember 79 18 

1 

Mißbrauch der Assoziationsfreiheit 

Auf der „psychoanalytischen Grundregel** Freuds» der 
Pflicht des Patienten, alles mitzuteilen* was ihm im Laufe der 
Analysen stunde einfallt, beruht die ganze Methode. Von dieser 
Regel darf man unter keinen Umstanden eine Ausnahme 
gestatten und muß unnachsichtig alles ans Tageslicht ziehen, 
was der Patient, mit welcher Motivierung immer, der Mitteilung 
zu entziehen sucht. Hat man aber den Patienten, mit nicht 
geringer Mühe, zur wörtlichen Befolgung dieser Regel erzogen, 
so kann es vorkommen, daß sich sein Widerstand gerade dieser 
Grundregel bemächtigt und den Arzt mit der eigenen Waffe 
zu schlagen versucht; 

Zwangsneurotiker greifen manchmal zum Auskunftsmittel, 
daß sie die Aufforderung des Arztes» alles, auch das Sinnlose 
mitzuteilen, wie absichtlich mißverstehend, nur sinnloses Zeug 
assoziieren. Läßt man sie ruhig gewähren und unterbricht sie 
nicht, in der Hoffnung, daß sie dieses Vorgehens mit der Zeit 
müde werden, so wird man oft in seiner Erwartung getäuscht ; 



Zur psychoanalytischen Temnik 39 



bis man schließlich zur Überzeugung gelangt, daß sie unbewußt 
die Tendenz verfolgen, den Arzt ad absurdum zu führen. Sie 
liefern bei dieser Art oberflächlicher Assoziation zumeist eine 
ununterbrochene Reihe von Worteinfallen, deren Auswahl natür- 
lich auch jenes unbewußte Material, vor dem der Patient sich 
flüchtet, durchschimmern läßt. Zu einer eingehenden Analyse 
der einzelnen Einfälle kann es aber überhaupt nicht kommen, 
denn wenn wir etwa auf gewisse auffällige, versteckte Züge 
hinweisen, bringen sie statt der Annahme oder Ablehnung 
unserer Deutung einfach — weiteres „sinnloses 4 * Material. Es 
bleibt uns da nichts anderes übrig als den Patienten auf das 
Tendenziöse seines Vorgehens aufmerksam zu machen, worauf 
er nicht ermangeln wird, uns gleichsam triumphierend vorzu- 
werfen: Ich tue ja nur, was Sie von mir verlangen, ich sage 
einfach jeden Unsinn, der mir einfallt. Zugleich macht er etwa 
den Vorschlag, man möge von der strengen Einhaltung der 
., Grundregel w abstehen, die Gespräche systematisch ordnen, an 
ihn bestimmte Fragen richten, nach dem Vergessenen methodisch 
oder gar mittels Hypnose forschen. Die Antwort auf diesen 
Einwand fallt uns nicht schwer; wir forderten vom Patienten 
allerdings, daß er jeden Einfall, auch den unsinnigen, mitteile, 
verlangten aber durchaus nicht, daß er ausschließlich unsinnige 
oder unzusammenhängende Worte hersage. Dieses Benehmen 
widerspricht — so erklären wir ihm — gerade jener psycho- 
analytischen Regel, die jede kritische Auswahl unter den Ein- 
fällen verbietet. Der scharfsinnige Patient wird darauf erwidern, 
er könne ja nichts dafür, daß ihm lauter Unsinn eingefallen 
sei, und kommt etwa mit der unlogischen Frage, ob er von 
nun an das Unsinnige verschweigen solle. Wir dürfen uns nicht 
ärgern, sonst hätte ja der Patient seinen Zweck erreicht, sondern 
müssen den Patienten zur Fortsetzung der Arbeit verhalten. 
Die Erfahrung zeigt, daß unsere Mahnung, mit der freier: 



i 



4» & Ferencz* 

Assoziation keinen Mißbrauch zu treiben, meist den Erfolg hat, 
daß dem Patienten von da an nicht nur Unsinn einfallt. 

Eine einmalige Auseinandersetzung: hierüber genügt in den 
seltensten Fällen; gerät der Patient wieder in Widerstand gegen 
den Arzt oder die Kur* so beginnt er nochmals sinnlos zu 
assoziieren, ja er stellt uns vor die schwierige Frage, was er 
wohl tun soll, wenn ihm nicht einmal ganze Worte, sondern 
nur unartikulierte Laute, Tierlaute, oder statt der Worte 
Melodien einfallen. Wir ersuchen den Patienten, jene Laute 
und Melodien wie alles andere getrost laut werden zu lassen. 
machen ihn aber auf die böse Absicht, die in seiner Befürchtung 
steckt, aufmerksam. 

Eine andere Äußerungsform des „ Assoziationswiderstandes a 
ist bekanntlich die, daß dem Patienten „überhaupt nichts ein- 
fallt *\ Diese Möglichkeit kann auch ohne weiteres zugegeben 
werden. Schweigt aber der Patient längere Zeit, so bedeutet 
das zumeist, daß er etwas verschweigt. Das plötzliche Still- 
werden des Kranken muß also stets als „passageres* Symptom 
gedeutet werden. 

Langdauerndes Schweigen erklärt sich oft. dadurch, daß der 
Auftrag, alles mitzuteilen, immer noch nicht wortlich ge- 
nommen wird. Befragt man den Patienten nach einer längeren 
Pause über seine psychischen Inhalte während des Schweigens, 
so antwortet er vielleicht, er hätte nur einen Gegenstand im 
Zimmer betrachtet, eine Empfindung oder Parästhesie in diesem 
oder jenem Körperteil gehabt usw. Es bleibt uns oft nichts 
anderes übrig, als dem Patienten nochmals auseinanderzusetzen, 
alles, was in ihm vorgeht, also Sinneswahrnehmungen ebenso 
wie Gedanken, Gefühle, Willensimpulse, anzugeben. Da, aber 
diese Aufzählung nie vollständig sein kann, wird der Patient, 
wenn er im Widerstand rückfällig wird, immer noch eine 
Möglichkeit finden, sein Schweigen und Verschweigen zu 



Zur psychoanalytischen Technik 41 



rationalisieren. Manche sagen z. B.> sie hätten geschwiegen, 
da sie keinen klaren Gedanken, sondern nur undeutliche, 
verschwommene Sensationen gehabt hätten. Natürlich beweisen 
sie damit, daß sie ihre Einfalle trotz gegenteiligen Auftrags 
immer noch kritisieren. 

Sieht man dann, daß die Aufklärungen nichts fruchten, so 
muß man annehmen, daß der Patient uns nur zu umstand- 
liehen Aufklärungen und Erklärungen verlocken und dadurch 
die Arbeit aufhalten will. In solchen Fällen tut man am besten, 
dem Schweigen des Patienten das eigene Schweigen entgegen- 
zusetzen. Es kann vorkommen, daß der größte Teil der Stunde 
vergeht, ohne daß Arzt oder Patient auch nur ein Wort ge- 
sprochen hätten. Das Schweigen des Arztes kann der Patient 
schwer ertragen; er bekommt die Empfindung, daß ihm der 
Arzt böse ist, das heißt, er projiziert sein schlechtes Gewissen 
auf den Arzt, und das bringt ihn schließlich dazu, nachzugeben 
und mit dem Negativismus zu brechen. 

Selbst durch die Drohung des einen oder anderen Patienten, 

vor Langweile einzuschlafen, dürfen wir uns nicht beirren 

lassen ; allerdings schlief in einigen Fällen der Patient für kurze 

Zeir wirklich ein, doch aus dem raschen Erwachen mußte ich 

da ran f schli eßen , daß das Vorbewußte au ch während des 

Schlafens an der Kursituation festgehalten hatte. Die Gefahr, 

daß der Patient die ganze Stunde verschläft, besteht also 

nicht, 1 

i) Es gehört nun Kapitel „Gegenübertragung", daß auch der Arst 
in manchen Stunden an den Assoziationen der Kranken vorbeihört und 
erst bei gewissen Äußerungen des Patienten aufhorcht; da« Einnicken 
für wenige Sekunden kann unter diesen Umständen vorkommen. Die 
nachträgliche Prüfung- führt meist zum Ergebnis» daß wir unbewußt 
auf die Leere und Wertlosigkeit der gerade gelieferten Assoziation mit 
dein Zurückziehen der bewußten Besetzung reagierten, beim ersten, 
die Kur irgendwie angehenden Einfall des Patienten werden wir wieder 
munter. Also auch die Gefahr, daß der Arzt einschläft und den Patienten 



42 &* Feraiczi 

Mancher Patient erhebt den Einwand gegen das freie 
Assoziieren, daß ihm zu vieles auf einmal einfallt und er nicht 
weiß, was er davon zuerst mitteilen soll. Gestatte l man ihm, 
die Reihenfolge selbst zu bestimmen, so antwortet er etwa, er 
könnte sich nicht entschließen, dem einen oder dem anderen 
Einfall den Vorzug zu geben, In einem solchen Falle mußte 
ich zum Auskunftsmittel greifen, vom Patienten alles in der 
Reihenfolge erzählen zu lassen, wie es ihm eingefallen ist* Der 
Patient antwortete mit der Befürchtung, es könnten so* während 
er den ersten Gedanken der Reihe verfolgt, die anderen in 
Vergessenheit geraten. Ich beruhigte ihn mit dem Hinweis, 
daß alles, was wichtig ist — auch wenn es zunächst vergessen 
scheint — später von selbst zum Vorschein kommen wird. 1 

Auch kleine Eigenheiten in der Art des Assoziierens haben 
ihre Bedeutung, Solange der Patient jeden Einfall mit dem 
Satze einleitet: „Ich denke daran, daß * ♦ -*\ zeigt er uns an, 
daß er zwischen Wahrnehmung und Mitteilung des Einfalles 
eine kritische Prüfung einschaltet. Manche xiehen es vor, un- 
liebsame Einfälle in die Form einer Projektion auf den Arzt 
zu kleiden, indem sie etwa sagen: „Sie denken sich jetzt, ich 
meine damit, daß , . .**, oder: „Natürlich werden Sie das so 
deuten, daß . * * Auf die Aufforderung, die Kritik auszu- 

unbeachtet läßt, ist gering anzuschlagen. (Einer mündlichen Aussprache 
mit Prof* Freud über dieses Thema verdanke ich die volle Bestätigung 
dieser Beobachtung.) 

1) Es ist wohl kaum nötig, ausdrücklieb darauf hinzuweisen, dafl der 
Psychoanalytiker dem Patienten gegenüber jede Unwahrheit meiden 
muß; dies gilt natürlich auch in Fragen, die sich auf die Methode oder 
auf die Person des Arztes beziehen. Der Psych oanalytiker sei wie 
Epaminondas, von dem uns Cornelius Nepas erzählt, dafl 
er n nec joco quident mentir&ur". Allerdings darf und muß der Arzt 
einen Teil der Wahrheit, z, B. den, dem der Patient noch nicht 
gewachsen ist, ihm zunächst vorenthalten, da* heißt, das Tempo der 
Mitteilungen selber bestimmen. 



Zur psychoanalytischen Technik 43 

schalten, replizieren manche; „Kritik sei schließlich auch ein 
Einfall**, was man ihnen ohne weiteres zugegen muß, nicht 
ohne sie darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn sie sich 
streng an die Grundregeln halten, es nicht vorkommen kann, 
daß die Mitteilung der Kritik der des Einfalls vorausgeht oder 
sie gar ersetzt. 

In einem Falle war ich genötigt, der psychoanalytischen 
Regel direkt widersprechend, den Patienten dazu zu verhalten, 
den angefangenen Satz immer zu Ende zu erzählen* Ich merkte 
nämlich, daß, sobald der begonnene Satz eine unangenehme 
Wendung nahm, er ihn nie zu Ende sagte, sondern mit einem 
,, Apropos 4 ' mitten im Satze auf etwas Unwichtiges, Neben- 
sächliches ausglitt. Es mußte ihm erklärt werden, daß die 
Grundregel zwar nicht das Zuende denken eines Einfalles, 
wohl aber das Zuende sagen des einmal Gedachten fordert* 
Es hatte aber zahlreicher Mahnungen bedurft, bis er das lernte* 

Auch sehr intelligente und sonst einsichtsvolle Patienten 
versuchen manchmal, die Methode der freien Assoziation da- 
durch ad absurdum zu führen, daß sie uns vor die Frage 
stellen: was aber, wenn ihnen einfiele, plötzlich aufzustehen 
und wegzulaufen, oder den Arzt körperlich zu mißhandeln, 
totzuschlagen, ein Möbelstück zu zertrümmern usw* Wenn 
man ihnen dann erklärt, daß sie nicht den Auftrag bekamen, 
alles zu tun, was ihnen einfällt, sondern nur alles zu sagen, 
so antworten sie zumeist mit der Befürchtung, sie könnten 
Denken und Handeln nicht so scharf von einander scheiden. 
Wir können solche Überängstliche beruhigen, daß diese Be- 
fürchtung nur eine Reminiszenz aus der Kinderzeit ist, wo sie 
solcher Unterscheidung tatsächlich noch nicht fähig waren. 

In selteneren Fällen werden allerdings die Patienten von 
einem Impuls formlich überwältigt, so daß sie, anstatt weiter 
zu assoziieren, ihre psychischen Inhalte zu agieren anfangen. 



44 S. Ferenczi 



Nicht nur, daß sie statt der Einfälle „passager e Symptome^ 
produzieren, sondern sie führen manchmal bei vollem Bewußt- 
sein komplizierte Handlungen aus, ganze Szenen, von deren 
Ubertragungs- oder Wiederholungsnatur sie nicht die geringste 
Ahnung haben. So sprang ein Patient bei gewissen aufregenden 
Momenten der Analyse plötzlich von dem Sofa auf, ging im 
Zimmer auf und ab und stieß dabei Schimpfwoite aus. Die 
Bewegungen sowohl als die Schimpfworte fanden dann in der 
Analyse ihre historische Begründung. 

Eine hysterische Patientin vom infantilen Typus überraschte 
mich, nachdem es mir gelungen war, sie zeitweilig von ihren 
kindlichen Verführungstechniken (fortwährendes flehentliches 
Anschauen des Arztes, auffällige oder exhibitionistische Toi- 
letten) abzubringen, mit einer unerwarteten direkten Attacke; 
sie sprang auf, verlangte geküßt zu werden, wurde schließlich 
auch handgreiflich. Es versteht sich von selbst, daß den Arzt 
auch derartigen Vorkommnissen gegenüber die wohlwollende 
Geduld nicht verlassen darf. Er muß immer und immer 
wieder auf die ÜbertTagungsnatur solcher Aktionen hinweisen, 
denen gegenüber er sich ganz passiv zu verhalten hat. Die 
entrüstete moralische Zurückweisung ist in einem solchen 
Falle ebensowenig am Platze, wie etwa das Eingehen 
auf irgend eine Forderung. Es zeigt sich dann, daß die 
Angriffslust der Kranken bei solchem Empfange rasch ermüdet 
und die — übrigens analytisch zu deutende — Störung bald 
beseitigt ist. 

In einem Aufsatz „über obszöne Worte" 1 stellte ich bereits 
die Forderung, daß man den Patienten die Mühe der 
Überwindung des Widerstandes gegen das Aussprechen gewisser 
Worte nicht ersparen darf. Erleichterungen, wie das Auf- 
schreibenlassen gewisser Mitteilungen, widersprechen den Zwecken 



1) Band I dieser Sammlung, S* 171. 



Zur psythoanalytisdien Technik 45 

der Kur, die ja im Wesen gerade darin besteht, daß der Patient 
durch konsequente und immer fortschreitende Übung über 
innere Widerstände Herr wird. Auch wenn der Patient sich 
anstrengt, etwas zu erinnern, was der Arzt wohl weiß, darf 
ihm nicht ohne weheres geholfen werden, sonst kommt man um 
die eventuell wertvollen Ersatzeinfälle, 

Natürlich darf dieses Nichthelfen des Arztes kein durch- 
gängiges sein* W T enn es uns momentan weniger um das 
turnerisch« Üben der Seelenkräfte des Kranken, sondern um die 
Beschleunigung gewisser Aufklärungen zu tun ist t so werden 
wir Einfalle, die wir im Patienten vermuten, die aber jener 
nicht mitzuteilen wagt, einfach vor ihm aussprechen und ihm 
auf diese Art ein Geständnis abgewinnen. Die Situation des 
Arztes in der psychoanaly tischen Kur erinnert eben vielfach 
an die des Geburtshelfers, der sich ja auch möglichst passiv 
zu verhalten, sich mit der Rolle des Zuschauers bei einem 
Naturprozeß zu bescheiden hat, in kritischen Momenten 
aber mit der Zange bei der Hand sein muß, um den 
spontan nicht fortschreitenden Geburtsakt zum Abschluß zu 
bringen, 

II 

Fragen der Patienten 
Entscheidungen während der Kur 

Ich machte es mir zur Regel, jedesmal, wenn der Patient 
eine Frage an mich richtet oder eine Auskunft verlangt, 
mit einer Gegenfrage zu antworten, der nämlich, wie er 
zu dieser Frage kommt. Hätte ich ihm einfach geantwortet, so 
wäre die Regung, die ihn zu dieser Frage bewog, durch 
die Antwort beseitigt worden; so aber wenden wir das Inter- 
esse des Patienten den Quellen seiner Neugierde zu, und wenn 
wir seine Frage analytisch behandeln, vergißt er zumeist, 



46 S. Ferenczi 



die ursprüngliche Frage zu wiederholen; es zeigt uns damit, 
daß ihm an diesen Fragen eigentlich gar nichts gelegen war 
und daß sie nur als Äußerungsmittel des Unbewußten eine 
Bedeutung hatten* 

Besonders schwierig gestaltet sich aber die Situation, wenn 
der Patient sich nicht mit einer beliebigen Frage, sondern mit 
der Bitte an uns wendet, in einer für ihn bedeutsamen Ange- 
legenheit, z. B. in der Wahl zwischen zwei Alternativen, die 
Entscheidung zu treffen* Das Bestreben des Arztes muß immer 
darauf gerichtet sein, Entscheidungen so lange hinauszuschieben, 
bis der Patient durch die in der Kur zu gewinnende Sicher- 
heit in die Lage kommt, selbständig zu handeln. Man tut also 
gut daran, der vom Patienten betonten Notwendigkeit der 
sofortigen Entscheidung nicht ohne weiteres Glauben zu 
schenken, sondern auch an die Möglichkeit zu denken, daß 
solche anscheinend sehr aktuelle Fragen vielleicht von dem 
Patienten selbst unbewußt in den Vordergrund geschoben 
wurden, wobei er entweder das eben anzuschneidende Analysen - 
material in die Form der Problemstellung kleidet oder sein 
Widerstand sich dieses Mittels bemächtigt, um den Fortgang 
der Analyse zu stören. Bei einer Patientin war letzteres so 
typisch, daß ich ihr in der gerade herrschenden Kriegs - 
terminologie erklaren mußte, sie werfe mir, wenn sie keinen 
anderen Ausweg mehr finde, solche Probleme wie Gasbomben 
entgegen, um mich zu verwirren* Selbstverständlich kann der 
Patient wahrend der Kur wirklich einmal über Bedeutsames unauf- 
schiebbar zu entscheiden haben; es ist gut, wenn wir auch in 
diesen Fällen möglichst wenig die Rolle des geistigen Lenkers 
nach Art eines directeur de consetence spielen, sondern uns 
mit der des analytischen &mfe$$eur begnügen, der alle (auch 
die dem Patienten unbewußten) Motive möglichst klar von 
Allen Seiten beleuchtet, den Entscheidungen und Handlungen 



=^J 



Zur psydioanaljtisdien Tedinik 47 

aber keine Richtung gibt. Diesbezüglich steht die Psycho- 
analyse in diametralen! Gegensätze zu allen bisher geübten 
Psychotherapien, der suggestiven sowohl als auch der „ Über- 
zeugenden *\ 

Unter zweierlei Umstanden kommt auch der Psychoanalytiker 
in die Lage, in den Lebenslauf des Patienten unmittelbar ein- 
zugreifen. Erstens* wenn er sich überzeugt» daß die Lebens- 
inter essen des Kranken wirklich unaufschiebbar zu einer Ent- 
scheidung drangen, zu der der Patient allein noch unfähig ist; 
in diesem Falle muß sich aber der Arzt dessen bewußt sein, 
daß er dabei nicht mehr als Psychoanalytiker handelt, ja, daß 
aus seinem Eingreifen für den Fortgang der Kur gewisse 
Schwierigkeiten erwachsen können, z. B. eine unerwünschte 
Verstärkung des Üb er tragungs Verhältnisses* Zweitens kann und 
muß der Analytiker zeitweise auch insofern „aktive Therapie" 
betreiben, als er den Patienten dazu drangt, die phobieartigc 
Unfähigkeit zu irgendeiner Entscheidung zu überwinden* Er 
erhofft von den Veränderungen der Affektbesetzungen, die diese 
Überwindung mit sich bringt, den Zugang zu bisher unzu- 
gänglich em unbewußtem Material,* 

in 

Das „zum Beispiel* in der Analyse 

Kommt uns der Patient mit irgendeiner Allgemeinheit, sei 
es eine Redensart oder eine abstrakte Behauptung, so frage man 
ihn immer, was ihm zu jener Allgemeinheit speziell einfallt. 



i) Siehe dazu meinen Aufsatz „Technische Schwierigkeiten einer 
Hysteneanalyse" (aufgenommen in mein Buch; „Hysterie und PatHo^ 
neurosen", Int. PsA. BiU, Bd. m, 1919) und Freuds Vortrag auf 
dem V. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Budapest, 1018: 
„Wege der psychoanalytischen Therapie 4 * (Ges* Sehr., Bd, TflQ, 



48 5. Ferenczt 

Diese Frage ist mir so geläufig geworden, daß sie sich fast 
automatisch einstellt, sobald der Patient allzu allgemein zu 
reden beginnt* Die Tendenz, vom Allgemeinen zum Speziellen 
und immer Spezialisi eiteren überzugehen, beherrscht eben die 
Psychoanalyse überhaupt; nur diese führt zur möglichst voll- 
kommenen Rekonstruktion der Lebensgeschichte des Patienten, 
zur Ausfüllung seiner neurotischen Amnesien, Es ist also 
unrichtig, dem Hange der Patienten nach Generalisierung 
folgend, das bei ihnen Beobachtete allzufrüh irgendeiner 
allgemeinen These unterzuordnen. In der richtigen Psycho* 
analyse ist wenig Raum für moralische oder philosophische 
Allgemeinheiten; sie ist eine ununterbrochene Folge von kon- 
kreten Feststellungen. 

Daß das „zum Beispiel" wirklich das geeignete technische 
Mittel ist, die Analyse vom Entfernten und Unwesentlichen 
geradewegs zum Naheliegenden und Wesentlichen hinzuleiten, 
dazu lieferte mir eine junge Patientin in einem Traume die 
Bestätigung. 

Sie träumte: »Icli habe Zahnschmerzen und eine geschwollene 
Backe; ich weiß t daß dies nur gut werden kann, wenn Herr X, 
(mein einstiger Bräutigam) daran reibt; dazu muß ich aber die 
Einwilligung einer Dame einholen. Sie gibt mir die Einwilligung 
wirklich und Herr X. reibt mit der Hand an meiner Backe; da 
springt ein Zahn heraus, als wäre er soeben gewachsen und als 
wäre er die Ursache des Schmerzes gewesen" 

Zweites Traumstück: ^Meine Mutter erkundigt sich bei mir 
darnach, wie es wohl bei der Psychoanalyse zugehl. Ich sage 
ihr; ,Man legt sich hin und muß hersagen, was einem einfällt. 

— yWas sagt man denn?' fragt mich die Mutter. — 3 Nun eben 
alleSy öltest ohne Ausnahme, was einem durch den Kopf geht/ 

— J¥a$ geht einem aber durch den Kopf?' fragt sie weiter* — 
jAlle möglichen Gedanken, auch die unglaublichsten*' — JVas 



Zur psydioanalytisdien Tedinik 49 

denn zum Beispiel?' — ,Zum Beispiel, daß es einem 
geträumt hat, daß einen der Arzt geküßt und • . /, dieser Satz 
blieb unbeendigt und ich erwachtet 

Ich will hier nicht in die Einzelheiten der Deutung ein- 
gehen, und teile davon nur soviel mit, daß es sich hier um 
einen Traum handelt, dessen zweites Stück das erste deutet. Die 
Deutung geht aber ganz methodisch zu Werke. Die Mutter, 
die hier offenbar die Stelle des Analysierenden einnimmt, 
begnügt sich nicht mit den Allgemeinheiten, mit denen sich 
die Träumerin aus der Affäre zu ziehen versucht, und gibt sich 
nicht zufrieden, bis sie auf die Frage, was ihr zum Beispiel 
einfällt, die einzig richtige sexuelle Deutung des Traumes 
zugibt. 

Was ich in einer Arbeit über „Analyse von Gleichnissen*' 1 
behauptete, daß nämlich hinter den anscheinend flüchtig 
hingeworfenen Vergleichen immer gerade das bedeutsamste 
Material verborgen ist, gilt also auch von jenen Einfällen, 
die die Patienten auf die Frage: „Was zum Beispiel?" zum 
besten geben, 

IV 
Die Bewältigung der Gegenübertragung 

DeT Psychoanalyse — der überhaupt die Aufgabe zugefallen 
zu sein scheint, Mystik zu zerstören — gelang es, die einfache, 
man möchte sagen, naive Gesetzmäßigkeit aufzudecken, die 
auch der kompliziertesten medizinischen Diplomatie zugrunde 
liegt, Sie entdeckte die Übertragung auf den Arzt als das wirk- 
same Moment bei jeder ärztlichen Suggestion, und stellte fest, 
daß eine solche Übertragung in letzter Linie nur die infantil* 
1) Dieser Band, S. 164. 
Ferenczl, Bausteine zu- Psychoanalyse 11 * 



50 S. Ferenczl 

erotische Beziehung zu den Eltern, der gütigen Mutter oder 
dem gestrengen Vater, wiederholt, und daß es von den Lebens- 
schicksalen oder der konstitutionellen Anlage des Patienten 
abhängt, ob und inwieweit er der einen oder der anderen 
Suggestionsart zugänglich ist. 1 

Die Psychoanalyse entdeckte also» daß die Nervenkranken 
wie Kinder sind und als solche behandelt werden wollen. 
Intuitive ärztliche Talente wußten dies auch vor uns, wenigstens 
handelten sie so, als wüßten sie es. Der Zulauf zu manchem 
„groben" oder ^liebenswürdigen" Sanatoriumsarzt erklärt sich 
daraus. 

Der Psychoanalytiker aber darf nicht mehr nach Herzens- 
lust milde und mitleidsvoll oder grob und hart sein und 
abwarten, bis sich die Seele des Kranken dem Charakter des 
Arztes anpaßt; er muß es verstehen, seine Anteilnahme zu 
dosieren, ja, er darf sich seinen Affekten nicht einmal 
innerlich hingeben, denn das Beherrschtsein von Affekten oder 
gar von Leidenschaften schafft einen ungünstigen Boden zur 
Aufnahme und richtigen Verarbeitung von analytischen Daten* 
Da aber der Arzt immerhin ein Mensch, und als solcher 
Stimmungen, Sym- und Antipathien, auch Trieb an Wandlungen 
zugänglich ist, — ohne solche Empfänglichkeit hätte er ja kein 
Verständnis für die Seelenkämpfe des Patienten, — so hat er 
in der Analyse fortwährend eine doppelte Arbeit zu leisten: 
einesteils muß er den Patienten beobachten, das von ihm Er- 
zählte prüfen, aus seinen Mitteilungen und seinem Gebaren 
sein Unbewußtes konstruieren; andern teils hat er gleichzeitig 
seine eigene Einstellung dem Kranken gegenüber unausgesetzt 
zu kontrollieren, wenn nötig, richtigzustellen, das heißt die 
Gegen üb ertragung (Freud) zu bewältigen, 

1) „Introjektion und Übertragung," (Im I. Band dieser Sammlung.) 



J 



Zur psychoanalytischen Technik 51 

Die Vorbedingung dazu ist natürlich das Analysiertsein des 
Arztes selbst; aber auch der Analysierte ist von Eigenheiten des 
Charakters und aktuellen Stimmungssch wankungen nicht so 
unabhängig, daß die Beaufsichtigung der Gegen Übertragung 
überflüssig wäre. 

Über die Art, wie die Kontrolle der Gegen Übertragung ein- 
zugreifen hat, ist es schwer, etwas Allgemeines zu sagen ; es 
gibt hier allzu viele Möglichkeiten* Will man einen Begriff 
davon geben, so tut man wohl am besten, wenn man Beispiele 
aus der Erfahrung heranzieht. 

Am Anfang der analytisch- ärztlichen Tätigkeit ahnt man 
natürlich von den Gefahren, die von dieser Seite her drohen , 
am wenigsten. Man ist in der seligen Stimmung s in die einen 
die erste Bekanntschaft mit dem Unbewußten versetzt, der 
Enthusiasmus des Arztes überträgt sich auch auf den Patienten, 
und der frohen Selbstsicherheit verdankt der Psychoanalytiker 
überraschende Heilerfolge. Es unterliegt keinem Zweifel, daß 
diese Erfolge nur zum kleineren Teil analytisch, zum größeren 
aber rein suggestiv, das heißt Übertragungserfolge sind* In der 
gehobenen Stimmung der Honigmonate der Analyse ist man 
natürlich auch von der Berücksichtigung, geschweige denn von 
der Beherrschung der Gegen Übertragung himmelweit entfernt. 
Man unterliegt allen Affekten* die das Verhältnis Arzt — Patient 
nur hervorzubringen vermag, läßt sich von traurigen Erleb- 
nissen, wohl auch von Phantasien der Patienten rühren, ent- 
rüstet sich über alle, die ihnen übelwollen und ihnen Übles 
antun. Mit einem Wort, man macht sich alle ihre Interessen 
zu eigen und wundert sich dann, wenn der eine oder der 
andere Patient, in dem unser Betragen irreale Hoffnungen 
erweckt haben mag, plötzlich mit leidenschaftlichen Forderungen 
auftritt* Frauen verlangen vom Arzt geheiratet, Männer von 
ihm erhalten zu werden, und konstruieren aus seinen 

4* 



52 SL Ferenczi 

Äußerungen Argumente für die Berechtigung ihrer Ansprüche. 
Natürlich kommt man über diese Schwierigkeiten in der 
Analyse leicht hinweg; man beruft sich auf ihre Übertragungs- 
natur und benutzt sie als Material zur weiteren Arbeit» Man 
bekommt aber so einen Einblick in die Fälle, wo es in der 
nichtanalytischen oder wildanalytischen Therapie zu Beschuldi- 
gungen oder gerichtlichen Anklagen gegen den Arzt kommt. 
Die Patienten entlarven eben in ihren Anklagen das Unbe- 
wußte des Arztes. Der enthusiastische Arzt, der in seinem 
Heilungs- und Aufklärungsdrange seine Patienten „hinreißen" 
will, beachtet nicht die kleinen und großen Zeichen von unbe- 
wußter Bindung an den Patienten oder an die Patientin, doch 
diese perzipieren sie nur zu gut und konstruieren aus ihnen 
ganz richtig die ihr zugrunde liegende Tendenz, ohne zu 
ahnen, daß sie dem Arzte selbst nicht bewußt waT, Bei solchen 
Anklagen haben also merkwürdigerweise beide gegnerische 
Parteien recht. Der Arzt kann es beschwören, daß er — 
bewußt — nichts anderes als die Heilung des Kranken beab- 
sichtigte; doch auch der Patient hat recht, — denn der Arzt 
hat sich unbewußt zum Gönner oder Ritter seines Klienten 
aufgeworfen und ließ das durch verschiedene Anzeichen 
merken. 

Die psychoanalytische Aussprache schützt uns natürlich vor 
solchen Unzukömmlichkeiten; immerhin kommt es vor, daß 
die mangelhafte Berücksichtigung der Gegenübertragung den 
Kranken in einen Zustand versetzt, der nicht mehr rückgängig 
zu machen ist, und den er als Anlaß zur Unterbrechung 
der Kur benützt Man muß sich eben damit abfinden, daß 
jede neue psychoanalytisch-technische Regel den Arzt einen 
Patienten kostet. 

Hat dann der Psychoanalytiker die Würdigung der Gegen- 
übertragungssymptome mühsam erlernt und es erreicht, daß er 



Zur psjdioanalytisdien Technik 53 

in seinem Tun und Reden, ja, auch in seinem Fühlen alles 
kontrolliert, was zu Verwicklungen Anlaß gehen könnte, so 
droht ihm die Gefahr, ins andere Extrem zu verfallen und den 
Patienten gegenüber allzu schroff und ablehnend zu werden; 
dies würde das Zustandekommen der Übertragung, die Vor- 
bedingung jeder erfolgreichen Psychoanalyse, hintanhalten oder 
überhaupt unmöglich machen. Diese zweite Phase könnte als 
Phase des Widerstandes gegen die Gegenübertragung charak- 
terisier l werden. Die übergroße Ängstlichkeit in dieser Hinsicht 
ist nicht die richtige Einstellung des Arztes, und erst nach 
Überwindung dieses Stadiums erreicht man vielleicht das dritte : 
nämlich das der Bewältigung der Gegen Übertragung. 

Erst wenn man hier angelangt ist, wenn man also dessen 
sicher ist, daß der dazu eingesetzte Wächter sofort ein Zeichen 
gibt, wenn die Gefühle gegen den Patienten im positiven oder 
negativen Sinne das richtige Maß zu überschreiten drohen: 
erst dann kann sich der Arzt während der Behandlung so „ gehen 
lassen*\ wie es die psychoanalytische Kur von ihm fordert. 

Die analytische Therapie stellt also an den Arzt An- 
forderungen, die einander schnurstracks zu widersprechen 
scheinen. Einesteils verlangt sie von ihm das freie Spielen- 
lassen der Assoziationen und der Phantasie, das Gewährenlassen 
des eigenen Unbewußten; wir wissen ja von Freud, daß 
uns nur hiedurch ermöglicht wird, die im manifesten Rede- 
und Gehärdenmaterial versteckten Äußerungen des Unbe- 
wußten des Patienten intuitiv zu erlassen. Anderenteils 
muß der Arzt das von seiner und des Patienten Seite gelieferte 
Material logisch prüfen und darf sich in seinen Handlungen 
und Mitteilungen ausschließlich nur vom Erfolg dieser Denk- 
arbeit leiten lassen. Mit der Zeit lernt man es, das Sichgehen- 
lassen auf gewisse automatische Zeichen aus dem Vorbewußten 
zu unterbrechen und die kritische Einstellung an seine Stelle 



54 S. Ferenczi 

zu setzen. Diese fortwährende Oszillation zwischen freiem Spiel 
der Phantasie und kritischer Prüfung setzt aber beim Arzte 
eine Freiheit und ungehemmte Beweglichkeit der psychischen 
Besetzungen voraus, wie sie auf einem anderen Gebiete kaum 
gefordert wird. 



Diskontinuierliche Analysen 

09*4) 

Freud hat gelegentlich darauf hingewiesen, daß der thera- 
peutische Eifolg häufig ein Hindernis der Vertiefung der Analyse 
ist ; ich konnte das in zahlreichen Fällen bestätigen, Schwinden 
durch die analytische Behandlung die lästigsten Symptome der 
Neurose, so kommt es leicht dazu, daß dem Kranken die noch 
nicht beseitigten Krankheitserscheinungen weniger qualvoll vor- 
kommen als die Fortsetzung der oft so harten und an Ent- 
behrungen so reichen analytischen Arbeit. Wird aber die 
Medizin wirklich pejor mürbo, so beeilt sich der Patient 
(meist auch durch materielle Rücksichten gedrängt), die Kur 
abzubrechen und wendet seine Interessen dem ihn bereits be- 
friedigenden realen Leben zu, Allerdings hängen solche Halb- 
geheilte gewöhnlich noch durch Bande der Übertragung an 
ihrem Arzt; man erfährt, daß sie sich in etwas überschweng- 
licher Weise über die Kur und die Person des Arztes äußern, 
auch geben sie durch Ansichtspostkarten oder kleine Aufmerk- 
samkeiten gelegentlich ein Lebenszeichen von sich, im Gegen- 
satz zu jenen, die die Kur mitten im Widerstände abbrachen 
und sich in trotziges Schweigen hüllen* Auch die wirklich 
Hergesteliten, bei denen die Übertragung zur Lösung gelangte, 



56 S. Ferenczi 

haben keinen Anlaß, sich um ihren Arzt zu kümmern, und tun 
es auch nicht. 

Es kommt nun vor, daß die „Halbgeheilten* nach einiger 
Zeit wieder erkranken und die Analyse fortzusetzen wünschen* 
Es stellt sich dann heraus, daß innere oder äußere Momente 
die auslösenden Ursachen der Rezidive waren, durch die das 
hei der Analyse nicht bearbeitete unbewußte Material gleichsam 
aktiviert und aus der Verdrängung gerüttelt wurde. Man kann 
auch sicher erwarten, daß bei Wiederholung der Analyse Dinge 
zur Sprache kommen werden, die bei der ersten keine oder nur 
geringe Rolle spielten. 

Auffallend war mir nun, wie wunderbar schnell sich der 
alte Kontakt zwischen Arzt und Patient wieder herstellen kann. 
Ein Patient z* B., der sich nach der (unvollendeten) Analyse 
vier Jahre lang wohl befand, erinnerte bei der Fortsetzung der 
Kur jede Einzelheit der ersten Behandlung; noch merkwürdiger 
war, daß auch in der Erinnerung des Arztes, der sich in der 
Zwischenzeit mit dem Patienten gar nicht, dafür mit so vielen 
anderen intensiv beschäftigte, die geringfügigsten Kleinigkeiten, die 
sich auf den Kranken beziehen» von selbst auftauchten: seine 
ganze Kindergeschichte, die Namen aller Verwandten, Träume 
und Einfalle samt der seinerzeitigen Deutung, bis auf die Haar- 
farbe von Personen, von denen damals die Rede war. Nach 
zwei Stunden war man ganz im alten Geleise, als hätte es sich 
nur um eine etwas dickere „Sonntagskruste und nicht um 
vierjährige Trennung gehandelt. Der wissenschaftliche Ertrag 
war bei den leicht heilenden Fällen meist ein recht geringer; 
die Rezidive bringt dann die tiefere Einsicht in die seinerzeit 
nur oberflächlich erkannten Zusammenhänge. 

Der technische Grundsatz Freuds, daß man die Kranken 
auch während der Behandlung vor den Erschütterungen der 
Wirklichkeit nicht verschonen darf, wird in einzelnen Fällen 



Diskontinuierliche Analysen 57 

notgedrungen vernachlässigt, so z, B. wenn die Behandlung fern 
von den Verwandten (den wichtigsten Reagentien der Neurose) 
durchgeführt werden muß. In solchen Fällen mag dann vor- 
kommen, daß der sich geheilt wähnende Patient sofort oder 
kurze Zeit nach der Rückkehr in die Heimat wieder an 
neurotischen Symptomen erkrankt und schleunigst zum Arzte 
(von dem er übrigens auf diese Eventualität vorbereitet war) 
zurückkehrt Die Berührung mit der Realität drängt auch in 
diesen Fällen das bis dahin versteckte seelische Material der 
Oberfläche zu. 

Ein dritter Anlaß zur „diskontinuierlichen Analyse* mag sich 
aus rein äußerlichen Verhältnissen ergeben. Sehr beschäftigte 
oder entfernt wohnende Patienten oder solche, denen jährlich 
nur ein beschränktes Maß von Zeit und Geld für die Zwecke 
der Kur zur Verfügung steht, kommen alljährlich nur für ein 
bis zwei Monate in die Behandlung. Man kann nicht behaupten, 
daß die Zeit zwischen den einzelnen Arbeitsperioden spurlos an 
solchen Patienten vorüberginge; eine gewisse nachträgliche Ver- 
innerlich ung, Verarbeitung des in der Kur Erkannten ist 
manchmal unverkennbar. Dieser geringe Vorteil verschwindet 
aber neben dem großen Nachteil, daß auf diese Art die auch 
sonst so langwierige Kur unabsehbar in die Länge gezogen wird. 
Die kontinuierliche Analyse ist also der diskontinuierlichen in 
jedem Falle vorzuziehen* 

Bei Analysen, die über ein Jahr lang dauern^ wird die Kur 
auch von der Fcrialzeit des Arztes unterbrochen* Für Patienten, 
die die Kur wirklich fortsetzen wollen, bedeutet diese Unter- 
brechung keine eigentliche Diskontinuität, so daß die erste 
Stunde nach den Ferien formlich die Fortsetzung des analytischen 
Gespräches bringt, das durch die Trennung unterbrochen 
wurde, 



Zur Frage der Beeinflussung des Patienten 
in der Psydioanalyse 

(19*9) 

Auf dem IV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß zu 
München, wo so viele bis dahin latente Meinungsverschieden- 
heiten unter den Mitgliedern klar zutage traten, hielt unter 
anderen Kollege Dr. Bjerre (Stockholm) einen Vortrag, in 
dem er, nicht unähnlich den Züricher Sezessionisten, die rein 
psychoanalytische Therapie mit einer ärztlichen und ethischen 
Erziehung des Patienten zu kombinieren vorschlug, Da sich 
Bjerre damals ausdrucklich gegen gewisse diesbezügliche und 
seiner Auffassung widersprechende Äußerungen meinerseits 
wendete, sah ich mich veranlaßt, diese zu verteidigen und 
nochmals zu betonen, daß sich die psychoanalytische Therapie 
in der methodischen Aufklärung und Überwindung der inneren 
Widerstände des Patienten erschöpfen muß und ohne sonstiges 
aktives Eingreifen wirkliche Erfolge erzielen kann. Insbesondere 
warnte ich bei dieser Gelegenheit davor, die psychoanalytische 
Kur mit der sogenannten Suggestion {Übertragungskur) zu ver- 
mengen. 

Nun finden sich in einer früheren Nummer unserer Inter- 



Zur Frage der Beeinflussung des Patienten in der Psychoanalyse 59 

nationalen Zeitschrift für Psychoanalyse 1 zwei einander wider- 
sprechende Äußerungen über diese Frage. Jones sagt in seiner 
klaren und scharfen Antikritik der Janet sehen Auffassung der 
Psychoanalyse unter anderem: „Niemals rate ein Psj^oanajyti^ker 
dem Patienten, am wenigsten zur Aufnahme^ des Geschlechts- 
verkehrs/ In den ersten Zeilen einer Mitteilung von Sadger 
hingegen wird das Verhalten eines Patienten geschildert, nach- 
dem er „infolge meines (des Autors) Rates zum erstenmal 
koitieri hatte". 

Ich glaube, daß die Wichtigkeit des Problems die neuerliche 
Aufrollung der Frage, ob der Analytiker dem Patienten Rat- 
schläge erteilen darf, rechtfertigt. 

Nach dem, was ich in München darüber äußerte 1 scheint 
es, als ob ich hier unbedingt Jones recht geben und Sad- 
gers Verfahren verwerfen müßte. Daß ich es nicht tue, sondern 
Jones* Äußerung für eine Übertreibung erkläre, bedarf also 
der Recht feit igung* 

In mehreren Fällen von Angsthysterie und hysterischer 
Impotenz machte ich die Erfahrung, daß die Analyse bis zu. 
einem gewissen Punkte glatt von statten ging; die Patienten 
waren voll einsichtig, aber der therapeutische Erfolg ließ immer 
noch auf sich warten, ja die Einfälle begannen sich mit einer 
gewissen Monotonie zu wiederholen* als hätten die Patienten 
nichts mehr zu sagen, als hätte sich ihr Unbewußtes erschöpft. 
Natürlich hätte das — wenn es wahr gewesen wäre — der 
psychoanalytischen Theorie von den unbewußten Quellen der 
Neurosen widersprochen. 

In dieser Not kam mir ein mündlich erteilter Rat Professor 
Freuds zu Hilfe* Er klarte mich auf, daß man die Angst- 
hysterischen nach einer gewissen Zeit dazu auffordern muß, 
ihre phobisch gesicherte Einstellung zu verlassen und gerade 

i) Bd. IV, S. 59 u. 48, 



60 & Ferencid 

das zu versuchen, wovor sie am meisten Angst haben. Solche 
Ratschläge kann der Arzt vot sich wie vor dem Patienten damit 
rechtfertigen» daß jeder solche Versuch frisches* noch unbe- 
rührtes psychoanalytisches Material zum Vorschein bringt, das 
ohne diese Aufrüttelung nur viel spater oder überhaupt nicht 
zu erlangen gewesen wäre. 

Ich folgte dieser Weisung meines Lehrers und kann von 
dem Erfolg das Beste sagen. Die Heilung vieler Patienten ging 
wirklich in Schüben von durch die «Aufmischungen" hervor- 
gebrachter Besserung vor sich. 

Die Gegner der Psychoanalyse werden uns vorhalten, daß ja 
dies nichts anderes als eine verkappte Form der Suggestion oder 
Gewöbnungskur sei. Ich aber antworte ihnen : si duo Jaciunt 
iäem non est idem. 

Erstens versprechen wir dem Patienten nie, daß er von dem 
Versuch gesund werden wird; im Gegenteil, wir bereiten ihn 
auf die eventuelle Verschlimmerung seines subjektiven Zustandes 
unmittelbar nach den Versuchen vor. Wir sagen ihm nur, — 
und das mit Recht, — daß sich der Versuch in ultima anafysi 
als für die Kur vorteilhaft erweisen wird. 

Zweitens verzichten wir dabei auf alle sonst gebräuchlichen 
Mittel des gewaltsamen oder schmeichelnden Suggerieren« und 
stellen es dem Patienten anheim, ob er sich zu diesem Ver- 
suche entschließt. Er muß schon einen ziemlich hohen Grad 
psychoanalytischer Einsicht in der Kur erworben haben, wenn 
er unserer Aufforderung nachkommt, 

Schließlich leugne ich es durchaus nicht, daß bei diesen 
Versuchen auch Elemente der Übertragung — also desselben 
Mittels, mit dem die Hypnotiseure ausschließlich arbeiten — 
mitwirken. Während aber die Übertragung auf den Arzt bei 
letzteren direkt als Heilmittel wirken soll* dient sie bei der 
Freud sehen Psychoanalyse nur dazu, die Widerstände des 



Zur Krage der Beeinflussung des Patienten in der Psychoanalyse 61 

Unbewußten zu lockern. Vor der vollen Beendigung der Kur 
läßt übrigens der Arzt den Patienten sogar in diese seine Karten 
blicken und entläßt ihn in voller Unabhängigkeit. 

In diesem Sinne meine ich, daß Sadger recht hatte, 
als er seinen Patienten zu einer bislang gemiedenen Handlung 
anhielt, und daß Jones übertrieb, als er sagte, daß der Psycho- 
analytiker überhaupt nie einen Rat gibt. 

Ich glaube» daß diese Auffassung der seinerzeit Bjerre 
gegenüber verfochtenen Reinheit der psychoanalytischen Therapie 
nicht widerspricht* 



Weiterer Ausbau der „aktiven Technik" 
in der Psychoanalyse 

{Vortrags gehalten auf dem FL Internationalen Fsychömuüytisrfwn Kongreß im Haag 
am 10, Dezember 1920)* 

I 

Die Grundlagen der psychoanalytischen Technik haben seit 
der Einfuhrung der Freudschen » Grundregel* (der freien 
Assoziation) keine wesentliche Änderung erfahren. Ich will 
gleich eingangs hervorheben, daß dies auch meine Vorschlage nicht 
bezwecken; im Gegenteil, ihr Ziel war und ist, die Patienten 
durch gewisse Kunstgriffe in die Lage zu versetzen, die Regel 
der freien Assoziation hesser einhalten und hiedurch die 
Erforschung des unbewußten psychischen Marterials fördern 
oder beschleunigen zu können» Auch bedarf es dieser Kunst- 
griffe nur in gewissen Ausnahmefällen. Bei den allermeisten 
Kranken läßt sich die Kur ohne besondere „Aktivität" seitens des 
Arztes oder des Patienten durchführen und auch in den 
Fällen , in denen man aktiver vorzugehen hat, soll sich diese 
Einstellung auf das allemotwendigste Maß beschränken* Sobald 
die Stockung der Analyse^ die eigentliche Rechtfertigung und 
das Motiv der Modifikation überhaupt überwunden ist, wird 
sich der Sachkundige schleunigst auf den passiv-rezeptiven 



Weiterer Ausbau der „aktiven Technik* in der Psychoanalyse 63 

Standpunkt zurückziehen, der auch für das Unbewußte des 
Arztes die günstigsten Bedingungen zur werktätigen Mitarbeit 
schafft. 

Wie fast jede Neuerung, erweist sich auch die „Aktivität* 
bei näherem Zusehen als etwas Altbekanntes. Nicht nur daß 
sie in der Vorgeschichte der Psychoanalyse bereits eine 
wesentliche Rolle gespielt hat: sie hat in gewissem Sinne 
nie aufgehört zu existieren* Es handelt sich also hier um 
die Schaffung eines Begriffes und eines Kunstansdruckes für 
und die zweckbewußte Verwendung von etwas, was de facto, 
wenn auch unausgesprochen, immer verwendet wurde* Nur 
halte ich eine solche Begriffsbestimmung und terminologische 
Fixierung in wissenschaftlicher Hinsicht nicht für bedeutungslos ; 
erst durch sie wird man seines eigenen Handelns im wahren 
Sinne des Wortes bewußt, und erst solches Bewußt werden 
ermöglicht die methodische und kritisch auswählende Anwen- 
dung einer Handlungsweise. 1 

Die Zeit des Breuer-Freud sehen „kathar tischen* 
Verfahrens war eine Zeit der größten Aktivität seitens des 
Arztes wie des Patienten* Der Arzt machte große Anstren- 
gungen, um die aufs Symptom bezüglichen Erinnerungen 
wachzurufen, und bediente sich dabei aller Hilfsmittel; die 
ihm die Prozeduren der wachen oder hypnotischen Suggestion 
zur Verfügung stellten; und auch der Kranke strengte 
sich an, den Weisungen seines Führers zu folgen, mußte sich 
also psychisch sehr aktiv betätigen, oft alle Geisteskräfte 
anspannen, 

Die Psychoanalyse, wie wir sie heute anwenden, ist ein 
Verfahren, dessen hervorstechendster Charakter gerade die 
Passivität ist. Wir fordern den Patienten auf, sich ohne 

ij Di«? Bedeutsamkeit der Namengebung im wissenschaftlichen 
Betriebe wäre einer eigenen psycholog-i sehen Untersuchung- wert. 




64 S. Ferenczl 

jede Kritik von seinen „Einfällen* 4 leiten zu lassen; er hat 
nichts zu tun, als diese Einfälle — allerdings unter Über- 
windung des sich dagegen sträubenden Widerstandes — rest- 
los mitzuteilen. Auch der Arzt darf seine Aufmerksamkeit 
nicht krampfhaft auf irgend eine Absicht (z. B. aufs Heilen- 
oder Verstehenwollen) einstellen, sondern soll sich — gleich- 
falls passiv — seiner eigenen, mit den Einfällen des Patienten 
spielenden Phantasie überlassen, Selbstverständlich kann er, 
wenn er einen Einfluß auf die weiteren Einfälle des Kranken 
nehmen soll, dieses Phantasieren nicht endlos fortsetzen; wie 
ich es bereits anderwärts ausführte, 1 muß er, sobald sich bei 
ihm gewisse» auch real stichhaltige Ansichten herauskristalli- 
sieren, seine Aufmerksamkeit diesen zuwenden und sich nach 
reiflicher Überlegung zur Mitteilung einer Deutung ent- 
schließen. Eine solche Mitteilung ist aber schon ein aktives Ein- 
greifen in die Seelentätigkeit des Patienten; sie lenkt die 
Gedanken in eine bestimmte Richtung und erleichtert das Auf- 
tauchen von Einfallen, die sonst noch vom Widerstände am 
Bewußtwerden verhindert worden wären* Der Patient aber hat 
sich auch während dieser „Geburtshilfe der Gedanken 4 * passiv 
zu verhalten* 

Neuere Erkenntnisse über die entscheidende Bedeutung der 
Libidoverteilung bei der neurotischen Symptombildung befähigten 
Freud 2 zu einer anderen Art Nachhilfe. Er unterscheidet 
zwei Phasen in der Therapie; in der ersten wird alle Libido 
von den Symptomen in die Versagung gedrängt* in der 
zweiten der Kampf mit der auf den Arzt übertragenen Libido 
aufgenommen und versucht, diese Libido vom neuen Objekt 
loszulösen* Diese Loslösung wird durch die Ichveränderung 

i) „Zur psychoanalytischen Technik" (In diesem Band S, 58)* 
2) Freud, „Vorlesungen »irr Einführung in die Psychoanalyse" (Ges. 
Sehr« Bd. VIT, S. 475), 



Weiterer Ausbau der »aktiven Technik* in der Psychoanalyse 65 

inner dem Einfluß der ärztlichen Erziehung ermöglicht. Das 
1 HndrangeD der Libido in die Übertragung meint er allerdings 
nicht als aktive Unterstützung dieser Bestrebungen seitens des 
Arztes; die Übertragung kommt spontan zustande; der Arzt 
jnuß nur die eine Geschicklichkeit haben, diesen Prozeß nicht 
zu stören. 

Die Icherziehung dagegen ist ein ausgesprochen aktiver 
Eingriff, zu dem den Arzt gerade die durch die Üh ertragung 
gesteigerte Autorität befähigt. Freud scheut sich nicht, diese 
Art Beeinflussung mit dem Namen „Suggestion" 7,u belegen, 
weist aber auf die wesentlichen Merkmaie hin, die diese 
Suggestion von der nicht psychoanalytischen unterscheiden* 1 

Die Beeinflussung des Patienten ist sicherlich etwas Aktives, 
der Patient verhält sich diesem Bemühen des Arztes gegenüber 
passiv. 

Das passive, respektive aktive Verhalten bezog sich in dem 
bisher Gesagten ausschließlich auf die seelische Ein- 
stellung des Kranken. An Handlungen fordert die 
Analyse vom Patienten nichts als pünktliches Erscheinen 
zu den Behandlungsstunden; auf die sonstige Lebenswebe 
nimmt sie keinen Einfluß, ja, sie betont ausdrücklich, daß 
auch der Patient wichtige Entscheidungen selbst treffen 



1} Die früheren Suggestionen bestanden eigentlich im Einreden- 
wollen einer bewußten Unwahrheit {„Es fehlt Ihnen nichts* 1 — was 
deck sicherlich unrichtig ist, da doch der Patient an Neurose leidet). 
Die psychoanalytischen „Suggestionen 41 benützen die Übertragung dazu., 
\ut\ die eigene Überzeugung von den unbewußten Motiven des Leidens 
ciem Kranken zugänglich zu machen; der Psychoanalytiker muß dabei 
selbst darauf achten » daß der so angenommene Glaube kein „blinder 
Glaube"» sondern auf Erinnerung und aktuelles Erleben („Wiederholung*') 
gestützte eigene Überzeugung des Kranken sei. Dies unterscheidet die 
Psychoanalyse auch von den Üherredungs- und ErMämngskuren von 
D n b o i s. 

Fe r* nezi, Bausteine mr Psychoanalyse II 5 



66 S. Ferenczi 

oder bis zur Erlangung der Fähigkeit zur Entscheidung auf- 
schieben soll. 

Die erste Ausnahme von dieser Regel ergab sich bei der 
Analyse gewisser Fälle von Angst hysterie; es kam vor, 
daß die Pattenten, trotz genauer Befolgung der „Grundregel" 
und trotz tiefer Einsicht in ihre unbewußten Komplexe, 
nicht über tote Punkte der Analyse hinwegkommen konnten, 
bis sie nicht dazu gedrängt wurden, sich aus dem sicheren 
Versteck ihrer Phobie herauszuwagen und sich versuchsweise 
der Situation auszusetzen, die sie ob ihrer Peinlichkeit ängst- 
lich gemieden hatten. Wie zu erwarten war, zog dies bei 
ihnen ein akutes Aufflackern der Angst nach sich; doch 
indem sie sich diesem Affekte aussetzten, überwanden sie 
zugleich auch den Widerstand gegen ein bisher verdrängt 
erhaltenes Stück des unbewußten Materials, das nunmehr in 
Einfällen und Reminiszenzen der Analyse zugänglich wurde» 1 

Das war nun das Vorgehen, auf das ich eigentlich 
die Bezeichnung „aktive Technik* angewendet wissen wollte, 
die also nicht so sehr ein tätiges Eingreifen des Arztes, 
als vielmehr ein solches des Patienten bedeutet, dem nunmehr 
außer der Einhaltung der Grundregel besondere Aufgaben 
auferlegt wurden. Die Aufgabe bestand in den Fällen von 
Phobie in der Ausführung gewisser unlustvoller Hand- 
lungen. 

Bald ergab sich mir Gelegenheit, einer Patientin auch Auf- 
gaben zu erteilen, die darin bestanden, daß sie auf gewisse, 
bisher unbemerkt gebl iebene lustvolle Handlungen 
(onanieartige Reizung der Genitalien, Stereotypien und tic- 

1} VergL „Technische Schwierigkeiten einer Hysterie- Analyse" in 
„Hysterie und Pathoneurosen" (Int* PsA» BibL Nr, a) vom Verf, 
Die Anregung zu solchem Vorgehen gab mir eine mündliche Äußerung 
F r e tt d a. 



Weiterer Ausbau der „ aktiven Tcdinik" in der Psychoanalyse 67 



artiges Zupfen oder Reizen anderer Körperstellen) verzichten, 
den Drang zu diesen Betätigungen beherrschen mußte. Der 
Erfolg war der nämliche: neues Erinnerungsmaterial wurde 
zugänglich, der Fortgang der Analyse sichtlich beschleunigt. 

Die Konsequenz aus diesen und ähnlichen Erfahrungen hat 
Prof, Freud in seinem Budapester Kongreßvortrage gezogen 1 , 
er konnte sogar die aus diesen Beobachtungen gezogene Lehre 
verallgemeinern und die Regel aufstellen : die Kur müsse über- 
haupt in der Situation der Versagung durchgeführt werden; 
dieselbe Versagung, die zur Symptombildung führte, müsse als 
Motiv zum Gesundwerdenwollen wahrend der ganzen Kur 
aufrechterhalten werden ; es sei sogar zweckmäßig, gerade 
die Befriedigung zu versagen, die der Patient am intensivsten 
wünscht. 

Im Gesagten glaube ich alles Wesentliche deutlich aufgezählt 
-zu haben, was bis jetzt über die Aktivität der psychoanaryti- 
sehen Technik veröffentlicht wurde und was aus dem all- 
gemein bekannten Methoden als „Aktivität" hervorgehoben 
werden kann. 

11 

Ich mochte nun Bruchstücke aus einigen Analysen mitteilen, 
die das Gesagte zu bekräftigen und unsere Einsicht in das bei 
der „ aktiven Technik" tätige Kräftespiel um einiges zu vertiefen 
geeignet sind* Ich denke zunächst an den Fall einer jungen 
kroatischen Musikkün&tlerin, die an einer ganzen Menge von 
Phobien und Zwangsbefürchtungen litt. Aus der Unzahl von 
Symptomen will ich nur einige hervorheben. Sie litt au 
quälendem Lampenfieber j wurde sie in der Musikschule zum 
Vorspielen aufgefordert, so wurde sie hochrot im Gesicht; 
Fingerübungen — die sie, wenn sie allein war, bereits ohne 

1} „Wege der psychoanalytischen Therapie" (Ges. Sehr,, Bd. VI). + 

5* 




68 iS. Fercnczi 

Anstrengung automatisch ausführte — schienen ihr von 
ungeheurer Schwierigkeit; sie griff unausweichlich bei jeder 
Produktion daneben und hatte die Zwangsidee, sie müsse sich 
blamieren, was sie auch — trotz ihrer ungewöhnlichen Begabung 
— reichlich tat. Auf der Gasse glaubte sie sich wegen ihrer 
-tu voluminösen Brüste fortwährend beobachtet und wußte nicht, 
wie sie sich halten oder benehmen solle, um diese (eingebildete) 
körperliche Mißgestalt zu verdecken. Bald kreuzte sie die Arme 
vor der Brust, bald preßte sie die Brüste fest an den Brust- 
korb; doch kam, wie bei Zwangskranken gewöhnlich — nach 
jeder Vorsichtsmaßregel der Zweifel, ob sie nicht gerade hie- 
durch die Aufmerksamkeit auf sich lenke. Ihr Benehmen auf 
der Straße war bald übertrieben scheu, bald herausfordernd; 
sie war unglücklich, wenn man ihr (trotz ihrer ausgesprochenen 
Schönheit) keine Beachtung schenkte» - - nicht minder verdutzt 
war sie aber, wenn sie einmal wirklich von jemandem, der 
ihr Benehmen mißverstand (oder besser gesagt: es richtig 
deutete) angesprochen wurde. Sie hatte Angst, ans dem Munde 
zu riechen, und lief darum jeden Augenblick zum Zahnarzt und 
zum Stomato-Laryngologen, die bei ihr natürlich nichts kon- 
statieren konnten usw, — Sie kam nach einer mehrmonatigen 
Analyse zu mir (da der betreffende Kollege aus äußeren Gründen 
die Kur abbrechen mußte) und war bereits in ihre unbewußten 
Komplexe recht gut eingeweiht; nur mußte ich in der bei mir 
fortgesetzten Kur die Beobachtung meines Kollegen bestätigen, 
daß der Fortschritt der Heilung in gar keinem Verhältnisse 
zur Tiefe ihrer theoretischen Einsicht und zu dem bereits 
zutage geförderten Erinnerungsmaterial stand. So ging es auch 
bei mir noch wochenlang. In einer Stunde nun fiel ihr ein 
Gassenhauer ein* den ihre ältere (sie in jeder Weise tyranni- 
sierende) Schwester zu singen pflegte. Nach langem Zögern 
sagte sie mir den recht zweideutigen Text des Liedes und 



Wetterer Ausbau der „aktiven Technik" in der Fsydioanalyse 6$ 

schwieg dann lange; ich brachte aus ihr heraus, daß sie an 
die Melodie des Liedes gedacht hatte. Ich zögerte nicht, von 
ihr auch das Her singen des Liedes zu fordern. Es dauerte 
aber fast zwei Stunden, bis sie sich entschloß, das Lied so vor- 
zutragen, wie sie es wirklich meinte. Unzähligemal brach sie 
inmitten der Strophe ab* so sehr genierte sie sich; auch sang 
sie zuerst mit leiser, unsicherer Stimme, bis sie — auf- 
gemuntert durch mein Zureden — lauter zu singen begann, 
wobei sich ihre Stimme mehr und mehr entfaltete und sich 
als ein ungewöhnlich schöner Sopran entpuppte- Der Widerstand 
hörte damit nicht auf; sie gestand mir nacli einigem Wider- 
strebe]!, daß die Schwester das Singen des Liedes mit aus- 
drucksvollen, und zwar ganz unzweideutigen Gesten zu 
begleiten pflegte, und sie produzierte einige unbeholfene Arm- 
bewegungen, um die Gebärden der Schwester zu illustrieren* 
Schließt ich forderte ich sie auf, aufzustehen und das Lied 
gujjz so, wie sie es bei der Schwester gesehen hatte, zu 
wiederholen* Nach zahllosen, mutlos unterbrochenen Versuchen 
produzierte sie sich als perfekte Chansonette, mit der Koketterie 
im Mienenspiel und in den Bewegungen, wie sie es von der 
Schwester gesehen hatte. Sie seinen aber nunmehr an diesen 
Produktionen Gefallen zu finden und fing an, die Analysen- 
stunden mit solchen zu vertändeln. Als ich das bemerkte, 
sagte ich ihr, nun wüßten wir ja bereits, daß sie gerne ihre 
verschiedentlichen Talente produziere und daß sich hinter ihrer 
Bescheidenheit eine nicht geringe Gefallsucht verstecke; jetzt 
hieße es: nicht mehr tanzen, sondern weiterarbeiten. Es war 
überraschend, wie günstig dieses kleine Intermezzo die Arbeit 
förderte. Es kamen ihr bislang nie zur Sprache gekommene 
Erinnerungen aus ihrer frühen Kindheit, aus der Zeit der 
Geburt eines Brüderchens, die auf ihre psychische Entwicklung 
ehie wahrhaft unheilvolle Wirkung gehabt und sie zu einem 



70 S. Ferenczt 

ängstlich-schüchternen, überbraven Kinde gemacht hatten. Sie 
erinnerte sich an die Zeit, wo sie noch eine „kleine Teufelin" 
war, der Liebling der ganzen Familie und aller Bekannten, 
die schon damals, und zwar gerne und unaufgefordert, alle ihre 
Künste zeigte, vorsang und überhaupt eine unbändige Bewegung«* 
lust zur Schau trug. 

Ich nahm nun diesen aktiven Eingriff zum Vorbild und 
hielt die Patientin an, Handlungen, vor denen sie die größte 
Angst hatte, auszuführen, Sie dirigierte vor mir (indem sie 
auch die Stimmen eines Orchesters nachmachte) einen längeren 
Satz aus einer Symphonie; die Analyse dieses Einfalles führte 
zur Aufdeckung des Penisneides, von dem sie seit der Geburt 
ihres Bruders geplagt war, Sie spielte mir am Klavier das 
schwierige Stück vor* das sie bei der Prüfung aufzuführen 
hatte; bald nachher erwies sich in der Analyse, daß ihre Angst, 
sich beim Klavierspiele zu blamieren, auf Onaniephantasien 
und Onaniebeschämungen (verbotene „Fingerübungen*') zurück- 
ging. Wegen ihrer angeblich unförmlich großen Brüste traute 
sie sich nicht in die Schwimmanstalt; erst nachdem sie auf 
mein Drängen den Widerstand dagegen überwand, konnte sie 
sich in der Analyse von ihrer latenten Exhibitionslust über- 
zeugen* Nun» da der Zugang zu ihren verstecktesten Tendenzen 
eröffnet wurde, gestand sie mir auch, daß sie — in der Stunde 
— sich sehr viel mit dem Sphinkter ani beschäftigt ; bald spielt 
sie mit dem Gedanken, einen Flatus zu lassen, bald kontrahiert 
sie den Sphinkter rhythmisch usw\ Wie jede technische Reget, 
versuchte dann die Patientin auch die Aktivität ad absurdum 
zu führen, indem sie die ihr gewordenen Auftrage übertrieb. 
Ich ließ sie eine Weile gewähren, dann gab ich ihr den 
Auftrag, diese Spiele zu unterlassen, und nach nicht allzulanger 
Arbeit kamen wir auf die analerotische Erklärung ihrer Angst, 
aus dem Munde zu riechen, die sich bald nach der Reproduk- 



Weiterer Ausbau der „aktiven Technik" In der Psychoanalyse 7* 

tion § der dazugehörigen infantilen Erinnerungen (und bei 
Auf rech terhaJtung des Verbotes der Analspiele) wesentlich 
besserte. 

Den größten Besser ungssch üb verdankten wir der mit Hilfe 
der „ Aktivität*' entlarvten unbewußten Onanie der 
Patientin. Am Klavier sitzend, hatte sie — bei jeder heftigeren 
oder leidenschaftlicheren Bewegung — eine wollüstige Mit- 
empfindung der durch die Bewegung gereizten Genitalpartien. 
Sie mußte sich diese Empfindungen in ßagranti eingestehen, 
nachdem sie den Auftrag bekommen hatte, sich am Klavier — 
wie sie das bei vielen Künstlern sah — recht leidenschaftlich 
zu gebärden ; doch sobald sie anfing, an diesen Spielen Gefallen 
zu finden, mußte sie damit auf mein Anraten aufhören. Als 
Erfolg konnten wir dann Reminiszenzen und Rekonstruktionen 
infantiler Genitalspiele, vielleicht der Hauptquelle ihrer über- 
triebenen Schamhaftigkeit, registrieren. 

Nun ist es aber an der Zeit, uns zu überlegen, was wir 
eigentlich bei diesen Angriffen anstellten und zu versuchen, 
uns eine Vorstellung davon zu machen, welchem psychischen 
KräTtespiel hier die unleugbare Förderung der Analyse zu 
verdanken war* Unsere Aktivität in diesem Falle laßt sich in 
zwei Phasen zerlegen. In der ersten mußten der Patientin, die 
sich vor gewissen Handlungen phobisch hütete, Gebote 
erteilt werden, diese Handlungen, trotz ihres unlusterzeugenden 
Charakters, durchzuführen; nachdem die bisher unterdrückten 
Tendenzen lustvoll geworden waren, hatte sie sich in der 
zweiten ihrer zu erwehren; gewisse Handlungen wurden ihr 
verboten* Die Gebote hatten den Erfolg, daß ihr gewisse, 
bislang verdrängte oder nur in unkenntlichen Rudimenten sich 
äußernde Antriebe vollbewußt, schließlich auch als ihr ange- 
nehme Vorstellungen, als Wunschregungen bewußt 
wurden. Indem ihr dann die Befriedigung der nunmehr lust- 




72 S. Ferenczi 

vollen Betätigung versagt wurde, fanden die einmal geweckten 
psychischen Regungen den Weg zu längst verdrängtem psychi- 
schen Material, zu infantilen Reminiszenzen oder sie mußten als 
Wiederholungen von etwas Infantilem gedeutet und die Einzel- 
heiten und Umstände der kindlichen Vorgänge, unter Zuhilfe- 
nahme des übrigen analytischen Materials (Träume, Einfalle usw.) 
vom Analytiker rekonstruiert werden. Die Patientin hatte es 
nun leicht, solche Konstruktionen anzunehmen, da sie doch 
weder vor sich noch vor dem Arzte ahleugnen konnte, die 
vermuteten Handlungen und die sie begleitenden Affekte 
soeben aktuell erlebt zu haben. So zerfiel die bisher einheitlich 
ins Auge gefaßte „Aktivität u in die systematische Erteilung, 
respektive Befolgung von Geboten und Verboten unter 
steter Einhaltung der Freud sehen „ Situation der Versaguiig". 
Tch war schon in recht zahlreichen Fällen in der Lage* 
von diesen Maßnahmen Gebrauch zu machen* und zwar nicht 
nur — wie im beschriebenen Falle — durch Aktivierung und 
Beherrschung erotischer Tendenzen, sondern auch hochsubli- 
miertcr Tätigkeiten. Eine Patientin, die — abgesehen von 
naiven Versuchen in der Pubertät — niemals dichtete, drängte 
ich auf gewisse Anzeichen hin dazu, ihre poetischen Einfalle 
zu Papier zu bringen. Auf diese Weise kam sie dazu, nicht 
nur ein ungewöhnliches Maß von poetischer Begabung zu 
entfalten, sondern auch das ganze Ausmaß ihrer bis dahin 
latent gebliebenen Sehnsucht nach männlicher Produktivität 
überhaupt, die mit ihrer vorwiegend klitoridiennen Erotik und 
der sexuellen Anästhesie dem Manne gegenüber zusammenhing. 
In der Verbotsperiode aber, in der ihr die literarische Arbeit 
untersagt wurde, stellte sich heraus, daß es sich bei ihr eher 
um Mißbrauch als um Gebrauch eines Talentes handelte, Ihr 
ganzer „Männlichkeitskomplex erwies sich als etwas Sekun- 
däres, als die Folge eines in der Kindheit erlittenen Genital- 



Weiterer Ausbau der „aktiven Technik" in der Psychoanalyse 73 

traumas, das ihren vordem echt weiblichen und hingebungs- 
fähigen Charakter in die Richtung des Autoerotismus und der 
Homosexualität verschoben hatte, indem es ihr die Hetero- 
sexualität verleidete. Die in der Analyse gemachten Erfahrungen 
befähigten die Patientin zur richtigen Einschätzung ihrer 
wirklichen Velleitaten ; jetzt weiß sie, daß sie gewöhnlich 
dann zur Feder greift, wenn sie furchtet, als Weib nicht voll 
zur Geltung zu kommen. Dieses analytische Erlebnis hat zur 
Wiederkehr ihrer normal- weiblichen Genußfähigkeit beigetragen- 
Wenn der Patient von vornherein, ohne erhaltenen Auftrag 
„aktiv ö ist, wenn er onaniert, Zwangshandlungen ausführt» 
Symptomhandlungen und „passagere Symptome'' produziert, 
entfällt natürlich die erste, die «Gebotsperiode", von selbst 
und beschränkt sich die „Aufgabe" des Patienten darauf, solche 
Handlungen zum Zwecke der Förderung dei Analyse zeit- 
weilig zu unterlassen, {Allerdings sind die kleinen Symptome 
oft nur die Rudimente der latenten Tendenzen und der Patient 
ist zu ihrer vollen Entfaltung erst aufzumuntern.) Von solchen 
während der Kur aufgetretenen und verbotenen Symptomen 
erwähne ich : den Drang, unmittelbar vor und nach der Stunde 
zu minieren, Brechreiz in der Analysenstunde, unartiges Zappeln, 
Zupfen und Streicheln am Gesicht, an den Händen oder anderen 
Körperteilen, das schon erwähnte Spielen mit dem Sphinkter, das 
Aneinanderrücken der Beine usw. Bei einem Patienten merkte 
ich z. B., daß er, sobald der Inhalt der Assoziation tut ihn 
unbequem oder unlustvoll zu werden begann^ anstatt weiter zu 
arbeiten, Affekte produzierte, schrie, zappelte, sich überhaupt 
ungebärdig benahm. Natürlich war daran nur der Widerstand gegen 
das bereits angeregte Analysenmaterial schuld ; er wollte die ihm 
unlustvollen Gedanken förmlich von sich „abschüttelnd 1 

i) Die Tics und die sogenannten Stereotypien des Kranken Erfordern 
eine besondere Berücksichtigung-, die ick in einer anderen Arbeit ver- 
suchte. (Band L dieser Sammlung S. 193 ff.) 




74 & Ferenczi 

Der analytischen Grundregel scheinbar widersprechend, 
mußte ich mich in einigen Fällen auch dazu entschließen, 
die Patienten zur Produktion auch von Gedanken und 
Phantasien aufzumuntern, respektive von solchen abzu- 
raten. So animierte ich schon Kranke, die damit drohten, daß 
sie mich belügen, zum Beispiel Träume fingieren werden, 
dazu, diesen Plan doch auszuführen. Wo ich aber den „Miß- 
brauch der Assoziationsfreiheit' 1 mit Hilfe irreführender und 
nichtssagender, vom Thema abseitsliegender Einfalle oder 
Phantasien bemerkte, scheute ich mich nicht davor, dem Patienten 
zu zeigen, daß er sich damit nur schwierigeren Aufgaben zu 
entziehen suche und ihm den Auftrag zu geben, lieber den 
abgebrochenen Gedankenfaden aufzunehmen. Es waren dies eben 
Fälle, in denen die Patienten dem sie wesentlich Angehenden 
aber Unlustvollen mit Hilfe des sogenannten Vorbei- 
rede ns (Ganser) — man könnte eher sagen des Vorbei* 
denkens — ausweichen wollten* Dieses Richtunggebe n für 
den Assoziationsablauf, diese Hemmung, respektive Förderung 
der Gedanken und Phantasien ist sicherlich ebenfalls Aktivität 
im hier gebrauchten Sinne des Wortes, 

in 

Über die Indikationsstellung der Aktivität läßt sich 
wenig AU gerne ingültiges sagen; wenn irgendwo, so heißt es 
wohl hier individuell vorzugehen. Der Hauptgesichtspunkt dabei 
ist und bleibt die möglichste Sparsamkeit mit diesem 
technischen Hilfsmittel, das ja nur ein Notbehelf eine päda- 
gogische Nachhilfe der eigentlichen Analyse ist und nie den 
Anspruch erlieben darf, sich an ihre Stelle setzen zu wollen* 
Ich verglich solche Maßnahmen bei einem anderen Anlasse mit 
der Zange des Geburtshelfers, die ja auch nur im äußersten 

i) „Zur psychoanalytischen Technik 1 *. (Dieser Band S. 38 ff.) 






Weiterer Ausbau der „aktiven Technik" in der Psychoanalyse 75 

Notfälle in Gebrauch genommen werden darf, und deren unnötige 
Anwendung in der Medizin mit Recht zum Kunstfehler 
gestempelt wird. Anfänger oder Analytiker mit nicht sehr großer 
Erfahrung tun überhaupt besser, darauf so lange als möglich 
zu verzichten, nicht nur weil sie damit die Kranken leicht auf 
falsche Fahrten führen (oder von ihnen irregeführt werden) 
können, sondern auch, weil sie dadurch leicht die einzige 
Gelegenheit versäumen, die Erkenntnisse und die Über- 
zeugungen von der Dynamik der Neurosen zu gewinnen* 
die nur aus dem Verhalten der ohne jede äußere Beeinflussung 
behandelten, nur der ^Grundregel** unterworfenen Patienten zu 
holen ist. 

Von den vielen Kontraindikationen hebe ich nur einige 
hervor. Am Beginne einer Analyse sind derlei technische Kunst- 
griffe von Übel. Die Gewöhnung an die Grundregel gibt da 
dem Patienten gerade genug zu schallen, auch hat sich der Arzt 
anfänglich möglichst reserviert und passiv zu verhalten, um die 
spontanen übertragungs versuche des Patienten ja nicht zu 
stören. Im späteren Verlaufe der Kur kann sich, je nach der 
Eigenart des Falles, mehr oder minder oft die Aktivität von 
Nutzen oder auch unvermeidlich erweisen. Selbstverständlich 
muß der Analytiker wissen, daß ein solches Experiment ein 
zweischneidiges Seil wert ist; er muß also sichere Anzeichen von 
der Tragfestigkeit der Übcrt ragung haben, bevor 
er sich dazu entschließt. Die Aktivität arbeitet, wie wir sahen, 
immer „gegen den Strich", das heißt gegen das Lnstpriiizip. 
Ist die Übertragung schwach, d t h + die Kur für den Patienten 
noch nicht zum Zwange geworden (Freud), — so benützt er 
die neue und ihm lästige Aufgabe leicht zur vollen Ablösung 
vom Arzt und zur Flucht aus der Kur. Das ist die Erklärung 
der Mißerfolge der „ wilden Psychoanalytiker", die meist allzu 
aktiv und gewaltsam vorgehen und damit ihre Klienten 



7^ &* Ferenczi 



abschrecken. — Anders sind die Verhältnisse gegen das Ende 
einer Analyse. Da braucht sich ja der Arzt durchaus nicht 
davor zu ängstigen, daß ihm der Patient durchgeht, gewöhnlich 
hat er eben mit dessen Bestreben zu kämpfen, die Kur ins 
Endlose fortzusetzen, das heißt sich an die Kur statt an die 
Wirklichkeit zu klammem, ^Endspiele" der Analyse gelingen 
selten ohne aktive Eingriffe, respektive Aufgaben, die der 
Patient außer der genauen Einhaltung der „Grundregeln" zu 
leisten hat. Als solche nenne ich: Terminsetzungen zur 
Beendigung der Kur, das Drangen zu einer sichtlich schon 
gereiften, aber aus Widerstand hinausgeschobenen Entscheidung, 
hie und da auch die Leistung einer besonderen, vom Arzte 
auferlegten Opferhandlung, einer wohltätigen oder sonstigen 
Spende, Nach einer solchen, zunächst erzwungenen und 
vom Kranken widerwillig ausgeführten Handlung fallen einem 
manchmal {wie zum Beispiel in Freuds Fall einer „infan- 
tilen Neurose*) die letzten Aufklärungen und Reminiszenzen 
des Kranken gleichsam als Abschiedsgeschenke in den Schoß, 
nicht selten gleichzeitig mit einem oft nur kleinen, aber symbolisch 
bedeutsamen Geschenk, das in diesen Fällen vom Patienten 
wirklich gebracht und nicht wie in der Analyse „aufgelöst" wird. 

Es gibt eigentlich keine Neurosenart, bei der die Aktivität 
gelegentlich nicht anzuwenden wäre. Von den Zwangshandlungen 
und angsthysterischen Phobien sagte ich bereits, daß man bei 
ihnen selten ohne diese Technik auskommt. Selten bedarf man 
ihrer bei der echten Konversionshysterie, aber ich erinnere mich 
eines Falles, den ich vor vielen Jahren einmal ähnlich 
behandelte, ohne zu wissen, daß ich dabei aktive Therapie 
betrieb. Ich will den Fall kurz mitteilen. 

Ein bäuerlich aussehender Mann suchte meine Ordination 
an der Arbeiter-Poliklinik mit der Klage auf, an Anfällen von 
Bewußtlosigkeit zu leiden. Ich hielt seine Attacken für hysterische 



Weiterer Ausbau der „aktiven Tedinik" in der Psychoanalyse 77 

und nahm ihn in die Wohnnng mit nach Hause, um ihn 
etwas ausführlicher zu explorieren. Kr erzahlte mir eine lang- 
wierige Familiengeschichte vom Zwist mit dem Vater, einein 
wohlhabenden Landwirt, der ihn wegen seiner Mesalliance 
verstieß, so daß er „als Kanal räumer arbeiten muß, während , . .* 
— bei diesen Worten wurde er blaß 1 schwankte und wäre hui* 
gestürzt, hätte ich ihn nicht aufgefangen. Er schien das 
Bewußtsein verloren zu haben und murmelte unverstandliches 
Zeug ; — ich aber ließ mich nicht beirren, rüttelte den Mann 
ganz tüchtig, wiederholte den von ihm begonnenen Satz, und 
forderte von ihm ganz energisch, den Satz zu Ende zu sagen. 
Er sagte dann mit schwacher Stimme, er müsse als Kanalräumer 
arbeiten, während sein jüngerer Bruder den Acker bestellt: er 
sehe ihn, wie er hinter dem von sechs schönen Ochsen bespannten 
Pflug einhergeht, dann nach getaner Arbeit nach Hause fährt, 
mit dem Vater zusammen ißt usw. Auch ein zweites Mal 
wollte er ohnmächtig werden, als er von dem Zwiespalt zwischen 
seiner Frau und der Mutter erzählte ; ich zwang ihu aber, auch 
das zu Ende zu sagen. Mit einem Worte, der Mann hatte die 
Fähigkeit zu hysterischen Ohnmächten, die er immer wieder 
bekam, wenn er aus der unglücklichen Wirklichkeit in die 
schöne Welt der Phantasie flüchten oder wenn er allzu pein- 
lichen Gedankengängen ausweichen wollte. Das „aktiv* 
erzwungene, bewußte Zu endedenken der hysterischen Phantasien 
hat nun beim Kranken wie eine Wunderkur gewirkt; er konnte 
nicht gentig darüber staunen, daß ich ihn so ^ohne Medizin" 
heilen konnte. Einen in ähnlichem Sinne aktiv beeinflußten 
hysterischen Anfall bei einem zwangskranken Kinde teilte 
unlängst Sokolnicka mit* 1 Sie äußerte auch die sehr 
beachtenswerte Idee, daß man den Symptomen, die im Dienste 

i) „Analyse einer infantilen Zwangsneurose." JnL Zschr* f* FsA.* 
VI, S. aa&\ 



78 S, Ferenczi 

des sekundären Krankheitsgewinnes stehen, pädagogisch bei- 
zukommen trachte. 

Ich erwähne bei dieser Gelegenheit auch die Si mm ei- 
schen Analysen von traumatischen Kriegshysterien, 1 in denen 
durch aktives Eingreifen die Kurdauer wesentlich verkürzt 
wurde, und die mir von Hollos in Budapest mündlich 
mitgeteilten Erfahrungen bei der aktiven Behandlung von 
Katalonikem. Überhaupt durften Kinderneu rosen und 
Geisteskrankheiten ein besonders dankbares Feld für 
die Anwendung pädagogischer und sonstiger Aktivität sein, nur 
darf nie außer acht gelassen werden, daß solche Aktivität nur 
dann als eine psychoanalytische bezeichnet werden kann, wenn 
sie nicht als Selbstzweck, sondern als Hilfsmittel der Tiefen- 
forsch ung zur Anwendung gelangt. 

Die aus äußeren Gründen notwendige Abkürzung der 
Behandlungsdauer, die Massenbehandlung beim Militär, in der 
Poliklinik usw. dürften die Aktivität in ausgiebigerem Maße 
als normale individuelle Psychoanalysen indizieren. Allerdings 
kann ich hier aus eigener Erfahrung auf zwei Gefahren auf- 
merksam machen. Die eine ist, daß der Patient infolge solcher 
Ein griffe zu rasch und damit unvollständig geheilt wird * Eine 
zwangsneurotisch-phobische Patientin z. B. vermochte ich durch 
Aufmunterung bald dazu zu bringen, alle die Situationen, die 
sie vorher ängstlich mied, mit Vergnügen aufzusuchen; sie 
wurde aus einer schüchternen Person, die sich immer von der 
Mutter begleiten lassen mußte, eine außerordentlich lebens- 
lustige, selbständige Dame, die sich von einer ganzen Schar 
von Verehrern umgeben ließ* Zum ziveiten, dem Versagungs- 
teile der aktiven Technik, kam es aber bei ihr überhaupt 

i) „Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen,'* (Int, PsA* Bibl*> 
Bd. i.) 

2} S. „Diskontinuierliche Analysen," (Dieser Band S« 55 ff/ 



Weiterer Ausbau der „aktiven Technik" in <k-r Psydioanal>se 79 

nicht; ich entließ sie in der sicheren Erwartung, daß sie diese 
Kehrseite der aktiven Technik in einer zweiten Analyse werde 
durchmachen müssen, sobald äußere Sclnvierigkehen den nur 
unvollständig gelösten inneren Konflikt neuerlich zur Symptom- 
foildung steigern würden. Die andere Gefahr ist die, daß infolge 
Heizung der Widerstände die Kur, die man mit der Aktivität 
abkürzen wollte, wider Erwarten in die Länge gezogen 
wird. 

Von speziellen Indikationen der aktiveren Analyse nenne ich 
nochmals Fälle von Onanie, deren larvierte und oft chamäleon- 
artig veränderliche Formen konsequent zu entlarven und zu 
verbieten sind, wobei es dann die Patienten oft zum ersten 
Male zu wirklichen Onaniebetätigungen bringen. Die un verhüllten 
Formen der Onanie möge man eine Weile beobachten, bis sie 
sich sozusagen voll entfaltet haben; des unbewußten (ödipus-) 
Kerns der Selbstbefriedigungsphantasien wird man wohl nie 
ohne vorherige Abstellung der Befriedigung selbst habhaft 
werden* 

Auch bei der Behandlung der Impotenz schaut man den — 
meist fruchtlosen — . Begattungs versuchen der Patienten eine 
Zeitlang untätig zu, bald jedoch wird man wohl in jedem 
Falle diese Selbst hei lungs versuche der Patienten wenigstens 
zeitweilig untersagen und von Koitusversuchen solange abraten 
müssen, bis sich als Resultat der Analyse die wirkliche Libido 
mit ihren unzweideutigen Merkmalen meldet. Selbstverständlich 
ist das durchaus nicht als Axiom hinzustellen; es gibt gewiß 
auch Fälle, in denen man die Kur ohne jede solche Beein- 
flussung der sexuellen Betätigung zu Ende führt. Es kommt 
übrigens auch vor, daß man im Interesse der Vertiefung der 
Analyse auch nach der bereits erlangten sexuellen Leistungs- 
fähigkeit dein Patienten vom Sexualverkehr einstweilen 
abraten muß. 




SO S. Ferenczi 

Einen recht ausgiebigen Gebrauch von der Aktivität mußte 
ich in den Fällen machen, die man n Charakteranalysen * 
nennen tonnte. In gewissem Sinne rechnet jede Analyse mit 
dein Charakter des Patienten, wenn sie sein Ich allmählich 
zur Annahme peinlicher Einsichten vorbereitet. Es gibt aber 
Fälle, in denen nicht so sehr neurotische Symptome, als viel- 
mehr abnorme Charaktereigenschaften vorherrschen. Charakter- 
eigenschaften unterscheiden sich von neurotischen Symptomen 
unter anderem dadurch, daß bei ihnen die „ Krankheitsei nsicht* 
ähnlich wie bei den Psychosen zu fehlen pflegt ; sie sind 
gleichsam vom narziß tischen Ich geduldete, ja anerkannte 
Privatpsychosen, jedenfalls Abnormitäten des Ichs, deren 
Änderung eben seitens des Ich der größte Widerstand entgegen- 
gesetzt wird. Der Narzißmus des Patienten kann, wie wir von 
Freud wissen, der analytischen Beeinflußbarkeit des Patienten 
ein Ziel setzen» besonders da der Charakter sich als Schutzwall 
vor dem Zugang zu den infantilen Erinnerungen zu erheben 
pflegt* Gelingt es da nicht, den Patienten nach dem Ausdrucke 
F r e u d s in die ^ Siedehitze der Übertragungsliebe** zu versetzen, 
in der auch die sprödesten Charaktereigenschaften schmelzen, 
so mag man einen letzten Versuch mit der entgegengesetzten 
Methode machen, und Charaktere üge, die oft nur angedeutet 
sind, durch die dem Patienten gegebenen, für ihn unlustvollen 
Aufgaben, also durch die aktive Technik, reizen, dabei zur 
vollen Entfaltung bringen und so ad absurdum führen. Daß eine 
solche Reizung leicht zum Abbruch der Analyse führen kann, 
brauche ich kaum zu betonen; hält aber die Anhänglichkeit 
des Patienten dieser Probe stand, so kann unsere technische 
Bemühung von einem Fortschritt in der Analyse gekrönt sein. 

In den bisher behandelten Fällen bestand die Aktivität des 
Arztes nur darin, daß er den Patienten gewisse Verhaltungs- 
maßregeln vorschrieb, d. h. sie durch ihr Benehmen zur 



Weherer Ausbau der „aktiven Technik" in der Psychoanalyse 8l 

aktiven Mithilfe an der Kur he wog. Prinzipiell zu scheiden 
ist hievon die Frage, ob der Arzt in der Lage ist, durch 
sein eigenes Benehmen rlem Kranken gegen- 
über die Kur zu fördern. Indem wir den Kranken zur 
Aktivität drangen, geben wir ihm eigentlich die Anleitung zur 
Selbsterziehung, die das Ertragen des noch Verdrängten 
erleichtern soll. Es fragt sich nun, ob wir auch die sonstigen 
Hifsmittd der Pädagogik, als deren wichtigste Lob und Tadel 
zu nennen sind* anwenden dürfen ? 

Freuet sagte gelegentlich, daß bei Kindern die analytische 
Nachemelmng nicht von aktuellen Aufgaben der Pädagogik zu 
trennen ist* Die Nearßtiker haben aber, besonders in der 
Analyse, alle etwas Kindliches an sich und man kommt 
manchmal in ^er Tat in die Lage» eine allzu stürmische Über- 
tragung mit etwas Zurückhaltung abzukühlen* besonders Spröden 
etwas Freundlichkeit au zeigen und durch diese Maßnahme das 
nötige „Temperaturoptimum u des Verhältnisses zwischen Arzt 
und Patient herzustellen. Niemals aber darf der Arzt im 
Patienten Erwartungen wecken, die er nicht halten kann oder 
darf; er muß für die Aufrichtigkeit jeder getanen Äußerung 
bis zum Ende der Kur haften* Nur innerhalb des Rahmens der 
vollen Aufrichtigkeit ist einiger Raum für taktische Maßnahmen 
dem Patienten gegenüber da. Ist einmal jenes „Optimum* 
erreicht, so wird man sich natürlich nicht länger mit diesem 
Verhältnis beschäftigen, sondern sich sobald als möglich der 
Hauptaufgabe der Analyse, der Erforschung des Unbewußten 
und des Infantilen, zuwenden, 

IV 

Ich kam zu wiederhohen Malen in die Lage, mich gegen 
unmotivierte und meiner Ansicht nach überflüssige oder gar 
irreführende Vorschläge zur Modifikation der psychoanalytischen 

Ferencii, Bausteine zur Psychoanalyse II 



82 & Ferenczi 

Technik auszusprechen. Wenn ich nun selbst mit einigen neuen 
Vorschlägen komme, so muß ich entweder meine bisher 
geäußerten konservativen Ansichten zurückziehen oder nach- 
weisen, daß diese Vorschläge mit den früheren Äußerungen 
verträglich sind. Ich bin auch darauf gefaßt, daß meine seiner- 
zeitigen Gegner sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen 
werden, mich der Inkonsequenz zu zeihen. Ich denke dabei au 
meine kritischen Äußerungen über die technischen Vorschläge 
von Bjerre, Jung und Adle r. 

Bjerre schlug vor, sich bei der Analyse nicht mit der 
Erforschung der pathogenen Ursachen zu begnügen, sondern 
auch die geistige und ethische Leitung und Lenkung des 
Patienten in die Hand zu nehmen. Jung wollte, daß der 
Psychotherapeut die Aufmerksamkeit des Kranken von der 
Vergangenheit weg — und auf die aktuellen Aufgaben des 
Lebens hinlenke; Adler sagte, daß man sich nicht mit der 
Analyse der Libido, sondern des H nervösen Charakters" zu 
beschäftigen habe. Meine heutigen Vorschläge zeigen nun 
gewisse Analogien mit diesen Modifikationen, aber die Unter- 
schiede sind viel zu augenfällige als daß sie der objektiven 
Beurteilung entgehen könnten. 

Die Weisungen, die ich dem Patienten — und zwar, wie 
gesagt, nur in gewissen Ausnahmsfallen — zu geben vorschlage, 
beziehen sich durchaus nicht auf die praktische oder geistige 
Lebensführung im allgemeinen, sie beziehen sich nur auf 
gewisse Einzelhandlungen; sie sind auch nicht a priori aufs 
Moralische gerichtet, sondern nur gegen das Lustprinzip; 
sie hemmen die Erotik (die „Unmoral") nur, insofern sie 
damit ein praktisch -analytisches Hindernis aus dem Wege zu 
schaffen hoffen. Es kann aber ebensowohl vorkommen, daß man 
beim Patienten eine von ihm abgewehrte erotische Tendenz 
duldet oder ihn dazu ermutigt. Die Charakteruntersuchungen 



Weiterer Aushau der „aktiven Technik" in der Psychoanalyse 83 

werden niemals in den Vordergrund unserer Technik gerückt, 
sie spielen hier auch nicht die ausschlaggebende Rolle wie bei 
Adler, sondern werden nur angerührt, wenn gewisse abnorme, 
den Psychosen vergleichbare Züge die normale Fortsetzung der 
Analyse stören. 

Man könnte auch einwenden, daß die „aktive Technik* eine 
Rückkehr zur banalen Suggestions- oder zur kat ha r tischen 
Abreagiertherapie sei. Dem wäre zu entgegnen, daß wir bestimmt 
nicht im alten Sinne suggerieren, da wir ja nur gewisse 
Verhaltungsmaßregeln vorschreiben, den Erfolg der Aktivität 
aber nicht voraussagen, ja im vorhinein nicht einmal selbst 
wissen. Indem wir Gehemmtes fördern, Ungehemmtes hemmen 
lassen, hoffen wir nur auf eine Neuverteilung der psychischen, 
in erster Linie der libidinösen Energien des Kranken, die der 
Zutagefövderung verdrängten Materials förderlich ist- Was aber 
dieses Material sein wird, das reden wir dem Kranken um so 
weniger ein, als tvir uns davon selbst gerne überraschen lassen. 
Schließlich versprechen wir davon weder uns noch dem 
Patienten eine unmittelbare „ Besserung * des Zustandes. Im 
Gegenteil, die Reizung des Widerstandes durch die Aktivität 
stört nicht wenig die behagliche, aber torpide Ruhe einer ins 
Stocken geratenen Analyse. Eine Suggestion aber, die nur 
Unangenehmes verspricht, unterscheidet sich nicht unwesentlich 
von d.en bisherigen gesundheits versprechenden ärztlichen Sug- 
gestionen, so daß sie kaum mehr mit demselben Namen belegt 
werden kann. Nicht minder groß sind die Unterschiede 
zwischen der „Aktivität" und der kathartischen Therapie. Die 
Katharsis machte es sich zur Aufgabe, Reminiszenzen zu wecken, 
und erzielte durch das Erwecken von Erinnerungen die Ab- 
reaktion eingeklemmter Affekte, Die aktive Technik regt beim 
Patienten gewisse Handlungen, Hemmungen, psychische 
Einstellungen oder eine Affektabfuhr an und erhofft das 



H S. Ferenczi 

sekundäre Zugänglich werden des Unbewußten oder des 
Erinnerungsmaterials» Jedenfalls ist die heim Kranken an- 
geregte Betätigung nur Mittel zum Zweck, während die 
Affektabfuhr der Katharsis als Selbstzweck betrachtet wurde. 
Wo also die Katharsis ihre Aufgabe für beendet hält, 
dort beginnt für den „aktiven 6 * Analytiker erst die eigentliche 
Arbeit. 

Tndem ich aber die Unterschiede (7,11m Teil direkte Gegen- 
sätze) zwischen den erwähnten Behandlungsmethoden und 
Modifikationen einerseits und der aktiven Technik andererseits 
hervorhebe, will ich durchaus nicht leugnen, daß die kritik- 
lose Anwendung meiner Vorschläge leicht zu einer Verzerrung 
der Analyse in eine der von Jung, Adler und Bjerie 
eingeschlagenen Richtungen führen oder zxtr kathartischen 
Therapie regredieren kann. Ein Grund mehr, diese technischen 
Hilfsmittel mit der größten Vorsicht und erst bei voller 
Beherrschung der regelrechten Psychoanalyse anzuwenden. 

v 

Zum Schlüsse möchte ich kurz einige Überlegungen mit- 
teilen, miJ der:eri ich mir die Wirksamkeit der aktiven Technik 
auch theoretisch erklärlich zu machen versuche. Die Aktivität 
in dem beschriebenen Sinne bewirkt vor allem eine Steigerung 
des Widerstandes, indem sie die Ich Empfindlichkeit reizt. Sie 
führt aber auch die Exazerbaüoii der Symptome herbei, 
indem durch sie äi*? Heftigkeit des inneren Konflikts zunimmt. 
Die aktiven Eingriffe erinnern slso an Reizkuren, die man in 
der Medizin gegeu gewisse torpide oder chronische Prozesse 
anwendet; ein chronisch gewordener Schleimhautkatai-vh 
erweist sich gegen jede Behandlung refraktär, die akute 
Exazerbation durch künstliche Reizung führt aber nicht nur 
zur Entdeckung latenter Krankheitsherde, sie weckt auch 



Weiterer Ausbau der „aktiven Tedinik" in der Psychoanalyse 85 

Abwehrkräfte des Organismus, die beim Heilungs Vorgang nützlich 
sein können. 

Eine ganz andersartige theoretische Überlegung beleuchtet 
die Wirksamkeit der aktiven Technik vom Standpunkte der 
psychischen Ökonomie, Wenn der Kranke lustvolle Tätigkeiten 
einstellt, unlustvollc erzwingt, so entstehen bei ihm neue 
psychische Spann ungszustän de, zumeist Steigerungen der 
Spannung, die auch entfernte oder tief verdrängte, bisher von 
der Analyse verschont gebliebene Seelengebiete in ihrer Ruhe 
stören, so daß deren Abkömmlinge — in Form von deutbaren 
Einfällen — den Weg zum Bewußtsein finden. 

Ein Teil der Wirksamkeit der Aktivität wird vielleicht von 
der „sozialen** Seite der analytischen Therapie her verständlich. 
Um wie viel stärker und tiefer die Beichte als das Selbst- 
bekenntnis, das Analysiertweiden als die Selbstanalyse wirkt, ist 
allgemein bekannt. Erst unlängst hat ein ungarischer Soziologe 
diese Wirkung gebührend gewürdigt. Eine weitere Steigerung 
dieser Wirkung erzielen wir aber, wenn wir einen Patienten dazu 
verhalten, tief versteckte Kegungen sich nicht nur zu bekennen, 
sondern sie auch vor dem Arzte zu agieren. Wenn wir 
ihm dann auch die Aufgabe stellen, diese Regungen bewußt 
zu beherrschen, haben wir wahrscheinlich den ganzen 
Prozeß einer Revision unterzogen, der irgend einmal in 
unzweckmäßiger Art mittels der Verdrängung erledigt 
wurde. Es ist gewiß kein Zufall, daß in der Analyse gerade 
infantile Unarten so häufig zur Entfaltung gebracht, dann 
untersagt werden müssen. 1 

Daß die vom Kranken erzwungenen Affekt äußerungen oder 
motorischen Aktionen sekundär Reminiszenzen aus dem 
Unbewußten heben, beruht zum Teil wohl auf der von F r e u d 

1) Sh. auch „Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten" (vom 

Verf,). Int. PsA. Verlag ig 25. 



86 S, Ferenczi 

in der „Traumdeutung" betonten Reziprozität von Affekt und 
Vorstellung. Die Erweckung einer Reminiszenz kann — wie 
bei der Katharsis — eine Affektreaktion nach sich ziehen ; aber 
eine vom Kranken verlangte Tätigkeit oder ein bei ihm aus- 
gelöster Affekt kann ebensowohl gewisse zu solchen Vorgängen 
assoziierte verdrängte Vorstellungen zutage fordern, Natürlich 
muß der Arzt Anhaltspunkte dafür haben, welche Affekte 
oder Aktionen nach Reproduktion verlangen* Es ist auch 
möglich, daß gewisse frühin fontüe unbewußt-pathogene Seelen- 
Inhalte, die überhaupt nie bewußt (oder vorbewußt) waren, 
sondern noch aus der Periode der Ä un koordinierten Gesten" 
oder der „magischen Gebärden", also aus der Zeit vor der 
Entwicklung des Sprachverständnisses stammen, 1 — überhaupt 
nicht einfach erinnert, sondern nur durch ein Wieder- 
erleben im Sinne der Freud sehen Wiederholung reproduziert 
werden können* Die aktive Technik spielt dabei nur die Rolle 
des agent provocateur* ihre Gebote und Verbote fordern das 
Zustandekommen von Wiederholungen, die dann gedeutet, 
respektive zu Erinnerungen rekonstruiert werden sollen. „Es 
ist eine Feier der Therapie"*, — sagt Freud — „wenn es 
gelingt, auf dem Erinnerungswege zu erledigen, was der 
Patient durch Aktion abführen möchte/ — Die aktive Technik 
will nichts mehr und nichts anderes, als gewisse noch latente 
Wiederholungstendenzen durch Aktion zutage fördern und 
dadurch der Therapie vielleicht etwas rascher als bisher zu 
jenen Triumphen verhelfen. 



i) Vgl. „Entwicklungsstufen des Wjrklichkehss]iu)ea u {Band I. $■ 62} 



Über forcierte Phantasien 

Aktivität in der AssoziationsteAnik 

Vortrag in Jcr ^UngarJändi^chtn Psychoanalytischen Vereinigung* im Mai ip*J 

Im Haager Kongreßvortrage über die „aktive" psychoanalytische 
Technik 1 führe ich aus, daß man manchmal in die Lage 
kommt, dem Patienten Gebote und Verbote in Bezug auf 
gewisse Handlungen erteilen zu müssen, um hiedurch den 
gewohnheitsmäßigen (pathologischen) Abfluß der Reizabströmung 
aus dem Psychischen zu stören, und daß die aus diesem Ein- 
griffe resultierenden neuen psychischen Span nungs Verhältnisse 
imstande sein können, bisher verborgen gebliebenes Material 
im Unbewußten zu aktivieren und im Asso^iationsmaterial 
manifest werden zu lassen* Zwischendurch mache ich aber 
schon dort die Bemerkung, daß diese Aktivität sich gelegentlich 
auch auf die Beeinflussung des Assoziationsmaterials selbst 
erstrecken kann. Wenn man z. B. beim Patienten Anzeichen 
des „ Mißbrauches der Assoziationsfreiheit* 2 merkt und ihn 
darauf aufmerksam macht oder wenn man den Redefluß des 
Analysierten plötzlich unterbricht und auf etwas früher Vor* 

i) Dieser Band S. 61 ff. 

a) Dieser Band £. 58 ff. „Zur psychoanalytischen Technik," 




88 S* Ferenczi 

gebrachtes zurückkommt, vor dem der Patient mit seiner 
Logorrhoe nach Art des „Vorbeireden*" zu entfliehen sucht, 
sündigen wir anscheinend gegen die -.psychoanalytische Grund- 
regel , bleiben aber einer anderen, noch wichtigeren Kegel 
treu, der nämlich, daß es eine der Hauptaufgaben des Analytikers 
ist, die Widerstände des Patienten zu entlarven; vort dieser 
Hegel dürfen aber auch jene Fälle keine Ausnahme machen, 
in denen der Widerstand unsere assoziative Grundregel zur 
Vereitelung der Absichten der Kur verwenden m achte- 
ln noch selteneren Fällen *ah ich mich, wie ich schon im 
Haag berichtete, in die Notwendigkeit versetzt, solche 
Assoziati oxis verböte auch auf die Phantasietätigkeit des 
Patienten auszudehnen. Kranke, deren Symptome in gewohnheits- 
mäßige]! Tagträumen bestehen, pflege ich gelegentlich dazu 
anzuhalten, solche Phantasien gewaltsam zu unterbrechen und 
sich anzustrengen, jenen phobisch gemiedenen psychischen 
Eindruck aufzusuchen, vor dem sie auf das pathologische 
Phantasiegeleise ausgewichen sind* Solche Beeinflussung glaubte 
und glaube ich gegen den Vorwurf, man vermenge hier die 
Methode der freien Einfälle mit dem Suggestion sv erfahren, 
gefeit; bestand doch hier unser Eingriff nur in einer 
Hemmung, in der Absperrang gewisser Assozialronswege, 
während das an ihrer Stelle Produzierte vom Analysierten allein 
geliefert wurde, ohne daß wir in ihm Er wartungs Vorstellungen 
geweckt hatten. 

Seither sah ich aber ein, daß es Übertriebenheit und 
Pedanterie wäre, diese Einschränkung unter allen Umständen 
einzuhalten, ja ich mußte mir eingestehen, daß wir dies 
eigentlich niemals wortlich eingehalten haben* Wenn wfr die 
freien Einfälle des Patienten deuten, und das tun wir 
unzähligem al in jeder Analysenstundc, lenken wir ja in einem 
fort seine Assoziation stätigkeit, erwecken in ihm Erwartungs- 






Über forcierte Phantasien &9 

Vorstellungen, balmen so seine Ideenverknüpfungen auch 
inhaltlich, sind also eminent aktiv, indem wir ihm gleichsam 
Assoziationsgebote erteilen. Der Unterschied zwischen diesen 
und der gemeinen Suggestion besteht nur mehr darin, 
daß wir unsere Deutungsvorschläge nicht ah unwiderlegliche 
Enunziationen erachten, sondern deren Gültigkeit davon 
abhängig sein lassen, ob sie durch das daraufhin sich einstellende 
Erinnerungs- (oder Wiederholungs-) Material bestätigt werden 
oder nicht. Unter solchen Bedingungen erweist sich, wie es 
Freud längst feststellte* die „Suggestibilität 44 , d.h. die kritik- 
lose Annahme unserer Vorschläge seitens des Analysierte^ 
keineswegs sehr stark. Im Gegenteil, besteht die erste Reaktion 
auf die Deutung zumeist im Widerstände, in einer mehr 
minder schroffen Ablehnung, und erst viel später wird uns 
mögli eher weise das bestätigende Material zur Verfügung gestellt. 
Ein anderer Unterschied zwischen uns und dem all macht igen 
Suggestor ist der, daß auch wir selber eine Dosis Skepsis 
unseren eigenen Deutungsvorschlägen gegenüber beibehalten 
und immer bereit sein müssen, diese zu modifizieren oder 
ganz zurückzuziehen, auch dann sogar, wenn der Patient 
eiwa unsere irrtümliche oder unvollständige Deutung bereits 
akzeptiert hatte. 

Im Besitze dieser Einsichten entfiel i\cr prinzipielle Ein- 
wand gegen die etwas eindringlichere Verwendung solcher 
Assoziationsgebote in der Analyse, natürlich nur in Fällen, 
in denen ohne sie die Arbeit gar nicht oder überaus langsam 
von statten ging. 

Ich denke zunächst an einen Menschentypus, der sich in 
der Analyse wie auch im Leben besonders phantasiearm, 
wenn auch nicht phantasielos, gebärdet, Menschen, an denen 
die eindrucksvollsten Erlebnisse spurlos vorbeizugehen scheinen. 
Solche sind imstande, in der Erinnerung Situationen zu 



90 S. Ferenczi 

reproduzieren, die nach unserer Schätzung in jedem Menschen 
notwendigerweise heftige Affekte der Angst, der Rache, der 
exotischen Erregung usw. und die zur AfTektabfuhr erforder- 
lichen Handlungen, Wollungen, Phantasien oder zumindest 
äußerliche oder innerliche Ausdrucksbewegungen hätten erwecken 
müssen, ohne auch nur die Spur solcher Reaktionen zu fühlen 
oder zu äußern. In solchen Fällen nun zögere ich nicht, 
gestützt auf das Vorurteil, daß solches Verhalten auf Verdrängung 
psychischen Materials und auf Unterdrückung von Affekten 
beruht, die Patienten dazu zu drängen, die adäquaten 
Reaktionen nachzuholen, und wenn sie immer noch dabei 
beharren, daß ihnen nichts einfalle, so beauftrage ich sie, 
solche Reaktionen in der Phantasie frei zu erfinden. Auch 
den Einwand, der mir dann gewöhnlich entgegengehalten wird, 
daß solche Phantasien doch ganz ^künstlich", „unnatürlich", 
ihnen wesensfremd, erlogen usw. seien, wofür der Patient jede 
Verantwortlichkeit ablehnt, pflege ich zu erwidern, daß er ja 
nicht die Aufgabe habe, die Wahrheit (die Wirklichkeit) zu 
sagen, sondern alles, was ihm einfalle, ohne Rücksicht auf 
dessen objektive Realität, auch sei er gewiß nicht verpflichtet, 
diese Phantasien als ganz spontane Leistungen anzuerkennen. 
Solcherart seiner intellektuellen Widerstände entwaffnet, versucht 
dann der Patient, meist nur sehr zögernd, stockend und in 
jedem Momente im Begriffe, damit aufzuhören (was ein fort- 
währendes Drangen seitens des Analysierenden erfordert)* die in 
Rede stehende Situation auszumalen. Mit der Zeit wird er 
aber mutiger, seine „erdichteten" Phantasieerlebnisse bunter, 
lebhafter und eindrucksvoller, es kommt schließlich auch dazu, 
daß er ihnen nicht mehr kühl -objektiv gegenüberstehen kann, 
sondern daß die Phantasie mit ihm „durchgeht". Ja, ich erlebte 
mehrmals das Schauspiel, daß eine solche „erfundene" Phantasie 
in ein Erleben von beinahe halluzinatorischer Schärfe — je 



Über forcierte Phantasien 9t 

nach ihrem Inhalte, mit den deutlichsten Anzeichen der Angst, 
der Wut oder der erotischen Erregung — auslief. Der 
analytische Wert solcher ^forcierter Phantasien 1 *, wie ich sie 
nennen möchte, ist unbestreitbar. Zum ersten liefern sie den 
Beweis, daß der Patient solcher psychischer Produktionen, vor denen 
er sich frei wußte, überhaupt fähig ist ; sodann gaben sie uns die 
Handhabe zur tieferen Erforschung des Unbewußt- Verdrängten, 

In einzelnen Fallen, wenn der Patient trotz starken Drängens 
nichts produzieren wollte, hielt ich mich auch davor nicht 
zurück, ihm direkt nahezulegen, was er ungefähr in der 
gegebenen Situation hätte fühlen, denken oder phantasieren 
sollen; und wenn er schließlich auf meinen Vorschlag einging, 
war es natürlich weniger die von mir gelieferte Haupthandlung, 
als die vom Analysierten hinzugefügten Einzelheiten, auf die 
ich Wert legen konnte. 

Der solcherart Überrumpelte pflegt, trotz der intensiven 
Erleb nisstarke der in der Stunde produzierten n forcierten 
Phantasie", bis zur nächsten Stunde alles daran zu setzen, um 
deren Über/eugungswert möglichst abzubauen und er muß 
dieselbe oder eine ähnliche Phantasie mehrmals durchleben, 
bis davon ein Rest von Selbsteinsicht übrig bleibt, In anderen 
Fällen kommt es aber dabei zur Produktion oder Reproduktion 
ganz unerwarteter, weder vom Arzte noch vom Patienten 
vorhergesehener Szenen, die einen unauslöschlichen Eindruck 
in der Mentalität der Patienten zurücklassen und die analytische 
Arbeit wie mit einem Ruck fordern. Gingen wir aber mit 
unserer Vermutung in die Irre und liefert der Patient in 
Fortsetzung des von uns Angeregten Einfälle und Phantasien, 
die den von uns forcierten widersprochen, so müssen wir 
unseren Irrtum frei einbekennen, ob?, war es nicht aus- 
geschlossen ist, daß das spätere Analysenmaterial uns doch noch 
recht geben wird. 



92 S, Fcrcnczi 



Dreierlei Phantasien waren es hauptsächlich, die ich mich 
auf ähnliche Weise zu forcieren bemüßigt sah, und zwar: 
/ : positive und negative Übertragungsphantasien, 2) infantile 
Erinnerungsphantasien, j) Onaniephantasien. 

Aus dem Analysenmaterial der letzten Wochen möchte ich 
Ihnen Beispiele dafür vorbringen. 

Ein sonst gar nicht phantasiearmer, aber in seinen eigenen 
Gefühlsäußerungen durch vorgefaßte Meinungen (Ideale) stark 
behinderter Mann wird vom Analytiker, auf den er viel Freund- 
lichkeit und Zärtlichkeit übertrug, gegen das Ende der Analyse 
ziemlich unsanft an die Aussichtslosigkeit dieser seiner Ein- 
stellung erinnert, zugleich wird ihm ein Termin gesetzt, bis 
zu dem er entweder geheilt sein oder ungeheilt entlassen 
werden müsse. Statt der erwarteten Wut- und Rachereaktion, 
die ich als Wiederholung tie (verdrängter infantiler Seelen- 
Vorgänge gleichsam provozieren wollte, kamen einige lang- 
weiligej stimmungs- und arbeitslose, aber auch von Affekten 
und affektiv gefärbten Phantasien vollkommen freie Stunden, 
Ich hielt ihm vor, er müsse mich nach dem Vorgefallenen 
hassen und es sei unnatürlich, daß er davon nichts verspüre. 
Er aber wiederholte unentwegt, er sei mir nur dankbar, er 
fühle mir gegenüber nur Freundlichkeit usw. Ich drängte ihn, 
doch über mich etwas Aggressives auszudenken. Nach den 
gewohnten Abwehr- und Ablehnungs versuchen kamen schließlich 
schüchterne, dann immer heftigere Aggressionsphantasien, die 
letzteren unter Anzeichen deutlicher Angst (Angstschweiß). 
Schließlich kamen ihm aber Schlagephantasien von hallu- 
zinatorischer Schärfe, dann die Phantasie, daß er mir die 
Augen aussticht, die plötzlich in eine sexuelle Szene umschlug, 
in der ich die Rolle des Weibes spielte. Während des Phanta- 
sierens hatte der Patient deutliche Erektionen. Der weitere 
Verlauf seiner Analyse verlief im Zeichen solcher forcierter 



Ober forcierte Phantasien 93 

Phantasien, die es ihm ermöglichten, fast alle Siluationen des 
„vollständigen Ödipuskomplexes" mit der Person des Analytikers 
zu erleben, und dem Analytiker, aus diesen Phantasien die 
frühiufantile Libidoentwicklungsgeschichte dos Patienten zu 
rekonstruieren. 

Eine Patientin behauptet , die gewöhnlichsten obszönen 
Bezeichnungen für die Genitalien und Gen ha! Vorgänge nicht 
zu kennen. Ich habe keinen Grund, an ihrer Aufrichtigkeit zu 
zweifein, muß ihr aber vorhalten, daß sie diese Worte in der 
Kindheit sicher gewußt, dann verdrängt habe und später 
infolge der Verdrängung unbeachtet gelassen ha'tfö, an ihnen 
gleich sam vorbeihörte. Z^d^kk beauftragte ich sie, mir die 
Worte oder lernte zu nennen, die, ihr einfallen, wenn sie ans 
weibliche Genitale denkt. Zuerst kamen etwa zehn Worte, aJle 
mit dem richtigen Anfangsbuchstaben, dann, ein Wort, das die 
erste, und ein zweites, Ai\s die zweite Silbe des gesuchten 
Wortes enthielt. Ahn lieh sagte sie mir stückweise die Buch- 
staben uifid Silben, die das obszöne Wort für männliches Glied 
und das fftr ^Geschlechtsverkehr" zusammensetzen. In diesen 
forcierten Wonnen bildungcn kam also das verdrängte Wort- 
erinnern ngsmaterial in ähnlicher Weise /-um Vorschein» wie die 
bewußt verheimlichten Kenninisse bei dem Oberrum pelungs- 
ver fr; Irren des Assoziation^ Versuches. 

Dieser Fall erinnert mich übrigens an einen anderen, in 
dem mir die Patientin ein fast mit Sicherheit anzunehmendes 
Verführungserlebr/is in unzähligem Varianten vorbrachte, gleich- 
sam um mich (und sich) zu verw irren und die Realität zu 
verdunkeln. Immer wieder mußte ich sie zum „Erdichten^ 
einer solchen Szene verhalten, wobei stets neue Einzelheiten 
mit Bestimmtheit festzustellen waren. Ich mußte dann diese 
Feststellungen mit ihrem ganzen Verhalten unmittelbar nach 
dem erwähnten Ereignis (im neunten Lebensjahre) zusammen*- 



._ 



94 S. Ferenczi 

halten, wo sie monatelang unter der Zwangsidee litt, einen 
Andersgläubigen heiraten zu müssen; mit ihrem Benehmen 
unmittelbar vor der Ehe T wo sie eine auffallende Naivität zur 
Schau trug; mit den Vorgängen in der Brautnacht, wobei dem 
Bräutigam das Fehlen der Initiationsbesch werden auffiel usw T 
Doch erst die oben angedeuteten Phantasien führten allmählich 
zur Feststellung der Tatsächlichlteit des Vorfalles, die die 
Patientin, unter der I^ast der Indizienbeweise zugeben mußte. 
Als letzte Verteidigungswaffe verwendete sie die allgemeine 
Unsicherheit des Erinnern* überhaupt (das heißt eine Art 
Zweifelsucht}, schließlich die philosophische Frage nach der 
Evidenz der sinnlichen Erfahrung (ü rubel sucht), „Man kann 
ja nicht einmal bestimmt sagen", — meinte sie, — tt ob der 
Stuhl, der da steht, wirklich ein Stuhl sei, fc Ich antwortete 
ihr» daß sie mit diesem Einfalle eigentlich zugebe, die 
Sicherheit jener Erinnerung auf die Stufe der unmittelbaren 
sinnlichen Erfahrung gehoben zu haben, und mir diesem 
Sicherheitsgrade konnten wir uns beide zufrieden geben. 

Eine andere Patientin litt an unleidlichen „Spannungs- 
empfindimgen" an den Genitalien» die oft stundenlang 
andauerten; während ihrer Dauer war sie arbeits- und denk- 
unfahig; sie mußte sich hinlegen und lag regungslos, bis der 
Zustand vorüber war oder, was nicht selten vorkam, in den 
Schlafzustand überging. Sie sagte mir ausdrücklich, daß sie in 
diesen Zuständen an nichts denke; die Zustande endeten auch 
nie mit orgastischen Empfindungen, Nachdem die Analyse 
genügendes Material über ihre infantilen Fixierungsobjekte 
gebracht und diese auch in der Übertragung auf den Arzt 
deutlich zur Wiederholung kamen, mußte ich ihr die wohl- 
begründete Vermutung mitteilen, daß sie in diesen Zuständen 
unbewußt einen vermutlich aggressiven Sexualakt phantasiere, 
und zwar mit dem Vater, respektive seinem derzeitigen Stell- 



Ober forcierte Phantasien 95 

Vertreter, dem Arzte. Sie blieb einsichtslos, worauf ich nicht 
zögerte, ihr den Auftrag zu geben, beim nächsten » Span- 
nungszustand die Aufmerksamkeit auf die bewußt von mir 
angedeutete Phantasie zu lenken. Nach der Überwindung 
großer Widerstände gestand sie mir später, die Phantasie eines 
allerdings nicht aggressiven Sexual Verkehrs durchlebt und am 
Ende desselben den unwiderstehlichen Zwang gefühlt zu 
haben, mit dem Unterleib einige onanistische Bewegungen zu 
machen, worauf die Spannung mit dem Gefühle orgastischer 
Erleichterung plötzlich aufhörte* Dies wiederholte sich dann 
noch mehrere Male, Die Analyse stellte fest, daß die Patientin 
bei der Erzählung dieser Phantasien die unhe wußte Hoffnung 
hegte, der Arzt werde nach dem Geständnis ihre Phantasien 
realisieren. Der Arzt begnügte sich aber natürlich damit, ihr diesen 
Wunsch klarzumachen und nach dessen Wurzeln in ihrer 
Vorgeschichte zu fahnden. Von da an änderten sich die 
Phantasien: sie wurde der Mann mit deutlich männlichem 
Genitale, mich aber machte sie zum Weibe* Der Analytiker 
mußte ihr erklären, daß sie damit nur die Alt wiederhole, in der 
sie als Kind auf die Verschmähung durch den Vater mit einer 
Identifizierung (maskulinen Einstellung) reagierte, um sich von 
der Gunst des Vaters unabhängig zu machen ; diese Trotz- 
ein Stellung charakterisiere seit jeher ihr ganzes Gefühlsleben 
Männern gegenüber. Es kamen dann andere Varianten; 
Phantasien von Genecktwerden durch einen Mann (mit 
deutlich urethralerotischem Inhalt), dann Phantasien von Sexual- 
begebenheitcn mit dem älteren Bruder (den sie wegen seiner 
Strenge weniger als den jüngeren zu lieben vorgab). Schließlich 
hatte sie ganz normal weibliche, hingebungsvolle Onanie- 
phantasien, sicherlich in Fortsetzung der ursprünglichen, Hebe- 
vollen Einstellung dem Vater gegenüber. 

Nur den geringsten Teil der Phantasien brachte sie spontan, 



L= 



<)6 S* Ferenczl 

zumeist mußte ich, auf Grund ihrer Träume und der Einfälle 
in den Stunden die Richtung angeben, in der sie ihre 
unbewußten Erlebnisse forcieren sollte. Dieser „Gebot speriode* 
muß aber in jeder vollständigen Analyse eine „Verbots- 
periode" folgen, das heißt man muß den Patienten so weit 
bringen, daß er die Phantasien auch ohne onanistische Ent- 
spannung erträgt und der hiemit verbundenen Unlustgefühle 
und unlustvollen Affekte (Sehnsucht, Wut, Rache usw.) bewußt 
wird, ohne sie zu hysterischen ,jSpannuttgsgefühlen" usw« kon- 
vertieren £u müssen. 

Mit den vorgebrachten Beispielen glaube ich die Art, in der 
ich von „ forcierten Phantasien' 4 Gebrauch machen kcnnle, 
genügend illustriert zu haben. Meine Aufgabe wäre nun, 
etwas von der Indikation zu diesem technischen Griff und von 
eventuellen Gegen anzeigen zu sagen- Wie „aktive** Eingriffe 
überhaupt, haben auch diese Phantasieaufgaben fast stets nur 
in der Ablösungsperiode, also gegen das Ende der Kur ihre 
Berechtigung; allerdings muß man dem hinzufügen, daß 
solche Ablösungen niemals ohne schmerzliche v Versagungen", 
das heißt ohne Aktivität des Arztes vor sich gehen, Soviel 
über den Zeitpunkt, der zur Anwendung dieser Technik 
geeignet ist. Welche Phantasien man dem Patienten nahelegen 
muß* laßt steh im allgemeinen nicht sagen* das muß sich 
aus dem ganzen AnalyseuiiUiterial von selbst ergeben. Es gilt 
auch hier der Freud sehe Satz, daß die Fortschritte der 
analytischen Technik von der Vermehrung unseres analytischen 
Wissens zu erwarten sind. ivs ist also viel Erfahrung bei 
„nicht-aktiven" Analysen und nicht forcierten Phantasien 
notwendig, bevor man sich einen solchen, immerhin gewagten 
Eingriff in die Spontaneität der Assoziationen der Patienten 
gestatter* darf. In falscher Richtung versuchte Phantasie- 
Suggestionen (wie sie auch beim l Geühtesten gelegentlich vor 



Über forcierte Phantasien 07 



kommen), können die Kur, die sie verkürzen wollten, unnötig 
verzögern. 

Diesen Untersuchungen über das unbewußte Phantasieleben 
der Patienten verdanke ich nicht nur die Einsicht in die Ent- 
steh ungs weise einzelner Phantasie-Inhalte, sondern — als Neben- 
gewinn ~ auch Einblicke in die Verursachung der Lebhaftig- 
keit, beziehungsweise Torpidität des Phantasielebens überhaupt. 
Ich machte unter anderem die Entdeckung, daß die Lebhaftig- 
keit der Phantasie oft in geradem Verhältnis zu jenen Kindheits- 
erlebnissen steht, die wir infantile Sexualtraumen nennen. Ein 
großer Teil der Patienten, bei denen sich die Phantasietätigkeit 
in der geschilderten Art gleichsam künstlich wecken und 
fördern mußte, stammen aus Gesellschaftsschichten oder Familien, 
in denen das Tun und Lassen der Kinder von frühester Kind- 
heit an überaus strenge kontrolliert wird, die sogenannten 
Kinderunarten von Anfang an verhindert und gleichsam noch 
vor ihrer vollen Entfaltung abgewöhnt werden, und wo den 
Kindern jede Gelegenheit fehlt, in ihrer Umgebung etwas 
Sexuelles zu beobachten, geschweige denn zu erleben, Sie sind 
also gleichsam zu gut erzogene Kinder, deren infantil- sexuelle 
Triebregungen überhaupt nicht die Gelegenheit hatten, sich 
in der Realität zu verankern* Eine solche Verankerung, 
also ein Stück Erleben, scheint aber die Vorbedingung 
der späteren Phantasiefreiheit und der damit verknüpften 
psychischen Potenz m sein, während die Infantilphantasien 
der Zu-gut-Erzogenen noch vor ihrem Bewnßtwerden der 
„Urverdrangung* anheimfallen. Es heißt das mit anderen 
Worten, daß ein gewisses Maß von infantilem Sexualerlehen, 
also etwas „Sexualtrauma" nicht nur nicht schadet, sondern die 
spätere Normalität, besonders die normale Phantasiefähigkeit 
sogar fördert. Diese Feststellung — die übrigens dem Vergleiche, 
Freuds von den Folgen der Erziehung „zu ebener Erde und 

Ferencit, Bausteine zur Psychoan*!?» II <* 




98 S. Ferenczi 

im erten Stock" 1 vollkommen entspricht — führt zu einer 
milderen Einschätzung des infantilen Traumas. Ursprünglich 
hieß es» diese seien die Ursachen der Hysterie,- später ent- 
kleidete sie Freud seihst eines großen Teiles dieser Bedeutsam- 
keit, indem er nicht in den realen Infantilerlebnissen» sondern 
in den unbewußten Phantasien das Pathogene entdeckte. Nun aber 
finden wir, daß ein gewisses Maß wirklichen Erlebens in der 
Kindheit sogar einen gewissen Schutz vor abnormen Ent- 
wicklungsrichtungen bietet. Allerdings darf das „Erleben** ein 
gewisses Optimum nicht überschreiten; ein Zuviel, Zufrüh 
oder Zustark mag ebensowohl Verdrängung und dadurch bedingte 
Phantasiearmut zur Folge haben. 

Vom Standpunkte der Ichentwicklung betrachtet» können 
wir die sexuelle Phantasiearmut der Zu-gut-Erzogenen (und 
ihre Neigung zur psychischen Impotenz) darauf zurückführen t 
daß Kinder, die nichts wirHich erlebt haben, hoffnungslos 
den (immer antisexuellen) Erziehungsidealen verfallen, während 
die anderen sich von der Erziehung niemals so vollständig 
überwältigen lassen, daß sie nach Aufhören ihres Druckes 
{in der Pubertät) nicht den Rückweg zu den verlassenen 
Objekten und Zielen der infantilen Sexualität finden und 
damit die Vorbedingung der psycho-sexuellen Normalität erfüllen 
könnten* 



1) In seinen „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse' 1 
(G*s, Sehr. Bd. VIT, S, 365 ff.). 



Kontraindikationen der aktiven Psydio- 
analv tischen Technik 

Vortrag auf dem IX, Internationalen Psychoanalytischen Kongreß^ Bad Homburgs 

September 192$ 

Die sogenannte aktive psychoanalytische Technik, die ich am 
Haager Kongreß unserer Vereinigung in ihren Hauptzügen dar- 
zustellen versuchte 1 und in späteren Arbehen 2 mit Beispielen 
illustrierte, fand im Kreise der Kollegen zum Teil eine recht 
kritische, zum Teil eine etwas zu freundliche Aufnahme. Ein 
Teil der Kritiker glaubte, die Psychoanalyse vor meinen 
Neuerungen in Schutz nehmen zu müssen, mdem sie behaup- 
teten, daß sie, so weit sie annehmbar, überhaupt keine Neuig- 
keit, insofern e sie aber über das Altbekannte hinausgingen, 
gefahrlich und daher abzuweisen seien. Wie Sie sehen, die 
Argumente sind dieselben, die das Verbrennen der Alexandra 
nischen Bibliothek motivieren wollten. 

Viel unangenehmer als diese Kritiken berührten mich die 

1) n Weiterer Ausbau der »aktiven Technik 4 in der Psychoanalyse" 
1321. (Dieser Band, S. 62,) 

%) „Ober forcierte Phantasien", 1024 (dieser Band, $, 87 )\ „Zur 
Psychoanalyse von SeÄualgewohnheiten" (Int. Zscbr* f. PsA*, BdL XI, 
1,925, erschienen auch als Sonderdruck). 

7* 




100 S. Ferenczi 

übermäßigen Anpreisungen einiger JüngeT, die in der Aktivität 
die Morgendämmerung einer Art psychoanalytischer Freiheit 
erblicken wollten, worunter sie offenbar nichts weniger ver- 
standen, als daß es nicht mehr nötig sei, die harte Straße der 
immer komplizierter werdenden analytischen Theorie zu gehen ; 
ein mutiger aktiver Schwertstreich könne ja die schwierigsten 
therapeutischen Knoten mit einem Schlage lösen. Nun* da ich 
auf die Erfahrung einer Reihe von Jahren zurückschauen kann, 
glaube ich, wird es wohl am zweckmäßigsten sein, wenn ich 
auf die doch meist sterile Diskussion mit spekulativen Gegnern 
verzichte, mich auch um den unerwünschten Enthusiasmus 
einzelner Anhänger nicht viel kümmere, sondern mit mir 
selber zu Gerichte gehe und auf die schwachen Punkte der 
aktiven Technik selber hinweise. 

Der erste, vielleicht wesentlichste Einwand, der sich gegen 
meine Formulierungen erheben läßt, ist ein theoretischer. Im 
Grunde bezieht er sich auf eine Unterlassungssünde* Offenbar 
um in meiner Entdeckerfreude nicht durch schwierige und 
daher lästige psychologische Probleme gestört zu sein, vermied 
ich es in meinen bisherigen Ausführungen, näher auf das Ver- 
hältnis zwischen der durch technische Kunstgriffe erzeugten 
Spannungssteigerung einerseits, Übertragung und Widerstand 
andererseits einzugehen- 1 Das möchte ich nun, so weit als mög- 
lich, nachholen und diesmal in unmißverständlicher Weise 
feststellen, daß die Aktivität, insoferne sie durch unlustvolle 
Versagungen, Gebote und Verbote die psychische Spannung zu 
erhöhen und dadurch neues Material zu gewinnen sucht, 
unweigerlich den Widerstand des Patienten reizen, d\ h. das 
Ich des Kranken in einen Gegensatz zum Analytiker drangen 
wird. Insbesondere gilt das von alten Gewohnheiten und Cha- 
xakterzügen des Patienten» deren Hemmung und analytische 

1) Andeutungsweise tat ich das allerdings bereits im Haag er Vortrag. 



. Kontraindikationen der aktiven psychoanalytischen Technik 101 

Zerlegung ich als eine der Aufgaben der Aktivität hinstelle. 
Diese Feststellung ist nicht etwa nur von theoretischer 
Bedeutung, es folgen aus ihr auch wichtige praktische Kon- 
sequenzen, deren Außerachtlassung den Erfolg der Kur gefährden 
kann* Aus diesem Verhältnis des Ichs zur Versagung folgt vor 
allem, daß die Analyse niemals mit Aktivität heginnen darf* 
Das Ich muß im Gegenteil lange Zeit geschont, zumindest 
sehr vorsichtig behandelt werden, sonst kommt keine tragfähige 
positive Übertragung zustande. Die Aktivität als Versagungs- 
maß nähme wirkt also eher als Störungs- und Zerstörungsmittel 
der Übertragung, ist als solches wohl am Ende der Kur unver- 
meidlich, stört aber bei unzeitgemäßer Anwendung sicher das 
Verhältnis zwischen Arzt und Analysierten, Wird sie gar mit 
unnachgiebiger Strenge gehandhabt, so treibt sie den Kranken 
ebenso sicher vom Arzte weg, wie es die rücksichtslosen Auf- 
klärungen der „wilden Analytiker* tun, die sich ja gleichfalls 
das Ich des Patienten mit ihren sexuellen Aufklärungen zum 
Feinde machen. Damit soll nicht gesagt sein, daß die Aktivität 
nur als Zerstörungsmaßnahme beim Abbau der Übertragung 
verwendbar sei; bei genügend gefestigter Übertragungsliebe kann 
sie auch mitten in deT Behandlung gute Dienste leisten ; jeden- 
falls gehört aber dazu sehr viel Erfahrung und viel praktische 
Übung im Abschätzen dessen, was dem Patienten auferlegt 
werden kann* Daraus folgt wiederum, daß sich Anfanger davor 
hüten sollten, statt die langwierigen, aber aufschlußreichen 
Wege der klassischen Methode zu wandeln, ihre analytische 
Laufbahn mit der Aktivität zu beginnen. Und da liegt aller- 
dings eine große Gefahr, auf die ich übrigens bereits zu wieder- 
holten Malen hinwies. Mir schwebten beim Empfehlen dieser 
Maßnahmen Analytiker vor, die, gestützt auf ihr Wissen, 
bereits wagen dürfen, einen Teil der von Freud erhofften 
„zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie f< zur 



102 S. Ferenczi 

Tat werden zu lassen. In der Hand der Wenigerwissenden 
könnte aus der Aktivität sehr leicht ein Rückfall auf die vor- 
analytischen Suggestiv- und Forcierungsmaß nahmen resultieren. 

Es wurde mir dann, nicht mit Unrecht» entgegengehalten, 
daß also zur Ausübung der Aktivität nebst des allgemein 
analytischen noch ein besonderer Befähigungsnachweis erfor- 
derlich sei. Doch glaube ich, daß diese Schwierigkeit nicht 
unüberwindlich ist. Tragt erst die sogenannte Lehranalyse auch 
der Aktivität entsprechend Rechnung (wozu sie ja Gelegenheit 
genug hat, da sie doch hauptsächlich eine Charakter-, d. h. Ich- 
analyse Ist), so werden unsere Jünger auch die Aktivität besser 
verstehen und richtiger einschätzen* sie werden wohl auch der 
Gefahr ihrer Überschätzung entgehen. 

Die Aufrichtigkeit gebietet mir aber einzugestehen, daß 
in Fragen der Aktivität auch Erfahrung nicht ganz vor Irrtum 
schützt. Ich muß Ihnen also von Enttäuschungen Mitteilung 
machen, die ich erlebt habe. In einzelnen Fällen irrte offenbar 
auch ich in der Abschätzung des Zeitpunktes oder der Trag- 
weite der Provozierungsmaßnahmen, mit der Folge, daß ich den 
Patienten nur durch volles Einbekennen meines Irrtums und 
nach r ziemlicher Einbuße an Ansehen, unter Austobenlassen 
seines Triumphes über mich, behalten konnte. Tatsächlich war 
ja auch dieses Erlebnis nicht ohne gewisse Vorteile für die 
Analyse, ich mußte mich aber fragen, ob es unbedingt notwendig 
war und nicht lieber hätte vermieden werden sollen* Auch sah 
ich im Anschlüsse an diese Fälle ein, daß die Forderung einer 
größeren Aktivität des Patienten ein pium desiderium ist, so 
lange wir für sie keine klare Indikationsstellung geben können. 
Vorläufig kann ich diese allerdings nur negativ formulieren 
und sagen, daß man die Aktivität nicht anwenden darf, wenn 
wir nicht mit gutem Gewissen behaupten können, daß bereits 
alle verfügbaren Mittel der nichtaktiven, also mehr passiven 



Kontraindikationen der aktiven psythoanalytisdien Teduiik 103 

Technik entsprechend zur Anwendung gebracht wurden, die 
genetischen Einzelheiten der Symptome genügend „durch- 
gearbeitet* sind und zur Überzeugung des Patienten etwa nur 
noch das aktuelle Erlebniskolorit fehlt- Es wird wohl noch lange 
dauern, bis wir in der Lage sein werden, die Indikationsstellung 
für die Aktivität positiv und wahrscheinlich für jede Neurosen- 
art gesondert zu formulieren. 

Eine andere Reihe von Schwierigkeiten erwuchs mir 
gelegentlich aus der allzu strengen Fassung gewisser Gebote 
und Verbote, bis ich mich schließlich überzeugte, daß diese 
Ausdrücke selbst eine Gefahr bedeuten; sie verleiten dazu» daß 
der Arzt in allzu getreuer Wiederholung der elterlich-kindlichen 
Situation seinen Willen den Patienten mit Gewalt aufdrängt 
oder sich gar sadistische Schullehrerallüren gestattet. Ich hin 
schließlich überhaupt davon abgekommen» meinen Patienten 
Dinge anzubefehlen oder zu verbieten, versuche vielmehr, ihr 
intellektuelles Einverständnis für die geplante Maßnahme zu 
gewinnen, und sie erst dann zur Ausführung gelangen zu lassen* 
Auch binde ich mich bei Anordnung dieser Maßnahmen nicht 
mehr so fest, daß ich sie nicht bei unüberwindlichen Schwierig- 
keiten auf Sehen des Patienten vorläufig oder auch dauernd 
widerrufen könnte« Unsere aktiven Aufträge müssen also, wie 
ein von mir analysierter Kollege sich ausdrückte, nicht von 
starrer Konsequenz, sondern von elastischer Nachgiebigkeit sein* 
Macht man es anders, so verführt man förmlich den Patienten 
zum Mißbrauch dieser technischen Maßnahme. Die Patienten, 
besonders die Zwangsneurotiker, werden die Gelegenheit nicht 
unbenutzt lassen, die vom Arzte gegebenen Befehle zum Gegen- 
stande endloser Grübeleien zu machen und vor lauter Gewissen* 
haftigkeit in ihrer Ausführung die Zeit zu vertrödeln» u* a* auch, 
um den Analytiker zu ärgern. Erst wenn sie sehen, daß der 
Arzt die Einhaltung der Maßnahmen nicht als conditio sine 



_ 



104 S* Ferenczi 

qua mm betrachtet, der Patient «ich also nicht von unnach- 
giebigem Zwange bedroht fühlt, geht er richtig auf die Inten- 
tionen des Analytikers ein; handelt es sich doch bei der 
Analyse der Zwangsneurotiker nicht zu guter Letzt darum, 
die Fähigkeit zu dem zwanglosen, nichtambivalenten Gefühls- 
Äußerungen und Handlungen wiederherzu stellen, wozu die Anwen- 
dungen äußerem Zwang in der Analyse das denkbar ungeeignetste 
Mittel wäre* 

Die wichtigste Korrektur aber, die ich auf Grund der 
Erfahrung der letzten Jahre an einer der vorgeschlagenen 
aktiven Maßnahmen vornehmen mußte, bezieht sich auf die 
Termingebung als Besohl eunigungsmittel zut Beendigung der 
Kur, Sie wissen, daß dieser Vorschlag von meinem Freunde 
Rank ausging und daß ich ihn auf Grund eigener, über- 
raschender Erfolge rückhaltlos annahm und in einer mit ihm 
gemeinsam verfaßten Arbeit 1 zur allgemeinen Anwendung 
empfahl. Die seitherige Erfahrung zwingt mich, diese Ver- 
allgemeinerung sehr wesentlich einzuschränken . Die 
Annahme, auf die dieses technische Hilfsmittel aufgebaut war, 
war die Idee, daß in jeder Analyse nach genügender Durch- 
arbeitung der Widerstände und der pathogenen Vergangenheit 
ein Stadium folgt, in dem eigentlich nichts mehr zu tun übrig 
bleibt, als den Patienten von der Kur und dem Arzte loszu- 
lösen. Das ist allerdings richtig; sicherlich übertrieben ist aber, 
meiner heutigen Ansicht nach, die von uns aufgestellte zweite 
Behauptung, daß diese Loslosung immer auf dem traumatischen 
Wege der Kündigung zu erfolgen hat. So glänzend sich nämlich, 
wie gesagt, die Kündigung in einzelnen Fällen bewährte, 
so kläglich mißlang sie in andern. Es stellte sich heraus, daß 

auch der geübte Analytiker dazu verführt werden kann, in seiner 

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1) Dr. S. Ferencii und Dt. Otto Rank, Entwicklungsziele der 
Psychoanalyse. (N*ue Arbeiten zur ärztL FsA,, Nr, i T 1904.) 



Kontraindikationen der aktiven psychoanalytischen Technik 105 

Ungeduld den Fall vorzeitig für kündigungsreif zu halten* Der 
Anfänger aber, dem es an Sicherheit der Beurteilung des Reife- 
zustandes noch viel mehr mangelt, wird sich gar leicht zu unzeit- 
gemäßen Gewaltmaßnahmen hinreißen lassen. Ich denke jetzt 
an einen eigenen Fall, eine schwere Agoraphobie, bei dem ich 
mich nach etwa einjähriger analytischer Arbeit berechtigt fühlte, 
den Patienten zu aktiver Mithilfe, d. h. zu forcierten Geh- 
versuchen anzueifern* Diese gelangen auch und förderten ganz 
ausgezeichnet die seit langem stagnierende Analyse, Hiedurch 
ermuntert, glaubte ich, mich auf das Analysenmaterial stützend, 
daß die Zeit zur Kündigung gekommen sei, und setzte einen 
Termin von sechs Wochen fest, bis zu dem ich die Behandlung 
unter allen Umständen beendigen würde. Nach der Überwindung 
einer negativen Phase schien denn auch alles glatt zu gehen, doch 
in den allerletzten Wochen kam es zu einem unerwarteten 
Rückfall in die Symptome, über den ich durch starres Fest- 
halten an der Kündigung Herr werden wollte. Offenbar machte 
ich aber die Rechnung ohne den Wirt, d* h* ohne richtige 
Beurteilung der noch vorhandenen Verankerungsmöglichkeiten 
der Symptome, — und so kam es zum angekündigten Abschieds - 
tage, ohne daß sich der Patient zur Heilung hätte entschließen 
können. Es blieb mir denn auch nichts anderes übrig als ein- 
zubekennen, daß meine Berechnungen falsch waren und es 
dauerte eine ziemliche Weile, bis es mir gelang, den bösen 
Eindruck dieses Zwischenfalles unter wiederholtem Hinweis 
auf meine Unwissenheit zu zerstreuen. Ich lernte denn aus 
diesem Falle nicht nur, daß man mit der Termingebung 
außerordentlich vorsichtig und sparsam umgehen muß, sondern 
auch, daß man den Auftrag dazu ebenso wie Aufträge zu 
anderen Aktivitäten nur im Einverständnis mit dem Patienten 
und unter Wahrung einer Rückzugsmöglichkeit geben darf. 
Inzwischen haben sich die Ansichten Ranks, gestützt auf 



106 & Ferenczi 

seine Erfahrungen mit der Termin gebung, zu einer theoretischen 
Ergänzung der Neurosenlehre entwickelt, Er fand in Trauma 
der Geburt die biologische Grundlage der Neurosen überhaupt 
und meint, daß im Heilungsvorgang dieses Trauma unter 
günstigeren Bedingungen zur Wiederholung und zur Erledigung 
gebracht weiden muß» Insofern diese Theorie auch auf seine 
Technik einigermaßen abgefärbt hat, geht sie weit über das 
hinaus, was ich unter Aktivität verstanden haben möchte. Wie 
ich es bereits anderwärts ausführte, soll ja die aktive Technik 
möglichst voraussetzungslos zu Werke gehen und sich damit 
begnügen, beim Patienten psychische Bedingungen herzustellen, 
unter denen das verdächtige Material leichter zum Vorschein 
kommt. So sehr ich auch die Bedeutsamkeit der vor Rank nicht 
beachteten ängstlichen Geburtsphantasien einschätze, kann ich 
in ihnen doch nicht mehr als einen der Schlupfwinkel der viel 
unlustvolleren Gebar- und Kastration sangst sehen; keinesfalls 
sehe ich mich dazu veranlaßt, die Aktivität dieser besonderen 
Theorie anzupassen. 

Von vornherein ausgeschlossen ist es T daß man einem 
Patienten Termin stellt, der selbst den Analytiker dazu drängen 
will, wie es denn überhaupt gefährlich ist, den Pattenten 
gegenüber etwa von vornherein auch nur annäherungsweise 
eine Ansicht über die Dauer der Kur zu äußern« Dies ist nicht 
nur darum unstatthaft, da ja unsere Schätzung durch die 
Umstände immer Lügen gestraft werden kann (wir können 
doch unmöglich im voraus wissen, ob und mit welchen 
Schwierigkeiten wir im einzelnen Falle zu kämpfen haben 
werden), sondern auch darum, weil wir damit dem Widerstände 
des Patienten eine gefährliche Waffe in die Hand geben. Weiß 
der Patient, daß er nur eine gewisse Zeit auszuharren braucht, 
um sich den peinlichen Momenten der Analyse au entziehen 
und krank bleiben zu können, so wird er diese Gelegenheit 



Kontraindikationen der aktiven psychoanalytischen Technik 107 

gewiß nicht unbenutzt lassen, während die Einstellung auf 
eine sozusagen endlose Analyse ihn früher odeT später davon 
überzeugen wird, daß unsere Geduld größer als die seine ist, 
was ihn schließlich zum Aufgehen der letzten Widerstände 
veranlassen wird* 

Ich benütze diese Gelegenheit auch dazu, um auf ein 
besonders krasses Mißverständnis hinzuweisen, das über die 
Aktivität vielfach verbreitet zu sein scheint. Das Wort „aktiv** 
hat Freud und hatte auch ich immer nur in dem Sinne gebraucht, 
daß der Patient gelegentlich auch andere Aufgaben als nur die 
Mitteilung der Einfalle zu erfüllen habe; es war aber niemals 
so gemeint, daß die Tätigkeit des Arztes irgendwie über das 
Erklären und das gelegentliche Auftraggeben hinausgehen dürfe. 
Der Analytiker also ist nach wie vor inaktiv und einzig und 
allein der Patient darf zeitweise zu gewissen Aktionen auf- 
gemuntert werden. Hiedurch ist der Unterschied auch zwischen 
dem aktiven Analytiker und dem Suggestor und Hypnotiseur 
wohl zur Genüge gekennzeichnet j der zweite, noch bedeut- 
samere Unterschied ist der, daß hei der Suggestion das Geben 
und Erfüllen von Aufträgen alles ist, während es in der Ana- 
lyse nur als Hilfsmaßnahme zur Förderung neuen Material 
zur Anwendung gelangt, dessen. Deutung nach wie vor 
Hauptaufgabe der Analyse bleibt. Damit erledigen sich aber 
auch alle tendenziösen Andeutungen über eine separatistische 
Arbeit srichtung, die meiner Aktivität zugemutet wurde* Anderer- 
seits muß ich aber sagen, daß, wenn die Behauptung auf- 
gestellt wurde, daß die Aktivität, soweit sie richtig angewendet 
wird, absolut nichts Neues bedeute, doch ein wenig über das 
Ziel hinausschießt. Wer so spricht, ist sozusagen päpstlicher als 
der Papst; Freud findet in der stärkeren Betonung des Wieder- 
holungsmomentes und im gelegentlichen Versuch, dieses zu 
provozieren, immerhin einen Nuanceunterschied. 



108 S. Ferenczi 

Ich bin nunmehr auch in der Lage, Ihnen einiges von der 
Art mitzuteilen, in der die Patienten die ihnen gewahrte 
Aktionsfreiheit ad absurdum zu führen trachten. Meistens 
beginnen sie mit der Frage, ob es ihnen denn wirklich erlaubt 
sei, während der Analysenstunde laut zu schreien oder von der 
Chaiselongue aufzustehen, dem Analytiker ins Gesicht zu schauen, 
im Behandlungszimmer auf und ab zu gehen usw. Man lasse 
sich durch solche Drohungen nicht abschrecken, da das 
Gewährenlassen nicht nur harmlos t sondern zur Aufdeckung 
infantil verdrängter Regungen forderlich sein kann. Manchmal 
wiederholen die Patienten die Äußerungen frühkindlicher 
Exhibitionsgelüste oder versuchen, natürlich erfolglos, die Miß- 
billigung des Arztes wegen manifester Onanie- und Inkontinenz- 
gelüste zu provozieren. Bei Nichtpsychotikern kann man sicher 
sein, daß sie sich zu keinem für sie und den Arzt gefähr- 
lichen Akt werden hinreißen lassen. 1 Im allgemeinen läßt sich 
die Grenze der zulässigen Aktivitätsmöglichkeiten so formulieren, 
daß den Patienten alle Ausdrucksmöglichkeiten gestattet weiden 
können, bei denen der Arzt nicht aus der Rolle des freund- 
lichen Beobachters und Ratgebers fällt Die Wünsche des 
Patienten nach Zeichen positiver Gegen üb ertragung müssen 
unerfüllt bleiben; ist doch die Aufgabe der Analyse nicht die, 
den Patienten während der Kur durch zärtliche und freundliche 
Behandlung zu beglücken (mit diesen Ansprüchen muß er auf 
das reale Leben nach der Analyse verwiesen werden), sondern 
die, die Reaktionen des Patienten auf die Versagung unter 
günstigeren Bedingungen zu wiederholen, als es in der Kind- 
heit möglich war, und die historisch rekonstruierbaren Ent- 
wicklungsstörnngen zu korrigieren. 

Mit der Aussage, daß die Aktivität immer Sache des Patienten 



i) Die Brauchbarkeit der Abfuhrmethode auch bei Psycliotikem ist 
übrigens in der Psychiatrie gelegentlich betont worden. 



Kontraindikationen der aktiven psychoanalytischen Tedintk 109 

ist, will ich in keiner Weise die Bedeutsamkeit jener Fest- 
stellungen schmälern, die Rank und ich übeT die mutigeren 
Deutungen des Analysenmaterials im Sinne der analytischen 
Situation in unserer gemeinsamen Arbeit mitgeteilt haben; im 
Gegenteil, ich kann hier nur wiederholen, daß es für mich 
und meine Analysen eine wesentliche Förderung bedeutete, als 
ich auf Ranks Anregung das Verhältnis des Kranken zum 
Analytiker zum Angelpunkte des Analysenmaterials nahm und 
jeden Traum, jede Geste, jede Fehlhandlung, jede Ver- 
schlimmerung oder Besserung im Zustande des Patienten vor 
allem als Ausdruck des Übertragung«- und Wider Stands Verhält- 
nisses auffaßte. Es bedurfte nicht Alexanders Ermahnung, 
der uns entgegenhält, daß ja Übertragung und Widerstand von 
jeher die Grundlagen der Analyse gewesen sind; das weiß doch 
wohl jeder Anfänger zur Genüge; wenn er aber den Unter- 
schied zwischen der von uns vorgeschlagenen und der vorher 
allgemein geübten, viel zaghafteren Methode in dieser Richtung 
nicht feststellen kann, so kann das entweder darin liegen, daß 
bei all seiner Begabung der Sinn für Nuanceunterschiede nicht 
seine stärkste Seite ist, oder daß er in seiner Bescheidenheit 
die von uns vorgeschlagene Auffassung, die er von jeher gekannt 
zu haben scheint t uns mitzuteilen für überflüssig hielt. Aller- 
dings muß ich hinzufügen, daß hei vorurteilsfreier Prüfung 
dieser Frage die Priorität eigentlich Groddeck gebührt, der, 
wenn der Zustand eines seiner Kranken sich verschlimmert, 
immer mit der stereotypen Frage kommt: „Was haben Sie 
gegen mich, was habe ich Ihnen getan?" Er behauptet, durch 
Losung dieser Frage die Verschlimmerungen immer beseitigen 
zu können; auch konnte er mit Hilfe solcher analytischen 
Kunstgriffe tiefer in das Verständnis der Vorgeschichte des 
Falles eindringen. Hinzufügen muß ich, daß der Grad der 
Einschätzung der analytischen Situation nur mittelbar etwas 



110 S* Ferenczi 

mit der Aktivität zu tun hat und daß ihre erhöhte Beachtung 
an sich noch keine Aktivität in dem von mir gebrauchten 
Sinne des Wortes bedeutet. 

# 

Um Sie nicht weiter mit diesen methodologischen Einzel- 
heiten zu langweilen und damit Sie nicht den falschen Ein- 
druck bekommen, daß für die aktive Technik nur mehr Kontra- 
Indikationen übrig geblieben sind, will ich Ihnen — so weit 
die mir zur Verfügung gestellte Zeit gestattet — einiges von 
dem erzählen, was ich als Weiterentwicklung der Aktivität 
ansprechen möchte. In meiner letzten Arbeit sprach ich viel 
über die muskulären, besonders Sphinkteranspannungen, die ich 
in manchen Fällen als Mittel der Spannungssteigerung anwende- 
ich habe seither gelernt, daß es manchmal zweckmäßig ist, 
Entspannungsübungen anzuraten und daß mit dieser Art 
Relaxation die Überwindung auch von psychischen Hemmungen 
und Assoziation* widerständen gefördert werden kann. Ich brauche 
Sie wohl nicht zu versichern, daß auch diese Ratschläge nur 
der Analyse dienen und mit den körperlichen Selbstbeherrschungs- 
und Relaxationsübungen der Yogi nur so viel zu tun haben, 
daß wir durch sie die Psychologie ihrer Adepten besser ver- 
stehen zw lernen hoffen. 

Auf die Bedeutsamkeit obszöner Worte für die Analyse 
habe ich schon sehr frühzeitig aufmerksam gemacht, 1 In einem 
ersten Versuch» dem Tic convulsif analytisch näher zu treten, 2 
kam es dann unter anderem auch zu einer partiellen Klärung 
des sonderbaren Symptoms der Koprolalie. Die Gelegenheit, die 
mir die Aktivität zum eingehenden Studium der emotionellen 

i) Dr, S. Ferenczi, Über obszöne Worte, {Bd. I dieser Samm- 
lung, s. 171 o 

2) Dr, S* Ferenczi, Psychoanalytische Betrachtungen über den 
Tic. (Bd. T dieser Sammlung, $. 195,) 



Kontraindikationen der aktiven psychoanalytischen Technik 111 

Wortäußerungen der Kranken verschaffte, gestattete mir nun 
festzustellen, daß nicht nur jeder Tic-FaU ein entstellter Aus- 
druck für obszöne Worte, Gebärden» koprophemische Schimp- 
fereien, wohl auch sadistische Angriffshandlungen ist, sondern 
daß die Tendenz hiezu in allen Fällen von Stottern und bei 
fast allen Zwangsneurotikern latenterweise vorhanden ist und 
mit Hilfe der Aktivität aus der Unterdrückung hervorgeholt 
werden kann. Es stellte sich sogar heraus* daß eine ganze 
Reihe von Impotenzen und Frigiditäten nicht heilt, bevor man 
das infantile Verbot, obszöne Worte, und zwar eventuell während 
des Geschlechtsaktes selbst, auszusprechen, widerrufen hat. Das 
positive Pendant dieser Art Hemmung ist das zwanghafte Aus- 
sprechen obszöner Worte als Bedingung des Orgasmus, das man 
als eine neue Art Perversion ansprechen könnte, wäre sie nur 
nicht so außerordentlich verbreitet. 

Daß diese Art Feststellungen nicht nur das technische 
Können, sondern auch das theoretische Wissen zu fordern ge- 
eignet sind, wird sich wohl nicht ohne weiteres in Abrede 
stellen lassen. Aber gerade diesen kleinen Förderungen der 
Erkenntnis verdanke ich die Gewißheit, daß die Aktivität als 
Arbeitsmethode vielleicht doch einige Aufmerksamkeit verdient. 
Ich will das noch an einigen anderen Beispielen demonstrieren. 

Bei einigen Patienten erwies sich eine relative Potenzstörung 
teilweise durch eine ungewöhnliche Überempfindlichkeit der 
Schleimhaut der Glans penis bestimmt. Sie hüteten sich, wenn 
auch meist nur unbewußt , davor, die Glans bloßzulegen, sie 
von der schützenden Hülle der Vorhaut zu befreien; die leiseste 
direkte Berührung mit einer Rauhigkeit bedeutete für sie die 
Kastration und war von entsprechend übertriebenen Schmerz- 
und Angstgefühlen begleitet. So weit sie überhaupt je mastur- 
bierten, taten sie es nie unmittelbar an der Glans, sondern sie 
zupften am Praepuüum, rieben nur dessen Schleimhautfalten 



112 S. Ferenczi 

aneinander und an die Glans. Einer von ihnen pflegte in der 
Kindheit die Vorhautkavitat mit Wasser zu füllen, um sich 
sexuellen Genuß zu verschaffen; ein anderer, der wie die 
übrigen auch große Angst vor dem Sexualverkehr hatte, wohl 
wegen der dabei unvermeidlichen Reibung, war in seinen 
Phantasien u* a. an eine Dienstmagd fixiert, die, offenbar der 
Empfindlichkeit Rechnung tragend, ihm als jungen Burschen 
dadurch zum Orgasmus verholfen hatte, daß sie seine erigierte 
Glans nur anhauchte* In solchen Fällen beschleunigte ich, 
wie ich glaubte, die Analyse dadurch, daß ich dem Patienten 
den Rat gab, die Voriiaut tagsüber hinter die Corona glandis 
zurückgestreift zu halten und den Berührungen und Reibungen 
auszusetzen. Nebst der Förderung der Analyse verschaffte mir 
diese Maßnahme — wie ich glaube — eine etwas vertiefte 
Einsicht in die erotische Bedeutsamkeit der Vorhaut überhaupt, 
ja, sie führte zur Annahme einer speziellen Vorhauterotik 
in der Kindheit, deren Entwicklung die eigentliche phallische 
Stufe zu begleiten scheint und eine Regressionsstelle für neu- 
rotische Symptome abgeben kann, All dies ist geeignet, meine 
rein theoretische Annahme vom Vaginalcharakter des Praeputiums 
zu stützen ;* auch konnte ich mir nunmehr eine etwas deut- 
lichere Vorstellung über die von Freud postulierte Verschiebung 
der Klitoriserotik des Weibes auf die Vagina machen. Die Va- 
gina ist gleichsam eine riesengroße Vorhaut, die die erogene 
Rolle der versteckten Klitoris übernimmt; als Analogie hiezu 
kann ich mich auch auf erotische Knabenspiele berufen, in 
denen sozusagen in die Vorhaut eines anderen Knaben koitiert 
wurde. Ich teilte diesen Tatbestand dem Ethnologen Dr. Ro- 
he im mit, in der Hoffnung, daß er durch Kenntnis dieser 
Tatsachen mehr Licht auf die psychologische Bedeutung gewisser 

i) Vgl. meinen r Versuch einer Genitaltheorie", 19*4* Int* PsA, Bibl. 
Bd. XV. 



Kontraindikationen der aktiven psychoanalytischen Technik 11$ 

Pubertätsriten, besonders der Beschneidung, werfen könnte. Es 
kommt mir nämlich wahrscheinlich vor, daß die Beschnei- 
dung gleichsam einen doppelten Aspekt hat; einesteils ist sie, 
wie Freud uns zeigte, ein Abschreckungsmittel, ein Symbol 
des Kastrationsrechtes des Vaters, andererseits scheint sie eine 
Art „aktive Therapie" der Primitiven au sein, die die Ab- 
härtung des Penis und des Mannes und die Vorbereitung zur 
Geschlechtstätigkeit durch Überwindung der Kastrationsangst 
und der Empfindlichkeit der Glans zum Ziele hat* Wenn das 
wahr ist, so wird sich natürlich auch der Charakter zirkum- 
zindierter und nichtzirkumzindierter Menschen und Völker 
anders entwickeln, was wiederum einiges zur Erklärung der 
Juden frage und des Antisemitismus beitragen könnte. Leider 
muß ich ihnen da auch die Äußerung eines jungen Kollegen 
mitteilen, der etwas von diesen Versuchen erfuhrt „Nun weiß 
ich, was aktive Technik ist, man läßt den Patienten die Vor- 
haut zurückstülpen." 

Zum Schluß einige Worte über die Wirkung des durch 
Aktivität geforderten Erlebnismomentes auf die Überzeugung 
des Patienten. Grubelsüchtige und andere unverbesserliche 
Zweifler, die intellektuell die verschiedensten Grade der Wahr- 
scheinlichkeit, doch niemals die für die Heilung bedeutende 
Sicherheit über die analytischen Erklärungen erreichen konnten, 
erlangten diese, wenn sie mit Hilfe der aktiven Technik und 
der Ausnützung der analytischen Situation einmal dazu gebracht 
wurden, endlich einen Menschen, nämlich den Analytiker, 
rückhaltlos, d* h, ohne Ambivalenz zu lieben. Auch dies ist 
nicht nur praktisch, sondern im hohen Grade auch theoretisch 
bedeutsam. Es zeigt uns, daß man auf dem Wege der Intelligenz, 
die eine Funktion des Ichs ist, eigentlich nie zur ^Überzeugung" 
gelangen kann. Das letzte und logisch unumstößliche Wort der 
reinen Intellektualität des Ichs über das Verhältnis zu anderen 

Ferenczi» Bausteine züx Psychoanalyse II 3 



114 S, Fercnczi 

Gegenständen ist der Solipsismus, der die Realität anderer 
menschlicher Lebewesen und der ganzen Außenwelt mit den 
eigenen Erfahrungen nie gleichsetzen kann und sie nur als 
mehr minder lebhafte Phantome oder Projektionen anspricht* 
Wenn also Freud dem Unbewußten dieselbe psychische Natur 
zuschrieb, die man als Qualität seines eigenen Ichs spürt, so 
tat er einen logisch nur wahrscheinlichen, aber nie beweis- 
baren Schritt in der Richtung des Positivismus. Ich stehe nicht 
an, diese Identifizierung den Identifizierungen» die wir als Vor- 
bedingung libidinöser Übertragungen kennen, gleichzusetzen, 
Sie führt letzten Endes zu einer Art Personifizierung oder 
anunistischen Auffassung der ganzen Umwelt* All dies ist vom 
logisch-intellektuellen Standpunkte gesehen „transzendent". Wir 
aber sollten dieses mystisch klingende Wort durch den Aus- 
druck „Übertragung" oder „Liebe* ersetzen und mutig be- 
haupten, daß die Kenntnis eines Teiles, vielleicht des wich- 
tigsten Teiles der Wirklichkeit nicht intellektuell, sondern nur 
erlebnis gemäß als Überzeugung zu haben ist (Um die Er- 
kenntnisgegner und die Gegner der Wissenschaft nicht lange 
triumphieren zu lassen, füge ich aber gleich hinzu, daß die 
Erkenntnis der Wichtigkeit des Emotionellen am Ende doch 
auch selbst eine Erkenntnis ist, so daß uns trotz alledem um 
das Schicksal der Wissenschaft nicht bange zu sein braucht,) 
Ich persönlich fühle mich ganz zum Freud sehen Positivismus 
bekehrt und ziehe vor, in Ihnen, die Sie da vor mir sitzen 
und mir zuhören, nicht Vorstellungen meines Ichs, sondern 
reale Wesen zu sehen, mit denen ich mich identifizieren kann. 
Logisch begründen kann ich Ihnen das nicht, wenn ich also 
davon trotzdem überzeugt bin, verdanke ich es nur einem 
emotionellen Moment, — wenn Sie wollen, der Übertragung. 
Das alles hängt mit der „aktiven Technik* anscheinend nur 
sehr lose oder gar nicht zusammen; doch die durch die Aktivität 



Kuntmlndlkat Ionen der aktiven psychoanalytischen Tedinik 115 

gesteigerte Wiederholungstendenz war für mich der Weg, um 
nicht nur praktische, sondern auch ähnliche theoretische Fort- 
schritte der Psychoanalyse zu erzielen* Nachdem ich Ihnen also 
die Kehrseite der Aktivität und ihre Gegenhidikationen ehrlich 
zu zeigen versuchte» fühlte ich mich dazu gedrängt» Ihnen auch 
einiges von ihren Vorzügen mitzuteilen. Allerdings setze ich 
mich dadurch, wie mir Freund Eitingon sagt, der Gefahr 
aus» mit Bileam verglichen zu werden, der da kam» den 
Juden zu fluchen — und er segnete sie* 



& t 



Zur Kritik der Ranksdhen „Technik der 
Psychoanalyse* 

Die letzten Arbeiten Ranks erregten in zweierlei Hinsicht 
allgemeineres Interesse : sie betonten in viel eindringlicherer 
Weise das Moment der Übertragung, oder wie R. es nennt 
der „analytischen Situation'*, andererseits mahnten sie uns, die 
Mutterrolle des Arztes in dieser Situation mehr, als es bisher 
geschehen ist, in Betracht zu ziehen. Ich hatte bereits mehr- 
mals die Gelegenheit benutzt, auf die Bedeutung und den 
Nutzen des ersten Vorschlages hinzuweisen, und war ernsthaft 
bestrebt, mich von der Annehmbarkeit auch des zweiten zu 
überzeugen. Dem stand aber im Wege, daß R. es bisher 
unterlassen hatte, genaue Angaben über die von ihm befolgte 
Technik zu geben. Darum begrüßte ich, wie wahrscheinlich 
auch viele andere, mit großem Interesse das Erscheinen einer 
Arbeit über die Technik der Psychoanalyse aus R,-s Feder, 1 
Leider brachte die Lektüre dieses Buches dem Referenten und 
wahrscheinlich vielen seiner Arbeitsgenossen beinahe nur Ent- 
täuschungen. Vor allem täuscht der Titel des Buches : es ist 

i) Dr. Otto Rank, Technik der Psychoanalyse I. Die analytische 
Situation. Leipzig und Wien, iüs6 t 



Zur Kritik der Rankscuen „Temnik der Psychoanalyse" 117 

nicht die Technik der Psychoanalyse, die darin geboten wird, 
sondern eine Modifikation derselben, die sich so weit von der 

bisher geübten unterscheidet, daß es aufrichtiger gewesen wäre, 
wenn der Verfasser das Buch als die R a n k sehe Technik oder 
etwa die „Geburtstechnik" der Neurosenbehandlung bezeichnet 
hätte j der jetzige Titel mag viele, die von den Wandlungen 
R.-s nichts wissen, wohl aber von seiner langen und ersprieß- 
lichen Arbeitsgemeinschaft mit Professor Freud, irreführen, 
Das Charakteristische des ganzen Buches ist die Neigung 
zur Übertreibung an sich zum Teil interessanter Gesichtspunkte, 
und zwar eine Art von Übertreibung, die sich nicht selten 
ad absurdum führt. In R»~s mit mir gemeinsam verfaßten 
Arbeit: „Entwicklungsziele der Psychoanalyse"/ aus der hier 
ein ganzes Kapitel neu abgedruckt ist, heißt es noch, daß die 
Analyse „unter konsequenter Übersetzung des unbewußten 
Materials in jeder seiner Äußerungen und deren Deutung 
sowohl im Sinne der analytischen Situation als auch damit 
parallel des Infantilen" zu geschehen hat (S. 35). In diesem 
Buche aber gelangt der Verfasser zur fast vollständigen Ver- 
nachlässigung des historischen Gesichtspunktes und verlangt 
schließlich, daß man „zielbewußt und zwecksicher, oft auch 
gegen die Assoziationen und Intentionen des Patienten . . . 
etwas ganz Bestimmtes in der Kur erleben lasse" (S. so)* 
Dieses ganz Bestimmte ist ein affektives Erlebnis zwischen dem 
Arzt und Patienten, also ungefähr das, was Freud „Wieder- 
holung" genannt hat, nur hat Freud und wir alle, die ihm 
folgten, es dem Patienten überlassen, das zu wiederholen, wozu 
ihn seine persönlichen Schicksale drängten, während R., offenbar 
in allzu großem Vertrauen zu seiner geburtstraumatischen 
Neurosentheorie, die Patienten formlich dazu drängt, in der 

1) Drv S. Ferenczi und Dr. O, Rank: Entwicklungsziele der 
PsA. (Neue Arb. %> äriiL PsA. I, 1924)- 



1(8 S. Ferenczt 

Kur eine Art Geburtserlebnis zu wiederholen, das in der 
Lösung vom Analytiker gegeben sein soll* Er behauptet, die 
wenn auch unbewußte, doch spontane Äußerung dieser Tendenz 
oft genug gesehen zu haben» um nunmehr nicht mehr in jedem 
Falle auf sie warten zu müssen, deutet daher vom Beginne 
der Analyse an jede Äußerung des Kranken als Flucht vor 
diesem Erlebnis. Dem uns allen bekannten Scharfsinn des 
Autors gelingt es auch, diese manchmal unmöglich scheinende 
Deutungsarbeit zu lebten, allerdings nur mit Hilfe einer bisher 
nicht geborten Gewalttätigkeit in der Art des Deutens, dessen 
Einseitigkeit alles übertrifft, was Jung und Adler in dieser 
Hinsicht geleistet haben« Diese Einseitigkeit folgt konsequent 
aus der tiefen Überzeugung des Verfassers, das letzte Wort über 
die Neurosen in seiner Theorie vom Geburtsschock gesagt zu 
haben; das enthebt ihn der Mühe und der Pflicht, jeden neuen 
Fall unvoreingenommen und gleichsam naiv anzuschauen, wie 
wir es zu tun gewohnt sind; allerdings verlegt er sich dadurch 
den Weg zur Möglichkeit, je etwas Neues zu finden; was er 
sucht und natürlich auch findet» ist ja nur die Bestätigung 
dessen, was er schon weiß. Übrigens finde ich, daß es 
inkonsequent ist ä den Wert des Historischen im allgemeinen 
zu leugnen, andererseits aber den eines bestimmten historischen 
Moments, der Geburt, derart zu überschätzen. Jedenfalls unter- 
läßt es der Verf, auch in dieser, wie schon in seinen früheren 
Publikationen, die realen (nicht-spekulativen) Unterlagen seiner 
Theorie vorzulegen* 

Den fatalen Fehler, an Stelle eines vorsichtigen „nicht 
nur — sondern auch" ein gewaltsames „entweder — oder" zu 
setzen, begeht R, auch in Bezug der Frage, inwieweit bei der 
analytischen Kur die intellektuelle Einsicht in die verdrängte 
Motivation und inwiefern das reine Erlebnismoment therapeutisch 
wirksam ist, Referent war einer der ersten, die dafür eintraten* 



Zur Kritik der Rankschen „Technik der Psycho analyse* 119 

daß dem Erlebnismoment erhöhte Bedeutung beizumessen * ist; 
ja, er vertritt die Ansicht, daß man durch gewisse Aufgaben, 
die man dem Patienten nebst der freien Assoziation gelegentlich 
stellt („Aktivität"), den emotionellen Charakter der Analyse 
steigern kann und soll. Doch all dieses Erleben in der Analyse 
war für ihn nur ein Mittel, den Wurzeln der Symptome etwas 
Tascher oder tiefer beizukommen, und diese letzte Arbeit, d* h. 
der eigentliche Schutz vor Rezidive, war immer als etwas 
Intellektuelles gedacht, als eine Erhöhung des unbewußten 
Ablaufes auf die vorbewußte Stufe. Begnügte man sich mit 
der wenn auch fraktionierten „Abreaktion" in der Analyse, so 
würde man für den Patienten im Wesen nicht viel mehr 
leisten, als die emotionellen Ausbrüche und Anfälle der Krank- 
heit selbst, denen bekanntlich Beruhigung zu folgen pflegt, 
die aber vor der Wiederkehr der Symptome keinen Schutz 
bieten, oder, wie die gewöhnliche suggestive oder hypnotische 
Beruhigung, die ja gleichfalls eine rein emotionelle Wirkung 
entfalten* Auf diesem Standpunkt schien auch der Verfasser 
zur Zeit der Abfassung der „Entwicklungsziele" gestanden zu 
haben; nun aber schreibt er: „Die intellektuelle Einsicht in 
(die) historische Entstehung , . . ist . * * nicht das wesentliche 
Agens, sondern die affektive Verschiebung (Übertragung) der 
im Aktualkonflikt gehemmten Triebregungen auf den infantilen 
Urkonflikt und dessen Repräsentanz in der analytischen 
Situation" (S. 12). Ja, an einer anderen Stelle versteigt er sich 
zu folgender Aussage: „Das Historische hat bloß Erkenntnis- 
wert . • . ; (dem Patienten) nützt auch nichts, wenn er weiß, 
warum und wieso es so gekommen ist, genau so wenig wie 
mein Schnupfen besser wird, wenn ich weiß, wo ich mir die 
Infektion geholt habe/' Ein solcher Satz mag in der nicht- 
psychoanalytischen Medizin gang und gäbe sein, würde er aber 
zu Recht bestehen, so bedeutete er den Bankrott aller unserer 



120 S* Ferenczi 

Bestrebungen, In Wirklichkeit ist es dem Autor durchaus nicht 
gelungen, in diesem Werke die Bedeutsamkeit der historischen 
Analyse zu entkräften, so daß wir berechtigt sind, seine Auf- 
fassung als einen wissenschaftlich nicht motivierten Rückfall 
in die voranalytische Betrachtungsweise auszulegen* Ja, sogar 
der Ort, wo man sich einen Schnupfen geholt hat, kann 
analytische Bedeutung haben, und wer sich solcher Frage- 
stellungen absichtlich enthält, begibt sich vielleicht der einzigen 
Möglichkeit, in den Sinn eines Symptoms einzudringen. 
R. macht sich die Arbeit zu leicht, wenn er als den einzigen 
Ort, wo man sich ein Symptom (z. B. einen neurotischen 
Schnupfen) holen kann, den Mutterleib und als einzige Zeit 
der Akquisition den Moment der Geburt zuläßt. Selbst wer 
zugibt, daö R t -s Neurosentheorie zum Teil zu Recht besteht 
(und inwieweit dies der Fall ist, soll bei anderer Gelegenheit 
untersucht werden), muß es unlogisch finden, die ganze Zeit 
zwischen der Geburt und der aktuellen analytischen Situation 
zu vernachlässigen* Ein solches Vorgehen gemahnt einen an das 
der „wilden" Analytiker, die unbekümmert um den historischen 
Überbau der Persönlichkeit die Analyse damit heginnen, daß 
säe Infantil träumen nachjagen, Freud sagte mir gelegentlich, 
daß dies ebenso sinnlos ist, wie aus einem brennenden Hause 
die Lampe herausholen zu wollen, die den Brand verursacht hat. 

Zur Charakterisierung der Kritiklosigkeit, zu der sich Rank 
in seinen Deutungen verleiten läßt, möge hier ein Traum- 
bruchstück angeführt werden (S. 66) : 

„Ich war in der Analyse und lag auf dem Sofa. Der 
Analytiker war mir sehr bekannt ick kann aber nickt sagen t 
wer er war* Ick sollte ihm einen Traum erzählen von einer 
Reise, die ich zu gemeinsamen Freunden unternommen habe. 
Als ick begonnen hatte, unterbrach mich eine alte Frau, die 
auf einem Stochert saß, indem sie den Traum in populärer 



Zur Kritik der Ranks daen „Technik der Psychoanalyse" 121 

Weise (nach AUweuSerart) deuten wollte. Ich sagte zum Ana- 
lytiker, ich könnte den Traum hesser erzählen, wenn sie mich 
nicht unterbrechen würde. Da hieß er sie schweigen, stand auf 
und nahm die Hängematte, auf der ich jetzt zu liegen schien, 
mit beiden Händen, hob mich und schüttelte mich fest durch. 
Dann sagte er: Als Sie geboren wurden, waren Sie ganz rot 
(im Gesicht), Dann wurden Sie auf einen Diwan gelegt und 
der Vater setzte sich zu Ihnen — ich wunderte mich im 
Traum über seine Erklärung und dachte; das ist aber weit 
hergeholt r . .* usw. 

R. deutet diesen Traum als einen Vergleich des analytischen 
Erlebnisses mit der eigenen Geburt, wobei die Arbeit des 
Analytikers die des Geburtshelfers ist : er schüttelt die Patientin 
so lange, bis sie rot im Gesicht zur Welt kommt. Ist es nicht 
viel wahrscheinlicher» dieses Traumbruchstück bezüglich der 
analytischen Situation so zu deuten, daß „die spärlichen 
Deutungen der Muttersituation in der Analyse" , die der 
Patientin vorher gegeben wurden, genügten, um den ganzen 
Spott und Hohn der Patientin gegen diese Deutungen wach- 
zurufen? Sie nennt den Analytiker ein altes Weib, das nach 
Altweiberart deutet, die Patientin nicht ausreden laßt, sie immer 
wieder unterbricht und solange schüttelt, bis sie die Mutter- 
deutung (Geborenwerden aus dem Analytiker) zugibt. R. sei 
also seiner Patientin aufgesessen, indem er die ironisch über- 
triebene Zustimmung ernst nahm, ja T sie als eine Grundlage 
seiner Geburtstheorie benutzte. 

Von seiner technischen Neuerung her gelingt es dem Ver- 
fasser, seine bisherigen Ansichten über einzelne Grundtatsachen 
der Psychoanalyse rückzubiiden ; schließlich weiß er nicht 
mehr, „ob es eine Verschiebung, bzw. Übertragung von Libido 
(überhaupt) gibt" (S. ao6). Ja, nach ihm könne man den „In- 
halt des Unbewußten als eine in die historische Vergangenheit 



122 S, Ferenczi 

projizierte Schilderung dessen t was sich in der analytischen 
Situation zwischen Arzt und Patient abspielt", betrachten, 
(Natürlich mit einziger Ausnahme der unbewußten Geburts^ 
zeproduktion, der nach R, wirklich auch historische und nicht 
nuT analytische Situation shedeutung zukommt.) Konform dieser 
Auffassung ist auch die Art, in der R,-s neueste Technik mit 
der Traumdeutung verfahrt. Wir wissen ja von Freud, daß 
man die Traum an alyse in der Behandlung nicht als Selbstzweck 
betreiben darf und seine psychologische Neugierde den Zwecken 
der Kur unterordnen soll. Aus der ungerechtfertigten Über- 
treibung dieser Auffassung durch R, folgt die fast völlige Ver- 
nachlässigung des Assoziationsmaterials- „Meist brauchen wir 
gar nicht die Übersetzung der einzelnen Traumelemente zu 
geben, sondern nehmen, insbesondere in typischen Situationen, 
bei durch sieht igen Symbolen oder bekannten Komplexen die 
Deutung vorweg, um uns mit dem Sinn des Traumes in 
Zusammenhang der ganzen Analyse zu "beschäftigen" (S. 58). 
Und „wir brauchen den Patienten durchaus nicht immer nach 
seinen Assoziationen zu fragen, um zu erfahren, welches das 
Wichtigste oder am intensivsten verdrängte Stück der Traum- 
gedanken ist* (S, 59). Man wird da vor die Frage gestellt* ob 
nicht die S t e k e 1 sehen freien Symboldeutungen diesem starren 
Dogmatismus vorzuziehen sind. Jedenfalls ist diese „ Reform u 
der Traumdeutung gleichbedeutend mit dem Verzicht auf alles 
Wertvolle, was uns Freud in seiner Traumlehre gegeben hat. 
Leider können wir nicht nur in seiner Grundauffassung, 
sondern auch in Bezug auf viele Einzelvorschläge dem Autor 
nicht folgen* Bezüglich der Termingebung injedemFalle habeich 
meine anfangliche Zustimmung auf Grund gehäufter Erfahrung 
wesentlich einschränken müssen; 1 auch nach der Lektüre des 

1) „Kontraiudikationen der aktiven Therapie.** (5* 99 ff. dieses 
Bandes,) 



Zur Kritik der Ranksdien „Technik der Psychoanalyse* 123 

Buches finde ich nicht, daß es dem Verfasser gelungen ist» 
uns seine „allmählich gewonnene Sicherheit dieser Indikations- 
stellung für den Kündigungstermin" plausibel zu machen* Die 
Idee, die Analyse gleich mit Ablösungsabsichten zu beginnen, 
„bevor (der Patient) in die Lage kommt, die neurotische 
Fixierung voll zu realisieren", widerspricht allen unseren bis- 
herigen Erfahrungen und unserer Auffassung über die Natur 
der Übertragungsneurosen- Es muß doch wohl erst eine ordent- 
liche Übertragung zustande kommen und auch bewußt reali- 
siert werden, bevor wir an ihre Zerstörung herantreten, — 
Vollends verwirrend wirkt die neueste Zugabe zur Geburts- 
traumatheorie, die auch die Entwöhnung und das Gehenlernen 
als Vollendungen der Geburtserschütterung ansieht. Warum da 
aufhören und nicht die historische Bedeutsamkeit auch des 
letzten, nach Freuds und unserer Ansicht bedeutsamsten 
Trenn ungsmoments, jenes nach Zertrümmerung des Ödipus- 
komplexes, voll anerkennen? — Auf besonders gefahrliches 
Gebiet begibt sich R,, wenn er auch mit dem therapeutischen 
Erfolg argumentiert: »So erinnere ich mich noch, in jüngster 
Zeit", — schreibt R, — „einen Fall gesehen zu haben, der 
nach lang dauernder Analyse bei einem hervorragenden Ana- 
lytiker un geheilt geblieben war und einen ungelösten aktuellen 
Konflikt herumschleppte** (S. n), Ich könnte dem einen 
anderen Fall entgegenstellen, den R, selbst im Sinne der 
Geburtstechnik und der aktuellen Situation behandelte, der 
ungeheilt geblieben war und fast die ganze Geschichte der 
Vaterbindung ungelöst mit sich herumschleppte* Es ist aber 
besser, wenn auf dieses Argument allseits verzichtet und getreu 
der bisherigen Gepflogenheit der Heilungserfolg als Beweis- 
mittel vernachlässigt wird. Schließlich kann man doch mit 
allen möglichen Techniken „heilen : mit Vaterdeutungen, mit 
Mutterdeutungen, mit historischen Erklärungen und mit Hervor- 



124 & FerencaJ 

hebung der analytischen Situation, ja, auch mit der guten alten 
Suggestion und Hypnose, Vor therapeutischen Mißerfolgen aber 
ist keine Art von Behandlung gefeit, selbst wenn man bereits 
alle Entstehungsbedingungen jeder Neurose und Psychose 
kennte, was zu behaupten* keinem einsichtigen Analytiker 
einfallen wird. 

Ich möchte nochmals darauf zurückkommen, daß nach R. 
in der tiefsten Triebschicht die biologische Bindung an die 
Mutter regelmäßig die analytische Situation beherrscht (S. 4), 
während Freud dem Analytiker im wesentlichen die Holle 
des Vaters zuteilt. Diese Behauptung, die vor dem Verfasser 
vielfach auch von anderen aufgestellt wurde (G r o d d e c k, 
Jung), hätte ihren Wert, wenn sie sich damit begnügte, uns 
vor der Unter Schätzung der Mutterübertragung auf den Ana- 
lytiker zu bewahren. Sie wird aber wertlos, wenn sie vollends 
ins Extrem verfällt und die doch so augenfälligen und oft einzig 
möglichen Erklärungen der Symptome aus der Vater-, resp. 
Kastrationsangst mißachtet, ja, sie als gefährlich hinstellt, da 
man mit ihnen den Patienten „immer mehr in die infantile 
Vaterangst hineintreibt* aus der es schließlich therapeutisch 
keinen Ausweg mehr gibt*. Ich habe mich redlich bemüht, 
in schweren Neurosenfällen den Akzent auf die Mutterbindung 
zu verlegen, um die R + -sche Theorie der Neurosen nachzuprüfen, 
und tatsächlich verdanke ich diesen Versuchen so manchen 
wertvollen Einblick in gewisse Schichten des Neurosengefüges; 
ich fand auch eine gewisse Geneigtheit bei den Patienten, auf 
diese Deutungen ohne viel Widerstand einzugehen. Doch gerade 
diese Widerstand slosigkeit machte mich dann stutzig, bis ich 
zur Überzeugung kam, daß die Erklärungen mit der Geburts- 
angst gerade wegen ihrer aktuellen Bedeutungslosigkeit 
gern akzeptiert werden, ja, als Schutzmaßnahme gegen die viel 
grauenhaftere Kastrationsangst vom Patienten in Anspruch ge- 



Zur Kritik der Ranksmen „Technik der Psychoanalyse" 125 

nommen wurden. Es ist möglich, daß R.-s gegensätzliche 
Erfahrung darauf zurückzuführen ist, daß er m> W< mehr mit 
Lehranalysen Gesunder als mit der Analyse Schwerkranker zu 
tun hat, Dem s Gesunden" ist es schließlich gleichgültig, auf 
welchem Wege er ein Stück analytische Erfahrung zu spüren 
bekommt; beim Schwerkranken muß man geduldig den Weg gehen, 
den ihm und uns seine persönlichen Schicksale vorschreiben, 
und dieser Weg führt fast immer zur Erkenntnis der größeren 
Bedeutung des Kastrationstraumas resp. des Penisneides. Selbst 
der Verfasser gibt zu, daß nach Erledigung der Mutteibindung 
in der zweiten Phase der Behandlung die Vaterrolle des Ana- 
lytikers in den Vordergrund rückt, will aber diese Tatsache 
dadurch abschwächen , daß er dieser Phase die analytische Be- 
deutung gleichsam abspricht und sie als eine Art pädagogische 
Ergänzung zur Analyse hinstellt. Trotz dieser tendenziösen Über- 
treibungen bleibt es ein Verdienst des Verfassers, auf das Vor- 
handensein der Geburtsangstträume und Geburtsangstphantasien 
hingewiesen zu haben. Keinesfalls gelang es ihm aber nach- 
zuweisen, daß sie sich von anderen Arten von unbewußten 
Phantasien im Wesen unterscheiden. Nach meiner Erfahrung 
sind sie eben nur Phantasien, die selbst noch der Deutung 
bedürfen, nicht aber Reproduktionen der wirklichen Vorgänge 
und Erfahrungen hei der individuellen Geburt 3 wie R* sie hin- 
stellt und wie ich sie anfänglich zu verstehen mich bemühte. 
Nebst der Mitteilung seiner eigenen Fälle unternimmt es der 
Verfasser, die Richtigkeit seiner Technik auch dadurch 
annehmbar zu machen, daß er einen von jemand anderem 
(Prof. Freud) ohne R*-s Gesichtspunkte analysierten Traum 
einer neuerlichen Analyse unterzieht, gleichsam um zu zeigen, 
wie vieler Einsicht man sich durch die Nichtberücksichtigung 
der analytischen Situation begibt. Er behauptet, „daß dieses 
Beispiel in gewissem Sinne sogar geeignet ist, 



126 SL Ferenczi 

als Prüfstein für seine Grundauffassung von 
der Bedeutung der analytischen Situation in 
ihrem infantilenVorbildinderMutteTsituation 
zu dienen". Es ist der uns allen wohlbekannte Wolfstraum 
aus Freuds ^Geschichte einer infantilen Neurose"/ In diesem 
Traume liegt der Patient in seinem Bett; vor dem Fenster 
befindet sich eine Reihe alter Nußbäume. Plötzlich geht das 
Fenster von selbst auf und der Träumer sieht mit großem 
Schrecken, daß auf dem Nußbaum Wölfe sitzen; es waren 
sechs oder sieben Stück. — Freud deutete diesen Traum 
historisch als die entstellte Reproduktion der „Urszene", der 
infantilen Belauschung des Serualverkehres der Eltern und des 
daTan haftenden Schreckaffektes. R* dagegen deutet das Bett als 
das Sofa, auf dem der Patient durch Freud behandelt wurde, 
die Nußbäume als jene Nußbäume, 2 auf die man aus dem 
Fenster des Behandlungszimmers Ausblick hat, die Wölfe „aber 
als eine Anzahl Photographien seiner (Freuds) nächsten 
Schüler" („es waren nach meiner Erinnerung zwischen fünf 
und sieben — übrigens zu Zeiten verschieden, als gerade 
die Zahlen, zwischen denen der Patient in Bezug auf die 
Wölfe schwankte"). Diese Photographien soll der Patient 
während der Behandlung vor sich gesehen und in diesem 
Traume in Wölfe verwandelt haben. 

Ich will hier nicht auf die Einzelheiten der beiden Traum- 
deutungen eingehen. Der Leser, der sich dafür interessiert, 
muß sie in den Originalen nachlesen, und will nur einige 
Punkte hervorheben, die uns die Waghalsigkeit, man möchte 
hier sagen, Leichtfertigkeit des R. -sehen Deutungs Verfahrens, 
so recht vor Augen führen. Vor allem sei hervorgehoben, daß 
der Patient diesen Traum als Erinnerung aus seinem vierten 

1) Ges. Schriften, Bd. VIII. 

2) In Wirklichkeit sind es Kastanienbäume. 



Zur Kritik der Rankschen »Tedinik der Psychoanalyse* 127 

Lebensjahre brachte, und zwar ah Erinnerung an einen im 
Laufe seines Lebens oft wiederholten Traum, der auf ihn immer 
einen starken Eindruck machte und vor dem er sich fast zeit- 
lebens ängstigte. Wie kann ein solcher eindrucksvoller infantiler 
Traum die Nachbildung des Milieus des Behandlungszimmers, 
das der Patient Jahrzehnte später zum erstenmal betrat, 
repräsentiert haben ? Wenn wir von okkultistischen (prophetischen) 
Erklärungen abseben, kann R.-s Deutung nur die Bedeutung 
haben, daß Freud seinem Patienten aufgesessen ist und ihm 
geglaubt hat, daß der Traum wirklich in der Kindheit geträumt 
wurde; er wäre in Wahrheit aktuell geträumt oder nach der 
analytischen Situation zurechtgemacht, und all das ohne den 
geringsten Beweis für die Unglaubwürdigkeit des Patienten, 
von dessen zwangsneurotisch-peinlicher Gewissenhaftigkeit uns 
seine Analyse unzählige Beispiele bringt. Die Daten vollends, 
die mir jetzt Prof Freud zur Verfügung stellt, sind für R,-s 
Annahme geradezu vernichtend* Es kann genau festgestellt 
werden, daß zurzeit, als die Traumerhmerung gebracht wurde, 
1911, im ganzen nur zwei bis drei Bilder auf jenem Wand- 
pfeiler hingen, so daß die Gleichheit der Zahl der Wölfe und 
der Bilder, die einzige Stütze der R. -sehen Deutung, glatt 
erfunden ist. Eine nachträgliche Befragung des Patienten (dem 
natürlich die R .-sehen Aufstellungen nicht mitgeteilt wurden) 
ergab folgendes : „Es besteht für mich kein Anlaß, die Richtig- 
keit dieser Erinnerung zu bezweifeln — schreibt der Patient 
(Dt* P.) — im Gegenteil, die Kürze und Klarheit dieses 
Traumes schienen mir stets das Charakteristische an ihm zu 
sein. Auch hat meines Wissens die Erinnerung an diesen 
Kindertraum niemals eine Veränderung erfahren; ich hatte 
nach demselben Angst vor ähnlichen Träumen und pflegte als 
Gegenmaßnahme vor dem Einschlafen diejenigen Dinge, die 
ich fürchtete, somit auch diesen Traum vor Augen zu halten. 



128 S. Ferencz* 

Der Wolfstranm schien mir immer im Mittelpunkt meiner 
Kindertränme zu stehen * . . Den Wolfstraum habe ich im 
Anfang der Kur, und zwar soviel ich mich erinnere, ein oder 
zwei Monate nach Antritt derselben erzählt (also im Jahre 
1911)* Die Lösung kam erst am Ende der Kur*" Der Patient 
fügt seinem Briefe noch Einfallsmaterial bei» das sogar die 
Deutung des Traumes auf eine Liebesszene bestärkt. — Bei 
diesem Stück Rankscher Analyse fällt es der Kritik schwer, 
das von der Wissenschaft geforderte Maß von Kaltblütigkeit zu 
bewahren. Das Mildeste, was wir davon sagen können, ist, daß 
dabei Rank Grade von Oberflächlichkeit, ja Leichtsinn 
produziert hat, die nur das Resultat einer vollkommenen Ver- 
blendung sein können« Die von ihm gelieferte Überdeutung 
des Wolfstraumes hat sich als „Prüfstein* seiner Theorie nicht 
nur nicht bewährt, sondern unser Vertrauen zur Urteilskraft 
des Verfassers in Sachen der psychoanalytischen Theorie und 
Technik aufs Schwerste erschüttert. 

Es ist gewiß keine Übertreibung, wenn wir diesen tech- 
nischen Versuch Ranks im ganzen als einen Fehlschlag be- 
zeichnen; wir erinnern uns dabei an die großen Verdienste, 
die er sich in der Anwendung der Analyse auf die Geistes^ 
Wissenschaften erwarb, ein Gebiet, auf dem seine eigentliche 
Begabung zu liegen scheint» 




Über vermeintliche Fehlhandlungen 

(*9*S) 

Eine besondere Art von Fehlleistung ist es, irrigerweise zu 
meinen, daß man eine Fehlhandlung begangen habe» Solche 
„vermeintliche** Fehlhandlungen sind gar nicht so selten* Wie 
oft passiert es einem, der ein Augenglas trägt, daß er die 
Brille unter dem Tisch suchen will, obzwar sie ihm auf der 
Käse steckt; wie häufig vermeint man, seine Brieftasche ver- 
loren zu haben, bis man sie — nach eifrigem Suchen — an 
der Stelle findet, wo man sie zuerst hätte suchen sollen, um 
vom „Verlieren" und „Wiederfinden" der Speiskammerschlüssel 
durch unsere Hausfrauen gar nicht zu reden. Jedenfalls ist 
diese Art Fehlleistung typisch genug, so daß man dahinter 
einen speziellen Mechanismus und Dynamismus suchen darf. 

Der erste solche Fall, den ich analytisch durchschauen konnte, 
war eine etwas komplizierte Doppelleistung an Fehlhandlungen. 

Eine junge Dame, die sich für die Psychoanalyse theoretisch 
sehr interessiert (ihr habe ich die Beobachtung des „kleinen 
Halmemannes" zu verdanken), pflegte mich in der Ordinations- 
stunde hie und da aufzusuchen. Einen ihrer Besuche mußte 
ich mit dem Bedeuten abkürzen, daß ich sehr viel zu tun 
habe, Die Dame empfahl sich und ging* — kam aber nach 

Ferencii, Batirtelne zur Psychoanalyse n 9 



130 S. Ferenczi 



einigen Sekunden wieder und sagte, sie hätte ihren Regen- 
schirm im Zimmer gelassen, was aber durchaus nicht der Fall 
sein konnte» da sie ja den Schirm — in der Hand hielt. Sie 
blieb dann noch einige Minuten und wollte unvermittelt die 
Frage an mich richten, ob sie nicht an einer Entzündung der 
Ohrspeicheldrüse (ungarisch: fültömirigy) leidet; sie ver- 
sprach sich aber und sagte: fültöürügy y d. h. Ohrspeichel- 
Vorwand, Die im Deutschen so unähnlichen Worte „Drüse*" 
und „Vorwand" sind eben im Ungarischen phonetisch ziemlich 
ahnlich lautend {mirigy, ürügy). Die Dame gestand mir auch 
auf einiges Befragen, daß sie gerne noch länger bei mir 
geblieben wäre, so daß ihr Unbewußtes das vermeintliche Ver- 
gessen des Regenschirmes als Vorwand zur Verlängerung des 
Besuches benutzt haben mag, Leider war es mir in diesem 
Falle nicht möglich» mit der Analyse tiefer zu dringen, so daß 
es unerklärt bleiben mußte, warum das intendierte Vergessen 
nicht wirklich, sondern nur vermeintlich zustande kam. Eine 
versteckte Tendenz (oder ein Vorwand) ist eben für alle Fehl- 
leistungen gleicherweise charakteristisch. 

Weit eingehender untersuchte ich folgenden Fall von ver- 
meintlicher Handlung. Ein junger Mann war in der Sommer 7 
frische der Gast seines Schwagers. Eines Abends versammelte 
sich dort eine lustige Gesellschaft; die Zigeunerkapelle war 
auch bald bei der Hand, man tanzte, sang und trank im Freien 
bis spät in die Nacht hinein. Der junge Mann war das Trinken 
nicht gewöhnt, geriet bald in pathologische Rühr Seligkeit, 
besonders als die Zigeuner das traurige Lied: „Aufgebahrt im 
Hofe liegt die Leiche" zu spielen begannen. Er weinte bitter- 
lich, mußte er doch an seinen noch nicht allzu lange 
begrabenen Vater denken, an dessen Tod die lustigen Zecher 
ebensowenig denken, wie auch die im Hof aufgebahrte Leiche 
im Lied „von niemand, niemand beweint" wird. Unser junger 



Über vermetotlidie Fehlhandlungen 131 

Mann zieht sich denn auch sofort aus dem lustigen Kreise 
zurück und begibt sich auf einen einsamen Spaziergang zum 
naheni in Nacht und Nebel gehüllten See, Einem — ihm 
nachträglich unerklärlichen — Impulse folgend (er war, wie gesagt, 
selber etwas „benebelt u ) t zieht er plötzlich die volle Brieftasche 
aus der Tasche und wirft sie ins Wasser, obzwar das Geld, das 
sie enthielt, ihm nur zur Aufbewahrung übergeben wurde; es 
gehörte der Mutter. Was er später tat, weiß er nur summarisch 
zu erzählen. Er kehrte zu den Freunden zurück, trank noch 
mehr, schlief ein, wurde schlafend zu Wagen in die Stadt* 
wohnung befördert. Er erwacht spät morgens in seinem Bette. 
Sein erster Gedanke ist — die Brieftasche. Er ist verzweifelt 
über seine Tat, verrat sie aber niemand und läßt einen Wagen 
holen; er will zum See, obzwaT er nicht die geringste Hoffnung 
hat, das Geld wiederzufinden. In diesem Momente kommt das 
Stubenmädchen und überreicht ihm die Brieftasche, die sie 
unter dem Kissen im Bette des vermeintlichen Verlustträgers 
gefunden hat. 

Die Komplikation mit dem Alkoholrausch macht auch diesen 
Fall dazu ungeeignet, mit seiner Hilfe etwas Allgemeingültiges 
über die vermeintlichen Fehlhandlungen auszusagen. Die psycho- 
analytische Untersuchung zeigte immerhin, daß hier — wie so 
oft — der Alkohol das Symptom nicht eigentlich schuf, sondern 
nur einem stets bereitstehenden, affektbetonten Komplex zum 
Durchbruch verhalf* 1 Die Brieftasche mit dem ihm anvertrauten 
und weggeworfenen Geld war die symbolische Vertretung der 
Mutter selbst, die er — der so stark an den Vater fixierte — 
in seinem Unbewußten förmlich ertränken wollte, In die 
Sprache des Bewußten hatte man diese Handlung mit den 



Siehe meinen kurzen Aufsatz „Alkohol und Neurosen** (Band I 
dieser Sammlung), 



13* S, Ferenczi 

Worten übersetzen tonnen: „Wäre doch lieber die Mutter 
gestorben und nicht der Vater/ 1 Der Patient mußte sich den 
Vorfall so zurechtlegen, daß er t als er sich im benebelten 
Zustande beim See herumtrieb, die Brieftasche über dem 
Wasser nur hin- und herschwang; offenbar steckte er aber 
dann die Tasche schön wieder ein» versteckte sie beim Aus- 
kleiden vorsorglich unter dem Kissen, traf also alle Vorsichts- 
maßregeln, um sie ja nicht zu verlieren, vergaß aber gerade 
diese Handlungen und erwachte mit der sicheren Erinnerung 
an seine Missetat. Psychoanalytisch gesprochen, handelte es sich 
bei der Fehlhandlung um eine Äußerung seiner Ambivalenz. 
Nachdem er die Mutter — in der nbw Phantasie — um- 
brachte, legte er sich mit ihr zu Bett und behütete sie sorg- 
sam. Auch die übermäßige Trauer um den Vater war bei ihm 
„doppelwertig" zu deuten, sie hatte auch die Aufgabe, seine 
Freude darüber zu verdecken, daß er endlich das väterliche 
Gut (und das wertvollste Gut, die Mutter) geerbt hatte. Von 
den ambivalenten Tendenzen durfte sich nur die positive (zärt- 
liche) in die Tat umsetzen, während sich die negative mir in 
Form einer Erinnerungsfalschung, also in einer viel harm- 
loseren und ungefährlicheren Form durchsetzen durfte. 

Ein anderer, ähnlich zu erklärender Fall, der den Vorzug 
hat, nicht durch exogenen Einfluß (wie der obige durch 
Alkoholrausch) kompliziert gewesen zu sein, ist folgender; 

Einem Mediziner, der einem Kranken die Medikamente zu 
verabreichen hatte, schießt plötzlich die Idee durch den Kopf, 
er habe seinem Pflegebefohlenen nicht die richtige Medizin 
eingegeben und ihn vergiftet. Er verabreichte Gegenmittel. 

1) Die Fülle der Brieftasche war Anspielung auf die Urquelle de« 

Mutterhasses heim Patienten. Die Ehe seiner Eltern war ungemein 
fruchtbar, fast jedes Jahr brachte ihm ein neues Geschwister. Das Geld 
zugleich Hinweis auf die infantil-anale Geburtstheorie ; das Ertranken 
^ in Gegenstück xur Bettung ans dem Wasser usw. 



Über vermeintlidie Fehl Handlungen t$3 

Seine unbeschreibliche Angst schwand erst, als die genaue 
Nachforschung die Unmöglichkeit der Sache erwies. Der mit 
einem iiberstarken „Komplex der feindlichen Brüder" Behaftete 
hat sich hier — in seiner Phantasie — eines Rivalen ent- 
ledigt* während er in der Realität nur Schutzmaßregeln zu 
seiner Rettung traf; ein Glück, daß er mit diesen nicht 
geschadet hat 

Ahnlich erging es mir seihst, als ich einmal spät nachts 
geweckt wurde, um eine Patientin zu besuchen, der es sehr 
schlecht gehe, Sie war am Nachmittag desselben Tages bei mir 
gewesen, klagte — nebst anderen unbedeutenden Beschwerden 
— über Kratzen im Halse. Die Untersuchung ergab nichts 
Organisches, wohl aber eine „kleine Hysterie**. Die Vermögens- 
lage der Patientin verbot es mir, ihr eine so kostspielige Kur, 
wie die Psychoanalyse, vorzuschlagen, darum begnügte ich 
mich mit der üblichen Beruhigung und schenkte ihr zur 
Linderung ihrer Halsschmerzen eine Schachtel „Formamint"- 
Pastillen, die mir der Fabrikant zur Probe zugesandt hat; sie 
soll davon täglich drei bis vier Stück nehmen. 

Auf dem Wege zur Patientin steigt die qualvolle Idee in 
mir auf, ob ich die Patientin nicht mit den Pastillen vergiftet 
habe* Das Präparat war mir bis dahin unbekannt, es wurde 
mir eben am selben Tage zugesandt. Ich dachte mir, es könnte 
eine Formolverbindung, vielleicht ein Form-Amin 
(siel) sein, d. h. ein stark giftiges Desinfiziens. Die Patientin 
fand ich mit etwas Magenschmerzen, aber sonst so beruhigend 
aussehend, daß ich ziemlich erleichtert nach Hause ging, 
Unterwegs fiel mir erst ein, das Formamin t könne doch nur 
ein harmloses Menth a-Präparat sein, was sich Tags darauf auch 
bestätigte. Die ganze Vergiftungsphantasie erwies sich analytisch 
als der Ausdruck meines Ärgernisses über die nächtliche 
Ruhestörung* 



134 & Ferenczi 

Es scheint nun wirklich, als stäken hinter dieser Sorte von 
Fehlhandlungen besonders gefährliche Aggressionstendenzen, 
deren Zugang zur Motilität sorgfältig abgesperrt sein muß, 
während sie die innere Wahrnehmung noch falschen dürfen. 

Normalerwreise beherrscht bekanntlich das Bewußtsein 
den Zugang zum motorischen Ende des psychischen Apparates, 
In diesen Fällen scheint aber schon im Unbewußten dafür 
gesorgt gewesen zu sein, daß die vom Bewußten verpönten 
Handlungen unter keinen Umständen zustande kommen; um 
so sicherer, konnte sich dann das Bewußtsein mit den — aller- 
dings negativ betonten — aggressiven Phantasien beschäftigen. 
Dieses Verhalten erinnert an die Phantasiefreiheit des Träumen- 
den, bei dem der Schlafzustand überhaupt jedes Handeln 
lähmt. 1 

Es besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den beschriebenen 
Fehlhandlungen und der Grübelsucht; hier wie dort wird eine 
soeben begangene Handlung nachträglich kritisiert, nur daß 
der Grübler unsicher darüber wird, ob er die intendierte 
Handlung auch richtig ausgeführt hat, während der „ver- 
meintlich Fehlhandelnde** dessen fälschlicherweise sicher ist 
daß er unrichtig gehandelt hat. Es handelt sich hier um 
feine Unterschiede des Mechanismus der Realitatspriifung, die 
wir uns metapsychologisch noch gar nicht vorstellen können* 
Die Analogie dieser Fehlhan dlun gen mit zwangsneurotischen 
S} r mptomen bestärkt uns übrigens in unserer Annahme, 
daß die vermeintlichen Fehlhandlnngen — wie auch die 
Zwangserscheinungen — als Ventile ambivalenter Strebungen 
fungieren. 

1) Mein Freund Dr, Barthodeiszky macht© mich, mit Recht, 
darauf aufmerksam, daß „vermeintliche Fehlhandlungen** am häufigsten 
bei berufsmaßig-en oder sonstwie gat eingeübten Haniierung-en vor- 
kommen, die „automatisch", d. h. unbewußt und doch verläßlich sind- 



Über vermeintllme Fehlhandlungen 135 

Den Mechanismus dieser Art Fehlhandlung kann man auch 
als Gegensatz zur Symptomhandlung beschreiben. Bei der ver- 
meintlichen Fehlhandlung vermeint das Bewußtsein eine (aus 
dem Unbewußten stammende) Handlung begangen zu haben, 
während die Motilität in Wirklichkeit ordentlich zensuriert 
war* Bei den sogenannten Symptomhandlungen setzt sich dagegen 
die unterdrückte Tendenz — unbemerkt vom Bewußten — zur 
motorischen Aktion durch. Symptomhandlung sowohl als ver- 
meintliche Fehlhandlung haben aber das Gemeinsame, daß bei 
beiden eine Diskrepanz zweier Funktionen des Bewußtseins: 
der inneren Wahrnehmung und des Behütens des Zuganges 
zur Motilität, vorhanden ist, während sonst beide Funktionen 
gleichmäßig richtig oder gleicherweise beeinträchtigt zu sein 
pflegen* 

Die Technik der „Fehlhandlung an der Fehlhandlung* ist 
auch mit der des „Traumes im Traume* vergleichbar* Beide 
schlitzen sich durch eine Art Reduplikation gegen allzu ver- 
pönte Äußerungen des Unbewußten* Das Fehlhandeln an einer 
Fehlhandlung ist ja eo ipso — ein KorTektivum, gleichwie das 
Träumen im Traume einem Teile des Trauminhaltes den 
Traumcharakter benimmt* Weiß man, daß man träumt, so 
träumt man eigentlich nicht mehr wie sonst, wo man das 
Geträumte für wahr nimmt; und wenn man etwa eine 
Fehlhandlung auszuführen — vergißt, so kommt sie eben gar 
nicht zustande. 

Das Tendenziöse an der „vermeintlichen Fehlhan dlung* ist 
am besten im folgenden burschikosen Scherz dargestellt: „Ent- 
schuldigen Sie, daß ich Sie gestoßen habet" — sagt ein Student 
im Vorbeigehen einem Passanten* „Sie haben mich ja gar nicht 
gestoßen l" antwortet jener. ft Das kann ich ja nachholen" — 
sagt darauf der Student und versetzt ihm einen tüchtigen 
Rippenstoß. 



i 36 S. Ferenczt 

Der Witz aber läßt die demaskierte Tendenz der vermeint- 
lichen Fehlhandlung nachträglich zur Tat werden, während 
man sich sonst nur freut, seinen Irrtum erkannt zu haben und 
einer eingebildeten Gefahr entronnen zu sein. 



Ober lenkbare Träume 

Der j»Traum im Traume" ist, wie es St ekel erkannte, die 
Erfüllung des Wunsches, daß alles, was die Traumgedanken 
beschäftigt, unwahr, irreal, ein Traum sein mochte. Es gibt 
aber auch Träume, in denen der Schlafende sich über das 
Traumhafte seiner Gedanken gleichfalls Rechenschaft gibt, die 
aber eine andere Erklärung des Bewußtwerdens des Traum- 
zustande* zu erfordern scheinen. 

Viele Menschen, die das Schlafen und Träumen als ein 
Mittel zur Flucht aus der Realität benützen, wollen den Schlaf- 
zustand über die physiologische Notwendigkeit hinaus ver- 
längern; darum neigen sie unter anderem zur traumhaften 
Verarbeitung der Weckreize, Ja, selbst wenn der Weckreiz zu 
stark war, um dessen Realität verkennen zu können, dis heißt, 
wenn sie wirklich erwachen, kämpfen sie weiter mit der 
^Unfähigkeit* zum Aufstehen und benützen jeden nichtigen 
Vorwand, um länger zu Bette bleiben zu können, 

Einer dieser Patienten berichtet mir nun häufig von einer 
eigentümlichen Art des Bewußt werdens des Traumzustandes im 
Schlafe. In manchen seiner Träume» die aus mehreren Szenen 
bestehen, vollzieht sich der Szenenwechsel nicht wie gewöhnlich 
unvermittelt, überraschend und ohne bewußten Grund, sondern 






13S S. Fcrenczi 

mit einer eigentümlichen Motivierung: „In diesem Moment 
dachte ich mir", — lautet gewöhnlich die Schilderung des 
Überganges zwischen zwei Szenen, — »daß das ein schlechter 
Traum ist; der Traum muß anders gelost werden, und im 
selben Moment verwandelte sich die Szene." Die nun folgende 
Szene brachte wirklich eine dem Träumenden entsprechendere 
Lösung, 

Der Patient träumt manchmal drei, vier Szenen nach- 
einander, die alle dasselbe Material mit verschiedenen Aus- 
gangen verarbeiten wollen, die aber alle im entscheidenden 
Momente durch das Bewußtwerden des Traumzustandes und 
den Wunsch nach einer besseren Lösung gehemmt werden, bis 
etwa das letzte Traumbild ungehemmt zu Ende geträumt 
werden kann. Dieses letzte Traumbild endet dann nicht selten 
mit einer Pollution. (Vgl, dazu Ranks Ansicht, daß alle 
Träume Pollutionsträume sind,) 

Manchmal wird nach der Hemmung nicht die ganze Szene 
neu geschaffen, sondern der Schlafende denkt sich mitten im 
Traum; „So wird der Traum schlecht enden, und der Anfang 
war doch so schön, ich will ihn anders zu Ende träumen." 
Und tatsächlich geht der Traum bis zu einem Punkte der vor- 
hergegangenen Traumszene zurück und korrigiert im Anschlüsse 
daran die als ungünstig erkannte Lösung, ohne an der Szenerie 
oder an den Persönlichkeiten des ihm entsprechenden Anfangs 
des Traumes etwas zu ändern. 

Zum Unterschiede vom Wachträumen, das ja auch unter 
verschiedenen Ausgängen und Möglichkeiten die Wahl trifft, 
muß hervorgehoben, werden, daß diese „lenkbaren 
Träume", wie ich sie nennen möchte, nicht das rationelle 
Gepräge der im Wachen produzierten Phantasien aufweisen, 
sondern ihren engen Zusammenhang mit dem Unbewußten 
durch ausgiebige Verwendung der Verschiebung, Verdichtung 



Über lenkbare Träume 139 

und der indirekten Darstellung verraten. Allerding« kommen in 
diesen Träumen recht häufig zusammenhängendere „Traum- 
phantasien* vor. 

Wenn wir hinzunehmen, daß diese Träume zumeist in den 
Morgenstunden geträumt werden, und gerade von jemandem, 
der ein Interesse daran hat, den Schlaf- und Traumzustand 
möglichst zu verlängern, so dürften wir das Zustandekommen 
dieser merkwürdigen Vermengung der bewußten und der 
unbewußten Denkvorgäuge eben aus einem Kompromiß 
zwischen dem ausgeschlafenen und darum er wachen wollenden 
Bewußtsein und dem krampfhaften Festhaltenwollen am Un- 
bewußten erklären. 

Theoretisch ist diese Art von Träumen von Interesse, da sie 
eine introspektive Erkenntnis der wünsch erfüllenden Tendenz der 
Träume erbringt. 

Auch kann dieser Einblick in die Motive des Szenenwechsels 
im Traume zur Erklärung des Zusammenhanges der in der- 
selben Nacht erlebten Träume überhaupt herangezogen werden. 
Der Traum bearbeitet den das Seelenleben gerade beschäftigen- 
den Traumgedanken von allen Seiten her, läßt das eine Traum- 
bild bei drohender Gefahr des Mißlingens der Wunscherfüllung 
fallen, versucht es mit einer neuen Art der Losung, bis es 
ihm endlich gelingt, eine die beiden Instanzen des Seelen- 
lebens kompromissuell befriedigende Wunscherfüllung zu 
schaffen. 

Auch die Fälle, in denen man infolge des Unlustcharakters 
der Traumbilder erwacht, um dann wieder einzuschlafen und 
„wie nach dem Verscheuchen einer Fliege" (Freud) weiter 
zu träumen, konnten von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet 
werden, Hiefür spricht folgender Traum eines jetzt hochgestellten 
und getauften Herrn von sehr einfacher jüdischer Abstammung, 
Er träumt, daß sein verstorbener Vater in einem vornehmen 



14Q S. Fcrenod 

Kreise erscheint und den Träumenden durch seine schäbige 
Kleidung in Verlegenheit bringt. Die äußerst peinliche Stim- 
mung weckt den Schlafenden für einen Moment; doch bald 
schläft er wieder ein und träumt, daß sein Vater in demselben 
Kreise, nun aber dezent und fein gekleidet erscheint* 



^ 



Affektvertausdning im Traume 

(i 9 i6) 

Ein älterer Herr wird bei Nacht von seiner Frau geweckt, 
die ängstlich darüber wurde, daß er im Schlafe so laut und 
unbändig lachte. Der Mann erzählte später, folgenden Traum 
gehabt zu haben: „Ich lag in meinem Bette, ein bekannter 
Herr trat ein, ich wollte das licht aufdrehen, konnte es aber 
nicht, versuchte es immer wieder, - — vergebens. Daraufhin 
stieg meine Frau aus dem Bette, um mii zu helfen, aber auch 
sie vermochte nichts auszurichten; weil sie sich aber vor dem 
Herrn wegen ihres Negliges genierte, gab sie es schließlich auf 
und legte sich wieder ins Bettj all dies war so komisch, daß 
ich darüber fürchterlich lachen mußte. Die Frau sagte: ,Was 
lachst du, was lachst du?*, ich aber lachte nun weiter, — bis 
ich erwachte, — Tags darauf war der Herr äußerst nieder- 
geschlagen, hatte Kopfschmerzen, — „vom vielen Lachen, das 
mich erschüttert hat", meinte er* 

Analytisch betrachtet, schaut der Traum minder lustig aus. 
Der „bekannte Herr", der eintritt, ist in den latenten Traum- 
gedanken das am Vortage geweckte Bild des Todes, als des 
r großen Unbekannten"* Der alte Herr, der an Arteriosklerose 
leidet, hatte am Vortage Grund, ans Sterben zu denken. Das 
unbändige Lachen vertritt die Stelle des Weinens und 



*42 S. Ferencal 

Schluchzens bei der Idee, daß er sterben muß. Es ist das 
Lebenslicht, das er nicht mehr aufdrehen kann, Dieser traurige 
Gedanke mag sich an vor kurzem beabsichtigte, aber miß- 
lungene Beischlafversuche angeknüpft haben, bei denen ihm 
auch die HUfe seiner Frau im Neglige" nichts half; er merkte, 
daß es mit ihm schon abwärts geht. Die Traumarbeit 
verstand es, die traurige Idee der Impotenz und des Sterbens 
in eine komische Szene und das Schluchzen in Lachen um- 
zuwandeln. 

Ähnliche „ Affekt vertauschun gen" und Umkehrungen von 
Ausdrucksbewegungen sieht man übrigens außer im Traum 
auch in der Neurose und als „passagere Symptombildungen * 
in der Analyse. 1 



i) Vgl. Passager e Symptombildungen während der Analyse. (Dieser 

Band, 5. 9 ff*) 



Der Traum vom Okklusivpessar 

Ein Patient erzählt folgenden Traum: »Ich stopfe ein Okklusiv- 
pessar in meine Harnrohre, Hohe dabei Angst, es könnte in die 
Blase schlüpfen, aus der man es nur auf blutigem Wege ent- 
fernen könnte* Ich versuche es also an der Dammgegend von 
außen festzultalten und zurückzudrängen oder etwa längs der 
Harnröhre herauszupressen , . .* An dieser Stelle fällt ihm ein? 
daß in einem diesem Traume vorausgegangenen Traumbruch- 
stiieke »das Pessar in seinen Mastdarm gestopf t war a . Nachtrag? 
„Im Traume war es mir bewußt, das elastische Ding werde 
sich in der Blase breitmachen (sie!) und dann nickt mehr heraus- 
zuholen sein/* 

Dem sonst durchaus männlichen Patienten kommt dieser 
Traum, in dem er — wie ein Weib — Schutzmaßregeln gegen 
die Schwängerung trifft, ganz unsinnig vor, auch ist er neu- 
gierig zu erfahren, ob auch dieser peinliche Traum einen 
Wunsch erfüllt. 

Nach den aktuellen Anlässen des Traumes befragt, erzählt 
er sogleich: 

— Ich hatte gestern eine intime Zusammenkunft, Natürlich 
hat dabei die weibliche Partnerin und nicht ich die Vorsichts- 



144 S, Ferenczi 

maßregeln getroffen, sie schützt sich tatsächlich mittels Okklusiv- 
pessars vor den Folgen, 

— Da identifizieren Sie sich ja im Traume mit dieser weib- 
lichen Person» Wie kommen Sie dazu? 

— Ich weiß mich von femininen Tendenzen vollkommen 
frei, Als Kind stopfte ich gerne kleine Objekte in die Öffnungen 
des Kopfes (Nase, Ohr), aus denen sie oft nur schwierig zu 
entfernen waren, was nicht ohne ängstliche Aufregung vor sich 
ging. Das Band, das am Gummipessar hängt, erinnert mich an 
Bandwürmer, vor denen ich gleichfalls Angst hatte. Dazu fallt 
mir ein, daß ich gestern mit Hunden gespielt und mir gedacht 
habe, ich könnte von ihnen Echinokokken bekommen, 

— Bandwürmer und Echinokokken — bemerkte ich — sind 
allerdings leicht mit der Idee der Schwangerschaft in Beziehung 
zu bringen, sie gelangen als Eier oder in sonstigen Entwicklungs- 
vorstufen in den Körper und wachsen dort zu ansehnlicher 
Größe heran, — gerade wie das Kind im Mutterleibe. 

— Dazu würde stimmen, daß ich im Traume ängstlich 
befürchtete, das elastische Ding könnte sich in der Blase aus- 
dehnen. Der Echinokokkus ist, nicht wahr, auch eine Blase? 
Und noch etwas ! Beim Sexual verkehr macht mir oft eine andere 
Gefahr große Sorgen, die der venerischen Infektion- Da schütze 
ich mich mit Fischblase. 

— Infektion vertritt in Träumen überhaupt gerne in sym- 
bolischer Art die Schwängerung. Sie scheinen in Ihrem Traume 
beide Gefahren, die einem ledigen Manne drohen können, ver- 
tauscht oder zumindest vermengt zu haben» Statt sich mittels 
Fischblase und die Frau mit dem Fessar zu schützen, infizieren 
Sie sich gleichsam mit dem blasenformigen Instrumente: das 
heißt, Sie schwängern sich selbst. 

— So wie es der Bandwurm wirklich tun kann. Die Wurm- 
glieder sind, wenn ich mich recht erinnere, hennaphroditisch. 



Der Traum vom Okklusivpessar 145 

. — Wir hätten in diesem Einfall eine weitere Bestätigung 
unserer Annahme, wissen aber immer noch nicht, wie Sie 
dazu kommen, sich selbst zu schwängern. Was fallt Ihnen zur 
^blutigen Operation" des Traumes ein? 

— Ich denke zunächst an folgenden Fall: Vor einiger Zeit 
unterzog sich die vorhin erwähnte Prau einer Operation an der 
Dammgegend; sie erlitt bei der Geburt ihres Söhnleins einen 
seinerzeit mangelhaft vernähten Dammriß, als deren Folge sich 
später ein Vorfall der Vagina und des Uterus entwickelte, was 
ihr (und natürlich auch mir) den Geschlechtsgenuß nicht wenig 
verkümmerte. Die Operation bestand im nachträglichen Ver- 
nähen der Bißstelle* 

— Ihre Einfälle scheinen sich von allen Richtungen nach 
der Situation des Gebarens zu konzentrieren. Ich mache Sie 
darauf aufmerksam, daß die von Ihnen erzählte Geschichte* 
wenn auch mit starken Auslassungen, eigentlich schon im 
manifesten Traum erzählt ist-, denken Sie an das „Fest- 
halten" des Fremdkörpers „an der Dammgegend von 
a u ß e n ff und an dessen »Zurückdrängen* oder n H e r a u s- 
pressen** im Traum, Es ist, als beschrieben Sie kunstgerecht 
den Dammschutz bei einer Entbindung, Wo haben Sie 
diese geburtshilflichen Kenntnisse her? 

— Ich interessierte mich für diesen Gegenstand zuletzt aus 
Anlaß der erwähnten Operation, Ich befürchtete auch* daß bei 
einer eventuell nachfolgenden Geburt die Frau infolge der Ver- 
engerung des Geschlechtskanals geschädigt werden könnte. 

— Zur Angst vor dem Kinde gesellt sich also bei Ihnen 
auch die Angst, keine Kinder zu haben, 

— Ja, das ist eigentlich das Einzige, was mich zu hindern 
scheint, diese Frau zu heiraten, die mir sonst — wie Sie 
wissen — in jeder Hinsicht zusagt* Ich weiß auch beide An- 
lässe, die diese Sorge gerade gestern in mir aufkommen lassen 

Ferencil» Bausteine zur Psychoanalyse II 10 



146 S. Ferenczi 



machten. Eine andere junge Dame, die ich vor Jahren einmal 
heiraten wollte, wurde mir gestern als Braut vorgestellt. Ich 
dachte mix dabei: diese wird gewiß bald ein Kind bekommen. 

— Wahrscheinlich lockte Sie bei dieser Dame damals gerade 
diese Aussicht, aber die Jugendlichkeit und Unberührtheit 
mögen gleichfalls anziehend gewirkt haben, besonders im Gegen- 
satz zum nicht mehr intakten Geschlechtsorgan ihrer jetzigen 
Freundin. Ich erinnere Sie übrigens an den bei Ihnen wieder- 
holt konstatierten starken Kastrationskomplex, Schon das normale 
weibliche Genitale wirkt auf Leute wie Sie manchmal abstoßend, 
die Assoziation mit Dammriß, Operation, abnormer Weite usw. 
kann aber auch ganz normalen Menschen den Geschlechtsgenüß 
verkümmern. Sie sind mir aber noch einen zweiten Traum- 
anlaß schuldig t 

1 — Der zweite Anlaß ist wohl der: Gestern abends war ich 
längere Zeit bei meiner Mutter, bei der ein kleines sechs- 
jähriges Enkelkind, mein Neffe, zu Besuch war. Ich habe den 
Jungen sehr gerne, er ist wißbegierig und gescheit, ich behandle 
ihn zärtlich und gebe ihm Auskunft über alles, was er nur 
fragt und worauf ich antworten kann. Gestern tat ich dasselbe 
und dachte mir dabei: ich habe es bei meiner Mutter nicht so 
gut gehabt, Sie wissen, wie streng sie mit mir umging. 

— FiS scheint. Sie wollten Ihrer Mutter zeigen, wie man 
ein Kind behandeln soll, d> h. wie man Sie hätte behandeln 
sollen. Sie identifizierten sich als Erzieherin mit Ihrer Mutter. 
Von da ist aber nur mehr ein Schritt zur anderen, Ursprünge 
licheren» mütterlichen Funktion: zur Geburt, wie Sie sie im 
Traume durchmachten. Es ist eigentlich Ihre eigene Wieder- 
geburt, bei der Sie gleichzeitig Mutter- und Kindesrolle spielen, 
In der unbeholfenen Sprache des Traumes drückt sich viel- 
leicht auch der naive Wunschgedanke aus: Wenn ich von der 
älteren Frau kein Kind bekommen kann, von der jüngeren 



Der Traum vom Okklusivpessar t47 

keines bekommen darf, — so mache ich mir selber das Kindl 
Da ist übrigens auch die Anknüpfung an die infantil auto- 
erotischen Gelüste, die wir bei Ihnen bei anderer Gelegenheit 
festgestellt haben -, ich meine nicht nur das von Ihnen erwähnte 
Bohren in der Nase und ün Gehörgange, sondern auch den 
erotischen Nebengewinn der Blasen- und Stuhlentleerung. Harn 
und Kot waren Ihre ersten — urethral und anal geborenen — 
Kinder. 

— Wenn ich diese letzte Deutung auch nicht voll akzep- 
tieren kann, muß Ich doch als dazu stimmend anführen, daß 
ich als Kind lange Zeit über die Art, wie Kinder zur Welt 
kommen, im unklaren war* Die Prüderie, die in meiner Familie 
herrschte, machte solche Fragestellungen unmöglich. Meinem 
kleinen Neffen habe ich aber vor einiger Zeit auch diese letzten 
Aufklärungen gegeben. 

— Träume vermögen noch waghalsigere Entstellungen zu 
leisten, drum wage ich auch meiner soeben gegebenen Deutung 
die weitere anzufügen, daß Sie, wie die meisten Kinder, wahr- 
scheinlich zuerst den Mastdarm und erst später die Harnröhre 
als Geburtsstätte ansahen. Das kann der Traum nicht anders 
ausdrücken, als daß er besagt, das sich breitmachende Pessar 
wäre früher in den Darm, dann erst in die Harnröhre gestopft 
gewesen. Da fallt mir aber die ungewohnte Redewendung „sich 
breitmachen" auf; dieses Wort pflegt nicht auf Objekte ange- 
wendet zu werden. 

— Zum „sich breitmachen** fallen mir die Worte ein: 
Hahn im Korbe — Eindringling, Alle drei Bezeich- 
nungen könnten aber auf mich selber Anwendung finden. Die 
Brüder meiner Geliebten sehen mich ja schon lange mit 
scheelen Augen an und ich muß mich vor ihnen drücken. Oft 
komme ich mir selber als ein Feigling vor, auch fürchte ich, 
daß mir früher oder später etwas Unangenehmes passieren wird- 



14S S. Fcrenczi 



™ Das „Passieren" durch eine Enge kannte allerdings auch 
Ihre verzwickte Lage bildlich ausdrücken, wie denn die Weich- 
heit und Nachgiebigkeit des Materials, aus dem das Pessar 
gemacht ist, nicht schlecht zur Feigheit und zum „Sichdrücken" 
passen würde, die Sie sich zum Vorwurfe machen. Und da es 
nur von Ihrem Entschlüsse abhängt, an der Situation zu ändern, 
so tun Sie eigentlich — wie im Traume — sich selber das 
Leid an, über das Sie sich beklagen. Auch die Wortbriicke 
Pessar — passieren kann bei der Traumbildung gangbar 
gewesen sein, 

— Da Sie soeben von Enge und Weite sprachen, fiel mir 
ein Stückchen des gestrigen Traumes ein* Ich erinnere mich 
nunmehr genau, daß das Pessar für den Darm zu weit 
war und herauszufallen drohte, für die Harn- 
röhre war es wiederum zu eng, 

— Daß Sie mir jetzt diesen Nachtrag preisgeben können t 
lege ich als Bestätigung meiner Deutungen aus dem Unbe- 
bewußten aus, bitte Sie aber fortzufahren. 

— Ich denke jetzt an zwei Freunde aus dem Knabenalter« 
J. M. und G, L., beide beneidete ich um die Größe des 
Gliedes» Auch fällt mir jetzt wieder ein, was ich Ihnen unlängst 
erzählte, daß die Größe des Genitalorganes, dessen ich einmal 
im Bade beim Vater ansichtig wurde, mich als Kind so gewaltig 
erschreckt hat. 

— Damit lassen Sie wieder eine andere, übrigens schon zum 
Teil analysierte, Schichte Ihres Seelenlebens zu Worte kommen, 
Ihre Einfälle und der Traum weisen darauf hin, daß Ihnen 
früher einmal, wo Sie sich noch von keiner anderen Frau als 
von der Mutter angezogen fühlten, die Disproportion der 
Körperdimension eines Kindes und eines Erwachsenen Sorge 
machte. Ich erinnere Sie auch an Ihre Sexualforschung im 
späteren Kindesalter» die Sie mir selber erzählten, wo Sie suh 



Der Traum vom Okklusivpessar 149 

titulo „Doktorspiel* eine Genitalmusterung der im Hause 
wohnenden kleinen Mädchen vornahmen* Es scheint mir nun* 
daß Sie die allzu große Enge bei diesen dbensoxvenig befriedigte, 
wie die von Ihnen geahnte zu große Weite bei der erwachsenen 
Frau* In dieser Ungewißheit und allseitigen Unzufriedenheit 
scheinen Sie noch jetzt zu stecken, wo Sie zwischen der Jüngeren 
und der Älteren nicht die Wahl treffen und sich von keiner 
der beiden voll befriedigt fühlen. 

Die lange Periode der Selbstbefriedigung, die Sie in Ihrer 
Jugend durchmachten, dürfte die Folge dieses Scheiterns bei 
der Objektwahl gewesen sein. Und darum machen Sie auch im 
Traum sich selber jenes Pessar -Kind, nachdem Sie 
die Frau mit der zu weiten Vagina und die Braut mit der zu 
eugen als Abbilder früherer mißlungener Liebeswerbungen an 
einem und demselben Tage begegneten* In unserer Kunstsprache 
heißt das eine „Regression* 4 von der Objektliebe zur Selbst- 
befriedigung, d. h, zu einer früheren Befriedigungsweise. Nun 
muß ich aber darauf zurückkommen, daß Sie am Beginne der 
Stunde den Traum fÜT einen „Unsinn* erklärt haben; Sie 
haben darin auch recht, es ist gewiß unvernünftig, wenn sich 
jemand ohne Not einen Fremdkörper in seinen Mastdarm oder 
in seine Harnblase stopft, nicht minder unsinnig ist es, wenn 
ein Mann ein weibliches Schutzmittel gebraucht oder sich selbst 
ein Kind machen oder an sich selber Geburtshelferdienste ver- 
richten will* Eine bewährte Regel der Traumdeutekunst besagt 
aber, daß sich hinter solchen Unsinnträumen Spott und Hohn 
zu verbergen pflegt, 

- — Meine nächsten Einfalle beziehen sich auf Ihre Person, 
Herr Doktor, ohne daß ich den Zusammenhang zunächst 
erkennen könnte. Ich ' denke daran, daß Sie mir gestern An- 
deutungen machten, wonach Ihre Hilfeleistung bald nicht mehr 
nötig ist und daß ich schon mit mir allein fertig werde* Ich 



J5Ö S. Ferenczi 



verspürte aber danach nur aufrichtiges Bedauern* da ich mich 
noch nicht soweit hergestellt fühlte, daß ich Ihren Beistand 
vermissen könnte. 

— Nun verstehe ich die Sache, Sie spotten meiner, indem 
Sie mir mit der ungeschickten Einführung des Pessars zeigen, 
wie unrichtig es ist, Sie allein zu lassen und Ihnen zuzumuten, 
von nun an Ihr eigener Arzt zu sein, Sie mögen zum Teil 
auch recht haben, zum anderen äußert sich aber in Ihrem 
Unwillen über meine Bemerkung auch die wiederholt kon- 
statierte Übertragung auf meine Person, die Ihnen das Ab- 
brechen der Analyse erschwert. Diese Neigung- laßt Sie Ihre 
eigene Fähigkeiten unterschätzen und die Bedeutung meiner 
Person und meiner Hilfeleistung übertreiben. Das Kind, das 
Sie sich selber machen, wäre also auch die selbstgemachte 
Analyse. 

— Ich habe, wie Sie wissen» wiederholt den Versuch 
gemacht, mich selber zu analysieren. Ich setzte mich zum 
Schreibtisch, schrieb meine Einfälle auf* beschrieb mit den 
Assoziationen viele Bogen Papiers, ohne daß etwas Rechtes 
herausgekommen wäre. Meine Gedanken zerfließen ins Uner- 
meßliche, ich kann sie nicht ordentlich zusammenfassen f ich 
finde nicht die Knotenpunkte im Gedankengewirr. Dagegen 
bewunderte ich oft die Geschicklichkeit, mit der Sie das 
scheinbar Unzusammenhängende ordnen können. 

— Eas unermeßliche Wachsen der Assoziationen entspräche 
dann dem „sich breitmachenden" Instrument, über das Sie die 
Herrschaft verlieren. Es ist aber kein Zufall, daß Sie Ihre 
Unfähigkeit gerade am Genitale und an der Kinderzeugung 
demonstrieren t Sie wissen doch, daß wir oft konstatieren 
konnten, wie sehr Sie als Kind von der imponierenden Größe 
des Vaters und besonders von dessen Kinderreichtum ein- 
geschüchtert — an sich selbst verzagten* Sie glaubten lange 



Der Traum vom Okklusivpessar 151 

Zeit hindurch, ohne seinen Beistand nichts Ordentliches leisten 
zu können, Sie glaubten nicht, es überhaupt jemals zur Familien- 
gründung bringen zu können. Einige Ihrer früher analysierten 
Träume enthielten auch deutliche Anspielungen an eine einiger- 
maßen feminine Einstellung dem Vater gegenüber. Ich vertrete 
aber derzeit die Stelle des Vaters bei Ihnen. Sie fühlen sich 
in der Rolle des Patienten bequem und haben Angst, auf sich 
selber angewiesen zu sein und die Verantwortung für Ihr 
ferneres Geschick ganz auf sich zu nehmen. 

Ich verlange von Ihnen nicht, daß Sie alle diese Deutungen 
annehmen, dies werden Ihnen vielleicht spatere Einfalle ermög- 
lichen. So viel werden Sie mir aber jetzt schon zugeben können, 
daß es in diesem Traume gelungen ist, all die nnlustvollen 
Gedanken, die den Schlaf Ihrer gestrigen Nacht hatten stören 
können, in die weit minder schreckliche Phantasie von jenem 
urethralen und analen Eingriffe umzugestalten, der aber gleich- 
zeitig die Erfüllung Ihres sehnlichsten Wunsches ist. Daß es 
dem Traume gelungen ist, die Wunscherfülluiig, das Kind, 
aus demselben Material, dem des Gummipessars* darzustellen, 
das in Ihnen eigentlich die unangenehmsten Gedanken lebens- 
länglicher Kinderlosigkeit erwecken konnte, macht Ihrer Traum- 
tüchtigkeit alle Ehre. 



Pollution ohne orgastischen Traum und 
Orgasmus im Traume ohne Pollution 

Oft erzählen einem die Patienten, daß sie im Schlafe eine 
Pollution gehabt haben, ohne daß der sie begleitende Traum- 
inhalt einen sinnlichen Charakter gehabt oder überhaupt eine 
geschlechtliche Beziehung verraten hätte. Manchmal vermag 
die Analyse die Faden aufzudecken, die von dem harmlosen 
bewußten Trauminhalt zu einer unbewußten Sexualphantasie 
führen, die die Samenergießung erklärlich macht. Immerhin 
zeigt es von einer starken Fähigkeit zur Verdrängung, wenn 
jemand die Verschiebung vom Eigentlichen bis zum. letzten 
Momente des organischen Befriedigungsprozesses festzuhalten 
versteht. Viel häufiger sind natürlich Fälle, in denen der 
Traum — wie gewöhnlich — mit Entstellungen und Ver- 
schleierungen der Phantasie beginnt, im Momente des Orgasmus 
aber unverhüllt die sexuelle oder genitale Begebenheit dem 
Träumenden bewußt werden laßt. 

Es gibt aber eine typische Form dieser Pollutionsträume 
ohne Orgasmus» die ich bei einem jungen Manne längere Zeit 
hindurch fast täglich zu studieren Gelegenheit hatte. Er hatte 
jede Nacht eine Pollution, aber niemals an einen sinnlichen 



Pollution ohne orgastischen Traum usw, 153 

Trauminhalt geknüpft. Es waren Beschäftigungsträume, 
die mit. einem Samenerguß endigten; sie bestätigen also die 
Annahme Tausks, wonach der pathologische Beschäftigungs- 
drang eine entstellte sexuelle Betätigung darstellt. 

Der junge Mann träumte z. B. von einer komplizierten 
mechanischen Entdeckung (er wollte Techniker werden), von 
einem fliegenden Automobil, das alle Vorzüge einer Flug- 
maschine und eines Automobils vereinigte* Die Arbeit ging 
schwer von statten, alle .möglichen Hindernisse stellten sich 
ihm in den Weg, doch als die Maschine fertig war und sich 
in Bewegung setzte, — erwachte er mit einer Pollution. — *■ 
Andere Male träumte er von einer schwierigen mathematischen 
Aufgabe, deren Lösung mit einer Ejakulation einherging usw. 

Da ich von Freud wußte, daß Pollutionen zumeist nächt- 
licherweise wiederkehrende Onaniebetätigungen (oder zumindest 
Onaniephantasien) sind, forschte ich bei diesem Patienten ein- 
dringlich nach der Geschichte seiner Masturbation und erfuhr, 
daß er einen besonders heftigen Abwehrkampf auszustehen hatte. 
Seine Mutter gehörte zu jenen anscheinend sorglosen (im Un- 
bewußten sehr sinnlichen) Personen, die das Heranwachsen 
ihres Sohnes nicht zur Kenntnis nehmen wollen^ um mit ihm 
desto länger in körperlicher Intimität bleiben zu können. Um 
die sich diesmal unverhüllt meldenden inzestuösen Phantasien 
abzuwehren, blieb dem jungen Mann nichts anderes übrig* als 
die Sexualität überhaupt in eine andere — möglichst harm- 
lose — Sprache zu transponieren, Das tat er seinerzeit bewußt* 
als er in die Onanie zurückfiel. Er „onanierte ohne Phantasien". 
Seit er die Wachonanie überhaupt unterdrückte, kehrt sie bei 
Nacht als Beschäftigungspollution wieder. 

Es scheint also, daß das Thema der nichtorgastischen Pol- 
lution überhaupt innig mit der Onanie ohne sinnliche 
Phantasien, von der einem so oft erzählt wird, zusammen- 



154 & Ferencri 

hangt. Solche Angaben Erwachsener müssen wir mit der größten 
Reserve aufnehmen; nur bei ganz kleinen Kindern können wir 
im Zeitalter der „primären Onanie^ die Möglichkeit einer rein 
lokalen Genitalreizung ohne Mitbeteiligung der übrigen Psyche 
zugeben. — Nach einiger Zeit erfährt man auch von den Er- 
wachsenen sicher, daß sie, \venn auch keine sinnlichen Phan- 
tasien, doch gewisse „Gedanken wahrend der Onanie bekommen"* 
Diese Gedanken sind oft eigentümlich. Mathematische oder 
mechanische Probleme (wie beim obigen jungen Mann); fort- 
laufendes Zählen, ja — in einem Falle — das Vorsieh hinsagen 
des hebräischen Abc, kommen vor. 

Dem Psychoanalytiker wird hier die Analogie mit Zwangs - 
gedanken und Zwangshandlungen nicht entgehen. Die Onanie 
ist eine Art Zwangshandlung, der durch die Verknüpfung mit 
gewissen sinnlosen oder in der gegebenen Situation unsinnigen 
Gedanken die eigentliche Bedeutung benommen werden soll* 

Die nähere Analyse des Patienten, der beim Onanieren das 
hebräische Alphabet hersagte (und von dem es sich heraus- 
stellte, daß er die Onanie manchmal mit hebräischen Gebeten 
begleitete), ergab folgendes: Wieder handelte es sich um eine 
unbewußte inzestuöse Onaniephantasie, deren verpönter Inhalt 
durch das Hersagen der heiligen Gebete (oder deren Reste: des 
hebräischen Alphabets) gleichsam exorziert wurde. 

Ein anderer elfjähriger Knabe stellte sich bei der Mastur- 
bation religiöse Szenen ohne jeden sinnlichen Inhalt vor. Am 
häufigsten beschäftigte er sich dabei mit der Erscheinung der 
heiligen Maria, was um so verstandlicher war, als ja seine 
Mutter Marie hieß. 

Die Verbindungsbrücke, die die Verschiebung der Phantasie 
von einer genitalen Betätigungsart auf die scheinbar so sehr 
entfernte Tätigkeit des Betens erleichtert, dürfte der Auto- 
matismus sein, der beiden gemeinsam ist* 



Pollution ohne orgastischen Traum usw, 155 

Das automatische Hersagen der Gebete, das sogar mit 
rhythmisch-automatischen Körperbewegungen verbunden sein kann 
(Vor- und Rückwärtsbeugungen bei manchen jüdischen Sekten, 
komplizierte rhythmische Körperbewegungen bei den „tanzenden 
Derwischen**, rhythmisches Schlagen an die Brust usw.), eignet 
sich gerade infolge dieses Amomatismus zur entstellten Dar- 
stellung eines anderen rhythmischen Automatismus, des 
genitalen. Dasselbe kann vom automatischen Hersagen des 
Alphabets und vom automatischen Zählen gesagt werden, denen 
natürlich auch das vollkommen „Abstrakte**, alles sinnlichen 
Gedankeninhaltes Bare, bei der Flucht vor der bewußten 
Sexualität zugute kommt. (Ich verweise in diesem Zusammen- 
hang auf die Arbeit Freuds über „ Zwangshandlungen und 
Religionsübungen" 1 .) 

Die Pollutionen oder Wachonanien, in denen — wie im 
oben beschriebenen Fall — die Ejakulation bei der Lösung 
einer schweren Aufgabe erfolgt, sind Miniatursymptome einer 
Angstneurose. Freud zeigte uns, daß ein großer Teil de» 
von den Menschen als Angst empfundenen Affekts, wie auch 
der AngsttränTne, neurotischen Ursprungs ist: die be wußtsein s- 
unfahige (verdrängte) Libido kehrt eben bei den dazu Dispo- 
nierten in den körperlichen und psychischen Symptomen der 
Angst zurück. Es sind also Angstpollutionen t um die 
es sich da handelt, wie sie manchmal bei Knaben auch im 
wachen Zustande vorkommen. Die Angsterzeugung durch Libido 
ist eben ein umkehrbarer Prozeß. Auch große Angst kann 
libidinösen Reiz auslösen. (Auf diese Libido quelle wird in den 
Werken Freuds oft hingewiesen, solche sind „Drei Abhand- 
lungen zur Sexualtheorie", ^Traumdeutung**.) 

Eine dritte Gruppe von anorgastischen Pollutionsträumen 
können wir anscheinend nur mit Zuhilfenahme der Synästhesic 

j) Ges. Sehr. Bd. X. 



15*> S, Ferenczi 



erklären. Es werden nächtliche Pollutionen mit Orgasmus ge- 
meldet, deren psychische Begleiterscheinungen einfach schöne 
Landschaften waren, die etwa durch das Fenster eines Eisen- 
bahnwaggons gesehen wurden, oder einfach heile Farben, Feuer- 
werk usw. Das charakteristische Beispiel dieser Art Träume 
lieferte mir eine Frau, die nach einer langen Reihe von har- 
monisch schönen Farben ersc nein ungen plötzlich eine japanische 
Landschaft vor sich sah, und im Momente, als es zu einer 
vulkanischen Eruption mit den wunderbarsten Licht- und 
Farbeneffekten kam, erfolgte auch die „Eruption" am Genitale* 
der Orgasmus. — Es ist, als ob in diesen Fällen die ganze 
Skala genitaler Empfindungsmöglichkeiten aufs optisch-ästhetische" 
Gebiet transponiert wäre. Ähnliche Verquickungen heterogener 
Sinnesgebiete sind uns als j,Synästhesien" bekannt. (AudMon 
coloree t odorfe usw.) 

Nun wissen wir aber aus der Psychoanalyse > daß das optische 
Empfinden an und für sich nicht frei von erotischen Bei- 
mengungen ist und daß die Schaulust einen bedeutenden 
— in gewissen pathologischen Fällen den einzigen — Beitrag 
zur sexuellen Erregung liefert. Nimmt man noch hinzu, 
daß „Landschaften" im Traume zumeist Sexualgeographie dar- 
stellen (Freud), so kann man Traume dieser Art einfach als 
entstellte Voyeur-Träume deuten, in denen die sexuellen Bilder 
durch optische Symbole ersetzt werden. Anstatt also die 
„Synasthesie* zur Erklärung dieser Erscheinung heranzuziehen, 
müßten wir solche Beobachtungen bei der Erklärung der eigen* 
artigen Erscheinung der Synästhesie verwerten* 



Pollutionsträume ohne manifest sinnlichen Inhalt sind also, wie 
es aus dieser Reihe von Beispielen zu ersehen ist, keine Seltenheit. 
Rank hat ja die These aufgestellt, daß sich jeder Traum, 



I 



Pollution ohne orgastischen Traum usvr* 157 

also auch der scheinbar gar nicht sinnliche, in einer gewissen 
Schichte seines Aufbaus einer orgastischen Wunscherfüllung 
nähert. Viel seltener sind un verhüllte Koitusträume mit vollem 
Orgasmiis ohne die entsprechende physiologische Begleit- 
erscheinung, ohne Pollution. 

Ich hatte nur einmal Gelegenheit, einen solchen Traum 
näher zu untersuchen, ich will ihn also ausführlicher mitteilen» 
so wie mir ihn der Patient erzählte. 

Traum: Ein kleines Kind hat ins Bett gemacht, ein großer, 
breitschultriger Mann schaut zum Fenster hinaus, sieht absicht- 
lich vom Bette mit dem Kinde darin weg, als würde er sich 
des Kindes wegen schämen*" 

Zweites Bild: „Ich liege mit meiner Geliebten im Bett, 
koitiere sie, habe volle Befriedigung davon ; ich glaube, daß ich 
zweimal koitiert habe, einmal normal und einmal per anum. 
Als dunkle, unklare Begleiterscheinung dieses letzten Traum- 
stückes nahe ich das Gefühl, ah ob ein Freund, für den ich 
sehr große Hochachtung hege und mit dem ich eine gemeinsame 
geschäftliche Arbeit zu leisten hätte, im Nachbarzimmer ist und 
sein Kind mit irgend einem Auftrag ins Sclilafzimmer schickt, 
wo die Koitusszenen sich abspielen. Ich schäme mich natürlich, 
mich so zu zeigen, das Kind tut aber ganz ungeniert. Auch der 
Vater des Kindes scheint vom Sexualvorgang zu wissen. Ich er- 
wachte ohne die Spuren einer stattgehabten Pollution/ 

Die Vorgeschichte des Traumes ist folgende: Der Patient 
leidet u, a. an hartnäckiger Obstipation und pflegt 6\e^ natür- 
lichen Entleerungen mit Flüssigkeitseinläufen nachzuhelfen. 
Am Abend vor dem Traume passierte ihm nun, daß die Wir- 
kung des Klysmas sich so rasch meldete, daß er keine Zeit 
mehr hatte, den Abtritt seiner Wohnung aufzusuchen, sondern 
die Dejektion im Zimmer verrichten mußte. Es berührte ihn 
etwas unangenehm, daß er dann das Stubenmädchen rufen und 






15$ S. Ferenczi 

— nach Erklärung des Vorganges — sie ersuchen mußte, das 
Nachtgeschirr ans dem Zimmer zu entfernen. 

Weiß man das, so ist es nicht schwer, das erste Traumstück 
zu erklären. Das kleine Kind, das sich so ungebührlich benahm, 
kann nach den Geschehnissen des Traumabends niemand 
anderer als der Träumer selbst sein. Doch auch das Scham- 
gefühl, das das Benehmen des Großen darstellt, ist das eigene, 
im Schlaf nachwirkende Gefühl des Träumers. Es handelt sich 
also um eine „ Ausein ander! egung** der Person, die sicherlich 
wunscherfüllenden Tendenzen dient* Nicht er (der Große), 
sondern das kleine Kind hat sich so ungebührlich benommen, 
heißt es im Traume. Der latente Traumgedanke hingegen würde 
lauten : Ich schäme mich, mich wie ein Meines Kind benommen 
zu haben. 

Nur das zweite Traumstück hat Beziehung zu unserem 
Thema; hier haben wir es mit einem Falle von Koitustraum 
ohne Pollution zu tun. Sehen wir aber näher zu, so kommen 
wir zum Schluß, daß dieses Traumstück — wie so häufig — 
denselben Traumgedanken ausdrückt wie das erste, nur mit 
anderem Material, man kann auch mit Rank sagen, mit 
Material aus einer anderen, höheren Schichte des Seelenlebens, 
Hier ist die verpönte anale Entleerung von gestern in genitale 
Ejakulation umgewandelt, — gewiß eine wunschcrfüllende Ent- 
stellung, — denn dieser Entleerung wegen braucht man sich 
nicht zu schämen, im Gegenteil, sie ist ein Zeichen, daß man 
^kein Kind" mehr ist, besonders wenn man den Akt zweimal 
nacheinander ausführen kann. Aus dem latenten Gedanken hat 
sich immerhin etwas Anales in dieses Traumstück eingeschlichen, 

— darum wird wohl der Akt einmal „per anum" ausgeführt, 

— Nachhinkend, mit ganz anderem Material verknüpft, kommt 
dann auch das Gefühl der Beschämung und das Kind aus dem 
ersten. Traumstück zur Wiederholung. Die Scham darüber, daß 



Pollution ohne orgastischen Traum usw. t#J 

er von der mit dem Geschäftsfreunde gemeinsam geplanten Arbeit 
noch nichts geleistet hat ; eine andere, gleichfalls aktuelle Gene um 
seines Verhältnisses mit einer nicht mehr jungen Frau willen 
(obzwar er das Kind jenes geschätzten, väterlichen Freundes hätte 
heiraten können) : alle diese an sich sehr unangenehmen Gedanken- 
gänge sind — wie es scheint — wunscherfüilende Verschiebungen 
der allerverpöntesten aller Triebregungen : der Analerotik. In 
diesem Traumstück ist das anale Malheur wenigstens auf das 
Niveau der Genitalität und der Objektliebe gehoben, mit Hilfe 
der symbolischen Identität aller organischen Dejekte (Kot, Samen). 

Was für eine Handhabe gibt uns nun die Analyse dieses 
Traumes für die Auffassung der Koitusträume ohne Pollution? 

Meiner Ansicht nach die folgende: In diesem Traume 
handelt es sich nicht (oder viel xveniger) darum, die Sehnsucht 
nach der Geliebten zu stillen» als darum, den unangenehmen, 
selbst den Schlaf störenden Gedanken an den beschämenden 
Vorgang am Vorabend zu verhüllen. Wenn auch das Material 
zu dieser Entstellung aus der Genitalsphäre genommen wurde, 
mochte ihm nicht jene impulsive Kraft innewohnen, die bei 
starker Sehnsucht nach der Frau sogar den organischen Genital- 
mechanismus bx Gang zu setzen vermag. 

Die Deutung des zweiten Traumstückes hat ein bekanntes 
Vorbild, Wir erinnern uns alle jenes von Freud gedeuteten 
Traumes* in dem eine Dame, der ein Neffe bereits früher 
gestorben ist, vom Tode des nunmehr einzigen, von ihr innigst- 
geliebten Neffen träumt- Mit Recht wies sie den wunsch- 
erfüllenden Charakter des manifesten Traumes zurück, bis sie 
sich im Laufe der Analyse erinnerte, daß sie beim Tode des 
ersten Neffen den von ihr geliebten Mann zum letztenmal sah; 
der Tod des zweiten bedeutete also keine Befriedigung an sich, 
sondern die erhoffte Gelegenheit zu einer anderen Befriedigung 
(dem Wiedersehen mit dem Manne). 



l6o S. Fercnczi 



Auch in unserem Traume lag die Wunscherfüllung nicht in 
dem Sexaalverkehr selbst, sondern in der Situation, die den 
Cnfall vom Vorabend ungeschehen erscheinen ließ; der Sexual- 
verkehr war nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel zur Erreichung 
jenes anderen. 

Zusammenfassend könnten wir also sagen, daß im Falle der 
Pollution ohne sinnlichen Traum der unbewußte Wunsch stark 
genug ist, um den organischen Genitalprozeß in Gang zu 
setzen, aber zu schwach, die allzu strenge Zensur zwischen 
Vbw und Vbw zu durchbrechen* Beim orgastischen Traum 
ohne Pollution dürfte hingegen der unbewußte Sexual wünsch 
an und für sich zu schwach sein, um einen Samenerguß zu 
erzeugen; er dient hier nur dazu, die Stelle eines dem Vbw 
unerträglichen Gedankens zu vertreten* Er findet die Pforten 
der Zensur diesmal weit offen und kommt gerade darum — 
trotz ihrer Schwäche — voll zur bewußten Geltung, Nur der 
starke unbewußte Wunsch hat ja Zugang zur Körperlichkeit, 
während vorbewußte Wünsche nur psychische Vorgänge auszu- 
lösen vermögen. 

Es bedeutete keine Ausnahme von dieser Regel, wenn bei 
realer Schwäche der genitalen Exekutive solche orgastische 
Traume ohne Pollution vorkämen. Auch hier müßten wir 
nämlich den unbewußten Anteil der Libido als schwach und 
den Traum mehr als die Erfüllung des Wunsches nach Lust 
ansehen. 



A 



Ein Fall von „d^jä W 

{1912) 

Eine Patientin erzählt mir in der Analysen stunde einen 
Traum aus ihrer Brautzeit; ihr Bräutigam erschien ihr damals 
mit kurzgeschoxenem englischem „Zahnbürsten-Schnurrbart . 
Unmittelbar vor dieser Traumerzählung sagte mir die Patientin, 
wie sehr und wie unangenehm sie durch das Geständnis ihres 
Bräutigams berührt worden sei, daß die Männer nicht, wie die 
Frauen „jungfräulich*, sondern nach verschiedentlich en eroti- 
schen Erfahrungen die Ehe schließen« Auf meine Frage, was 
ihr zur Zahnbürste einfalle und ob sie an der Mundpflege des 
Bräutigams nichts auszusetzen hatte, gesteht sie mir, daß er 
tatsächlich manchmal „nach schlechtem Magen" gerochen hätte. 
Ich kombiniere die gelieferten Einfalle und gebe der Ver- 
mutung Ausdruck, daß diese Geruchsempfindlichkeit bei ihr 
wohl auch durch die ihr unangenehme Vorstellung gesteigert 
worden sein konnte, der Bräutigam könnte den Geruch anderer 
Frauen an sich tragen. In diesem Moment ruft die Patientin 
aus; „Das» was jetzt hier vorgeht, ist mir pünktlich so schon 
einmal vorgekommen. Ihre Worte, Ihre Stimme, diese Möbel 
gerade in dieser Ordnung, alles war schon einmal dal" Ich 
erkläre ihr, daß das der bekannte psychische Eindruck des 

Ferenczit Bausteine xur Psychoanalyse n 11 



162 S. Ferenczi 



vu* sei und eine Bestätigung meiner Vermutungen 
bedeuten könne. ^Ja, wir (ich und meine Schwestern) kannten 
diesen Vorgang schon als KindeT*\ sagte die Patientin» „wir 
pflegten zu sagen : wahrscheinlich kommen uns Dinge manchmal 
so "bekannt vor, weil wir sie irgend einmal , wo wir noch 
Frösche waren, gesehen haben können." Tch mache die 
Patientin darauf aufmerksam, daß sie, wie sie noch „ein 
Frosch" (Embryo) gewesen sei, tatsächlich in intimster Berührung 
mit einem Frauenleib (mit dem der Mutter) sich befunden 
hatte, und zwar in der Nahe von Organen und Exkreten, deren 
Geruch ihr (wie ich es schon weiß) sehr widerwärtig isL 
Daraufhin bringt mix die Patientin einige ihrer infantilen 
Sexualtheorien (Storchfabel mit Froschteich, Geburt auf analem 
Wege usw.) und eine Reminiszenz an den Körpergeruch der 
Mutter, den sie verspürte, wenn sie sich in ihr Bett legen 
durfte* 

Den Traum, das n dejä va u und die Einfälle, dazu konnte 
ich dann als wertvolle Bestätigungen der von mir lange ver- 
muteten ziemlich starken (unbewußten) homosexuellen Fixierung 
der Patientin verwerten, die sich im Bewußtsein u* a. auch in 
übertriebener Aversion gegen Frauengerüche äußerte» Zugleich 
bekräftigte der Fall meine bei früheren Anlässen gemachte 
Erfahrung, daß zwischen K de/ä vu" und Traum oft ein intimer 
Zusammenhang besteht. Allerdings fand ich bisher diesen 
Zusammenhang nur zwischen dem n dijä vu* und einem 
Traume der ihm vorausgegangenen Nach t t dieses 
Beispiel zeigt aber, daß auch längst vorausgegangene 
Träume mit einem aktuellen »dijä vu a zusammenhängen 
können. Nehmen wir die ursprüngliche Erklärung Freuds 
hinzu, wonach die Sensation des „de ja vu" zumeist die 
Erinnerung an einen unbewußten Tagtraum bedeutet, so 
können wir zusammenfassend sagen : das „dejä vu u ist den 



Ein Fall von w dejd vu* 163 

„passageren Symptombildungen" zuzuzählen 
und bedeutet immer eine Bestätigung aus dem 
Unbewußten. 

Interessant ist auch die infantile Theorie meiner Patientin 
über das #d£fä vu u . Diese führt das unerklärliche Bekanntheits- 
gefühl auf ein früheres Leben zurück, in dem ihre Seele im 
Körper eines anderen Tieres (Frosch) gesteckt habe. Die Ver- 
mutung Freuds, daß es eine solche Theorie geben könnte, 
bestätigt sich also/ 

Man kann übrigens die seit undenklichen Zeiten so hart- 
näckig verteidigte Lehre von der Seelen Wanderung als 
mythologische Projektion der sich uns immer bestimmter auf- 
drängenden Erkenntnis auffassen, daß die menschliche Seele 
unbewußte Erinnerungsspuren der phylogenen Entwicklung 
beherbergt. 



1) In „ Psychopathologie d. Alltagaleben b <: (Ges. Sehr,, Bd. IV}* 



Analyse von Gleichnissen 

Gleichnisse der Patienten — Konzentration und Verdrän- 
gung — Funktionen der Zensur - Aktion und Hemmung 
— Die Lust am Gleidmis 

(191s) 

Viele Patienten haben die Neigung, ihre Ideen und Ein- 
fälle durch Gleichnisse zu erläutern* Es sind oft wenig passende, 
„bei den Haaren herbeigezogene" Analogien zu dem t was der 
Patient zu verdeutlichen sucht, sehr oft sind aber die Gleich- 
nisse wirklich treffend, geistlich oder witzig. Ich finde, daß 
diese Produktionen des Analysierten besondere Aufmerksamkeit 
verdienen und daß sie oft einen direkten Zugang zum ver- 
borgenen psychischen Material gestatten. Ich möchte das an 
einigen Beispielen zeigen und wähle dazu die Gleichnisse 
einiger Patienten, die nicht müde wurden, den Eindruck, 
den sie vom Fortgang der Analysenarbeit bekamen, mit 
Bemerkungen zu begleiten* Es sind also Gleichnisse zur 
Psychoanalyse. 

„Die Analyse ist langweilig," — sagt ein Patient, — #sU 
gleicht der mühseligen Arbeit, mit der man Moknkörner von 
Reiskörnern sondert," 



_j 



Analyse von Cicidinissen 165 

Die Wahl dieses Gleichnisses war nicht zufällig, das „ Körner- 
suchen Ä führte direkt zu Kinderszenen aus dem Leben des — 
infantil fixierten — Patienten* 

„Die Analysenarbeit ist wie das Schalen von Hülsenfrüchten" 
— sagte ein anderer Patient. — „Man wirft die Schalen weg 
und behalt die Bohnen*" Die Analyse dieses Einfalles führte 
tiefer* Patient erinnerte, daß er als Kind die kleinen Kotstücke, 
die seine Schwester ausschied, Bohnen nannte. Von dieser 
Erinnerung eröffnete sich ein Weg zur Analerotik des 
Patienten, 

„Ich finde den Unterschied zwischen Hypnose und Analyse 
so: die Hypnose ist wie der Pracker, der den Staub in die 
Kleider noch tiefer hineinschlägt, die Analyse aber ist wie der 
Faeuum-Cleaner, sie saugt die Symptome heraus* Dieser aus- 
gezeichnete Vergleich ist dem bekannten Vergleiche Freuds, 
der die Hypnose und Analyse mit den von Leonardo charak- 
terisierten Arten der Malerei- und Bildhauer ei technik' vergleicht, 
an die Seite zu stellen, Vom Standpunkte des homosexuell- 
en asochistischen Patienten hatte aber sowohl der Vergleich 
mit dem Schlagen als der mit dem Saugen auch eine 
rein persönlich-historische Bedeutung, die dann die Analyse 
aufdecktet 

„Die Analyse ist wie eine Wurrnabtreunmgskur" — sagte ein 
Patient, — „man mag noch so viele Wurmglieder abtreiben, 
solange der Kopf drin bleibt, hat man gar nichts davon." Ich 
glaube nicht, daß die Tendenz der psychoanalytischen Therapie 
je treffender gekennzeichnet worden wäre, Die Symptome sind 
wirklich nur entfernte „Glieder" einer psychischen Organisation, 
die ihren Kern, ihren „Kopf", aus dem sie ihre Kraft saugt, 
im Unbewußten hat; solange nicht auch der Kopf ans Licht 
gebracht ist, muß man mit dem Wie der erscheinen der — 
+ 1) Vgl, Freud, Über Psychotherapie (Gea. Sehr., B<L VI, S. 15)* 



166 S. Feraiczi 

zeitweilig vielleicht beseitigten — Symptom gl ieder rechnen. 
Für die Zwecke der Analyse des Patienten mußte aber dieser 
Vergleich zur Klarlegung analer Kleinkindererfahrungen ver- 
wertet werden. Dieses Gleichnis enthielt übrigens auch die 
richtige Vorahnung, daß seine Kur vor dem Ende abgebrochen 
werden wird, und zwar aus Geldrücksichten, Den analen Kopf 
seines Neurosenwurms ließ sich der Patient nicht nehmen. 

»In der Analyse ist mir zumute wie einem eingefangenen 
wilden Tier in seinem Käfig* 

..Ich fühle mich wie ein Hund t der vergeblich an der Kette 
zerrt.** 

»Die Deutungen, mit denen Sie meine Einfälle begleiten, 
bringen mich in die Lage eines von Flammen umgebenen 
Skorpions; wo immer ich hin wül y werde ich vom Feuer Ihrer 
Aussagen gesengt; ich muß am Ende Selbstmord begelten* 

Diese drei Gleichnisse rühren von einem Patienten her, dem 
ich den besonders aggressiven Hintergrund seiner manifesten 
Rührseligkeit und Milde vergeblich nachzuweisen suchte. Daß 
er sich aber in diesen und vielen anderen Vergleichen gerade 
mit wilden, bissigen und giftigen Tieren verglich, mußte 
ich als Bestätigung meiner Annahmen deuten. 

Manchmal kann man hinter einer scheinbar aufs Geratewohl 
gewählten Metapher Bedeutsames vermuten, so bei der Patientin, 
die ihren Seelenzustand mit den Worten charakterisierte: »Mir 
ist, als wäre ein Fleck auf meiner Seele** Dieser Fleck konnte 
nicht metaphorisch, sondern in der ursprünglichen Bedeutung 
genommen werden. Natürlich war der Fleck nicht auf der 
„Seele". 

„Schwere Geburt/ 4 * sagte ein Patient höhnisch, als wir keine 
Fortschritte in der Analyse machten. — Er wußte nicht, daß 
die Wahl dieses Ausdruckes von der schweren Geburt seiner 
eigenen Frau bestimmt war* Wegen dieser schweren Geburt 



Analyse von Gleichnissen t67 

durfte er, nicht mehr an Nachkommenschaft denken, obzwar 
sein Erstgeborener inzwischen gestorben war, 

„Sie kommen mir vor wie ein Fanner, der sich auch an den 
dunkelsten Stellen meines Seelemirwaldes auskennt" — sagte ein 
anderer Patient. Das Material zu diesem ziemlich gezwungenen 
Vergleich lieferten natürlich die eigenen juvenilen Robinson- 
Phantasien* 

Bei der Analyse dieses letzteren Vergleiches muß man nebst 
der lebensgeschichtlichen auch an die Mitwirkung tieferer 
symbolischer Determinanten denken. Wenn wir berücksichtigen, 
daß der Vergleich von einem Patienten herrührt, dessen sexuelle 
Minderleistung auf narzißtisch -homosexuelle Fixierung zurück- 
zuführen war, darf man seinen Ausspruch als Zeichen der 
Übertragung auf den Arzt, und die „dunklen Stellen seines 
Seelenurwaldes " sexua (symbolisch auffassen, 

Viel deutlicher spricht die Symbolik aus folgenden Gleich- 
nissen anderer Patienten: 

„Die Analyse ist wie das Gewitter ; das die Algen vom 
Meeresgrunde aufpeitscht" (sie!) 

In Zusammenhang mit dem schon vorher Bekanntgewordenen 
mußte ich dieses Bild von unbewußten Geburtsphantasien der 
Patientin ableiten. 

„ Ich kann mich mit dieser Kur, wo man den Patienten allein 
läßt und seinen Einfällen nicht nachhilft, nicht befreunden* Die 
Analyse bohrt einfach in die Tiefe und hofft, daß das Ver- 
borgene, wie ein artesischer Brunnen, von selbst in die Höhe 
springen wird; wo aber der innere Druck so gering ist, wie hei 
mir, mußte man mit einem Pumpwerk naclihelfen t u 

Zum Verständnis des Sexualsymbolischen in diesem Gleich- 
nisse genügt die Angabe, daß es sich um einen Patienten mit 
ungewöhnlich starker Vaterfixierung handelte, der seine Gefühle 
auch auf den Arzt übertrug. 



168 S. Feremczi 

Ein Patient erzählt, daß er beim Festmahl nach der Hoch- 
zeit seiner Schwester in einem Trinkspruch an seinen neuen 
Schivager folgende Ansprache richtete: 

„Deine edlen Gedanken, wenn sie erst durch die Retorte 
deiner Gattin durchgegangen sind) werden noch edler heraus- 
kristallisieren" 

Besonders da dieses Gleichnis aus Anlaß einer Hochzeit 
geprägt wurde, muß es auf jeden Zuhörer als Anspielung auf 
sexuelle und Geburtsvorgänge gewirkt haben. Nur der Redner 
selbst wußte von dieser Tendenz nichts, 

»Wenn es Ihnen gelingt, zu meinen unbewußten Gedanken 
durchzudringen^ dann sind Sie in meinen Augen wie der Held, 
der das eherne Tor Konstantinopels mit einem Keulenschlag 
einbrach*** 

Zur Erklärung des Gleichnisses möge dienen, daß die Sym- 
ptome und die Träume des Patienten — obzwar er selbst 
nichts davon wissen will — auf eine starke sadistische Kom- 
ponente der Sexualkonstitution schließen lassen. 



Diese Reihe von Beispielen genügt, um sich überhaupt eine 
Vorstellung von den psychischen Verhältnissen bei der Gleichnis- 
bildung zu machen. Wenn jemand seine Aufmerksamkeit dar- 
auf konzentriert, ein Gleichnis zu irgend etwas zu suchen, so 
ist ihm nur an der Gleichheit, der Ähnlichkeit gelegen, dagegen 
vollkommen gleichgültig, aus welchem Material das 
Gleichnis geschöpft wird* Wir merken nun, daß unter diesen 
Umständen dieses „gleichgültige u Material fast allemal dem 
verdrängten Unbewußten entstammt. Dies macht es uns zur 
Pflicht, die Gleichnisse des Patienten sorgfältig auf ihren unbe- 
wußten Hintergrund zu untersuchen; die Gleichnisanalyse 
erweist sich neben der Analyse der Träume, der Fehl- und 



I 



Analyse von Gleichnissen 169 

Symptomhan (Illingen der Patienten als eine nicht unwichtige 
Waffe der analytischen Technik. 

Wir konnten auch konstatieren, daß das in den Gleichnissen 
enthaltene Material — wie Stücke des manifesten Traum- 
inhaltes — sich bald als Erinnerungsrest ans der Lebens- 
geschichte des Patienten erwies, also real zu nehmen war, \>ald 
wiederum als der symbolische Ausdruck unbewußter Tendenzen; 
natürlich können auch beide Gleichnisquellen an einem und 
demselben Gleichnis beteiligt sein. 

Von prinzipieller Wichtigkeit scheint mir zu sein, daß die 
Konzentration der Aufmerksamkeit (des Interesses, vielleicht 
auch eines Teiles des Libido) auf das Gleichnissuchen eine 
ähnliche Milderung der Zensur zur Folge hat, wie sie 
uns bei der Traumbildung bekannt geworden ist; das bisher 
Verdrängte kann — wenn auch in entstellter oder symbolischer 
Darstellung — hei der Konzentration auf die Gleichnissuchung 
in ähnlicher Weise zum Bewußtsein durchdringen wie bei der 
Konzentration des Interesses auf den Wunsch zu schlafen. Auch 
dem Schlafenden ist nur an der Aufrechterhaltung des Schlaf- 
zustandes gelegen, alles andere ist ihm zunächst gleichgültig, 
Natürlich drängt sich aber von diesem »gleichgültigen" 
psychischen Material das infolge des bis jetzt darauf lastenden 
Druckes starker gespannte Material; d, h. das Verdrängte in 
erster Linie vor. Die Starke der »Vordrängungstendenz** muß 
der Kraft der bisherigen Verdrängung entsprechen* 

Dieses reziproke Verhältnis zwischen Aufmerksamkeit und 
Zuganglichkeit des Verdrängten ist uns übrigens von zahlreichen 
anderen Gebieten her geläufig. Die „ freie Assoziatio n" , 
die Hauptwaffe der psychoanalytischen Technik» ist nur durch 
Einhaltung der F r e u d sehen »Grundregel* zugänglich geworden, 
wonach der Patient sich bestreben muß, sich gegenüber seinen 
Einfallen möglichst „gleichgültig* zu verhalten. Erst bei Ein- 



170 S, Ferenczi 

Haltung dieser Vorschrift taucht aus dem Verdrängten das zu 
deutende und einzuordnende Material auf; wenn aber jemand 
sich anstrengt, ein Symptom oder einen Einfall mit bewußter 
Aufmerksamheit zu ergründen, so spornt er damit die Zensur 
nur zu erhöhter Wachsamkeit auf. Freud hat uns übrigens 
gelehrt, daß auch der Analytiker nicht nur durch logische 
Anstrengung, sondern oft eher durch freies Spielenlassen der 
Einfälle zu den richtigen Deutungen gelangt, wozu eine gewisse 
Gleichgültigkeit den Einfallen des Patienten gegenüber nötig 
ist. Ein ungestümes Wissen- und Heilenwollen führt zu nichts 
oder auf Abwege. 

Jn der Psychopathologie des Alltags zeigt sich die erwähnte 
Reziprozität am auffälligsten. Die verräterischen Fehlhand- 
lungen des „zerstreuten Professors" sind das Ergebnis der 
geistigen Konzentration auf einen Gegenstand und der Gleich- 
gültigkeit allen sonstigen Dingen gegenüber. (Siehe das Archi- 
medische: „NqH turbare circulos meos") 

Auch ihre „Symptomhandlungen" betätigen die 
Menschen um so ausgiebiger, je mehr sie durch etwas anderes 
abgelenkt sind. Beim Vergessen von Eigennamen 
pflegt das bewußte Suchen nichts zu nützen ; beim Nachlaß der 
Anstrengung lallt einem das Vergessene von selbst ein. 

Durch Berücksichtigung des reziproken Verhältnisses zwischen 
Konzentriertheit und Verdrängung wird uns auch die Symptoma- 
tologie der Hypnose und der Suggestion um etwas ver- 
ständlicher. Wir konnten behaupten, daß die hypnotische 
Gefügigkeit auf blinden Gehorsam, dieser aber auf die über- 
tragene elterliche Fixierung zurückzuführen ist* Es gibt nur 
zwei Arten von Hypnose; die Vaterhypnose (die man auch 
Schreckhypnose nennen kann) und die Mutterhypnose 
(mit anderen Worten : die Schmeichelhypnose), 1 Die 

i) Vgl* Intrüjektion und Übertragung, (Ed. I dieser Sammlung.) 






Analyse von Qeidmlssen 171 

Konzentration auf die Affekte des Schreckens und der Liebe 
macht die Hypnotisierten für alles andere gleichgültig. Der 
Seelenzustand des vor Schreck Kataleptisierten ließe sich in 
folgenden Sätzen ausdrücken: „Ich fühle, tue und sage alles, 
was du willst, nur sei du mir nicht böse/ Der Verliebte 
könnte sagen: „Dir zuliebe glaube, sehe und handle ich, nie 
du willst. Alles außer deiner Liebe ist mir gleichgültig." 

Mag es sich aber um welche Form der Hypnose immer 
handeln, die Erfolge der Breuer-Freud sehen kathartischen 
Methode beweisen uns, daß hier infolge der Faszinierung durch 
den Hypnotiseur und der Gleichgültigkeit gegen alles andere 
auch das sonst tief verdrängte psychische Material mit Leichtig- 
keit bewußt wird. 

Daß übrigens die Konzentration bei der Hypnose eine große 
Rolle spielt, zeigen schon die beim Hypnotisieren oft forder- 
lichen Praktiken der optischen und akustischen Konzentration, 

In diesem Zusammenhange muß ich auch auf die Praktiken 
der sogenannten Kristallschauer oder Spiegelschauer 
(Lekanoskopen, Lekanomanten) hinweisen, die ihre Aufmerk- 
samkeit krampfhaft auf einen optischen Punkt fesseln und 
dabei weissagen. Die Untersuchungen Silberers 1 beweisen, 
daß bei diesen Weissagungen eigentlich das eigene Unbewußte 
zu Worte kommt; wir würden hinzufügen: infolge der bei der 
Konzentration erfolgenden Zensiixmilderung fürs gleichgültiger 
gewordene Verdrängte. 

Bei überstarker Besetzung eines Affekts, z. B. bei Ausbrüchen 
des Hasses, der sich in Flüchen Luft macht, kann man 
Ähnliches beobachten* In einer psychologischen Untersuchung 
jjüber obszöne Worte"* wies ich darauf hin, daß, obzwar — 

1) H. Silberer, Lekan omantische Versuche, Zentralblatt für 
PsA. IL Jg. 

2) In Bd. I dieser Sammlung. 



172 S. Ferenczt 

oder gerade weil — der Fluchende einzig von dem Wunsche 
beseelt ist, dem Gegen stände seines Hasses einen großen Schimpf* 
gleichgültig welchen, anzutun, im Wortlaute der Fluche nebst- 
bei auch die tiefst verdrängten eigenen analen und ödipus- 
wünsche, diesmal ganz unentstellt, zum Ausdruck gelangen, 
(Ich verweise auf die obszönen Flüche des niederen Volkes und 
auf deren Abschwäch ungen beim Kulturmenschen,) 

Auch in der Pathologie der Seele findet man Beweise für 
diese funktionale Beziehung zwischen Verdrängung und Interesse- 
be tonung. Beim gedanken flüchtigen Manischen kommt das 
Verdrängteste mit Leichtigkeit zum Vorschein. Wir können 
annehmen, daß es für ihn — im Gegensatz zum gehemmten 
Melancholiker — gleichgültig geworden ist* Bei der Para- 
phrenie (Dementia praecox), deren Wesen im Gleichgültig- 
werden der Außenwelt und aller Objektbeziehungen besteht, 
sehen wir, daß die von den Neurotikern so vorsichtig gehüteten 
Gehei m nisse ei nf ach au sgep lau seht werden* Die Paraphreniker sind 
bekanntlich die besten Symboldeuter; nachdem sie für sie 
bedeutungslos geworden sind, erklären sie uns mühelos die 
Bedeutung aller Sexual symbole. 

Aus unseren psychoanalytischen Kuren ersehen wir übrigens, 
daß ein gewisses „Gleichgültigwerden** vielleicht überhaupt die 
Bedingung ist, unter der Verdrängtes bewußt werden kann. Die 
Patienten gelangen erst dann zur bewußten Einsicht in eine 
verdrängte Regung, wenn diese für sie im Laufe der Kur all- 
mählich gleichgültiger geworden ist und ihre Libido sich auf 
andere Gegenstände verschoben hat* 

Um auf ein Gebiet zurückzukehren, das unserem Ausgangs- 
punkte näher liegt, verweise ich auf den von Freud 
beschriebenen psychischen Akt des Witzes, bei dem die 
Aufmerksamkeit von der Witztechnik gefesselt wird und diese 
Ablenkung der Aufmerksamkeit den verdrängtesten Tendenzen 



Analyse von. Gleichnissen 173 

zum Ausdruck verhilft, — Schließlich zitiere ich eine münd- 
liche Aussage des Psychoanalytikers Dr. Hanns Sachs, nach 
dem die Worte, in die die Dichter ihre Ideen kleiden, oft auf 
die tieferen, unbewußten Quellen jeneT Idee hindeuten. Nach 
Analogie mit der Gleichnisbildung muß man auch hier 
annehmen, daß auch beim Dichter die Konzentration auf die 
Idee den Durchbruch des Verdrängten in dem aufs Geratewohl 
gewählten Wortlaute der Dichtung ermöglicht. 

Pfister fand übrigens , daß auch die vollkommen 
# gedankenlos ** aufs Papier geworfen en (al so sicher gleich- 
gültigen) Kritzeleien oft erstaunliche Mitteilungen aus dem 
unbewußten Seelenleben enthalten. 1 



Aus der Tatsache nun, daß in allen hier erwähnten Fällen 
von „Konzentration** die Verdrängungszensur in einem der 
anderweitigen Inanspruchnahme entsprechenden Maße an Inten- 
sität abnimmt, muß man darauf schließen, daß bei der Kon- 
zentration eine sonst als VerdTängungszensur fungierende 
Energiemenge zur Verwendung gelangt, (Ob es sich dabei um 
Hbidintfse Energie, Interesse oder beides handelt, müssen wir 
beim heutigen Stande unseres psychoanalytischen Wissens dahin- 
gestellt sein lassen.) Dieses Vikariieren der beiden Funktionen 
wird uns verständlicher, wenn wir bedenken, daß alle Arten 
von Konzentration eigentlich eine Art Zensurarbeit bedeuten: 
die Abhaltung aller (innerer oder äußerer) Eindrücke vom 
Bewußtsein mit Ausnahme jener, die von dem Gegenstande der 
Aufmerksamkeit herstammen oder die mit der psychischen 
Einstellung, auf die man sich konzentriert, übereinstimmen. 
Alles, was den Schlaf stört, wird von der Zensur des Schlafen- 

i) Kryptol&lie, Kryptographie und unbewußtes Vexierbild bei Nor- 
malen. Jahrbuch f. PsA*, V. Bd. 



174 S. Ferenczi 



den ebenso „verdrängt 4 * wie im Wachzustand die ob ihrer 
Unmoralität "bewußtseinsunfähigen Gedanken. Der auf seinen 
Gegenstand konzentrierte Gelehrte wird taub und blind für 
alles andere, d. h. seine Zensur verdrängt die Eindrucke, die 
auf sein Objekt keinen Bezug haben. Einen ähnlichen — wenn 
auch nur passageren — Verclrängungsprozeö müssen wir auch 
bei allen übrigen Fällen der Konzentration, so auch beim 
Gleichnissuchen vermuten. Nach alledem wird es uns verständ- 
licher, daß die Energie zu solcher passagerer V'erdrängungs- 
(Zensur-)Arbeit von der zwischen dem Unbewußten und dem 
Bewußtsein ständig eingerichteten Instanz und auf deren Kosten 
beigestellt wird. 

Allenfalls haben wir es in der Zensur mit einem System 
von begrenzter Leistungsfähigkeit zu tun- Steigert man die 
Ansprüche an eine ihrer Leistungen, so kann dies nur auf 
Kosten der anderen geschehend Dies entspricht also vollkommen 
der von Freud vorgeschlagenen Anschauungsweise, nach der 
im psychischen System verschiebbare Quantitäten von an sich 
qualitätsloser Besetzungsenergie am Werke sind. 

Nebst dieser rein „ökonomischen" Beschreibung des Prozesses 
kann man sich aber auch über die Dynamik der vermuteten 
Energieverschiebung hei der Konzentration eine Vorstellung 
machen. Das Mystische und Unerklärliche, das in jedem Willens- 
oder Aufmerksamkeitsakte immer noch drin steckt, schwindet 
zum größten Teil, wenn wir uns zu folgender Annahme ent- 
schließen: Das Primäre beim Aufmerksamkeitsakte ist die 
Hemmung aller Akte mit Ausnahme der intendierten. Wenn 
alle Wege, die zum Bewußtsein führen, mit Ausnahme eines 

i) Dies scheint auch für die Zensurbehörden der GroBindiriduen 
(der Staaten) zu gelten« Ich finde, daß, seitdem die Zensur infolge des 
Krieges i'it poltticis so ungemein streng geworden, ihre Strenge ge^en 
die erotische Literatur nachgelassen hat. 



I 



Analyse von Gleichnissen 175 

einzigen, gesperrt werden, so fließt die psychische Energie- 
besetzung spontan und ohne daß hiezu eine eigene „ An- 
streng vmg** nötig wäre (was überdies auch unvorstellbar wäre), 
in die einzige, offengelassene Richtung, Will ich also etwas 
aufmerksam anschauen, so tue ich das, indem ich alle Sinne 
mit Ausnahme des Gesichtssinnes vom Bewußtsein absperre; 
die gesteigerte Aufmerksamkeit für optische Reize kommt dann 
von selbst zustande, gleichwie die Steigerung des Flußniveaus 
von selbst zustande kommt, wenn die mit ihm kommuni- 
zierenden Kanäle abgesperrt werden. Ungleiche Hemmung 
ist also das "Wesen jeder Aktion; der Wille ist nicht 
wie die Lokomotive, die auf den Schienen dahinbraust, 
sondern er gleicht mehr dem Weichensteller, der vor der an 
sich qualitätslosen Energie — der eigentlichen lokomotorischen 
Kraft — alle Wege mit Ausnahme eines einzigen verschließt, 
so daß sie den einzigen offengebliebenen befahren muß. Ich 
vermute, daß dies für alle Arten von ^Aktionen", also auch 
für die physiologischen gilt, daß also die Innervation einer 
bestimmten Muskelgruppe eigentlich nur aus der Hemmung 
aller Antagonisten resultiert. — Die psychische Kon- 
zentration auf die Gleichnisbildung ist also nur möglich durch 
die und infolge der Hemmung des Interesses (Gleichgültigkeit) 
gegen alles andere, u. a, auch gegen das sonst Verdrängte, das 
dann die Gelegenheit dazu benützt, sich zur Geltung zu bringen. 



Gern hätte ich — auf Grund der psychoanalytischen Beob- 
achtung — über die beim Bilden und beim Anhören treffen- 
der Gleichnisse empfundene Lust etwas Neues mitgeteilt. Was 
ich aber fand, ist nichts als die Anwendbarkeit der Freudschen 
Theorie vom Witz auch auf diese ästhetische Lustquelle, 
Dadurch, daß sich die Aufmerksamkeit und mit ihr ein Teil 



_ 



17* S- f erenczt 

der Zensurfunktion auf die (schon an sich einigermaßen lust- 
volle) Feststellung der Gleichheiten in scheinbar weit entfernten 
Dingen konzentriert, werden andere, bisher streng zensurierte 
Komplexe von dem auf ihnen lastenden Drucke befreit, und 
dieser Ersparnis an Hemm imgsauf wand ist die eigentliche 
Lust („die Endlust") am Gleichnis zuzuschreiben. Die Lust 
an der Ähnlichkeit (Gleichheit) wäre also mit der durch die 
Witztechnik entfesselten Vorlust in Analogie zu bringen. 
Allerdings gibt es eine fortlaufende Reihe von den einfachen 
Gleichnissen, die gar keine unbewußte Lustquelle entfesseln, 
bis zu den „tief sinnigen** und „witzigen" Vergleichen, bei denen 
die Hauptlust aus dem Unbewußten stammt 

Die den Gleichnissen eigentümliche Lust am Wiederfinden 
desselben Dinges in ganz anderem Material ist sicher der Er- 
sparnis an intellektuellem Aufwand an die Seite zu stellen, die 
die Vorlustwirkung der Witztechnik bewirkt. Mögl icherweise 
steckt aber nebst dieser Wiederholungslust auch eine 
besondere Wiederfindungslust dahinter. 

Es gibt Menschen, die das Talent haben, auch die leiseste 
Spur der Ähnlichkeit mit ihren Bekannten in fremden Gesichtern 
zu entdecken, Es scheint, daß sie sich mit Hilfe des durch die 
Ähnlichkeit erweckten Bekann theitsgefühls vor der unange- 
nehmen Wirkung ganz neuer Eindrücke (ganz unbekannter 
Physiognomien) schützen. Wir merken auch, mit welchem 
Vergnügen wir eine Stadt, die wir schon kennen, wiedersehen, 
während es einer gewissen Zeit (also auch hier der Wieder- 
holung) bedarf, bis sich die Härte ganz neuer Reiseeindrücke 
verliert. Ich glaube, daß die Dinge, die wir einmal fl geistig 
einverleibt*, introjiziert haben, schon hiedurch gleichsam 
„geadelt", unserer narzißtischen Libido teilhaftig werden» Und 
in letzter Linie mag das die Ursache des Vergnügens sein, das 
wir empfinden, wenn wir bei der Gleichnisbildung in einem 



Analyse tot Gleichnissen 177 

neuen Eindruck das Altbekannte wiederfinden. Der überaus 
befremdende Eindruck* den die Psychoanalyse auf die Patienten 
macht, mag daran schuld gewesen sein, daß manche von ihnen 
— wie die eingangs mitgeteilten Beispiele zeigen — gleichsam 
den Zwang haben, diesen Eindruck durch eine ganze Reihe 
von Gleichnissen zu mildern. Die Tendenz, das Liebgewonnene 
in allen Dingen der feindlichen Außenwelt wiederzufinden, ist 
wahrscheinlich auch die Urquelle der Symbolbildxing. 



Ferenczt Bai«*«™* zur Pc^chouMlyvB II 



Sonntagsneurosen 

Wir kennen aus der Psychiatrie Krankheitszustände, deren 
Verlauf ausgesprochene Periodizität zeigt; es genügt wohl, wenn 
ich an die periodische Manie und Melancholie erinnere, Auch 
wissen wir es seit Freuds psychoanalytischer Feststellung, daß 
die Psychoneurotiker — von denen bekanntlich so viele an 
verdrängten Erinnerungen leiden — gerne den Jahrestag oder 
die Jahreszeit gewisser für sie kritischer oder bedeutsamer Er- 
lebnisse mit der Steigerung ihrer Symptome feiern, Aber von 
Neurosen, deren Symptomschwankungen vom jeweiligen Wochen- 
tage abhängig wären, hat meines Wissens noch niemand etwas 
erwähnt. 

Und doch glaube ich, die Existenz dieser eigenartigen Perio- 
dizität behaupten zu können. Ich behandelte mehrere Neu- 
rotiker, deren spontan erzählte oder während der Analyse 
reproduzierte Krankheitsgeschichte die Angabe enthielt, gewisse 
nervöse Zustände hätten sich bei ihnen — zumeist in der 
Jugendzeit — an einem bestimmten Wochentage, dann aber 
regelmäßig eingestellt. 

Die Mehrzahl verspürte die periodische Wiederkehr der 
Störungen an Sonntagen, Zumeist handelte es sich um 



I 



Sonntags neuronen 179 

Kopfschmerzen oder Magen-Darmstörungen, die sich 
ohne besondere Ursache an diesem Tage einzustellen pflegten 
und den jungen .Leuten den einzigen freien Tag der Woche 
oft gründlich verdarben. Ich brauche wohl nicht zu versichern, 
daß ich dabei die Möglichkeit rationeller Ursachen nicht außer 
acht ließ* Auch die Patienten selbst bemühten sich — scheinbar 
mit Erfolg — um eine sinngemäße Erklärung dieser sonder- 
baren zeitlichen Bestimmtheit ihrer Zustände und wollten sie 
mit der diätetischen Sonderstellung des Sonntags in Zusammen- 
hang bringen. Am Sonntag schläft man länger als sonst, darum 
hat man Kopfschmerzen, sagten die einen; Sonntags ißt man 
so viel und so gut, darum verdirbt man sich so leicht den 
Magen, sagten die anderen. Ich will auch die Wirksamkeit 
dieser rein somatischen Momente in der Hervorrufung der 
sonntäglichen Periodizität nicht in Abrede stellen. 

Manches spricht aber dafür, daß diese physiologischen Momente 
den Tatbestand nicht erschöpfen. Der Kopfschmerz z, B. kommt 
auch, wenn die Schlafdauer am Sonntag von der der übrigen 
Tage der Woche nicht verschieden war, und die Magen- 
beschwerden melden sich auch> wenn, die Umgebung und der 
Patient selbst schon gewarnt waren und die Diät an diesem 
Tage prophylaktisch einschränkten. 

In einem der Fälle, die mir bekannt wurden, bekam der 
kleine Junge jeden Freitag abend Schuttelfrost und Erbrechen. 
(Es war ein Judenknabe, für den am Freitag abend die ^Sonn- 
tagsruhe" begann.) Er und die ganze Familie führten den Zu- 
stand auf den Fisch genuß zurück ; es gab nämlich fast keinen 
Freitagabend ohne ein Fischgericht. Es nützte aber nicht, daß 
er sich den Genuß dieser Speise versagte; die Störungen 
meldeten sich nach wie vor; diesmal wurden sie vielleicht auf 
die Idiosynkrasie gegen den Anblick der gefährlichen Speise 
zurückgeführt. 



180 & Ferenczi 

Das psychologische Moment, das ich nun zur Erklärung 
dieser Bestimmtheit in der zeitlichen Wiederkehr der Symptome 
als Hilfsfaktor oder manchmal auch als alleinige Ursache heran- 
ziehen möchte, ist in den Verhältnissen gegeben, die den 
Sonntag, auch abgesehen vom längeren Schlaf und dem besseren 
Essen, kennzeichnen* 

Der Sonntag ist der Festtag der heutigen Kuhurmenschheit. 
Man täuscht sich aber, wenn man glaubt, daß der Festtag nur 
die Bedeutung eines körperlichen und seelischen Ruhetages hat; 
zur Erholung, die er uns gewöhnlich verschafft, tragen Gemüts- 
momente eminent bei. Nicht nur, daß wir an diesem Tage 
unsere eigenen Herren sind und uns von allen Fesseln, die 
uns die Pflichten und der Zwang von außen auferlegen, be- 
freit fühlen; es geht in uns — damit parallel — auch eine 
Art innerliche Befreiung vor sich. Wir hörten von Freud, 
daß die inneren Mächte, die unser Denken und Handeln in 
logisch, ethisch und ästhetisch einwandfreie Bahnen lenken, nur 
triebhaft reproduzieren* was einst den Menschen äußere Not 
aufgezwungen hatte* Was Wunder, wenn beim Nachlaß des 
aktuellen äußeren Druckes auch ein Teil der sonst schon dauernd 
unterdrückten Triebe frei wird- DeT Nachlaß der äußeren 
Zensur zieht eben auch die innere in Mitleidenschaft. 

Für den Fernstehenden ist es immer merkwürdig zu beob- 
achten, wie sich das Niveau einer Menschengruppe bei fest- 
lichen Anlässen verändert, „Auf der Alm, da gibt's ka* Siind',^ 
sagt der Steirer und meint damit, daß auf einem Sonntags- 
ausflug auf die Alm eben alles erlaubt in. Erwachsene be- 
nehmen sich wie Kinder, die Kinder aber geraten außer Rand 
und Band, und nicht selten lassen sie sich zu Streichen hin- 
reißen, die dann die Strafe der autoritativen Personen provo- 
zieren und der überguten Laune ein jähes und trauriges Ende 
bereiten. Nicht immer ist es so, denn die Erwachsenen sind 



SanntagKneurosen l8i 

bei solchen Anlässen von merkwürdiger Langmut, als fühlten 
sie sich von einer geheimen und unausgesprochenen Konvention 
gebunden, die den Schuldigen eine temporäre Straffreiheit zu- 
sichert. 

Aber es ist nicht jedem gegeben, seinen festlichen Übermut 
so frei und natürlich auszutoben. Der neurotisch Veranlagte 
wird gerade bei solchen Anlässen zur Äffet tverkehrung geneigt 
sein, entweder weil er allzu gefährliche Triebe zu bändigen 
hat, die er besonders dann scharf behüten muß, wenn ihn das 
böse Beispiel der anderen lockt, oder weil sein überempfind- 
liches Gewissen auch kleine Verfehlungen nicht passieren laßt. 
Außer der zur Unzeit sich einstellenden Depression dieser 
„Spielverderber" können sich aber ihre durch das Fest aktivierten 
unterdrückten Kegungen samt den dagegen mobilisierten Selbst- 
bestrafungsphantasien in kleinen hysterischen Symptomen mani- 
festieren. Und als solche muß ich auch die eingangs erwälinten 
sonntäglichen Kopfschmerzen und Magenerscheinungen quali- 
fizieren; der »lange Schlaf", das „ viele Essen* usw. sind nur 
Anlässe, deren sich diese kleine Neurose bedient und mit denen 
sie ihre wahren Beweggründe rationell verhüllt. 

Ein Indizienbeweis für die Richtigkeit dieser Auffassung ist, 
daß es außer der periodischen, aber rasch vorübergehenden 
j, Sonntagsneurose" auch protrahiertere „Ferialneurosen" gibt. Die 
damit Behafteten sind während ihrer Schul- oder Amtsferien 
stets von mehr-minder lästigen psychischen Zuständen geplagt. 
Abgesehen von den oben erwähnten „kleinen Hysterien", ist 
hier eine eigenartige Stimmungsveränderung recht häufig. Ich 
meine eine gewisse spannungsvolle Langeweile, die 
die Betreffenden mit keinerlei Zerstreuung hindern können, 
gepaart mit einer für sie selbst qualvollen Arbeitsunfähigkeit. 
„Faulheit mit Gewissensbissen", „eine Faulheit, deren man sich 
nicht erfreuen kann", mit diesen Ausdrücken versuchte ein 



I&t S. Ferenrzl 



von ihr Betroffener diese Stimmung zu charakterisieren. Ein 
anderer sprach von einer Sehnsucht nach etwas Unbestimmtem 
und erinnerte sich, schon als Kind seine Mutter stundenlang 
mit der sehr allgemein gehaltenen Bitte geplagt zu haben; 
„Mutter, gib' mir etwas 1* Was ihm damals die Mutter auch 
gab* ließ ihn aber unbefriedigt, er raunzte weiter, bis er tüchtig 
ausgeschimpft oder gar geprügelt wurde; dann gab er sich zu- 
frieden* 1 Sollten hinter den Sonntagsneurosen auch solche un- 
befriedigten Wunschregungen stecken? Und wenn ja, was ist 
wohl der Inhalt dieser Wünsche? Woher das schlechte Gewissen, 
die Straftendenz der Symptome und die merkwürdige, übrigens 
den Eltern wohlbekannte therapeutische Wirksamkeit der 
Strafe? 

Beim zuletzt erwähnten Patienten konnte die Psychoanalyse 
— beim besten Willen, endlich einmal etwas Abwechslung in 
die tiefsten Motive menschlichen Handelns zu bringen — wieder 
nur Komponenten der Ödipusphantasie als versteckten Inhalt 
der unbewußten strafbaren Wünsche detektieren: Gewalttätigkeit 
gegen die Autorität und Bemachtigungsimpulse dem gegen- 
geschlechtlichen Elternteil gegenüber. Solange mich die Er- 
fahrung nichts Besseres lehrt, muß ich auch für die Übrigen 
Festtagsneurosen diese Motivierung der Symptome gelten lassen. 

Bei dem Knaben mit den Magenstörungen am Freitag abend 
kann man der Determinierung der Symptome weiter nachgehen. 
Es ist bekannt, daß für fromme Juden am Freitag abend nicht 
■ — — -»- — « ■■ i ^ — ' — 

l) Der ungarische Dichter VÖrÖsmarty eriählt in seinem köst- 
lichen, humoristischen Gedichte fl P e t i k e a , wie sich die Mutter um- 
sonst bemüht > ihren von düsterer Traurigkeit befallenen Jungen mit 
Geschenken» Leckerbissen usw. aufzuheitern; erst bei der Erwähnung 
der Nachbars tochter Juliska sagt der bis dahin negativistische Kleine 
mürrisch: „Sie möchte kommen!" -- Doch da durchschaut ihn die 
bisher besorgte Mutter, wäscht ihm ein bißchen den Kopf und schickt 
ihn in die Schule. 



Sonntagen eurosen 183 



nur das Fische-Essen, sondern — auch die eheliche Liebe 
obligat ist; so wird wenigstens von sehr vielen, besonders den 
ärmeren Juden, die von der Bibel geforderte Heiligung des 
Sabbats ausgelegt. Wenn dann der Junge infolge Unachtsamkeit 
der Eltern hieven mehr als ihm zusagt erfahren oder erlauscht 
hat, so mag sich in ihm eine stabile Assoziation zwischen dem 
Fruchtbarkeitssvmbol Fisch und jenen aufregenden Vorgängen 
gebildet haben. Seine Idiosynkrasie wäre so erklärlich; aber 
auch das Erbrechen wäre dann nur die „Materialisation" der 
Vorgänge, deren Zeuge er gewesen ist. Die Gestalt des Fisches 
genügt, um die Assoziation sbriieke hiezu abzugeben. 

Die Sehnsucht der Menschen nach Festtagen ist nicht ge- 
ringer als die nach Brot. Pattem et circenses! Freud zeigte uns 
in seinem >,Totem und Tabu*, warum die Totem-Clans an 
gewissen Tagen den Drang fühlen, ihr sonst mit heiliger Scheu 
angebetetes Totemtier in Stücke zu reißen. Auch die Bacchanalien 
und Saturnalien haben bei allen Völkern, auch den heute 
lebenden, ihre Analoga. Selbst die Kirchweih feste und das 
Purimfest der Juden enthalten Züge davon. Wir können an- 
nehmen, daß bescheidene Reste dieser atavistischen Befreiungs- 
tendenz sich auch in die allwöchentliche Feiertagsstimmung 
einschleichen und bei besonders empfindlichen Gemütern die 
periodischen „Sonntagsneurosen verursachen. Den den Fest- 
tagen auf den Fuß folgenden „Katzen Jammer'* oder „blauen 
Montag" könnte man als Andeutung eines auch hier zutage 
tretenden zyklischen Ablaufes, d, h. als eine passagere Melancholie 
auffassen, 

Wenn aber am Festtage beim Nachlassen <Le& äußeren Druckes 
der Lasten und Pflichten, der Mensch den Drang fühlt, sich 
auch sexuell zu entladen, so folgt er vielleicht nur deT Spur 
der biologischen Vorgänge* die die Menschheit allezeit zu Fest* 
Veranstaltungen nötigten. 



14*4 S. Ferenczl 

Die Periodizität der genitalen Vorgänge wäre so das Ur- und 
Vorbild sowohl des normalen Bedürfnisses, die Plagen des All- 
tags zeitweise mit Freiheitsfeiern abwechseln zu lassen, als auch 
der periodischen „Festtagsneurosen", möglicherweise auch des 
zyklisch alternierenden Krankheit s verlauf es heim manisch- 
depressiven Irresein. 



Ein kleiner Hahnemann 

( T 9*J) 

Eine Dame, die als einstige Patientin au den psychoana- 
lytischen Bestrebungen Anteil nimmt* machte mich auf den 
Fall eines kleinen Jungen aufmerksam, von dem sie vermutete, 
daß er auch uns interessieren werde. 

Es handelte sich um einen damals fünfjährigen Knaben, 
den Meinen A r p & d, der nach der übereinstimmenden Aussage 
aller Angehörigen bis zum Alter von 3V3 Jahren sich geistig 
und körperlich vollkommen regelrecht entwickelt haben und 
ein ganz normales Kind gewesen sein soll; er sprach fließend 
und verriet in seinen Reden viel Intelligenz. 

Mit einem Male wurde es ganz anders. Im Sommer 1^10 
reiste die Familie in einen österreichischen Kurort, wo sie 
auch den vorausgegangenen Sommer verbracht hatte, und 
mietete sich in dieselbe Wohnung wie im Vorjahre ein. Sofort 
nach der Ankunft veränderte sich das Wesen des Kindes in 
merkwürdiger Weise. Früher interessierte er sich für alle Vor- 
gänge in und außer Hause, die die Aufmerksamkeit eines 
Kindes fesseln können; von nun an hatte er nur für ein einziges 
Ding Interesse, und das war das Geflügelhaus im Hofe 
der Sommerwohnung. In aller Früh eilte er zum Federvieh, 



tS6 & Ferenczi ^^ 

betrachtete es mit unermüdlichem Interesse, ahmte dessen 
Stimmen und Bewegungen nach, schrie und weinte, wenn er 
aus dem Hühnerhof mit Gewalt entfernt wurde. Doch selbst 
fem vom Geflügelbaus tat er nichts anderes als krähen und 
gackern* Er tat das stundenlang unausgesetzt, antwortete auf 
Fragen nur mit diesen Tierstimmen, so daß die Mutter ernstlich 
besorgt war, ihr Kind werde das Reden verlernen. 

Diese Sonderbarkeit des kleinen Arpäd hielt während der 
ganzen Dauer des Sommeraufenthaltes an. Als dann die Familie 
wieder nach Budapest zurückkehrte, begann er wieder mensch- 
lich zu sprechen, allerdings beschäftigte er sich auch in der 
Rede fast ausschließlich mit Hähnen, Hennen, Hühnern, 
höchstens noch mit Gänsen und Enten* Sein gewöhnliches, 
täglich unzähligem al wiederholtes Spiel war und blieb das 
folgende: Er knüllt aus Zeitungspapier Hühner und Hähne, 
bietet sie zum Verkaufe an, dann nimmt er irgend einen 
Gegenstand (meist einen kleinen flachen Besen), ernennt ihn 
zum Messer, trägt sein „Geflügel" unter die Wasserleitung (wo 
die Köchin auch in Wirklichkeit die Hühner zu schlachten 
pflegt) und schneidet seinem Papierhuhn den Hals durch* Er 
zeigt, wie das Huhn verblutet, und ahmt mit Stimme und 
Gebärden meisterhaft den Todeskampf des Geflügels nach* — 
Werden im Hofe Hühner zum Kaufe angeboten, so wird der 
kleine Arpäd rastlos, läuft bei der Tür hinaus und hinein und 
ruht nicht, bis die Mutter davon kauft. Er will offenbar Zeuge 
ihres Schlächtern sein. Vor lebenden Hähnen hat er aber nicht 
geringe Angst. 

Die Eltern haben das Kind unzähligemal gefragt, warum er 
sich vor dem Hahn so fürchte» und Arpäd erzählt immer die 
gleiche Geschichte; er sei einmal zum Geflügelhaus gegangen, 
habe dort hineinuriniert, da sei ein Huhn oder Kapaun mit 
gelben (manchmal sagt er mit braunen) Federn gekommen* 



_ 



Ein kleiner Hahnemann 187 

hätte ihn ins Glied gebissen und Ilona, das Stubenmädchen, 
hätte ihm die Wunde verbunden. Dann habe man (lern Hahn 
den Hals abgeschnitten, so daß er „krepierte** ■ 

■ Nun erinnern die Eltern des Kindes tatsächlich dieses Vor- 
kommnis, das sich während des ersten in jenem Kurort ver- 
brachten Sommers ereignet hatte, wo also Arpäd erst 2V3 Jahre 
alt war. Die Mutter hörte eines Tages den Kleinen entsetzlich 
schreien und erfuhr vom Stubenmädchen, daß er vor einem 
Hahne, der ihm nach dem Glied geschnappt habe, fürchterlich 
erschrocken sei. Da Jlona nicht mehr bei der Familie bedienstet 
ist, war nicht zu ermitteln, ob Arpad damals wirklich verletzt 
wuidd oder (wie die Mutter erinnert) von jener Ilona nur 
zu .seiner Beruhigung mit einem Wundverband versehen 
worden war. 

' Das Merkwürdige an der Sache ist nun, daß sich die 
psychische Nachwirkung dieses Erlebnisses beim Kinde nach 
einer Latenzzeit von einem ganzen Jahre, beim 2 weit mal igen 
Beziehen der Sommerwohnung, eingestellt hat, ohne daß in 
4er Zwischenzeit etwas vorgefallen wäre, was den Angehörigen 
diese plötzliche Wiederkehr der Angst vor dem Geflügel und 
des Interesses dafür hätte erklären können, Ich ließ mich aber 
durch die- Negativität dieser Aussage nicht davon abhalten, 
eine durch die psychoanalytische Erfahrung genugsam gerecht- 
fertigte Frage an die Umgebung des Kleinen richten zu lassen* 
die nämlich, ob nicht im Laufe jener Latenzzeit dem Kinde 
wegen des wollüstigen Betastens der Genitalien — wie das so 
oft vorkommt — mit Abschneiden des Gliedes gedroht worden 
war. Die nur widerwillig gegebene Antwort war nun die, daß 
der Knabe allerdings jetzt (im Alter von fünf Jahren)- gern mit 
dem Gliede spiele, dafür oft auch Strafen bekomme, es sei 
auch „nicht unmöglich*^ daß ihm einmal jemand „scherzweise 
mit dem Abschneiden gedroht habe, auch sei es richtig, daß 



188 S. Ferenczi 

Arpad schon seit „ längerer Zeit** diese üble Gewohnheit habe; 
ob er das aber auch schon in jenem Latenz jähr gehabt habe 
oder nicht» wisse man nicht mehr. 

Aus dem Weiteren wird sich nun ergeben* daß Arpad diese 
Drohung spater tatsächlich nicht erspart geblieben ist t so daß 
man befugt ist, an der Wahrscheinlichkeit der Annahme fest- 
zuhalten, daß die inzwischen erfahrene Drohung es war, die 
das Kind beim Wiedersehen der Stätte des ersten, gleichfalls 
das Heil seines Gliedes gefährdenden schrecklichen Erlebnisses 
so ungeheuer erregt hatte. Natürlich ist auch eine zweite Mög- 
lichkeit nicht auszuschließen, die nämlich, daß auch schon 
jener erste Schreck infolge einer noch früher gefallenen 
Kastratio nsdrohung so übertrieben ausfiel und die Erregung 
beim Wiedersehen des Geflügelhauses der ins wischen erfolgten 
Libidosteigerung zuzuschreiben ist. Leider ließen sich diese 
Zeitverhaltnisse nicht mehr rekonstruieren und wir müssen 
uns daher mit der Wahrscheinlichkeit des ursächlichen Zusammen- 
hanges zufriedengeben. 

Die persönliche Untersuchung des Knaben ergab nichts 
Auffälliges oder Abnormes, Sofort beim Betreten meines Zimmers 
lenkte aus der großen Anzahl von Bibelots, die herumliegen, 
gerade ein kleiner bronzener Auerhahn seine Aufmerksamkeit 
auf sich ; er brachte ihn zu mir und frug : „Willst du ihn mir 
geben ? K Ich gab ihm Papier und Bleistift, womit er sofort 
(nicht ungeschickt) einen Hahn zeichnete. Dann ließ ich mir 
von ihm die Geschichte mit dem Hahn erzählen. Aber er war 
schon gelawgweilt und wollte zu seinen Spielsachen zurück. 
Die direkte psychoanalytische Untersuchung war also nicht 
möglich und ich mußte mich darauf beschränken, durch die 
Dame, die sich für den Fall interessierte und die als Nachbarin 
und Bekannte der Familie den Kleinen stundenlang beobachten 
konnte, seine merkwürdigen Sprüche und sein Gebaren notieren 



Ein kleiner Hahnemann iWj 

zu lassen. Soviel konnte ich aber doch selbst feststellen, daß 
Arpäd geistig sehr rege und auch nicht unbegabt ist ; allerdings 
ist sein geistiges Interesse und seine Begabung eigentümlich 
um das gefiederte Volle des Hühnerhofes zentriert. Er gackert 
und kräht meisterhaft. In aller Frühe weckt er die Familie — 
ein richtiger Chanteclair — mit einem kräftigen Krähen. Er 
ist musikalisch, singt aber immer nur Volkslieder, in denen 
Hahn, Huhn oder Verwandtes vorkommt, besonders liebt er 
das Lied: 

„Nach Debreczen muß ich laufen. 
Einen Truthahn dort zu kaufen , 

dann die Lieder! ^Hühnchen, Hühnchen, komm, komm* 
komm!" und 

„Unterm Fenster sind zwei Küchlein, 
Zwei kleine Hahne und ein Huhn*. 

Er kann auch — ■ wie erwähnt — zeichnen, aber er zeichnet 
ausschließlich Vögel mit großen Schnäbeln, die allerdings mit 
großem Geschick, Man sieht so die Richtungen, in denen er 
sein pathologisch starkes Interesse fÜT diese Tiere zu s u b I i* 
mieren sucht. Die Eltern mußten sich schließlich mit seinen 
Liebhabereien abfinden, da sie sahen, daß Verbote nichts 
fruchten, und ließen sich herbei, ihm als Spielzeug verschiedene 
Vögel aus unzerbrechlichem Material zu kaufen* mit denen er 
allerhand Phantasiespiele aufführt* 

Im allgemeinen ist Arpäd ein lustiger Bursche, aber wenn 
er angefahren oder geschlagen wird, sehr trotzig. Er weint fast 
nie* bittet nie um Verzeihung. Nebst diesen Charaktereigen- 
schaften sind aber hei ihm Spuren echt neurotischer Züge 
unverkennbar; er ist schreckhaft, träumt viel (von Geflügel 
natürlich) und schläft oft unruhig. (Pavor nocturnus?) 



1<W S. Ferenczi 

Die merkwürdigen Spruche und Taten Arpads, die von 
meiner Gewährsmännin notiert wurden, zeugen zumeist von 
ungewöhnlicher Lust am Phantasieren über grausames Quälen 
von Federvieh. Sein typisches Spiel, die Nachahmung des 
Hühnerschlachtens, erwähnte ich bereits; hinzufügen muß ich 
noch, daß er auch in seinen „Geflügelträumen** meist „krepierte* 
Hühner und Hähne sieht, Von seinen charakteristischen Sprüchen 
will ich hier einige wortgetreu übersetzen : 

„Ich möchte t£ , sagte er einmal unvermittelt, „einen lebenden 
gerupften Hahn haben. Er soll keine Flügel, keine Federn, 
keinen Schwanz haben, nur einen Kamm, und er soll gehen 
können," 

Er spielt in der Küche mit einem soeben von der Köchin 
geschlachteten Huhn. Auf einmal geht er ins Nachbarzimmer, 
holt aus der Schublade des Toilettespiegels das Brenneisen und 
ruft: „Jetzt steche ich die blinden Augen dieses 
krepierten Huhnes aus." Das Schlachten des Federviehs ist ihm 
überhaupt ein Fest* Er ist imstande, stundenlangem die 
Tierleichen hochgradig erregt herumzutanzen. 

Jemand fragt ihn, auf das geschlachtete Huhn zeigend: 
^Möchtest du, daß es wieder erwacht?" „Zum Teufel mocht' 
ich 's, ich schlug' es sofort selbst nieder." 

Oft spielt er mit Kartoffeln oder Rüben (die er für Hühner 
erklärt) > indem er sie mit einem Messer in kleine Stücke schnitzelt. 
Einen Topf» auf dem Hühner gemalt sind, will er um jeden 
Preis zu Boden werfen. 

Seine Affektregungen dem Geflügel gegenüber sind aber 
durchaus nicht einfach gehässig und grausam, sondern deutlich 
ambivalent. Sehr häufig küßt und streichelt er das ge- 
schlachtete Vieh oder er „füttert" seine hölzerne Gans mit Mais, 
wie er das von der Köchin gesehen hat; er gackert und piepst 
dazu ununterbrochen. Einmal warf er seine unzerstörbare Puppe 



Ein kleiner Hahnemann toi 

(ein Huhn) aus Wut darüber, daß er sie nicht zerreißen konnte, 
in den Ofen, holte es aber sofort wieder heraus, reinigte und 
liebkoste es. Den Tierfiguren seines Bilderbuches erging es 
aber schlimmer* er zerriß sie dann natürlich in Stücke» konnte sie 
nicht wiederbeleben, was ihn sehr betrübte. 

Kämen solche Symptome bei einem erwachsenen Geistes- 
kranken zur Beobachtung, so würde der Psychoanalytiker nicht 
zögern» das übermäßige Lieben und Hassen des Geflügels im 
Sinne einer Übertragung unbewußter Affekte zu deuten, die 
eigentlich Menschen* wahrscheinlich nahen Angehörigen gelten, 
aber verdrängt sind und sich nur in dieser verschobenen, ent- 
stellten Weise manifestieren können. 

Er würde ferner das Rupfen- und Blendenwollen der 
Tiere als Symbole von Kastrationsabsichten deuten und 
den ganzen Symptomkomplex als Reaktion auf die Angst auf- 
fassen, die dem Kranken die Idee der eigenen Kastration ein- 
flößt. Die ambivalente Einstellung würde dann im Analytiker 
den Verdacht erwecken, daß im Seelenleben des Kranken ein- 
ander widersprechende Gefühle sich die Wage halten; auf 
Grund zahlreicher Erfahrungstatsachen müßte er vermuten, daß 
diese Ambivalenz wahrscheinlich dem Vater gilt, der — obzwar 
sonst geehrt und geliebt — wegen der sexuellen Einschrän- 
kungen, die er streng anbefiehlt, gleichzeitig auch gehaßt 
werden muß. Mit einem Worte, die analytische Deutung 
würde lauten: der Kahn bedeutet im Symptomkomplex den 
Vater. 1 

1) In einer sehr großen Zahl van Traum- und Neuroaenaualysen 
e utdeckt m an hinter ein er Ti erhgur di e G e s talt des Vaters . S i ehe 
Freud, Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben (Ges. Sehr,, 
Bd* VIll\ und „Märchens tafle in Traumen« (Ges. Sehr,, B<L ITL) 
Einer mündlichen Mitteilung Freuds entnehme ich, daß eine seiner 
nächsten Arbeiten diese Identität zur Aufklärung des Totemismus ver- 
werten wird* (Seither veröffentlicht : „Totem und Tabu** Ges. $chr, t Bd. X.) 



\Q2 S. Ferenczi 

Im Falle des kleinen Arpäd können wir uns die Mühe der 
Deutung ersparen. Die Verdrängungsarbeit vermochte bei ihm 
die wirkliche Bedeutung seiner Sonderbarkeiten noch nicht 
ganz zu verdecken; das Ursprüngliche, das Verdrängte schimmert 
noch in seinen Reden durch, ja, es kommt zeitweise mit ver- 
blüffender Offenheit und Roheit klar zum Vorschein. 

Seine Grausamkeit äußert sich oft auch Menschen gegenüber, 
und zwar richtet sie sich auffällig oft gegen die Genitalregion 
Erwachsener, 

„Ich haue eins auf Ihren Dreck (sie!), auf Ihren Popo* T 
sagte er gern einem etwas älteren Jungen. 

^Ich schneide Ihnen die Mitte aus", sagte er einmal noch 
viel deutlicher. 

Die Idee der Blendung beschäftigt ihn nicht selten, „Kann 
man einen mit Feuer oder mit Wasser blind machen ? Ä fragt 
er einmal die Nachbarin, 

(Auch beim Geflügel interessieren ihn die Genitalien auf- 
fällig. Bei jedem Huhn, das geschlachtet wird, muß mau ihm 
über das Geschlecht — ob Hahn, Henne oder Kapaun — 
Aufklärung geben.) 

Er läuft zum Bette eines erwachsenen Mädchens und ruft: 
B Ich schneide dir den Kopf ab* lege ihn auf deinen Bauch und 
esse ihn auf/ 

Einmal sagt er ganz plötzlich : „Ich möchte eine ein- 
gemachte Mutter essen (per analogiam : eingemachtes 
Huhn)^ man müßte meine Mutter in einen Topf tun und 
kochen, dann wäre eine eingemachte Mutter und die könnt* 
ich essen/ (Er grunzt und tanzt dazu.) *Ich würde ihr den 
Kopf abschneiden und so essen/ (Er macht dazu Bewegungen, 
als äße er etwas mit Messer und Gabel,) 

Nach solchen kannibalischen Wunschregungen bekommt er 
aber sofort gegensätzliche, gleichsam reuige Anwandlungen, wo 



Ein kleiner Hahnemann 193 

er masochistisch nach grausamen Strafen lechzt. „Ich will ver- 
brennen *\ ruft eT dann; „ Brechen Sie mir einen Fuß ab und 
legen Sie ihn aufs Feuer/ 

„Ich schneide mir den Kopf auf. Ich möchte mir den Mund 
aufschneiden, damit ich keinen habe/ 

Doch damit ja kein Zweifel daran möglich ist* daß er unter 
Hahn, Huhn, Küchlein die eigene Familie versteht, sagt er 
einmal unvermittelt: „Mein Vater ist der Hahn!", ein 
anderes Mal: „Jetzt bin ich klein, jetzt bin ich ein 
Küchleim Wenn ich größer werde, bin ich ein 
Huhn. Wenn ich noch größer werde, bin ich ein 
Hahn, Wenn ich am größten werde, bin ich ein 
Kutscher/ (Der Kutscher, der den Wagen lenkt, scheint ihm 
noch mehr zu imponieren als der Vater.) 

Nach diesem selbständigen und unbeeinflußten Geständnis 
des Jungen haben wir etwas mehr Verstandis für die ungeheure 
Erregung, mit der er seinerzeit das Treiben im Hiihnerhof 
zu beobachten nicht müde wurde. Alle Geheimnisse der eigenen 
Familie, über die ihm zu Hause jede Auskunft vorenthalten 
ward, konnte er im Gefliigelhaus bequem beobachten ; die „hilf- 
reichen Tiere" zeigten ihm unverhüllt alles, was er nur sehen 
wollte, insbesondere auch das stets rege Sexualtreiben zwischen 
Hahn und Henne, das Eierlegen und das Herauskriechen der 
jungen Brut, (Die Wohnungsverhältnisse bei den Eltern Arpads 
sind derart, daß der Kleine ganz unzweifelhaft auch zu 
Hause Ohrenzeuge von ähnlichen Vorgängen gewesen ist. Die 
so geweckte Neugierde mußte er dann durch das unersättliche 
Anschauen der Tiere befriedigen.) 

Auch die letzte Bestätigung meiner Annahme, daß die 
krankhafte Angst vor dem Hahn in letzter Linie auf Kastration*- 
bedrohung wegen Onanie zurückzuführen ist, blieb uns Arpad 
nicht schuldig, 

Ferenczl, Bausteine tur Psychoanalyse II 13 



194 S. Ferenczt 

Eines Morgens fragt er die Nachbarin: „Sagen Sie, warum 
sterben die Menschen? 1 * (Antwort: „Weil sie alt und müde 
werden.") „Hm! Also meine Großmutter war auch alt? Neinl 
Die war nicht alt und doch ist sie gestorben. Oh, wenn es einen 
Gott gibt, warum läßt er mich immer fallen. (Er meint : 
stolpern, hinstürzen.) Und warum macht er so, daß die Menschen 
sterben sollen ? w Dann beginnt er sich für Engel und Seelen 
zu interessieren, worauf ihm die Erklärung gegeben wird, daß 
das nur Märchen sind. Da wird er ganz starr vor Schreck und 
sagt: „Nein! Nicht wahr! Es gibt Engel, Ich habe einen 
gesehen, der die toten Kinder in den Himmel trägt/ Dann 
fragt er entsetzt; w Warum sterben die Kinder?" „Wie lange 
kann man leben?" Es gelingt nur schwer, ihn zu beruhigen. 

Es stellt sich dann heraus, daß am selben Tage frühmorgens 
das Stubenmädchen plötzlich seine Bettdecke aufhob und sah, 
daß er am Gliede manipulierte, worauf sie ihn mit Glied- 
abschneiden bedrohte. — Die Nachbarin sucht ihn zu beruhigen 
und sagt ihm* man werde ihm nicht wehtun. So was mache ja 
auch jedes andere Kind, Daraufhin schreit Arpäd entrüstet: s Es 
ist nicht wahr I Nicht jedes Kind t Mein Papa hat nie so 
was gemacht," 

Nun verstehen wir besser seine unstillbare Wut dem Hahn 
gegenüber, der mit seinem Gliede dasselbe tun wollte, womit 
ihn die „Großen" bedrohten, und die Hochachtung vor diesem 
Sexualtier, das all das zu tun wagt, wovor ihm eine so heillose 
Angst eingejagt wurde; wir verstehen auch die grausamen 
Strafen, die er sich (wegen der Onanie und der sadistischen 
Phantasien) zuerkennt. 

Gleichsam um das Bild zu vervollständigen, beginnt er sich 
in letzterer Zeit mit religiösen Gedanken viel zu beschäftigen* 
Alte bärtige Juden flößen ihm große, mit Angst gemischte 
Achtung ein. Er bittet die Mutter, sie solle diese Bettler in 



Ein kleiner Hahnemann 195 

die Wohnung hereinrufen* Kommt aber einei wirklich, so 
versteckt er sich und beobachtet ihn aus respektvoller Feme; 
als so einer wegging, ließ er den Kopf hängen und sagte: 
„letzt bin ich ein Bettlerhuhn, * Die alten Juden interessieren 
ihn, wie er sagt, weil sie „von Gott" (aus dem Tempel) 
frommen* 

Zum Schluß sei noch eine Änderung Arpads wiedergegeben, 
die zeigt, daß er nicht umsonst so lange dem Treiben des 
Hühnervolkes zugeschaut hat. Er sagte einmal allen Ernstes 
zut Nachbarin: „Ich werde Sie heiraten und Ihre Schwester 
und meine drei Cousinen und die Köchin, nein, statt der 
Köchin lieber die Mutter/ 

Er will also wirklich ein „Hahn im Korbe werden. 



i<r 






Die psychischen Folgen einer ^Kastration* 4 
im Kindesalter 

(i 9 i6) 

In der Arbeit über den „kleinen Halmemann", der in 
frühester Kindheit eine ganz geringfügige Verletzung des Penis 
erlitt, die dann seine ganze Triebrichtung und geistige Ent- 
wicklung entscheidend beeinflußte, mußte ich auf die große 
Bedeutung des Konstitutionellen bei der Kastrationsangst hin- 
weisen, zu der das Erleben nur als auslösendes Moment hin- 
zutritt. 

Der Zufall führte vor etwa drei Jahren einen Patienten zu 
mir, der als Gegenstück zum „Hahnemann" betrachtet werden 
kann. Er erlitt nämlich, noch nicht ganz drei Jahre alt, wirk- 
lich die „Kastration", Natürlich war es nicht die Kastration im 
medizinischen Sinne, sondern eine andere Operation am Penis, 
Der Patient erinnert sich genau, wie es dazu gekommen ist* 
Es hatte Harnbeschwerden (sicherlich infolge einer Phimose), 
worauf es dem Vater, einem sehr energischen Herrn vom 
Lande, trotz seiner gutchristlichen Religion einfiel, statt des 
Kreisarztes — den jüdischen Schächter des Dorfes zu Rate zu 



Folgen einer „Kastration" im Kindesaher 197 

ziehen, der eine vom medizinischen Standpunkte hier nur zu 
billigende Heilmethode, die Beschnei düng, vorschlug. Der Vater 
willigte sofort ein, der Schächter holte sein langes, scharfes 
Messer und vollzog am sich fürchterlich wehrenden und natür- 
lich nur mit Gewalt festzuhaltenden Knaben die Entfernung 
der Vorhaut. 

Es handelt sich um Herrn L*, einen kroatischen landwirt- 
schaftlichen Beamten, der sich zur Behandlung seiner Impotenz 
an mich wendete. Er sei ledig geblieben^ habe außer mit 
Prostituierten niedrigster Sorte, bei denen seine Potenz auch 
nicht sehr sicher sei, noch nie ernstlich mit Frauen zu tun 
gehabt. Es fehle ihm an dem hiezu erforderlichen Mut. — 
Bald stellte es sich heraus, daß dieser Mangel an Selbstvertrauen 
nicht nur sein Sexualleben, sondern auch seine übrige Existenz 
vollkommen beherrschte und schuld daran war, daß er trotz 
seiner nicht gan2 gewöhnlichen Intelligenz es weder sozial 
noch materiell weit brachte* 

Da es die Stellung des Patienten nicht erlaubt, einen 
längeren Urlaub zu nehmen, kommt er nur in längeren Inter- 
vallen und stets nur für wenige (eine bis drei) Wochen zu mir, 
was natürlich nicht nur den therapeutischen Erfolg, sondern 
auch die psychoanalytische Ausbeute des Falles bedeutend 
schmälert. Immerhin hat sich bei seiner Analyse im Laufe der 
Zeit genug des Charakteristischen ergeben, das die Mitteilung 
des Falles rechtfertigt. 

In der ersten Session (so wollen wir den Zyklus der Analyse 
nennen) war es ungemein schwer, den Patienten zum Reden 
zu bringen. Der starke, kaum zu überwindende Widerstand 
rührte davon her, daß Patient reale Sünden zu beichten hatte. 
Er hatte den Hang, im Kartenspiel sein Glück zu korrigieren, 
und zwar nicht nur, wenn sich zufällig eine günstige Gelegen-' 
heh dazu bot, sondern auch wohlvoTbereitet, durch ent- 



198 S- Ferenczi 



sprechende Machinationen mit den Spielkarten- Nach solchen 
Betrügereien* die ihn oft in die größte Gefahr brachten, fühlte 






er sich aber nicht befriedigt, er vergeudete und vertrank das 
Geld und machte sich dann die grausamsten Vorwürfe, Den 
schlechten Ruf, den ihm das Bekanntwerden seines unfairen 
Spieles eingebracht hätte, dem er aber bis jetzt entginge ver- 
schaffte er sich auf andere Weise: er betrinkt sich oft* wird 
dabei gewalttätig und fraternisiert in der Trunkenheit mit 
niedrigem Gesindel (Musikanten, Kellnern usw>), dessen Bekannt- 
schaft er sich im nüchternen Zustande fürchterlich schämt* Die 
rückläufige Revision seines Sündenregisters bis zur frühen Kindheit 
ergab einige unbedeutende Diebstähle; der hervorragendste davon 
war das Stehlen der Geldbörse aus der Hosentasche des schlafenden 
Vaters- Dieser Vater war ein rabiater Mensch, der seinen Knaben 
mit der Reitpeitsche erzog, sich oft betrank und an Alkohol- 
epilepsie starb. An dieser Stelle der Erzählung kam es zur 
Mitteilung der schon beschriebenen, in sehr roher Weise aus- 
geführten Operation. 

Nachdem der Patient durch diese Mitteilungen seine Seele 
einigermaßen entlastet hatte, konnte sich die andere Seite 
seines, Gemütslehens offenbaren, und da kam ein rührseliger, 
liehen und geliebt werden wollender Mensch mit dichterischer 
und wissenschaftlicher Begabung zum Vorschein, Ob er aber 
eine seiner Sünden zu bekennen oder eines seiner Gedichte 
vorzutragen hatte, jedesmal sträubte er sich dagegen in einer 
eigenartigen Weise: seine Stimme wurde gepreßt, er fluchte 
unbändig, bäumte sich fast wie ein Hysteriker im Opisthotonus, 
alle seine Muskeln kontrahierten sich ad maximum, das Gesicht 
rötete sich, die Venen schwollen an, bis der Patient sich nach 
der kritischen Mitteilung plötzlich beruhigte und den Angst- 
schweiß von seiner Stirne wischen konnte. 

Er teilte dann mit, daß er bei solchen Anlässen eine starke 



Folgen einer „Kastration im Kindesalter 199 

Retraktion seines Penis fühle und den Zwangsimpuls habe, das 
Genitale des Mannes » zu dem er sprach, zu ergreifen* 

Ich, konnte ihm vor dem Abschied erklären» da0 er zeit- 
lebens unter dem entmutigenden Bewußtsein seiner Ver- 
stümmelung lebte, dies sei es auch, was ihn feige mache und 
den Zwang begründe, sich gewisse Vorteile durch List und 
Betrug zu verschaffen* Der Diebstahl aus der Hosentasche des 
Vaters sei übrigens auch die symbolische Vergeltung für den 
an ihm begangenen Raub, Die Retraktion des Penis erinnere 
ihn bei jeder Gelegenheit, wo er für etwas einstehen müsse, 
an seine Entwertung; beim Zwangsimpuls, ein fremdes Glied 
zu ergreifen, wolle er sich von der Qual dieser Vorstellung 
befreien» indem ihn seine Phantasie in den Besitz eines voll- 
wertigen Genitales versetze. 

Bei einer späteren Session gestand er unter den schon 
beschriebenen Qualen die eigenartigen» ans Mythische gemahnen- 
den Phantasien, die in ihm, wenn er ganz allein war, auf- 
zutauchen pflegten . Er fühle sich als Adler mit offenen Augen 
der Sonne entgegenschweben. Ohne die geringste Furcht fliege 
er an die Sonne heran und beiße ein Stück vom Sonnenrande 
mit seinem starken Schnabel ab, so daß ihr Glanz wie bei 
einer Sonnenfinsternis erblasse* — Dem Kundigen verrät der 
Patient mit dieser sonnensymbolischen Phantasie den unstill- 
baren Rachedurst gegen den Vater (Sonne), an dem er durch 
eine Verstümmelung die von ihm verschuldete Flügellahmheit 
seiner Genitalität vergelten wilL Die Adlergleichheit ist ein 
Wunschgebilde, das das Bewußtsein seiner Erektionsstörungen 
verdecken soll* Als sehr gelungene Bestätigung dieser Deutung 
der Sonne als Vater können wir die Klage des Patienten auf- 
fassen, daß seiner Potenz eine Sonnenbadekur am meisten 
geschadet habe. Als assoziatives Mittelglied zwischen Sonne und 
Vater fand sich das glänzende* drohende Auge des Vaters» vor 



200 S, Ferenczi 

dem er seine eigenen Augen, im Gegensatz zum Wagemut in 
der Phantasie, als Kind immer senken mußte, 1 

Bald klarte sich auch sein sonderbares Verhalten bei der 
Mitteilung unangenehmer oder nach seiner Ansicht dem Arzte 
mißliebiger Einfälle auf. Die gepreßte Stimme, das Fluchen, 
das Sichbäumen usw. war nichts als das unbewußte Wieder- 
erleben der Kastration und seines Verhaltens bei diesem gewalt- 
samen Eingriff* Bei minder gefährlichen Mitteilungen verspürte 
er nur die Retraktion des Penis als Andeutung des Kastriert- 
werdens- Der frühzeitige psychische Chok hat (ähnlich wie ich 
es bei manchem erwachsenen Kriegsneurotiker gefunden habe) 
eine dauernde psychische und nervöse Verbindung zwischen der 
verletzten Körperstelle und seinem Gefühlsleben hergestellt, so 
daß seine Gefühle als eine Skala von Retraktions- und Kastra- 
tionsempfindungen hätten beschrieben werden können* Alles 
spätere Fühlen erregte sofort den immer noch schmerzlichen 
wunden Punkt seiner Seele und des entsprechenden Teiles 
seines Organismus. 

Der Zwang, in der Angst ein fremdes» dem seinen über- 
legenes Genitale zu ergreifen, ließ mehrere Erklärungen zu. 
Er entsprang erstens dem schon erwähnten Wunsch* einen 
größeren Penis zu besitzen; der Patient gebrauchte aber diesen 
Griff auch als Sicherung gegen die Wiederholung der Kastra- 
tion- er hielt gleichsam den Penis seines vermeintlichen Gegners 
immerfort als Pfand in der Hand* (Seine ungewöhnlich lang 
fortgesetzte Onanie mußte ich ähnlich erklären. Er traute sich 

1) Es ist denkbar, daß das väterliche Auge überhaupt als tertium 
comparationis hei der Sonnensymholbildung wirkt. Vergleiche dasu das 
bekannte „Auge Gottes , das von Sonnenstrahlen umgeben ist. Ich 
kenne einen berufsmäßigen Hypnotiseur, der seine Suggestivkraft den 
durchdringenden Augen zu verdanken vermeint. Er trotzte als Kind 
seinem strengen Vater und he mühte sich lange Zeit hindurch, dem 
stechendsten Sonnenschein enlgegeniuhlicken. 



Folgen einer „Kastration* im Kindesalter 201 

nicht, den Penis aus der Hand zu geben und einem fremden 
weiblichen, — vielleicht gefährlichen Individuum anzuver- 
trauen. Bei der allgemeinen Bedeutsamkeit des Kastrations- 
komplexes kann man annehmen, daß dieses Motiv bei vielen 
Onanisten eine Rolle spielt.) 

Schließlich deckte ich auch passiv-homosexuelle Phantasien 
hinter diesem zwanghaften Impulse auf: als Kastrierter 
betrachtete er sich als Weib und wollte wenigstens weiblicher 
Genitallust teilhaftig werden. 

Die Störung der Sexualentwicklung — wahrscheinlich gerade 
zwischen dem narzißtischen und dem Genitalstadium — muß 
auch die Erklärung für seinen ungewöhnlichen Narzißmus und 
seine analerotischen Archaismen t die er bis auf den heutigen 
Tag pflegt t abgeben. Seine diesbezüglichen Einfälle v/aren oft 
von seltener Ursprünglichkeit. Ich will nur erwähnen* daß er 
am liebsten in einen Bach unweit des Wohnortes seine Defa- 
kation verrichtete und gerne und längere Zeit die weiteren 
Schicksale dieser einstigen Bestandteile seines Ich, von denen 
er sich nur ungern trennte* verfolgte. Für den analerotischen 
Ursprung des Geizes hat er einen besonderen Flair; als er 
z, B, fand, daß die Schwester ihm zu Ehren ein allzu schäbiges 
Mittagmahl bereitete, fiel ihm ein, „die Schwester habe die 
Faschingskrapfen aus ihrem Arsch herausgezogen *** 

Der seines wertvollsten Besitzes (vermeintlich) Beraubte hatte 
Angst vor jederlei Gel dausgab e; überall wähnte ersieh betrogen» 
„verkürzt**, daher auch seine Neigung, andere zu übervorteilen. 
Dem Schneider und dem Raseur gegenüber fühlt er hoch* 
gradige Idiosynkrasie* 

Ein nicht gut aufgeklarter Teil der Krankheitsgeschichte ist 
der Beginn seiner Neurose. Er litt als junger Mann mehrere 
Jahre lang an der Angst, epileptisch zu werden. Die Identifi- 
zierung mit dem alkohol-epileptischen Vater ist dabei wohl 



202 S. Ferenczi 



sicher anzunehmen, aber die gewiß polyvalente Bedeutung 
dieses Symptoms ist nicht genügend analysiert worden* 

Dieser Fall dürfte in der Freud sehen „ätiologischen Reihe" 
den äußersten Platz einnehmen; es ist wahrscheinlich, daß ein 
solches Trauma auch ein gar nicht disponiertes Kind neurotisch 
machen kann. 

Als Leiter der Nervenabteüung eines Militärspitales hatte ich 
Gelegenheit, bosnische Mohammedaner, die im Kindesalter 
zirkumzindiert wurden, auszufragen* Ich erfuhr, daß die Opera- 
tion dort an den meisten Kindern im zweiten Leben siahre aus- 
geführt wird und keine nervösen Folgen, insbesondere keine 
Impotenz nach sich zieht* Bei den Juden wird die rituelle 
Beschneidung am achten Lebenstage des Kindes ausgeführt; 
auch hier fehlen Symptome wie bei meinem Patienten* Es ist 
also möglich, daß dieser Eingriff nur im kritischen narziß- 
tischen Alter von nachhaltiger, krankmachender Wirkung ist. 

In diesem und ähnlichen Fällen muß man wohl — - wie es 
auch Freud tut — die hervorragende Wirksamkeit des „männ- 
lichen Protestes" hei der Symptombildung anerkennen. Der 
sehnlichste» treib endste Wunsch dieses Patienten ist in der Tat, 
ein Mann zu sein; allerdings nicht der „ Überlegenheit" wegen» 
sondern damit er, wie sein Vater» eine Frau lieben und Familie 
gründen könne. Bei der argen Lasion seines Narzißmus ist es 
übrigens kein Wunder» daß er nicht nur lihidinose, sondern 
auch egoistische Phantasien produziert, Phantasien einer durch 
die Beschneidung verletzten Selbstliebe, 



Analytische Deutung und Behandlung der 

psychosexuellen Impotenz beim Manne 

(i 9 oS) 

Eines der wenigen objektiven Argumente, welches gegen die 
von Freud inaugurierte Behandlungsmethode der Psycho- 
neurosen vorgebracht wurde* ist der Einwurf, daß die psycho- 
analytische Kur nur symptomatisch heile. Sie lasse die hysterischen 
Krankheitserscheinungen schwinden, nicht aber die hysterische 
Grundlage selbst. Demgegenüber macht uns Freud mit Recht 
darauf aufmerksam, daß dieselben Kritiker anderen antihysterischen 
Prozeduren gegenüber, die ja nicht einmal ein Symptom end- 
gültig heilen können, viel nachsichtiger sind. Auch können wir 
dem erwähnten Argument die Tatsache entgegenhalten, daß die 
bis in die Tiefe des Seelenlebens durchgeführte Analyse, welche 
Freud sehr treffend mit den Au sgrabungs arbeiten des Alter- 
tumsforschers vergleicht, nicht nur symptomatisch heilt, sondern 
auch eine so gründliche Charakterveränderung des Patienten 
zur Folge hat, daß wir nicht mehr das Recht haben, ihn einen 
Kranken zu nennen, 1 Um so weniger sind wir hiezu berechtigt, 

1) Jung und Muthmann kommen in ihren Arbeiten aum gleichen 
Schluß. 



204 S* Ferenczi 

als er ja nach Beendigung der Analyse auch neuen psychischen 
Konflikten und Erschütterungen gegenüber gut gewappnet ist, 
beinahe so gut wie die nicht analysierten „Gesunden", die — 
wie wir es jetzt bestimmt wissen — ihr Leben lang eine Un- 
zahl verdrängter Vorstellungskomplexe mit sich herumtragen, 
die allezeit bereit sind, die pathogene Wirkung von Psycho- 
träumen mit ihrem Affektwerte zu steigern und zu übertreiben. 

Diese Beweislast entfallt übrigens vollkommen, wenn unsere 
ärztliche Aufgabe sich in der Heilung eines einzigen Symptoms 
erschöpft. Unter diesen Aufgaben galt aber die Behandlung der 
psychischen Impotenz stets als eine der schwierigsten. So viele 
meiner Patienten kamen mit dieser Klage, und so groß fand 
ich das seelische Elend infolge dieses Symptoms, daß ich nicht 
müde wurde in der Anwendung der verschiedensten medika- 
mentösen 1 und suggestiven* Behandlungsmethoden. Mit beiden 
hatte ich hie und da Erfolge; als verläßlich erwies sich keine. 
Um so glücklicher schätze ich mich, jetzt über viel bedeutendere 
Erfolge berichten zu können» die ich gerade der Freud sehen 
psychoanalytischen Behandlungsmethode verdanke, 5 

Ich will vorerst ohne theoretische Auseinandersetzungen die 
von mir beobachteten Fälle erzählen und meine Bemerkungen 
Heber in die Kasuistik einschalten. 

Ein 5»] ähriger Industrieller sucht meine Ordination auf. 
Sein furchtsames, beinahe unterwürfiges Wesen läßt schon par 
distance den n Sexualneurastheniker" erkennen* Mein erster Ge- 
danke ist» daß ihn die Gewissensbisse des Masturbanten quälen* 



\) Ferenczi: Arzneimittelschatz des Neurologen, (GyigyÄszat 1906.) 

2) Ferenczi: Über den Heilwert der Hypnose. (Gy6gyd*zat 1904*) 

3) Ah literarische Quellen kann ich Freuds sämtliche Werke so- 
wie folgende Arbeiten zweier Wiener Ärzte anführen: I)t. M. Steiner, 
„Die funktionelle Impotenz des Mannes", Wiener Med. Fresse 1907, 
Kr. 42, Dr. W. Stekel, „Nervöse Angstzustände ", Wien, 1908- 



PsydiosexuelLe Impotenz beim Manne 20% 



Doch erwebt sich seine Klage als eine viel ernstere* Er habe 
es — so erzählt er — trotz seines Mannesalters und trotz un- 
zähliger Versuche nie dazu bringen können, die Kohabitation 
regelrecht auszuführen; Unzulänglichkeit der Erektion und 
ejaculatio praecox hätten die Immissio stets unmöglich gemacht. 
Er suchte bei verschiedenen Ärzten Hilfe, der eine (ein be- 
rüchtigter Zeitungsinserent) herrschte ihn roh an: B Sie haben 
masturbiert, daher Ihre Tmpotenzl" worauf der Patient, der ja 
von seinem 15, bis zum 18. Jahre sich tatsächlich selbst be- 
friedigte, als Resultat dieser Konsultation die Überzeugung mit 
nachhause nahm, daß die geschlechtliche Unfähigkeit die wohl- 
verdiente und unabänderliche Folge seiner ^Jugendsünden^ sei. 
Immerhin machte er noch weitere Heil versuche und machte 
unter anderem eine lange Bäder- und Elektrizitatskur — ohne 
Erfolg — durch. Der Patient hätte sich auch schon ins Unab- 
änderliche gefügt» hätte er nicht in allerletzter Zeit starke 
Neigung zu einem ihm sehr entsprechenden Mädchen gefaßt; 
der Wunsch, diese zu heiraten, war das Motiv seines neuer- 
liehen Versuches. 

Der Fall ist ein sehr alltäglicher und die anamnestische 
Ausforschung und die Untersuchung des Patienten brachte auch 
sonst nichts Besonderes zum Vorschein. Es stellte sich heraus, 
daß bei ihm nebst der Impotenz ein neurotischer Symptom- 
komplex nachzuweisen ist : verschiedene Parasthesien, Gehör- 
hyperästhesie, hochgradige Hypochondrie, unruhiger Schlaf mit 
Angstträumen, im ganzen also eine Angstneurose im Sinne 
Freuds, die ja im geschlechtlichen Unbefriedigtsein und in 
den häufigen frustranen Erregungen genügende Erklärung fand. 
Der Patient, obwohl bei ihm der Kopulationsmechanismus 
gerade im kritischen Augenblicke vollkommen versagte, phan- 
tasierte im Wachen wie im Halbschlaf von nichts anderem als 
von sexuellen Situationen und verspürte während des Phan- 



20ö S. Fercnczt 

tasierens die heftigsten Erektionen* Doch gerade dieser Umstand 
erweckte in mir den Verdacht, daß der Kranke nebst den ner- 
vösen Folgen der Abstinenz auch an einer Psychoneurose leiden 
dürfte und daß die Ursache der Impotenz selbst in der hem- 
menden, verbietenden Kraft eines unbewußten psychischen 
Komplexes, welcher gerade im Momente der gewollten geschlecht- 
lichen Vereinigung wirksam wird, gesucht werden müsse, Unter 
der Bezeichnung „psychische Impotenz ist uns ja dieser krank- 
hafte Zustand längst bekannt; auch wußten wir, daß dabei die 
Hemmungswirkung der Angst und Furcht den sonst intakten 
sexuellen Reflexbogen unwegsam macht. Früher hielten wir 
aber solche Fälle durch die „Feigheit" des Patienten oder durch 
die bewußte Erinnerung an einen sexuellen Mißerfolg für voll 
erklärt und unsere ärztliche Tätigkeit beschränkte sich auf das 
Beruhigen oder Aufmuntern des Kranken, was in einer gewissen 
Zahl der Fälle auch gelang. Im Besitze der Kenntnis der 
Freud sehen Psychologie konnte ich mich mit solchen ober- 
flächlichen Erklärungen nicht zufrieden geben und mußte vor- 
aussetzen, daß nicht bewußte Furcht, sondern unbewußte, in 
infantilen Erinnerungsspuren wurzelnde Seelenvorgänge ganz 
bestimmten Inhalts für das Symptom verantwortlich zu machen 
sein werden, wahrscheinlich irgend ein kindischer Sexual wünsch, 
der im Laufe der individuellen Kulturentwicklung nicht nur 
unausführbar, sondern auch denkunmöglich geworden ist* Auf 
die diesbezüglich an ihn gerichteten Fragen erhielt ich lauter 
negative Auskünfte* Es sei mit ihm in geschlechtlicher Be- 
ziehung nichts Besonderes vorgefallen; Eltern und Geschwister- 
seien in sexueller Hinsicht stets sehr dezent und reserviert ge- 
wesen, auch kümmerte er sich als Kind „um diese Dinge" gar 
nicht* Von sexuellen Regungen wisse er sich vollkommen frei ; 
der Gedanke an die Betätigung „erogener Zonen" (Anal- und 
Oralerotismus) erfülle ihn mit Abscheu; das Treiben der Ex- 



Psychosexuelie Impotenz beim Manne 207 

hibitionisten, Voyeurs, Sadisten und Masochisten sei ihm fast 
unbekannt. Höchstens die etwas übermäßige Vorliebe für den 
weiblichen Fuß und seine Beschuhung muß er etwas unwillig 
zugeben, ohne über die Quelle dieser fetischistischen Lieb- 
haberei Auskunft geben zu können* Selbstverständlich ließ ich 
den Kranken genau erzählen, wie er zu seinen Kenntnissen auf 
sexuellem Gebiete gekommen ist, worüber er während der 
Periode der Selbstbefriedigung phantasierte und wie die ersten 
■ — gleich mißlungenen — Kohabitationsversuche vor sich ge- 
gangen sind. Doch auch diese eingehende Anamnese forderte 
keine Tatsachen zum Vorschein, die ich als zureichende Er- 
klärung der psychosexuellen Hemmung hätte akzeptieren können* 
Seit Freud wissen wir aber, daß eine solche Krankheits- 
erzählung auch bei voller Aufrichtigkeit und schärfstem Ge- 
dächtnis des Ausgefragten nicht die wirkliche Entwicklungs- 
geschichte des Individuums wiedergibt; das Bewußtsein kann 
nämlich die unangenehm gewordenen Gedanken und Er- 
innerungen so geschickt „übersehen" und „vergessen", daß sie 
nur durch mühsame analytische Arbeit aus der Verdrängung 
hervorgeholt oder bewußt gemacht werden können. Ich zauderte 
also nicht, die psychoanalytische Methode in Anwendung zu 
bringen* 

Bei der Analyse stellte es sich bald heraus, daß der Ver- 
dacht Psychoneurose berechtigt war. Die schon erwähnten 
Farästhesien ließen bei näherer Beachtung ihre neurotische 
Natur erkennen („Schmerzen** und „Krachen" in den Sehnen, 
„Wogen" in den Bauchmuskeln und in den Beinen usw.), außer- 
dem kamen aber auch mehrere ihm immer wieder einfallende, 
unzweifelhaft obsedierende Gedanken und Gefühle zum Vor- 
schein, Er traue sich nicht, den Leuten in die Augen zu sehen; 
er sei feige, er habe das Gefühl, als hätte er ein Verbrechen 
begangen; er fürchte immer, lächerlich zu werden. 



208 S. Fercnczi 

Solche Zwangsvorstellungen und Empfindungen von Zwangs- 
charakter sind für die sexuelle Impotenz typisch. Die Feigheit 
des sexuell Impotenten findet ihre Erklärung darin, daß das 
beschämende Bewußtsein einer solchen Un Vollkommenheit auf 
die ganze Individualität ausstrahlt, Freud spricht sehr treffend 
von der „ Vorbildlichkeit der Sexualität" für das sonstige 
psychische Verhalten. Der Grad der Sicherheit in der sexuellen 
Leistungsfähigkeit wird für die Sicherheit im Auftreten, in den 
Anschauungen und Handlungen maßgebend. Doch das un- 
motivierte Schuldbewußtsein, das bei unserem Patienten eine 
nicht unbeträchtliche Rolle zu spielen schien, ließ tiefer unter- 
drückte, in gewissem Sinne wirklich „ sündhafte", unbewußte 
Gedankengänge vermuten; allmählich lieferte dann die Analyse 
das psychische Material, aus dem ich auf die NatUT dieser 
„Sünde" folgern konnte* 

Es fiel mir vor allem auf, daß sich der Patient in seinen 
sexuell gefärbten Träumen sehr häufig mit korpulenten Frauen 
beschäftigte, deren Gesicht er nicht sah und mit denen er die 
geschlechtliche Vereinigung selbst im Traume nicht vollführen 
konnte, sondern statt der zu erwartenden Pollution wurde er 
von heftiger Angst befallen und schreckte mit Gedanken, wie : 
„Das ist unmöglich!", — „Diese Situation ist undenkbar", — 
auf* Nach solchen Angstträumen erwachte er erschöpft, in 
Schweiß gebadet, mit Herzklopfen und hatte gewöhnlich „einen 
schlechten Tag". 

Daß er im Traume niemals das Gesicht des Sexualobjektes 
sieht, mußte ich als Traumentstellung (Freud) deuten; sie 
hat hier den Zweck, die Person, auf die sich der libidinöse 
Traumwunsch richtet, für das Bewußtsein unkenntlich zu 
machen. Das Aufschrecken bedeutet hingegen, daß das Bewußt- 
sein doch zu ahnen begann, daß mit der Frauensperson, auf 
die der Traum anspielt, „diese Situation undenkbar" ist. Der 



Psydiosexueüe Impotenz beim Manne 209 

Angstanfall ist die affektive Reaktion des Bewußtseins gegen 
eine Wunscherfullung des Unbewußten* 1 

Das unbewußte Verbot der vollen sexuellen Befriedigung war 
beim Patienten so streng, daß ex selbst beim Wachträumen, wenn 
er sich sexuellen Phantasien hingab, in dem Momente, wo er 
sich die Kohabitation selbst vorstellen wollte, erschrocken zusam- 
menfuhr und seine Gedanken irgendwie ablenken mußte, 3 

Einigemale kam in seinen Träumen eine gewisse aktive 
Grausamkeit zum Vorschein, z. B.: er heißt jemandem den 
Finger ab oder er beißt einem ins Gesicht. Es war nicht 
schwer, die Quelle dieser kannibalischen Yelleitäten in deT 
infantilen Feindseligkeit gegen einen um 20 Jahre alteren 
Bruder zu erkennen, der seinerzeit allzu strenge und gar nicht 
liehevoll mit seinen kleinen Brüdern umging, Dieser Hang zur 

1) Der ungarische Dichter Ignotus scheint die Existenz der Traum- 
entstellung und Trauimensuxierung' au ahnen, wie dies aus folgendem 
Versfragmente erhellt; 

„. . . und wie der Mensch, ist auch sein Träumen feige, 
Des Schicksals Flegel drischt ihn bald so mürbe, 
Daß er sein Heil nicht mal zu träumen wagt. li 
J£s ist mir schon früher aufgefallen (siehe den Artikel: ., Liebe und 
Wissenschaft", Gyögyaszat 1901), daß die brauchbaren literarischen 
Quellen der Individiialpsychologie nicht in der wissenschaftlichen, sondern 
in der belle tri sti sehen Bibliothek tu suchen sind, 

2) Freud machte zuerst auf das häufige Vorkommen von "angstlichen 
Prüfungsträumen bei Sexualimpotenten aufmerksam. Diese Beob- 
achtung kann ich vollauf bestätigen. Die Traumpbantasie der Maturitäts- 
prüfung, der Rigorosen kehrt bei solchen Leuten als „typischer Traum** 
sehr oft wieder und ist stets mit dem unangenehmen Gefühle des 
Nicht vorbereitetseins, Sichblamier ens usw, verbunden. Dieses Gefühl ist 
ein traumverschobener Affekt; er gehört lum Bewußtsein der sexuellen 
Unfähigkeit. Ein im vulgaren Ungarisch gebräuchliches Synonym für 
die Kohabitation — (^schießen") — dürfte der Grund dessen sein, daß 
in den Träumen der in meiner Behandlung stehenden Impotenten so 
häufig Situationen Wiederkehr en, bei denen der (meist ungeschickte) 
Gebrauch, von Schießwaifen die Hauptrolle spielt. (Z, B. Einrosten des 
Gewehrs, Fehlgehen des Schusses, Nichtlosgehen wollen der Flinte usw,) 

Ferencii, Bausteine zur Psychoanalyse II 14 



210 & Ferenczi 

Grausamkeit lauert übrigens auch im Wachen hinter der mani- 
festen Feigheit des Patienten, So oft er sich dabei ertappen 
mußte, daß er diesem oder jenem (meist einem Vorgesetzten) 
gegenüber sich wieder als ein Feigling benahm, vertiefte er 
sich in minutenlange Phantasien, in denen er sich haarklein 
ausmalte, wie er bei nächster Gelegenheit in ähnlicher Lage 
vorgehen, was für körperliche Züchtigungen und Seh impf worte 
er austeilen wird» 1 Es ist dies eine Äußerung des bei Psycho- 
neurotikem so häufigen „Treppenwitzes** oder, wie es Freud 
nennt, der „Nachträglichkeit**. Diese hochfahrenden Pläne blieben 
aber meist für immer müßige Phantasiegebilde; die Angst oder 
Furcht lähmte die Hand und die Sprache des Patienten in 
kritischen Augenblicken immer wieder. Eine Determinierung 
dieser Art von Feigheit findet die Analyse im infantilen Respekt 
vor Eltern und älteren Geschwistern, der seinerzeit die Auf- 
lehnung des Kindes gegen deren körperliche Züchtigungen und 
Verweise in Schranken hielt* 

Bei der engen physiologischen Verknüpfung und dem ge- 
danklichen Assoziiertsein der Sexualfunktion und der Harn- 
entleerung fand ich es erklärlich, daß beim Patienten die 
Hemmung, wie es sich bald herausstellte, auch bei der Miktion 
in Erscheinung tritt* Er ist unfähig, im Beisein einer zweiten 
Person den Harn zu entleeren* Solange er am öffentlichen An- 
standsort ganz allein ist, uriniert er regelmäßig in starkem 
Bogen; in dem Momente, wo noch jemand eintritt, wird die 
Miktion „wie abgeschnitten**» er wird unfähig, auch nur einen 
Tropfen herauszupressen* 

Aus diesem Symptom wie auch aus seiner Verschämtheit 
auch Männern gegenüber folgerte ich, daß beim Patienten wie 

i)In Ibsens „Kronprätendenten" personifiziert die Gestalt des 
Bischofs Nicholas in ausgezeichneter Weise die Feigheit und versteckte 
Grausamkeit als Folgen der sexuellen Impotenz. 



Psycho sexuelle Impotenz beim Manne 21 1 

bei den meisten Neurotikern (F r e u 3) '= eine das gewöhnliche 
Maß übersteigende homosexuelle Komponente nachzuweisen 
wäre. Die infantile Quelle derselben glaubte ich in seinem 
Verhältnis 211 einem jüngeren Bruder suchen zu können, mit 
dem er jahrelang in einem Bette schlief und überhaupt im 
Schutz- und Trutzbündnis gegen den sie • mißhandelnden älteren 
Bruder lebte. Mit dem Ausdrucke „das gewöhnliche Maß der 
Homosexualität" besage ich implizite, daß meine nunmehr 
zahlreichen Psychoanalysen die Lehre von der Psycho- 
bi Sexualität unterstützen, wonach von der ursprunglich 
bisexuellen Anlage des Menschen nicht nur anatomische, son- 
dern auch psychosexuelle Rudimente erhalten bleiben, die unter 
Umständen auch das Übergewicht erlangen können. 

Auf Grund anderer ähnlicher Analysen witterte ich hinter 
der im Traume wiederkehrenden korpulenten Frau eine nahe 
Verwandte des Patienten; die Mutter oder eine Schwester; diese 
Zumutung wies er aber entrüstet zurück und sagte mir 
triumphierend, er habe nur eine korpulente Schwester und 
gerade diese könne er nicht leiden; ihr gegenüber sei er stets 
mürrisch und unfreundlich gewesen. Wer aber, wie ich, die 
Erfahrung machte, wie oft sich eine für das Bewußtsein lästige 
Sympathie hinter übertriebene Strenge und Verdrießlichkeit 
versteckt, dessen Verdacht wird von einer solchen Auskunft 
nicht eingeschläfert* 1 

An einem der folgenden Tage hatte der Patient eine eigen- 
tümliche hypnagoge Halluzination, die er mit geringer Modifi- 
kation schon einigemal verspürt haben soll; im Begriffe ein- 
zuschlafen, hatte er das Gefühl, als höben sich die Füße (die 
er beschuht glaubte, obzwar sie nackt waren) in die Höhe, 
während der Kopf tief nach unten sank - er erwachte sofort 
mit starkem Angstgefühl. Mit Rücksicht auf den schon er- 

1) „Ich. hasse, weil ich nicht lieben kaTin. w (Ibsen.) 



212 $> Ferenczi 

wähnten Fuß- und Schuhfetischismus unterzog ich die dies- 
bezüglichen Assoziationen 1 und Einfalle des Patienten einer 
neuerlichen genauen Analyse, deren Resultat das Auftauchen 
folgender, vom Patienten längst vergessenen und für ihn höchst 
unangenehmen Erinnerungsbilder war: Die korpulente Schwester, 
die er „nicht ausstehen kann" und die um zehn Jahre älter 
als der Patient ist, pflegte ihre Schuhe von dem damals drei- 
bis vierjährigen Bruder auf- und zuknöpfen zu lassen; auch 
kam es nicht selten vor, daß ihn die Schwester auf ihrem 
nackten, nur mit kurzem Strumpf bekleideten Unterschenkel 
reiten ließ, wobei er einen wollüstigen Reiz am Gliede ver- 
spürte. (Da dies offenbar eine Deckerinnerung im Sinne 
Freuds ist, muß zwischen ihnen noch mehr vorgefallen «ein.) 
Als er dies später wiederholen wollte, wies ihn das nunmehr 
14 bis 15jährige Mädchen ab mit dem Vorwurfe, das sei un- 
sittlich, unanständig. 

Nun konnte ich dem Patienten meine nunmehr gesicherte 
Üb erz eu gun g mitteilen, daß d er p sy cholo gi s che G rund s einer 
Impotenz in dem mit der kulturellen Sexualmord (v. Ehren- 
fels, Freud) unvereinbaren, daher verdrängten, aber im Un- 
bewußten fortlebenden Wunsche nach Wiederholung jener 
sexuellen Handlungen zu suchen ist. Der Patient, von den 
Argumenten nur halb besiegt, behaute auf dem Standpunkte 
der Verneinung ; doch lange währte sein Widerstand nicht mehr. 
Schon tags darauf kam er mit der Mitteilung, er hatte viel 
über das, was ich ihm sagte, nachgedacht und erinnere sich, 
daß er in seiner Jugendzeit (seinem 15. bis 18. Jahr) manch- 
mal dieses infantile Erlebnis mit der Schwester zum Gegen- 
stande der Masturbationsphantasie gewählt habe, ja - — gerade 
die Gewissensangst nach einer solchen Selbstbefriedigung habe ihn 
bewogen, mit der Masturbation überhaupt zu brechen. Seitdem 
sei ihm — bis jetzt ,— .die Kindergeschichte nie eingefallen. 



Psydiosexuelle Impotenz beim Manne 213 

Ich veranlaßte den Patienten von Anfang an, die Kohabi- 
tations versuche während der Kur fortzusetzen. Nach der hier 
mitgeteilten Traumanalyse kommt er nun eines Tages mit der 
überraschenden Mitteilung, daß er tags vorher (zum erstenmal 
in seinem Leben) den Koitus auszuführen vermochte; die 
Erektion, die Dauer der Friktionen und der Orgasmus habe ihn 
dabei vollständig befriedigt; mit der für Neurotiker charak- 
teristischen Gier wiederholte er den Akt noch am selben Abend 
zweimal, immer mit einer anderen Frauensperson, 

Ich setzte die Kur fort und begann die übrigen Symptome 
seiner Neurose analytisch abzubauen; doch dem Patienten, nach- 
dem er seinen Hauptzweck erreicht ■ und sich von der Dauer- 
haftigkeit des Erfolges überzeugt hatte, mangelte es an dem 
notwendigen Interesse für die Analyse, und so entließ ich ihn 
nach zweimonatiger Behandlung, 

Dieser Heilerfolg bedarf der Erklärung, Aus Freuds weg- 
weisendem Werke über die Entwicklungsgeschichte der Serualitäl 
im Individuum 1 lernten wir, daß das Kind seine ersten sexuellen 
Eindrücke von der unmittelbaren Umgebung empfangt und daß 
diese Eindrücke bei jedem richtunggebend bleiben für die 
spatere Auswahl des Sexualobjektes, Es kommt aber vor, daß 
— infolge konstitutioneller Ursachen oder äußerer begünstigender 
Momente (z, B. Verzärtelung) < — f die inzestuöse Objektwahl 
fixiert wird. Die durch Beispiel urtd Erziehung allmählich er- 
starkende „kulturelle Moral** wehrt sich energisch gegen das 
Andrängen der unsittlichen Wünsche und es kommt zur Ver- 
drängung derselben. Diese Abwehr gelingt — wie auch in 
unserem Falle — anfangs vollständig (^Periode der gelungenen 
Abwehr", Freud), doch können die unterdruckten Wünsche 
unter dem Einflüsse des organisch-sexuellen Entwicklungsschubes 
in der Pubertät wieder rege werden; was einen neuerlichen 

1) Drei Abhandlungen zur Seiualtheorie, J905. (Ges, Sehr., Bd. V. ;■ 



214 S, Ferenczi 

Verdrängungsschub notwendig macht. Diese zweite Verdrängung 
bedeutet für unseren Patienten den Beginn der Psych oneurose, 
die sich unter anderem in der psychosexu eilen Hemmung bei 
der Kohabitation und in der Aversion gegen die Schwester 
äußerte. Der Kraute war unfähig, den Geschlechtsakt auszu- 
fuhren, da er bei "jeder Frau unbewußt an die Schwester 
erinnert wurde; und er konnte seine Schwester nicht ausstehen, 
weil er — * ohne es zu wissen — nicht nur den Blutsverwandten, 
sondern stets auch das Weib in ihr sah. Die Antipathie war 
ein gutes Schutzmittel gegen das Bewußtwerden der gegensätz- 
lichen Gefühlsströmung* 

Doch das Unbewußte (im Sinne Freuds) vermag nur so 
lange das geistige und körperliche Wesen des Menschen zu 
beherrschen, bis die Analyse den Inhalt der in ihm verborgenen 
Gedankengänge entlarvt* Hat einmal das Licht des Bewußtseins 
in diese Seelenvorgänge hineingeleuchtet, dann ist es zu Ende 
mit dem tyrannischen Zwange des unbewußten Komplexes» Die 
verdrängten Gedanken hören auf, Sammel- und Stapelstellen 
nicht abreagierbarer Affekte zu sein; sie werden in die Ge- 
dankenverkettung der normalen Assoziation eingeschaltet. Der 
Analyse» d. h, einer Art „Umgehung der Zensur" (Freud), 
war es also in unserem Falle zu verdanken, daß die affektive 
Energie des Komplexes nicht mehr in ein körperliches Zwangs- 
(Hemmungs-)Symptom konvertiert, sondern von der Denktätig- 
keit zersetzt und abgeführt wurde und die inadäquate Bedeutung 
für immer verlor. 

Daß die inzestuöse Fixierung der Libido nicht nur aus- 
nahmsweise, sondern verhältnismäßig häufig als Ursache der 
psychosexuellen Impotenz erkannt wird, beweisen die ganz 
analogen Psychoanalysen von Steiner und S t e k e 1. Auch ich 
bin in der Lage, noch einen zweiten ähnlichen Fall anzuführen. 
Ein von mir behandelter und derzeit schon der Heilung nahe- 






Psychosexuelle Impotenz beim Manne 215 

stellender s8jähriger Psychoneurotiker* der von ängstlichen 
Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen geplagt war, litt 
nebstbei an psychosexuelleT Hemmung, ganz wie der Patient, 
dessen Geschichte ich vorhin mitteilte. Doch hörte dieses Sym- 
ptom im sechsten Monate der Analyse von selbst auf, nachdem 
es gelang, die an die Person der Mutter fixierten infantilen 
Inzestgedanken bewußt zu machen. Wenn ich erwähne, daß 
dieser sonst eher „übermoralische* Kranke auch feindselige 
Phantasien gegen seinen Vater unter seinen unbewußten Ge- 
dankengängen hegte, so wird man in ihm eine typische Per- 
sonifizierung des ödipusmythus erkennen, deren allgemein- 
menschliche Bedeutung entdeckt zu haben gleichfalls ein Ver- 
dienst Freuds ist, 

Die die psychische Impotenz bedingenden, in der Kindheit 
verdrängten libidinosen Gedanken müssen sich nicht auf nächste 
Verwandte beziehen ; es genügt hierzu, daß das infantile Sexual- 
objekt eine in irgendwelcher Hinsicht achtunggebietende, so- 
genannte ^Respektsperson" gewesen sei* Als Beispiel hiefür kann 
ich einen 45jährigen Kranken auführen t bei dem sowohl die 
quälende „Herzangst** (Angina pectoris nervosa) wie auch die 
Sexual schwäche bedeutend nachließ, seitdem er sich von den 
verdrängten unehrerbietigen Phantasien» deren Gegenstand die 
verstorbene Pflegemutter ist, Rechenschaft geben kann. In 
diesem Falle hat der inzestuösen Fixierung (wenn diese Be- 
zeichnung unter Nichtblutsverwandten gestattet ist) der um- 
stand Vorschub geleistet, daß auch die Pflegemutter die not- 
wendigen Schranken in den Äußerungen der Kinderliebe nicht 
eingehalten hat; sie ließ den Knaben bis zum zehnten Jahre 
in ihrem Bette schlafen und duldete lange ohne Widerspruch 
seine bereits deutlich erotisch gefärbten Liebesbezeugungen. 
Solchen Gefahren und Versuchungen sind die Kinder oft seitens 
ihrer Lehrer und Erzieher ausgesetzt; nicht selten fallen sie 



21<5 S. Ferenczi 



den maskierten Sexualhandlungen erwachsener Verwandten zum 
Opfer, und zwar nicht — wie man voraussetzen könnte — nur 
in Massenquartieren, sondern auch in solchen Gesellschafts- 
schichten, wo man den Kindern die größtmögliche Sorgfalt 
zuteil werden laßt, 1 

Die tragische Rolle, die die Pflegemutter im Leben dieses 
Patienten gespielt hat, wird durch die Tatsache erwiesen, daß, 
als er vor einigen Jahren heiraten wollte, die mehr als siebzig- 
jährige Ziehmutter in ihrer Verzweiflung einen Selbstmord beging j 
sie stürzte sich aus dem Fenster des zweiten Stockes gerade im 
Augenblicke, als der Adoptivsohn beim Haustor heraustrat* Der 
Patient glaubte, das Motiv dieser Tat sei die Unzufriedenheit 
mit seiner Wahl gewesen. Doch sein Unbewußtes muß den 
Selbstmord richtiger gedeutet haben, denn in dieser Zeit traten 
die Herzschmerzen auf, die als konvertiertes (ins körperliche 
projiziertes) „Herzweh" aufzufassen sind. Die sexuelle Schwäche 
besteht bei diesem Patienten seit der Pubertät und er wird 
vielleicht nur auf der Neige des Mannesalters die volle sexuelle 
Leistungsfähigkeit erlangen. 

Steiner unterscheidet nebst den Fallen funktioneller Im- 
potenz, die von unbewußten Komplexen infantiler Herkunft 
determiniert sind» noch zwei Arten psychosexueller Hemmung: 
bei der einen sei die angeborene sexuelle Minderwertigkeit, bei 
der anderen seien gewisse nach der Pubertät einwirkende Schäd- 
lichkeiten als veranlassende Momente anzusprechen. 

Der Wert dieser Einteilung ist meines Erachtens mehr ein 
praktischer denn ein theoretischer, Von den „angeborenen" 
Fällen müssen wir vor allern die Fälle von Pseudoheredität 
ausschließen, wo neuropathische Eltern gerade infolge ihres 

1) Siebe Freud, „Weitere Bemerkungen über die Abwekr-Neuro- 
psychosen" (Ges, Sehr., Bd, I, S* 566), Siehe auch meinen Artikel „Sexual* 
Pädagogik", Budapest! Örvosi UjsÄg, 1908. 






Psythosexuelle Impotenz beim Manne 217 

Leidens die Kinder unrichtig behandeln, falsch erziehen und 
eventuell solchen Einwirkungen aussetzen , die eine spätere 
Sexual hemmung zur Folge haben, ohne welche Einflüsse viel- 
leicht auch aus dem „Hereditarier" kein Sexualimpotenter ge- 
worden wäre. 

Freud vergleicht die Pathogenese der Neurosen mit der 
der Tuberkulose. Auch bei dieser spielt die Disposition eine 
bedeutende Rolle, aber das eigentlich Pathogen© ist doch nur 
der Bacillus Kochii, und wenn es gelänge, diesen fernzuhalten : 
an der „ Disposition * allein stürbe kein einziger Mensch, Sexuelle 
Einwirkungen der Kindheit spielen bei den Neurosen dieselbe 
Rolle, die bei Infektionskrankheiten den Bakterien zukommt. 
Und ivemi man auch zugeben muß, daß dort, wo die Dis- 
position sehr groß ist, schon die ubiquitären, unvermeidlichen 
Eindrücke zur De t er minier ung einer zukünftigen funktionellen 
Impotenz hinreichen können, so muß man doch prinzipiell 
daran festhalten, daß diese Eindrücke und nicht die 
wesenlose „Disposition" die spezifische Ursache (Freud) des 
Leidens sind. Daraus folgt aber auch, daß die Psychoanalyse auch 
bei „angeborener sexueller Minderwertigkeit" nicht ganz aus- 
sichtslos ist. 

Auch die nach der Pubertät erworbene psychosexuelle Im- 
potenz ist meiner Ansicht nach von der durch unbewußte 
Komplexe konstell ierten nur scheinbar verschieden. Wenn jemand, 
nachdem er eine Zeitlang den Kopulierungsakt regelrecht voll- 
enden konnte, seine Leistungsfähigkeit unter dem Eindrucke 
besonderer Umstände (z* B* Furcht vor Infektion, Schwängerung 
oder Überraschung, zu starke sexuelle Erregung usw.) für 
längere Zeit verliert, so kann man getrost annehmen» daß auch 
in ihm verdrängte infantile Komplexe vorhanden sind und daß 
gerade dem von solchen Komplexen auf die aktuelle Reaktion 
übertragenen Affekt (Freud) die übertrieben lange 



218 S, Ferenczi 

oder intensive» das heißt pathologische Wirkung der gegen- 
wärtigen Schädlichkeit zuzuschreiben ist. Vom praktischen 
Standpunkte hat Steiner recht, wenn er diese Gruppe besonders 
hervorhebt; sind doch die hieher zu rechnenden Fälle oft durch 
einfache Beruhigung, durch suggestive Maßnahmen oder durch 
eine ganz oberflächliche Analyse (die der alten Breuer- 
Freudschen „Katharsis* oder „ Abreagierung ** gleichzustellen 
ist) heilbar. Doch hat diese Art Heilung nicht den prophy- 
laktischen Wert der tiefgehenden Psychoanalyse, wenn ihr auch 
der Vorteil nicht abzusprechen ist, daß sie dem Arzte und dem 
Patienten viel geringere Bürden auferlegt* 

Eine solche oberflächliche Analyse gab einem meiner 
Patienten, einem jungen Manne, der nach Akquirierung der 
ersten Gonorrhoe vor Hypochondrie impotent wurde, sowie 
einem zweiten, den der Anblick des Menstrualblutes bei seiner 
Frau dieser gegenüber unfähig machte, ihre potestas coeundi 
wieder. Einfache Aufmunterung und suggestive Beruhigung 
hatte den gleichen Effekt bei einem 56jährigen Manne, der, 
obzwar er vordem in sexueller Hinsicht ziemlich aktiv gewesen 
ist, unfähig wurde, als er sich verheiratete und es sich um 
eine eheliche „Pflicht" handelte. In diesem Falle setzte 
ich aber die Analyse auch nach Wiederherstellung der Sexual- 
funktion fort und das Resultat derselben war das Aufdecken 
folgender Tatsachen: Der Patient, Sohn eines Binders, hat im 
Alter von drei oder vier Jahren, von einem sicherlich perversen 
Gehilfen seines Vaters ermutigt, die Geschlechtsteile eines 
Mädchens im gleichen Alter manustupriert ; nachher ließ der 
Gehilfe das Mädchen das Präputium des Knaben mit einem 
kleinen Holznagel, wie solche zum Verstopfen wurmstichiger 
Fässer benutzt werden, bearbeiten. Dabei passierte es, daß das 
Nägelchen sich in die Vorhaut hineinbohrte und vom Arzt 
operativ entfernt werden mußte. All dies ging nicht ohne 






Psydiosexuelle Impotenz beim Manne 210 

starken Schreck, Angst und Beschämung vor sich. Noch mehr 
deprimierte ihn aber, daß seine Kameraden von diesem Vorfall 
irgendwie Kenntnis erhielten und ihn jahrelang mit dem Spott- 
namen „Nagelstich" sekkierten. Er wurde verschlossen und 
mürrisch. Zur Zeit der Pubertät befiel ihn oft die Angst, daß 
die (an sich geringfügige) Narbe am Präputium seine Fähigkeit 
zum Akte verringern werde* aber die ersten Versuche gelangen 
nach einigem Schwanken ziemlich gut. Doch die Furcht, den 
gesteigerten sexuellen Ansprüchen des Ehelebens nicht ent- 
sprechen zu können, bedeutete eine übermäßige Belastung seiner 
durch einen infantilen Komplex bereits geschwächten Sexualität, 
und es kam nach der Verheiratung zur Impotenz* 

Der Fall ist in mancher Hinsicht lehrreich» Er beweist, daß» 
wenn nach Zerstreuung der aktuellen ängstlichen Vorstellungen 
die Potenz zurückkehrt, dies noch nicht beweist, daß diese 
Angst die ausschließliche Ursache der Hemmung gewesen ist ; viel 
wahrscheinlicher ist, daß, wie in diesem, auch in allen ähnlichen 
Fällen die vorbewußte Angst nur einen tt üb ertragenen Wirkungs- 
kreis" hat, während die ursprüngliche Krankheitsquelle im Unbe- 
wußten versteckt ist, Die erfolgreiche Suggestionskur hätte dann dem 
Symptom — wie Freud sagt — nur „die Spitze abgebrochen", 
das heißt, die Gesamtbelastung des neuropsychischen Apparates 
soweit vermindert, daß der Patient allein damit fertig wird. 

Der Fall ist zugleich ein Beispiel dafür, daß außer der 
infantilen inzestuösen Fixierung auch andere Erlebnisse der ersten 
Kindheit, die mit dem Affekt starker Beschämung einhergingen, 
später eine psychosexuelle Hemmung determinieren können. 

Eine Art der Beschämung verdient ihrer praktischen Be- 
deutung halber besonders erwähnt zu werden, die nämlich, die 
dem Kinde nach Ertapptwerden beim Masturbieren zuteil wird. 
Die Fixierung der Beschämung wird dabei oft auch noch durch 
körperliche Züchtigung und Ängstigung mit schweren Krank- 



220 S. Ferenczi 

heften gesteigert* Freud machte uns aufmerksam, wie typisch 
die Art der Abgewöhimng von der Onanie die spätere Charakter- 
und Neurosenbildung beeinflußt Man kann dreist behaupten, 
daß das taktlose Vorgehen der Eltern, Lehrer und Ärzte in 
dieser für das Kind so wichtigen Angelegenheit mehr Unheil 
stiftet als alle anderen so oft beschuldigten kulturellen Schäd- 
lichkeiten* Das Isoliertsein der Kinder in ihren sexuellen Nöten, 
die hierdurch zu erklärenden übertriebenen und falschen Vor- 
stellungen über alles, was physiologisch oder gedanklich mit 
deT Sexualität zusammenhängt, die übermäßige Strenge bei der 
Ahndung kindischer Sexualgewohnheiten, das systematische Er- 
ziehen des Kindes zu blindem Gehorsam und unmotiviertem 
Respekt vor den Eltern : all das sind Ingredienzien einer heute leider 
vorherrschenden Erziehungsmethode, die man auch künstliche 
Züchtung von Neuropathen und Sexualimpotenten nennen könnte. 

Zusammenfassend erlaube ich mir meine Ansicht über die 
psychosexuelle Impotenz des Mannes im folgenden mitzuteilen : 

i) Die psychosexuelle Impotenz des Mannes ist immer Teil- 
erscheinung einer Psychoneurose und entspricht der Freu d sehen 
Auffassung von der Genese psychoneurotischer Symptome* Sie 
ist also immer die symbolische Manifestation von verdrängten 
Erinnerungsspuren infantiler sexueller Erlebnisse, von unbe- 
wußten, nach deren Wiederholung strebenden Wünschen und 
dem hierdurch provozierten seelischen Konflikte. Diese Er- 
innerungsspuren und Wunschregungen sind bei sexueller Im- 
potenz stets solcher Art oder beziehen sich auf solche Persön- 
lichkeiten, daß sie mit dem bewußten Denken des erwachseneil 
Kulturmenschen unverträglich sind* Die sexuelle Hemmung ist 
also ein Verbot des Unbewußten, das sich eigentlich gegen eine 
bestimmte Art der sexuellen Betätigung richtet, zur besseren 
Sicherung der Verdrängung aber auf die sexuelle Befriedigung 
überhaupt ausgedehnt wird. 






PsychosexueJle Impotenz beim Manne 221 

2) Die sexuellen Erlebnisse der ersten Kindheit, die die 
spätere Hemmung determinieren, können ernsthafte Psycho- 
t räumen sein. Ist aber die Disposition zw Neurosen groß, so 
können unvermeidliche und scheinbar harmlose Kindheits- 
eindrucke zur selben Folgeerscheinung führen. 

f) Unter den Krankheit s Ursachen der spateren psychosexuellen 
Impotenz kommt der inzestuösen Fixierung (Freud) und der 
sexuellen Beschämung im Kindesalter eine besonders große Be- 
deutung zu. 

4) Die Hemmungswirkung des verdrängten Komplexes kann 
sich gleich bei den ersten Kohabitationsv ersuchen äußern und 
sich fixieren. In leichteren Fällen verschafft sich die Hemmung 
nur später, bei einer mit besonders starker sexueller Erregung 
oder einer mit Besorgnis verknüpften Kohabitation Geltung. 
Die zu genügender Tiefe fortgeführte Analyse durfte aber in 
allen ähnlichen Fällen neben, richtiger hinter der aktuellen 
depressiv wirkenden Schädlichkeit auch verdrängte infantile 
Sexualerinnerungen und mit diesen verknüpfte unbewußte 
Phantasien nachweisen können. 

Das volle Verständnis eines Falles von psycho sexuell er 
Impotenz ist nur mit Hilfe der Freud sehen Psychoanalyse 
denkbar* Mittels dieser Methode ist manchmal auch in schweren, 
scheinbar inveterierten Fällen die Heilung des Symptoms und 
die Prophylaxe seiner Wiederkehr erreichbar. In leichten Fällen 
kann auch die Suggestion oder eine oberflächliche Analyse zum 
Ziele führen. 

6) Die Psychoneurose, deren Teilerscheinung die sexuelle 
Hemmung ist, ist meistens auch durch Symptome > einer 
Aktualneurose im Sinne Freuds (Neurasthenie, Angstneurose) 
kompliziert. 



Die Nacktheit als Sdiredunittel 

Das zufällige Zusammentreffen zweier Beobachtungen, eines 
Traumes und einer Kindheitserinnerung (jede bei einem anderen 
Patienten), bringt mich zur Annahme, daß die Nacktheit 
in der Kinderstube und im Unbewußten als Abschreckungs- 
mittel Verwendung finden kann. 

I 

Einer Patientin, deren gründe Hysterie nach dem uner- 
warteten Verluste ihres abgottisch geliebten älteren Knaben 
wieder auflebte und die sich in ihrem Lebensüberdruß unaus- 
gesetzt mit Selbstmordplänen beschäftigte, träumte eines 
Tages u. a., daß sie vor iJtrent jüngeren Knaben steht und 
zaudert, ob sie sich vor dem kleinen Jungen nackt ausziehen und 
sich waschen soll, „Tue ich das" — dachte sie sich) — #so 
bleibt im Kinde unauslöschlich eine Erinnerung haften, die ihm 
schaden, ja, ihn zugrunde richten kann." Nach einigem Zögern 
tut sie es aber doch; sie zieht sich vor dem Kinde aus und 
wäscht ihren nachten Körper mit einem Schwamm« 

Der mit Anführungszeichen hervorgehobene Gedanke stammt 
aus dem Wachleben und bezieht sich auf die Selbstmordabsicht; 



Die Nacktheit als Schreckmittel 223 

sie weiß, zum Teil auf Grund psychologischer Lektüre, daß 
ihr Selbstmord auf das Seelenleben des als mutterlose Waise 
zurückbleibenden Kindes eine verheerende Wirkung ausüben 
könnte. Andererseits bat sie — besonders seit dem Tode des 
Altesten — oft ganz bewußt feindselige Anwandlungen gegen 
das am Leben befindliche Kind; sie hatte sogar eine Phantasie, 
in der das traurige Los des Älteren auf den Jüngeren über- 
tragen wurde. 

Dieses aktuell bestehende Schwanken zwischen Selbstmord- 
absicht und Pflichtgefühl, zwischen Liebe und Haß gegen das 
vom Schicksal begünstigte Kind wird aber im Traume merk- 
würdigerweise zum Schwanken zwischen der Exhibition und 
ihrem Gegensatze. Das dazugehörige Material holte die Patientin 
aus dem eigenen Erleben. Ihren älteren Knaben liebte sie so 
sehr, daß sie es niemals gestattete, daß er von jemand anderem 
als von ihr gebadet und gewaschen werde* Natürlich wurde 
diese Liebe vom Knaben auch erwidert* ja, seine Anhänglich- 
keit nahm zeitweise ausgesprochen erotische Formen an, so daß 
die Mutter einmal hierüber einen Arzt zu Rate zu ziehen sich 
bemüßigt sah, Sie wußte auch damals schon manches von der 
Psychoanalyse, getraute sich aber nicht, den Fall vor einen 
Psychoanalytiker zu bringen* Sie hatte Angst vor den Frage- 
stellungen, die sich so hätten ergeben können. (Wir können 
hinzufügen, daß sie sich unbewußt vielleicht eher vor dem 
Verzicht fürchtete, den der Analytiker ihrer Zärtlichkeit gegen 
den Sohn auferlegt hatte*) 

Wie kommt aber die Patientin dazu, die Situation derart 
umzukehren : sich vor dem zweiten Kinde mit dem Schwämme 
zu waschen, anstatt daß sie den Erstgeborenen wäscht, wie es 
in Wirklichkeit geschah? Wir können uns den Vorgang dieser 
Umkehrung folgendermaßen vorstellen: Sie war im Begriffe, 
ihre Liebe auf das lebende Kind zu übertragen, und wollte 



224 S. Fereuczi 

nun dieses, wie bisher den alteren, waschen. (Das Waschen des 
Jüngeren war nicht so ausschließlich das Vorrecht der Mutter.) 
Das hängt mit der Idee zusammen: Weiterleben! Doch sie 
bringt es noch nicht zustande. Den Jüngeren so zärtlich zu 
behandeln wie früher den geliebten Totere kommt ihr wie 
eine Entweihung vor. Die einmal gefaßte Absicht wird aber 
im Traume doch durchgeführt, nur nimmt sie an Stelle des 
Jüngeren — sich selber zum Objekte der Bewunderung 
und Zärtlichkeit und gönnt dem Kleineren nur die Rolle des 
Zuschauers — noch dazu in ausgesprochen böswilliger Absicht* 
Es unterliegt keinem Zweifel, daß hier die Mutter ihre eigene 
Person mit der des geliebten Verstorbenen identifiziert Sagte 
sie doch unzählige Male zu Lebzeiten des Kleinen: „Der ist 
ganz wie ich", oder: „Ich und er sind eins.* 

Diese überstarke Mutterliebe gab ihr aber Gelegenheit, ihren 
recht ausgesprochen infantilen Narzißmus — auf das Kind 
übertragen - — wieder zu besetzen. Zu diesem übertragenen 
Narzißmus rettete sie sich, weil ihr bei der sexuellen Objekt- 
wahl die erwartete Befriedigung versagt blieb. Nun wurde ihm 
auch das Kind geraubt und der Narzißmus mußte sich in der 
ursprünglicheren Art manifestieren. Daß er sich gerade in Form 
der Exhibition äußerte, findet — wie ich vermute — in ana- 
logen infantilen Erlebnissen Erklärung. 

Unaufgeklärt blieb hier die Rolle der Exhibition als 
Straf- und Schreckmittel- 

n 

Ein anderer Patient brachte mir noch am selben Tage etwas 
sehr Ähnliches. Er erzählte folgende K in dh ei tserinnerimg, 

die auf ihn sehr starken Eindruck gemacht hatte; Die Mutter 
erzählte ihm als kleinem Kinde, ihr Bruder sei ein „Mutter- 
söhnchen" gewesen; fortwährend sei er seiner Mutter nach- 



Die Nacktheit als Sdiredtmittd 225 

gelaufen, wollte ohne sie nicht schlafen gehen usw. Das habe 
sie ihm nur dadurch abgewöhnt, daß sie sich einmal vor dem 
Kinde nackt ausgezogen habe, um es von ihrer Person 
abzuschrecken* Die Maßnahme — so lautete die Moral 
der Erzählung — hatte den gewünschten Erfolg, Das Schreck- 
mittel scheint sogar in der zweiten Generation, nämlich auf 
meinen Patienten, gewirkt zu haben* Noch heute kann er nur 
in Ausdrücken tiefster Entrüstung über die Behandlung sprechen, 
die seinem Onkel zuteil geworden, und ich vermute, daß seine 
Mutter ihm diese Geschichte gleichfalls in erzieherischer Absicht 
erzählt hatte. 

Nach diesen beiden Beobachtungen muß man sich denn 
doch die Frage stellen, ob die Nacktheit wirklich ein geeignetes 
Mittel zum Abschrecken überhaupt oder zum Erschrecken 
eines Kindes sein kann. Und diese Frage kann bejahend beant- 
wortet werden. 

Wir wissen von Freud, daß verdrängte Libido sich in 
Angst innwandelt. Was wir von Angstzuständen der Kinder 
bisher erfahren haben, ist in dieser Hinsicht sehr eindeutig: 
immer handelt es sich um übergroße Libidosteigerungen, gegen 
die sich das Ich zur Wehr setzt; die vom Ich verdrängte 
Libido verwandelt sich in Angst und die Angst sucht sich dann 
sekundär geeignete Objekte (meist Tiere), an die sie sich heften 
kann. Die Empfindlichkeit des Ich gegen Libidosteigerungen 
erklärt sich aus den von Freud festgestellten zeitlichen Ver- 
hältnissen zwischen der Ichentwicklung und der Entwicklung 
der Libido. Das noch ungeschickte Ich dßs Kindes erschrickt 
vor unerwarteten Libidoquantitäten und vor libidinösen Mög- 
lichkeiten» mit denen es noch nichts oder nichts mehr anzu- 
fangen weiß. 

Es ist möglich, daß das Volksbewußtsein eine Aimung von 
diesen Verhältnissen hat, so daß es sich hier nicht um den 

F*i-e*iczi, Bausteine iiit Psychoanalyse II 15 



226 S. Ferenczi 



absonderlichen Einfall einzelner handelt. 1 Kachforschungen 
dürften ein häufigeres Vorkommen von Erziehungs- und Ab- 
schreckungsmaßnahmen feststellen, bei denen es sich darum 
handelt, das Ich durch inadäquate Libidoarten T 
bzw. Libidoquantitaten einzuschüchtern. 



1) Auch im Volksglauben spielt die Nacktheit (respektive Entblößung, 
besonders eintelner Körperteile: der Genitalien und des Hinteren) als 

Abschreckung-s- und Zaubermittel eine große Rolle. 






Psychogene Anomalien der Stimmlage 

i'9'f) 

I 

1910 suchte mich ein 24 jähriger junger Mann in Begleitung 
seiner Mutter auf; er wollte von seiner Impotenz geheilt werden. 
Schon bei der ersten Untersuchung erkannte ich seinen Zustand 
als eine Kombination von Neurose und Paranoia. Im Laufe der 
eine Zeitlang versuchsweise fortgesetzten Analyse kamen dann 
seine eigentümlichen Größenideen immer mehr zum Vorschein, 
Er hatte das Gefühl und die sichere Überzeugung, daß er mit 
übemalüriichext (magischen) Kräften behaftet sei, die andere 
Leute (besonders Männer) zwingen, sich nach ihm umzuschauen, 
sobald er sie anblicke. Das erstemal erkannte er dies, als er 
im Theater durch das Opernglas den auf der Bühne agierenden 
Schauspieler fest anschaute, worauf dieser sofort in die Richtung 
blicken mußte, in der Patient im Zuschauerräume saß. Später 
mußte er die Wirkung dieser seiner Wunderkraft an mehreren 
anderen Männer erfahren, was ihn außerordentlich ängstigte 
und ihn schließlich zwang, jeden sozialen Verkehr aufzugeben 
und sich mit seiner seit langem verwitweten Mutter in einer 
abseits liegenden Wohnung niederzulassen; er gab seinen Beruf 

1** 



228 £ Ferenczi 

(obzwar er darin schon weit vorgeschritten gewesen) vollständig 
auf* Bas Neurotische an seinem Zustand waren die Angst - 
anfalle, die ihn hei der Beobachtung seiner eigenen magischen 
Kräfte befielen, besonders wenn die Zauberkraft sich auch auf 
leblose Dinge erstreckte; „denn" — so sagte er — „wenn auch 
die unorganische Welt meinem Willen gehorcht, kann die 
Welt durch mich zugrunde gehen'*. 1 Um das zu verhüten, 
mußte er — wenn er Leuten gegenüberstand t die er schonen 
wollte — die Augen schließen. — Schon nach wenigen 
Analysenstunden konnte ich als den wahren Kern seines 
Größenwahnes die ungeheuere Selbstgefälligkeit (heute würden 
wir sie Narzißmus heißen) und die damit zusammen- 
hängende Homosexualität erkennen. Der unbewußte Wunsch, 
der ganzen Welt zu gefallen, besonders den Männern, kehrte 
aus der Verdrängung einerseits als hysterische Phobie* anderer- 
seits als Allmachtswahn wieder* Als die Sprache aufs gleich- 
geschlechtliche lieben kam, erzählte er mir unaufgefordert 
seine homosexuellen Verliebtheiten im Gymnasium, wo er sich 
in der Mädchenrolle» die ihm von den Professoren und Schul- 
kollegen zugeteilt wurde, äußerst wohl gefiel. Man gab ihm 
einen Mädchennamen* belustigte sich über sein Erröten bei 
untüchtigen Reden und über seine mädchenhaft dünne Sopran- 
stimme* „Diese Dinge sind alle längst vorbei! Ich kümmere 
mich um die Männer gar nicht mehr, möchte nur mit Frauen 
geschlechtlich verkehren, kann es aber nicht zustande bringen." 
Bei chronologischer Ordnung des Tatbestandes stellten wir dann 
fest, daß das Auftreten der Wahnidee mit dem Aufhören der 
Verliebtheit in Männer zeitlich zusammenfiel. Der Anlaß zu 
dieser Veränderung aber war der Wechsel des Wohnortes und 
damit auch der Schulkameraden, Aus der Geburt s Stadt, in der 

i> Vgl. dam daa „Weltuntergangsmotiv** in der Selbstbiographie des 
Senatspräsidenten Schreber, 



Psychogene Anomalien der Stimmlage 229 

ihn jedermann kannte und wo er sich in dem neckischen 
Kreise seiner Kameraden trotz des scheinbaren Ärgers so wohl 
fühlte, kam er in eine größere, ihm ganz fremde Stadt, wo 
er sich vergebens nach Ersatz für die verlorene „Beachtung** 
umschaute. Er gab sich aber über den Inhalt seiner Wunsche keine 
Rechenschaft, glaubte sich vielmehr von der (früher ganz offen- 
baren) Homosexualität vollkommen frei, — dafÜT traten als- 
bald die eingangs beschriebenen Symptome der Angst vor dem 
Betrachtetwerden und die Idee der magischen Allmachtigkeit 
auf, — Wir sehen, der FaU bietet vom Standpunkte der psycho- 
analytischen Paranoialehre nichts Bemerkenswertes, da er nur 
unsere bisherige Ansicht von der Pathogenese der Paranoia, ins- 
besondere über deren genetischen Zusammenhang mit Narzißmus 
und Homosexualität bestätigt. Der Grund dessen, daß ich ihn 
dennoch mitteile, ist ein eigentümliches Sjuiiptom, das der 
Patient produziert. Er hat zwei Stimmen: eine hohe 
Sopranstimme und eine ziemlich normale Bariton stimme. Der 
Kehlkopf zeigt weder äußerlich noch innerlich etwas Abnormes, 
es handelt sich nur um eine „Inner vationsstörung**, wie man 
in Kreisen, in denen man solche schönklingende Namen für 
Erklärungen nimmt, sagen würde. Erst die psychologische Ana- 
lyse des Falles zeigte, daß es sich hier weder um ^ subkortikale" 
noch „kortikale* Störung der Innervation noch auch um eine 
Entwicklungsanomalie des Kehlkopfes, sondern um eine psycho- 
gene Stimmstörung handelte. Es fiel mir bald auf, daß sich 
der Patient seiner Baritonstimme nur dann bediente, wenn er 
sich ernsthaft und objektiv in einen Gegenstand vertiefte; 
sobald er aber — in der Übertragung — mit mir unbewußt 
kokettieren oder mir gefallen wollte, so daß es ihm mehr um 
die Wirkung als um den Inhalt seiner Rede zu tun war, 
sprach er mit der weiblichen Stimme, Da es ihm nur selten 
gelang, sich von der Gefallsucht zu emanzipieren, war seine 



230 & Ferenc/i 

„gewöhnliche" Stimme die weibliche, Biese Stimme war aber 
keine normale Sopran-, sondern eine Fistelstimme, auf die er 
trotzdem nicht wenig eingebildet war. Er trug einmal ein 
kleines IAedchen in der Fistellage vor und ließ auch beim 
Lachen gerne diese Stimmlage ertönen. Willkürlich konnte er 
wann immer die Stimmlage wechseln, fühlte sich in der Fistel- 
lage offenbar besser. — Zum Unterschiede vom plötzlichen 
„Umschlagen" der Stimme, die in der männlichen Pubertät so 
häufig vorkommt und die tatsächlich eine Innervationsstörung, 
eine Ungeschicklichkeit in der Beherrschung des rasch wachsen- 
den Kehlkopfes ist, konnte unser Patient stundenlang in einer 
der beiden Stimmlagen sprechen, ohne jemals mitten in einem 
Satze oder Worte umzukippen. 

ii 

Den anderen Patienten, einen 17jährigen Jüngling, brachte 
gleichfalls die Mutter zu mir (1914), und zwar gerade mit 
der Klage, daß er eine unerträgliche Stimme habe, die die 
Kehlkopf Spezialisten für Nervosität erklärt hätten. Als weitere 
Störung wurde die übertriebene Furcht vor Mäusen berichtet* 
Unter vier Augen gestand er mir auch die Unsicherheit seiner 
Potenz ^ er könne nur nach vorausgegangener Fellatio den 
Koitus ausüben. Auch dieser Patient hatte die zwei 
Stimmen, d. h- er sprach fortwährend in der etwas 
heiseren Fistelstimme und erst auf meine Frage* ob er denn 
nicht auch anders sprechen könne» legte er mit einem so 
tiefen Baß los, daß er mich damit formlich erschreckte. 
Diese seine Stimme klang voll und sonor und war auch mit 
dem ziemlich stark entwickelten Schildknorpel und dem vor- 
springenden Pomum Adami im Einklang. Offenbar war das 
seine natürliche Stimme* Die psychologische Erforschung des 
Fall es » zu der ich nur zwei Stunden zur Verfügung hatte, ergab 



Psychogene Anomalien der Stimmlage 231 

dann folgendes: Der Vater spielt (wie beim ersten Patienten) 
keine Rolle; er lebt zwar, ist aber intellektuell ganz inferior, 
während die Mutter da* eigentliche Haupt der Familie ist, Iu 
einer Studie über die Homoerotik machte ich darauf aufmerk- 
sam, wie sehr diese Familienkonstellation homoerotische Fixie- 
rungen begünstigt. So war es auch in diesem Fall. Öbzwar 
schon 17 Jahre alt, konnte sich der Patient, der übrigens auch 
ganz normalen Sexualregungen zugänglich war, von dem 
erotischen Reiz des eigenen Geschlechtes immer noch nicht 
loslösen. (Als Knabe onanierte er längere Zeit mutuell mit 
einem gleichaltrigen Verwandten, doch auch jetzt phantasiert 
er sich manchmal in die passive Sexualrolle mit einem „feschen 
Husaren! eutnant 4 *,) — Dabei ist er aber dem weiblichen 
Geschlecht gegenüber durchaus nicht unempfindlich, nur sind 
seine diesbezüglichen Wunschvorstellungen von hypochondrischen 
Vorstellungen begleitet, von denen — auffallendere eise — seine 
homoerotischen Gelüste freier sind- Vermutungsweise konnte 
ich diesen Widerspruch durch die Annahme unbewußt-inze- 
stuöser Fixierung zur Mutter lösen. Ein Gespräch mit letzterer 
bewies mir, daß sie die eigentliche Urheberin der Sexual- 
hypochondrie des Knaben gewesen sein muß. Sie war es, die 
den Knaben häufig zurechtwies, als er anfing, seine Baß- 
stimme zu gebrauchen. „Diese Stimme kann ich 
nicht ausstehen; das mußt du dir abgewöhnen", 
sagte sie ihm oft. 

Es handelt sich hier meiner Ansicht nach um einen der so 
häufigen Fälle, die ich als „Dialoge der Unbewußten" 
zu bezeichnen pflege, wo nämlich die Unbewußten zweier Per- 
sonen einander vollkommen verstehen und sich gegenseitig zu 
verstehen geben, ohne daß das Bewußtsein beider auch nur 
eine Ahnung davon hätte. Die Mutter muß die Baßstimme 
unbewußt ganz richtig als Zeichen der erwachenden Mann- 



232 & Ferenczi 

lichkeit erfaßt und auch die gegen sie gerichtete inzestuöse 
Tendenz gedeutet haben* Ihre „Antipathie** gegen diese Stimme 
hat wiederum der Knabe unbewußt als Verbot der Inzest- 
gelüste aufgefaßt, zu deren besserer Abwehr er hypochondrisch 
rationalisierte Vorstellungen gegen die Heterosexualität über- 
haupt mobilisierte, die dann die Potenzstörungen zur Folge 
hatten. Der Patient ist also eigentlich schon ein voller Mann, 
nur der Mutter zuliebe tonserviert er noch seine 
Mädchenhaftigkeit und die dieser entsprechende Stimmlage* — 
In die Urgeschichte des Falles bringt nur die Feststellung lange 
andauernden nächtlichen Bettnässens (das direkt von den nächt- 
lichen Pollutionen abgelöst wurde) einiges Licht j man kann 
diese Vorkommnisse als Reste der vergessenen Infantilonanie 
auffassen, — Die Mäusephobie ist wohl das hysterische Zeichen 
abgewehrter phallischer Phantasien. 

Die große Ähnlichkeit der Einzelheiten beider Falle scheint 
dafür zu sprechen, daß es sich da um etwas Typisches handelt* 
was gewiß bei zahlreichen Knaben zu beobachten sein wird* 
wenn man den Anomalien der Stimmlage und der Verzögerung 
des Stimmwechsels gehörige Aufmerksamkeit schenkt, Es 
scheinen dies Fälle jener homoerotischen Neurose zu sein, die 
ich als „Zwangshomoerotik'' der eigentlichen „I n v e r- 
s i o n tf gegenübergestellt habe* 1 Dieser Knabentypus scheint 
auch das größte Kontingent der „Damenimitatoren" abzu- 
geben, die das Publikum unserer Varietetheater mit dem jähen 
Wechsel ihrer Sopran* und Baßstimme belustigen. 



1) Zur Nosologie der männlichen Homoerotik, (Bd. I dieser 
Sammlung.) 



Mischgebilde von erütisdien und 
Charakterzügen 

[i 9 i6) 

In einer ganzen Reihe von Fällen kann man die Wahr* 
nehmung machen, daß gewisse Charakterzuge gerne auf die 
erotische Vorstufe — deren Subliniierungsprodukte sie eigentlich 
sind — regredieren, wobei Mischgebilde von erotischen und 
Charakterzügen zustande kommen* 

1) Ein Knabe gestand vor dem Jugendgericht in Pozsony, 
aus einer Sammelbüchse Papiergeld auf die Art entwendet zu 
haben, daß er lange Stabe mit den eigenen Exkrementen, 
beschmierte und mit ihrer Hilfe die daran anklebenden Bank- 
noten aus der Büchse herauszog. 1 — Es ist sicherlich kein 
Zufall, daß der Knabe, als er über Mittel nachsann, seine auf 
Geld gerichtete Habsucht zu befriedigen, auf diese Idee verfiel. 
Der Analcharakterzug des Geldsammeins brauchte dazu nur die 
ihm selbst zugrunde Hegende Analerotik (Koprophilie) wieder- 
zubeleben. Es ist dies eine Art Wiederkehr des Verdrängten im 
Verdrängenden. 

2) An „Hausfrauenpsychose" Leidende betätigen ihre uirzähm- 
1) Mitgeteilt von Herrn Dr. jur, Nikolaus Sisa. 



234 S. Ferenczi 



bare Reinigungswut mit besonderer Vorliebe an Aborten. 
(Kombination von Reinlichkeit [Analcharakter] und Koprophilie 
! Analerotik]), 

ß) In mehreren Fällen konnte ich einen ausgesprochenen 
Geiz konstatieren, der sich aber gegen ganz spezielle Ausgaben 
richtete: gegen Geldausgabe für Waschereimgung oder für 
Klosettpapier. Sehr viele sonst wohllebige Menschen sparen 
auffällig mit dem Wechsel der Wäsche und können sich zum 
Kaufe reinen Klosettpapiers für ihren Haushalt nur schwer 
entschließen. (Geiz — Analcharakter -}- Schmutz — Analerotik.) 

4) In einer früheren Arbeit teilte ich schon den Fall mit^ 
in dem ein Kind, das schön glänzende „goldene 4 * Kreuzer haben 
wollte, die Kupfermünzen verschluckte und sie aus dem Kot 
wirklich glänzend geputzt her versuchte. Die chemischen Säfte 
des Darmkanals lösten den Rost von den Münzen* (Kombination 
zweier Charakterzüge : Geldliebe und Reinlichkeit, mit der 
ursprünglichen Analerotik.) 

j) Die Pedanterie vieler Analcharaktere ist in nichts so streng* 
als in bezug auf die Pünktlichkeit der Stuhlentleerungen, 

6) Trotz ist bekanntlich ein typischer Analcharakterzug» Ein 
sehr populäres Ausdrucksmittel des Trotzes ist aber das Ent- 
blößen des Hintern und die Aufforderung zu koprophiler 
Betätigung. In diesem Ausdrucksmittel lebt die ursprüngliche 
Analerotik auf. 

j) Die Analyse vieler Neurotiker und die Beobachtung des 
Treibens der Kinder zeigt uns, daß das „Zündeln 4 * , die Freude 
an Bränden, ja auch die Neigung zur Brandstiftung, ein 
urelhralerotischer Charakterzug ist* Viele Brandstifter waren eben 
über die Norm hinaus Bettnässer, und die Ambition, die sich, 
aus dieser Minderwertigkeit entwickelte, wählt (aus noch 
unbekannten Gründen) gerne die herostrat is che Art des Ruhmes. 
In einer kriminalistischen Sammlung von Brandstiftungsfallen 



Mismgebilde von erotischen und Charakterzögen 235 

fanden sich nun eine ganze Anzahl, in denen Brandstifter gerade 
ihre Betten anzündeten und damit gleichsam auf die immer 
noch ergiebige enuretische Urquelle ihres pyromanischen 
Charakterzuges hinwiesen, 

S) Ein Herr, der sich der infantilen Insuffizienz seiner Blase 
noch wohl erinnert, wurde später leidenschaftlicher freiwilliger 
Feuerwehrmann, was uns nach dem oben Gesagten nicht 
wundernimmt, Ist aber auch schon das Feuerlöschen ein Misch- 
gebilde von herostrastischem Charakter und Urethralerotik, so 
zeigte sich das Fortleben der Urethralneigungen noch deutlicher 
in der Berufswahl dieser Person. Er wurde Arzt und wählte die 
Urologie zum Spezialfach, in dem er sich fortwährend mit der 
Blasenausscheidung — anderer beschäftigen kann» 

Bedürfte es überhaupt noch eines Beweises, so könnte diese 
Beobachtungsreihe als Argument gegen die Falschheit der 
Jung sehen Auffassung dienen* wonach die sich in der Analyse 
ergehenden erotischen Regungen nicht mehr „real**, sondern 
nur „symbolisch" zu nehmen seien. Die fortwährende Ein- 
mengung erotischer Tendenzen in die scheinbar schon „ab- 
geklärten** Charakterzüge zeigt uns wie nichts anderes, wie 
lebendig wahr jene unbewußten erotischen Regungen immer 
noch sind und wie sie jede Gelegenheit wahrnehmen, um sich 
in irgend einer — wie wir sehen, oft sehr durchsichtigen — 
Verkleidung zu realisieren. 



Symmetrischer Berührungszwang 

Eine ganze Anzahl nervöser, aber auch mancher sonst normale 
Mensch hat einen abergläubischen Zwang; wenn sie einen 
Körperteil zufallig oder absichtlich berührt haben, sind sie 
gezwungen, auch den symmetrischen Körperteil in eben der- 
selben Weise zu berühren. Z. B, wenn sie mit der rechten 
Hand ans rechte Ohr gegriffen haben, müssen sie sofort das 
linke Ohr mit der linken Hand in vollkommen identischer 
Weise anfassen, Unterlassen sie dies, so fühlen sie sich unruhig, 
wie es bei Verhinderung einer Zwangs er scheinung der Fall zu 
sein pflegt. 

In einem Falle hatte ich nun Gelegenheit, ein Mädchen, 
das nebst anderen neurotischen Symptomen auch an dieser 
Eigenheit litt (die sie aber subjektiv nicht als Leiden empfand), 
zu analysieren. Die direkte Befragung nach der Ursache dieses 
Symptoms brachte — wie gewöhnlich — keine Aufklärung. 
Der erste assoziative Einfall führte zu Einderszenen. Die recht 
strenge Kinderfrau, vor der sie große Angst hatte, soll beim 
Waschen sehr darauf bedacht gewesen sein, daß die Kinder 
sich immer beide Ohren, beide Hände usw. ordentlich reinigen 
und sich nicht etwa mit dem Reinigen der einen Körperhälfte 



Symmctrisdier Berührungszwang 237 

begnügen, Man wäre bei dieser Auskunft geneigt gewesen, den 
„symmetrischen Berührungszwang" einfach als eine Art „post- 
hypnotischen Befehlsautomatismus" aufzufassen, der sich so 
viele Jahre nach der erhaltenen Mahnung immer noch durch- 
zusetzen vermag. 

Wie immer, mußte man diese einfache Erklärung im weiteren 
Laufe der Analyse einer komplizierteren opfern. Dieselbe Kinder- 
frau nämlich, die auf das tüchtige Waschen und Reiben des 
Körpers sonst so großen Wert legte, nahm eine einzige Körper- 
stelle, das Genitale, aus, dessen Waschen und jedwedes Berühren 
das Kind auf das Mindestmaß zu beschränken unterwiesen 
wurde. Und doch ist gerade dies jener Körperteil, dessen fteiben 
und Waschen keine unangenehme Pflicht war, sondern Ver- 
gnügen bereitete. 

Ich kam zur Annahme, daß der Zwang zur Übertreibung 
heim Waschen oder Berühren symmetrischer Körperteile 
eigentlich Trotz bedeutet, der hier in die Form des Pflicht- 
eifers und Gehorsams gekleidet ist. Der Zwang zur Berührung 
symmetrischer Körperteile ist die Überkompensation des Zweifels, 
ob es nicht besser wäre, eine bestimmte Körperstelle in der 
Medianebene zu berühren. 

Die fast gleichaltrige Schwester der Patientin, die von der 
Neurose sonst verschont blieb, teilt nichtsdestoweniger mit 
ihrer Schwester dieses Symptom des „symmetrischen Berührungs- 
zwanges . 



Die Symbolik der Brücke 

Bei der Feststellung der symbolischen Beziehung eines Objektes 
oder einer Tätigkeit zu einer unbewußten Phantasie ist man 
zunächst auf Mutmaßungen angewiesen , die sich durch spätere 
Erfahrung vielfache Modifikationen, oft gänzliche Umgestaltung 
gefallen lassen müssen. Bestätigungen, die einem oft von den 
verschiedensten Gebieten der Erkenntnis zuströmen, haben hier 
Jen Wert von bedeutsamen Indizien, so daß alle Zweige der 
Jndmdual- und der Massenpsychologie an der Feststellung einer 
speziellen symbolischen Relation beteiligt sein können; Traum- 
deutung und Neurosenanalyse bleiben aber nach wie vor die 
verläßlichsten Grundlagen jeder Symbolik, weil wir an ihnen 
auch die Motivierung, überhaupt die ganze Genese solcher psy- 
chischen Gebilde ^in anima vili* beobachten können. Das 
Gefühl der Sicherheit einer symbolischen Beziehung kann 
man meiner Ansicht nach überhaupt nur ixt der Psychoanalyse 
gewinnen. Symbolische Deutungen auf anderen Wissensgebieten 
(Mythologie, Märchenkunde, Folklore usw.) haben immer den 
Charakter des Oberflächlichen* des Flächenhaften ; es verbleibt 
einem dabei immer das unsichere Gefühl, daß die Deutung 
ebensowohl auch anders hätte lauten können, wie denn auch 



Die Symbolik der Brücke 239 

diese Wissenszweige dazu neigen, denselben Inhalten immer 
wieder neue Bedeutungen unterzulegen. Das Fehlen der Tiefen- 
dimension mag es auch sein, was die wesenlose Allegorie von 
dem Sjnmbol, das von Fleisch und Blut ist, unterscheidet. 

Brücken spielen in Träumen oft eine auffallende Rolle. 
Bei der Deutung der Traume von Neurotikem wird man häufig 
vor die Frage der typischen Bedeutung der Brücke gestellt, 
besonders wenn dem Patienten zur Traumbrücke nichts Histo- 
risches einfallen will. Der Zufall des Krankenmaterials mag es 
mit sich gebracht haben, daß ich in einer ganzen Anzahl von 
Fällen folgende sexualsymbolische Deutung an Stelle der Brücke 
einsetzen konnte: Die Brücke ist das männliche Glied, 
und zivar das mächtige Glied des Vaters, das zwei Landschaften 
(das riesenhaft, weil vom infantilen Wesen gedachte Elternpaar) 
miteinander verbindet. Diese Brücke ist über ein großes und 
gefahrliches Wasser gelegt, aus dem alles Leben stammt, in das 
man sich zeitlebens zurücksehnt und als Erwachsener, wenn 
auch nur durch einen Körperteil vertreten, periodisch auch 
wirklich* zurückkehrt. Daß man sich auch im Traume nicht 
direkt, sondern auf einer stützenden Planke diesem Gewässer 
nähert, ist. bei dem besonderen Charakter der Träumenden ver- 
standlich; sie litten ausnahmslos an sexueller Impotenz und 
schützten sich durch die Schwäche ihrer genitalen Exekutiv 
orgine vor der gefahrlichen Nähe des Weibes. Diese symbolische 
Deutung der Brückenträume bewährte sich nun, wie gesagt, in 
mehreren Fällen; auch fand ich in einem volkstümlichen 
Märchen und der obszönen Zeichnung eines französischen 
Künstlers die Bestätigung meiner Annahme j in beiden handelte 
es sich um das riesenhafte männliche Glied, das, über einen 
breiten Fluß gelegt, im Märchen sogar stark genug war, ein 
schweres Pferdegespann zu tragen. 

Die letzte Bestätigung, zugleich die eigentliche, bisher ver- 



240 S. Ferenc/j 



mißte Vertiefung meines Verständnisses für dieses Symbol 
brachte mir aber ein Patient, der an Brückenangst und 
Ejaculatio retardata litt. Nebst mancherlei Erfahrungen, 
die die Kastrations- und Todesangst dieses Kranken zu wecken 
und zu steigern geeignet waren (er war ein Schneiderssohn), 
ergab die Analyse folgendes erschütternde Erlebnis aus seinem 
neunten Lebensjahr: die Mutter (eine Hebamme!), die ihn 
abgöttisch liebte, wollte die Nähe ihres Kindes auch in der 
schmerzvollen Nacht nicht vermissen, in der sie einem Mädchen 
das Leben gab, so daß der kleine Knabe von seinem Bette aus 
den ganzen Prozeß der Geburt, wenn auch nicht mitansehen, 
so doch mitanhören mußte und aus den Äußerungen der Pflege- 
personen auch Einzelheiten über das Kommen und das zeitweilige 
Wiederverschwinden des kindlichen Körpers entnehmen konnte. 
Der Angst, die sich dem Zeugen einer Geburtsszene unweigerlich 
mitteilt, kann sich der Knabe nicht entzogen haben; er fühlte 
sich in die Lage des Kindes ein, das eben die erste und größte 
Angst, das Vorbild jeder späteren, durchmachte, stundenlang 
zwischen Mutterleib und Außenwelt hin und her schwankte. 
Dieses Hin und Her, diese Verbindungsstelle zwischen Leben 
und Nochnicht- (oder Nichtmehr-) Leben gab nun der Angst- 
hysterie des Kranken die spezielle Form der Brück enangst Das 
gegenüberliegende Ufer der Donau bedeutete für ihn das Jenseits, 
das, wie gewöhnlich, nach dem. Bilde des Lebens vor der Geburt 
gestaltet war/ Nie in seinem Leben ist er noch zu Fuß über die 
Brücke gegangen, nur in Fahrzeugen, die sehr rasch fahren 
und in Begleitung einer starken, ihm imponierenden Persönlich- 
keit, Als ich ihn — nach genügender Erstarkung der Über- 
tragung — zum erstenmal dazubrachte, mit mir nach langer 
Zeit wieder einmal die Fahrt zu machen, klammerte er sich 

1) Vergleiche dazu Ranks völk erpsy ökologisch gestützte Aus fiüinitigcn 
m der „LoKengrinsage", ign. 



Die Symbolik der Brüdte 24t 

krampfhaft an mich an, alle seine Muskeln waren straff gespannt, 
der Atem angehalten. Auf der Rückfahrt ging es ebenso, doch 
nur bis zur Mitte der Brücke; als das diesseitige Ufer, das für 
ihn das Leben bedeutete, sichtbar wurde, löste sich der Krampf, 
er wurde lustig, laut und redselig, die Angst war verschwunden* 

Wir können nun auch die Ängstlichkeit des Patienten hei 
der Annäherung ans weibliche Genitale und die Unfähigkeit 
zur vollkommenen Hingabe an das Weib verstehen, das für ihn, 
wenn auch unbewußt, immer noch ein gefahrdrohendes tiefes 
Wasser bedeutet, in dem eT ertrinken muß, wenn ihn nicht 
ein Stärkerer „über Wasser hält". 

Ich denke, die zwei Deutungen : Brücke = Bindeglied zwischen 
den Eltern, und ; Brücke = Verbindung zwischen Leben und 
Nichtleben (Tod), erganzen sich auf die wirksamste Art; ist 
doch das väterliche Glied tatsächlich die Brücke, die den Noch- 
nichtgeborenen zum Leben befördert hat* Doch erst diese 
letztere Überdeutung gab dem Gleichnis jenen tieferen Sinn, 
ohne den es kein wirkliches Symbol gibt. 

Es liegt nahe, die Verwendung des Brückensymbols im Falle 
der neurotischen Brückenangst zur Darstellung des rein see- 
lischen j, Zusammenhanges", der „Verbindung", ^Verknüpfung" 
(„Wortbrücke" Freuds), mit einem Wort: einer psychischen 
oder logischen Relation, d* h. als „autosymbolisches 1 „funk- 
tionales" Phänomen im Sinne Silberers zu deuten. Doch 
gleichwie im gegebenen Beispiel diesen Phänomenen gut- 
materiale Vorstellungen über die Vorgänge eines Geburtsaktes 
zugrunde liegen , so glaube ich, daß es überhaupt kein funktio- 
nales Phänomen ohne eine materiale, d, h, sich auf Objekt Vor- 
stellungen beziehende Parallele gibt. Allerdings mag bei narziß- 
tischer Betonung der „Ich-Erinnerungs-Systeme" 1 die Assoziation 

1) Siehe dazu meine Abhandlung über den Tic (in Bd. L dieser 

Sammlung), 

Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalygä II 16 



242 S, Fereoczi 

mit den Objekterinnerungen in den Hintergrund treten und 
der Anschein eines reinen Autosymbolismus erweckt werden, 
Andererseits ist es möglich* daß es auch kein „materiales^ 
seelisches Phänomen gibt, dem nicht auch eine, wenn auch 
nur blasse ErinnerungsspuT an die es begleitende Selbstwahr- 
nehmung beigemengt wäre. Schließlich sei daran erinnert, daß 
— in ultima analysi — fast jedes, vielleicht gar überhaupt 
jedes Symbol auch eine physiologische Grundlage hat, d* h. 
irgendwie den ganzen Körper, ein Körperorgan oder dessen 
Funktion zum Ausdrucke bringt, 1 

In diesen Andeutungen sind, wie ich glaube, Hinweise für 
eine zu gestaltende Topik der Symbolbildung enthalten und 
da der dabei tätige Verdrängungs-D ynamismus berÄts bei 
früherer Gelegenheit beschrieben wurde,* so fehlt uns zur 
„metapsychologischen" Einsicht in das Wesen der Symbole im 
Sinne Freuds nur die Kenntnis der Verteilung psychophy- 
sischer Quantitäten bei diesem Kräftespiel und genauere Daten 
über Onto- und Phylogenese. 5 

Das in der Brückenangst zur Schau getragene psychische 
Material trat beim Patienten auch in einem konversions- 
hy st eri sehen Symptom zum Vorschein, Bei plötzlichem Schreck, 
beim Anblicke von Blut oder irgend einem körperlichen 
Gebrechen neigt er zu Ohnmächten* Als Vorbild dieser Anfalle 
diente ihm die Erzählung der Mutter, daß er nach einer 
schwierigen Geburt halbtot zur Welt kam und mit vieler 
Bemühung zum Atmen gebracht werden mußte. Diese Er- 

1) Vergleiche damit die diesbezüglichen Bemerkungen hl der 
Arbeit: r Hysterische Materialisatiousphönomene" in „Hysterie und Patho- 
neurosen", Int, PsA, Bibliothek No. 2+ vom Verfasser, 

2) Siehe „Zur Ontogenese der Symbole** (in Bd, I. dieser 
Sammlung). 

5) Vgl. dazu die Arbeit von Jones über die Symbolik, 
Int Zeitschr. f, PsA* V (1919)- 



Die Symbolik der Brücke 143 

innerung war das Urtrauma, an das sich das spätere (die An- 
wesenheit beim Gebären der Mutter) anlehnen konnte* 

Es braucht kaum besonders hervorgehoben zu werden , daß 
die Brücke in Träumen auch ohne jeden symbolischen Sinn, 
aus historischem Traummaterial stammend, vorkommen kann* 



ig* 



Die Brütkensymbolik und die 
Don Juan-Legende 

(I 9 22) 

In einer kurzen Mitteilung über #Die Symbolik der 
Brücke" 1 versuchte ich unlängst, die vielfachen Schichten der 
Bedeutung aufzudecken, die die Brücke im Unbewußten 
gewonnen hat Nach dieser Deutung ist die Brücke i) das 
männliche Glied, das das Elter npaaar beim Geschlechtsverkehr 
miteinander verknüpft und an das sich das kleine Kind 
anklammern muß, soll es im „tiefen Wasser", über das diese 
Brücke gelegt ist, nicht umkommen. 2) Insofern es dem männ- 
lichen Glied zu verdanken ist, daß man ans jenem Wasser 
überhaupt zur Welt gekommen ist, ist die „Brücke" ein 
wichtiges Beförderungsmittel zwischen dem „Jenseits" (dem 
Noch-nicht-geboren-Sein, dem Mutterleib) und dem „Diesseits" 
(dem Leben). 3) Da sich der Mensch auch den Tod, das 
Jenseits nach dem Leben, nicht anders als nach dem Vorbild 
der Vergangenheit, also als eine Rückkehr in den Mutterleib 
(ins Wasser, in die Muttererde) vorstellen kann, bekommt die 
Brücke auch die symbolische Bedeutung eines Beforderungs- 

1) Dieser Band S, 238 ff. 






Die Brüdtensymbolik und die Don Juan-Legende 245 



mittels in den Tod. 4) Schließlich kann die Brücke zur formalen 
Darstellung von „Übergängen**, „Zustandsänderungen" überhaupt 
benützt werden. 

Nun sind in der ursprünglichen Fassung der Don Juan- 
Legende die unter I bis ) hervorgehobenen Motive mit 
einem überdeutlichen Brückensymbol so innig verknüpft, daß 
ich es für erlaubt halte, diese Verknüpfung als eine Bestätigung 
meiner Deutung auszulegen, 

Der berühmte Frauenjäger Migu el Monara Vicentello 
de Leco (Don Juan) zündete der Sage nach über 
dem Guadalquivir hinweg seine Zigarre an der 
Zigarre des Teufels an. Er begegnete einmal seinem 
eigenen Begräbnis und wollte in der Krypta der von ihm 
erbauten Kapelle bestattet werden, damit man ihn mit Füßen 
tTete, Erst nach dem „Begräbnis* 4 bekehrt er sich und wird 
zum reuigen Sünder, 

a) Die über den Fluß hinweg angezündete Zigarre möchte 
ich als Variante des Brückensymbols auslegen, in der (wie das 
bei Varianten oft der Fall ist) vieles vom Unbewußt- Verdrängten 
wiederkehrt. Die Zigarre erinnert durch ihre Form und das Brennen 
an das vor Üegierde brennende männliche Genitalorgan. Die riesen- 
hafte Geste — das Anzünden über den Fluß hinweg — paßt 
sehr gut zur Vorstellung von der riesigen Potenz eines Don 
Juan, dessen Glied man sich in kolossaler Erektion repräsen- 
tieren mochte. 

S) Das Dem-eigenen-Begräbnis-Beiwohnen wird erklärlich, 
wenn man sich zur Annahme entschließt, daß diese Doppelgänger- 
phantasie eigentlich die Personifikation des so wesentlichen 
Bestandteils von Don Juans leiblichem Ich, seines Genitales 
nämlich, darstellt* Das Genitale wird bei jedem Geschlechts- 
verkehr tatsächlich „begraben", und zwar am selben Ort, der 
auch die Geburtsstätte ist, und das übrige „Ich" mag diesem 



246 S, Fcrcnczi 



„Begräbnis* 4 ängstlich zusehen. Die Psychoanalyse zahlreicher 
Träume und der neurotischen Klaustrophobie erklart die Angst 
vor dem Leb endig-begraben- werden als den in Angst ver- 
wandelten Wunsch nach Rückkehr in den Mutterleib, Vom 
narzißtischen Standpunkt gesehen ist übrigens jeder Geschlechts- 
verkehr t jedes Opfer an das Weib, ein Verlust, eine Art 
Kastration im Sinne Stärckes 1 , auf den das gekränkte Ich mit 
Todesangst reagieren kann. Auch Gewissensskrupel und Straf- 
phantasien mögen dazu beitragen, daß ein Don Juan bei jedem 
geschlechtlichen Akt + sich der Hölle, der Vernichtung näher 
fühlt. Wenn wir mit Freud den Don Juan-Typus im Liebes- 
leben, den Zwang zur Reihenbildung, zur Eroberung unzähliger 
Frauen (Leporello- Album t) damit erklären» daß dies nur ein 
Ersatz für die eine Liebe ist, die auch dem Don Juan versagt 
bleibt (Ödipus-Phantasie), so wird uns jene Strafphantasie erst 
recht verständlich; sie ahndet ja die „Todsünde" par exceüence* 
Selbstverständlich meine ich nicht, in diesen wenigen Zeilen 
den versteckten Inhalt der Don Juan-Legende enthüllt zu haben, 
die noch viele unerklärliche Züge hat (ich verweise z, B. auf 
die wahrscheinlich homosexuelle Bedeutung des Anzündens einer 
Zigarre an einer anderen) ; ich wollte nur eine Bestätigung der 
phänischen, respektive Leben-Tod-Bedeutung der Brücke durch 
ihr Auftauchen mitten unter den typischen Symbolen des Todes, 
der Geburt und der Sexualität erbringen. 



l) Der Kastrationskomplex. Iirt* Zeitschr> fc PsA. Bd. VII (1901), 



Ekel vor dem Frühstück 

09*9) 

Sehr viele Kinder haben einen oft unüberwindlichen Ekel 
vor dem Genuß des Frühstücks, lieber gehen sie mit leerem 
Magen in die Schule, zwingt man sie aber zum Essen, so 
kommt es vor* daß sie sich übergeben. — Ich weiß nicht, ob 
die Kinderärzte eine physiologische Erklärung für dieses Symptom 
haben. Ich fand hiefür eine psychologische Deutung, die sich 
bei einer psychoanalytischen Untersuchung ergeben hat. 

Im Falle dieses Pattenten perpetuierte sich diese Idiosynkrasie 
bis ins erwachsene Alter und mußte als eine Verschiebung des 
unbewußten Ekels vor der Hand der Mutter gedeutet werden. 
Er wußte schon als junges Kind von den Sexualbeziehungen 
der Eltern, verdrängte aber dieses sein Wissen, da es mit seinen 
zärtlichen Regungen und seiner Achtung unvereinbar war. Als 
aber die Mutter am Morgen aus dem Schlafzimmer kam und 
mit denselben Händen, die bei jenen verpönten Handlungen 
eine Rolle spielen mochten , das Frühstück bereitete, möglicher- 
weise zuvor noch die Hand vom Kinde küssen ließ: da kam 
die unterdrückte Regung als Ekel vor dem Frühstück zum 
Vorschein, ohne daß dem Kind die wahre Ursache seiner 
Idiosynkrasie bewußt geworden wäre. 



248 & Fereoczi 



Es wäre die Aufgabe der Kinderärzte nachzuforschen, ob 
diese Deutung auch für andere oder etwa für alle zutrifft. 
Auch der Weg zu einer Therapie wäre so gegeben. 

Bei einer anderen Gelegenheit wies ich daraufhin, daß die 
eigenartige Assoziation des Ekelgefühls mit der Ausdrucks- 
bewegung des Spuckens und Erbrechens darauf hinweist, daß 
im Unbewußten eine koprophile Tendenz zum Schlucken des 
„Ekelhaften* vorhanden ist, Spucken und Erbrechen also bereits 
als Reaktionsbildungen gegen die Koprophagie aufzufassen sind. 
Diese Auffassung gilt natürlich auch für den r Ekel vor dem 
Frühstück*', 






Beiträge zur Genitalsymbolik 

i 

Sinnreiche Variante des Sduihsymbols der Vagina 

(i 9 i6) 

Ein Patient träumt, daß er „einen Gummi -Überschuh 
(Galoschen) auf der schmutzigen Erde suchen muß, während 
sein Bruder und viele andere mit ihren Frauen längst voraus- 
gegangen sind*. (Die Szene spielte sich beim Nachhausegehen 
von einer Unterhaltung o- dgl. ab.) — Der Patient ist unver- 
heiratet, sein jüngerer Bruder heiratete schon längst, Patient ist 
an eine nicht mehr junge verheiratete Frau fixiert* bei der die 
Folgen eines Dammrisses operativ beseitigt werden mußten. 
Am Tage vor dem Traum unbefriedigender Sexualverkehr, 
wobei Patient „nickt fertig" wurde (wie im Traum). Der 
„Schmutz*' ist Anspielung auf die Beschämung, die er erfahren 
würde, wenn der Gemahl von der Sache erführe. Darum wurde 
wohl auch das normale Schuh symbol in kotige^ dazu noch sehr 
dehnbare Galoschen umgewandelt. 

(Solche individuelle Varianten der Symbole unterscheiden sich 
von den universellen dadurch, daß sich an sie reichlich Ein- 
fälle assoziieren, während sonst dem Träumer zu den Symbolen 
selten etwas einfällt.) 



250 S. Fcrenctl 

n 
Symbolik der Bettwäsche 

A) Ein junger Mann bekommt regelmäßig Pollution, wenn 
sein Bett frisch überzogen ist, Deutung: er will das Reine 
(Weib) beschmutzen. Zugleich zwingt er (ubto) die weiblichen 
Angehörigen des Hauses, die das Bett besorgen, sich mit seiner 
Potenz zu beschäftigen, 

S) Ein Herr hat relative Impotenz ; er kann nur kohabitieren, 
wenn er zuvor die Bettwäsche, die ganz glatt gewesen sein 
muß, eigenhändig zerknüllt oder wenn sich die Frau auf einen 
Bogen glatten Papier es legt, das er unmittelbar vor dem Akte 
zerknittert, Das Symptom erweist sich als über determiniert; seine 
Elemente sind l) Verliebtheit in die (runzelige) Groß- 
mutter, 2) Sadismus, j) Erinnerungen an Onanie an der Bett- 
wäsche. 1 

m 

Der Drachenflieger als Erektionssymbol 

(*9*3) 

Ein Patient erzählt von seinem an Verfolgungswahn 
leidenden OnkeL daß dieser, obzwar schon über 50 Jahre alt, 
immer mit Knaben gespielt hat, ihnen manchmal sein 
Glied zeigte und mit besonderer Vorliebe und Geschicklichkeit 
riesige Papierdrachen mit langem Schweif anfertigte* Er ließ 

1) Zur Identifizierung von Haut und Wasche (beide werden. 
gewaschen) und von Runzeln und Wäschefalten s. folgenden 
Witt aus den „Fliegenden Blättern" : „Was willst denn du, Kleine, mit 
dem Bügeleisen?* 1 — „Ich möchte das Gesicht von Großpapa glatt 
machen." 



Beiträge zur Genital Symbolik 251 

die Drachen so hoch fliegen, daß sie fürs Auge unsichtbar 
wurden, band die Schnur an einen Stuhl, ließ einen Knaben 
draufsitzen und freute sich^ wenn ihn der Zug des Drachens 
umwarf- (Der Zusammenhang von Paranoia und Homosexualität 
zeigt sich auch an diesem Beispiel.) — Ich erinnere bei diesem 
Anlaß an den geisteskranken Mr. Dick im n David Copper- 
field^ von Dickens; auch dieser spielt gerne mit Knaben 
und läßt Drachen auffliegen, auf die er seine Phantasien über 
den Tod König Karls des Ersten kritzelte. Käme das 
bei einem Patienten vor, so müßten wir ihn, auch wenn er so 
gutmütig wäre wie Mr. Dick, für einen unbewußten Vater- 
(Konigs-) Mörder halten, der aber andererseits die Insignien der 
Vaterwürde anbetet, 

(Zur Symbolik des Drachensteigens vergleiche man die im 
VII. Bd, der n Anthropophyteia a mitgeteilte Erzählung [Nr. 26] 
aus Groß-Frankfurt : „Das Drachen steigen". Das Söhnchen 
fragt seinen Papa, warum die Kinder nur im Herbst die 
Drachen steigen lassen. Der Papa erklärt ihm; „Das geht nur, 
wenn die Felder abgemäht sind, weil man da weite Strecken 
laufen muß, Aber i c h, ich lasse meinen Drachen das ganze 
Jahr steigen/) 

IV 

Infantile Vorstellungen über das weibliche Genitale 

09 1 ;) 

Ein in der Kindheit aTg eingeschüchterter Patient (mit 
Impotenz infolge larvierter Kastrationsbefürchtungen) träumt, 
daß er seiner englischen Sprachlehrerin eine Krawatte kauft, 
die aber ein zusammengeringeher Aal war. (Aal heißt ungarisch 
angolnO) lautlich sehr ähnlich den Worten; angol nö = 
Engländerin.) — Die Analyse ergab, daß er ihr einen 



252 S. Ferenczi 

Penis {Fischkrawatte) kaufen will, da es ihn vor einem Wesen 
ohne Penis graust. Um sich dem Weib ohne Angst nähern m 
können, muß er sich die Vagina als zusammen- 
geringelt en Penis vorstellen. 

Ein anderer Patient brachte die bewußte Erinnerung der 
Idee aus der Kinderzeit, die Frauen hätten einen 
kurzen, aber dicken Penis mit weiter Urethra, 
deren Lumen groß genug ist, um den Penis aufzunehmen. — 
Die Knaben müssen also allerlei Theorien über das weibliche 
Genitale aushecken, die sie darüber beruhigen, daß das Weib 
trotz des gegenteiligen Anscheines einen Penis hat. 



V 

Kindliche Vorstellungen von der Verdauung 

Dreijähriger Junge; „Onkel Doktor, was hast du im Bauch t 
daß du so dick bist?** 

Scherzhafte Antwort des Hausarztes: „KakaT" 
Darauf der Junge; „Ißt du denn so viel Kaka?" 
(Der Kleine stellt sich den Bauch als einen Hohlraum vor, 
in dem das Gegessene unverändert enthalten ist, so wie in 
Mythen und Märchen vom Wolf, vom Walfisch, von einem 
zürnenden Gott usw* aufgefressene Menschenkinder nach 
Tötung des Tieres oder des Menschenfressers lebend zum Vor- 
schein kommen oder mittels Erbrechen wiedergeboren 
werden. — Der Ausspruch des kleinen Forschers weist aber 
auch darauf hin, daß er des Kausalzusammenhanges zwischen 
Essen und Stuhlabsetzen nicht ganz sicher ist. Das Dritte, was 
an diesem Kinderspruche auffallt, ist die Selbstverständlichkeit, 
mit der er das Kotessen beim Menschen voraussetzt.) 



Beitrüge ?mt Genitalsymbolik 253 

VI 
„Nonum prematur in atinum" 

Es ist eine bekannte Tatsache, daß sich viele Künstler und 
Schriftsteller ungern von ihren Erzeugnissen trennen; andere 
(wie z. B. Leonardo) behandeln sie schlecht und verlieren bald 
jedes Interesse für sie. Eine besondere Gruppe bilden jene 
Künstler und Schriftsteller, die sich monatelang mit einer — 
im Geiste bis auft kleinste Detail ausgearbeiteten — Idee 
herumtragen, ohne sich zu ihrer Verwirklichung entschließen 
zu können. Ich weiß es von Prof* Freud und kann es auch 
meinerseits bestätigen, daß Zwangsneurotiker eine 
besondere Neigung zu solcher Verschleppung ganz fertiger 
Arbeitspläne haben. 

Ich hatte Gelegenheit, einen jungen Schriftsteller, dem dieses 
Zögern nebst anderen neurotischen Zeichen in hohem Grade 
eignete, psychoanalytisch zu untersuchen, und stellte fest, daß 
dieses sein Verhalten als ein entfernter Abkömmling seines 
übemormalen Narzißmus zu deuten war. Bei diesem Patienten 
äußerte sich das Zögern bei der Ausarbeitung und Drucklegung 
seiner Ideen auf folgende spezielle Weise: Solange ihm sein 
Thema sehr „am Herzen lag", hütete er es wie ein Geheimnis \ 
erzahlte er etwas davon, so betrübte ihn die Idee, daß sie ihm 
entwendet werden konnte- Am liebsten beschäftigte er sich 
damit auf einsamen Spaziergängen oder in seinem Arbeits- 
zimmer* Aber auch hier „bearbeitete" er seine Idee lange Zeit 
hindurch nicht, höchstens notierte er in einigen Worten (die 
er spater oft selbst nicht verstand) die neuen Einfälle. Wenn 
er hie und da doch etwas publizierte, so geschah das unter 
folgenden Umstanden: Er muß eine neue Idee bekommen 
haben, die er höher schätzte als das bisher Gehegte; ja, er 



254 S* Ferenczi 

mußte diese neue Idee für so bedeutsam halten, daß er — 
von seinem künstlerischen Gewissen gedrängt — sich endlich 
hinsetzte* diese auszuarbeiten. Statt dessen verfiel er 
aber dabei stets auf die Idee, die alte, nunmehr 
überholte Idee zu realisieren, die dann auch 
fast anstandslos ausgearbeitet wurde, während er 
die neue Idee weiter für sich behielt. Wir mußten sein Ver- 
halten mit seinem Narzißmus in Zusammenhang bringen. Dem 
Patienten war alles, was er produzierte, so heilig wie ein Stück 
seines eigenen Ich; erst wenn die Idee für ihn relativ wertlos 
wurde, konnte er sich entschließen, sie in Worten „auszudrücken", 
d. h. sich von ihr zu trennen; dies trat aber nur ein, wenn 
sein Narzißmus von anderen, neuen, wertvolleren Ideen 
„schwanger" war. Doch selbst bei der Bearbeitung der älteren 
Idee mußte er die Arbeit zeitweise unterbrechen, wenn ihm 
nämlich während der Arbeit die Bedeutsamkeit und der Wert 
des alten Stoffes wieder gegenwärtig wurde. 

Die Analyse zeigte dann, daß seine Ideen wirklich die 
„Kinder seines Geistes" waren, die er aber nicht hergeben, 
sondern in seinem Innern beherbergen wollte. Diesen geistigen 
Kindern entsprachen in seinem Ubw leibliche, die er in echt 
weiblicher Art empfangen wollte* Das Vorgehen des Patienten 
erinnerte mich an das Verhalten der Mütter, die immer ihr 
jüngstes Kind am liebsten haben. Bekanntlich bedeutet ja nicht 
das Abschneiden der Kabelschnur, sondern die langsame Zurück- 
ziehung der Libido die wirkliche Loslosung des Kindes von 
der Mutter, Diesem passiven Zuge seines Wesens entsprechend 
war auch die Analerotik des Patienten sehr stark; die Spiele, 
die er als Kind mit dem Kote trieb, erinnerten an die Art, in 
der er seine geistigen Erzeugnisse behandelte* Auch den Kot 
gab er nur her, nachdem er ihn sehr lange zurückgehalten 
hatte und er ihm wertlos geworden war. 



Beiträge zur Genital Symbolik $55 

Da wir von Freud wissen, daß die Zwangsneurotiker von 
start analerotischer Sexaalkonstitution sind, dürfen wir ihre 
Neigung zum Zögern nach der Analogie mit dem hier mit- 
geteilten Falle auffassen. 

Auch die Vorschrift der Ars poetica: „nonum prematur in 
aniiurn*^ könnte einer ähnlichen psychischen Einstellung ihres 
Verfassers ihre Entstehung verdanken, Hiefür spricht nicht nur 
die verdächtige Zahl „g", sondern auch der Doppelsinn des 
Zeitwortes »premere". 

Jedenfalls beweisen Beobachtungen dieser Art, wie unrichtig 
es ist, nach Art der Züricher Schule als letzte und weiter nicht zer- 
legbare Ursache der Neurose die Faulheit hinzu stellen, der 
nur mehr durch „Hinweis auf die Lebensaufgabe" abgeholfen 
werden könnte. Die abnorme Faulheit — wie die meines 
Patienten — hat immer unbewußte Motive, die psychoanalytisch 
aufzudecken sind. 

vn 
Schweigen ist Gold 

(i 9 i6) 

Ein zwangsneurotischer Patient — sonst manchmal wortkarg 
und zögernd in der Assoziation — zeigt sich in einer Stunde 
auffallend redselig. Hierauf aufmerksam gemacht, konstatiert er 
selber das Ungewöhnliche seiner Redeweise, beklagt dies aber 
mit der ihm eigenen Selbstverspottung, da doch „Schweigen 
Gold* sei. — Auf diesen Einfall hin verweise ich auf die 
symbolische Identität von Gold und Kot und sage ihm, daß er 
offenbar mit den Worten, wie mit dem Gold und Kot, zu 
geizen pflege und heute nur ausnahmsweise in verschwende- 
rischer Stimmung sei* Ich erkläre ihm übrigens, daß sein Ein- 
fall auch die psychoanalytische Erklärung des Sprichwortes vom 
„goldenen Schweigen* ermögliche. Schweigen ist nur darum 



2g6 S. Ferenczi 

„Gold*, weil das Nichtsprechen an und für sich eine Ersparnis 
(an Aufwand) bedeutet. Bei dieser Bemerkung bricht der Patient 
in ein unbändiges Lachen ans und erzählt mir, daß er am 
selben Tage — ausnahmsweise — einen sehr ergiebigen 
Stuhl gehabt habe, während er sonst — wenn auch ziemlich 
regelmäßig — doch immer nur kleine Quantitäten zu ent- 
leeren pflegte. (Der aktuelle Anlaß zur Redseligkeit und Ver- 
schwendung war die plötzliche Befreiung von einem äußeren 
Zwange; es wurde ihm ermöglicht, eine Reise, die er sehr 
ungern gemacht hätte, zu unterlassen.) 

Ein anderer Patient (Hysteriker) leidet u. a, an zwei Sym- 
ptomen, die immer gleichzeitig und in gleicher Intensität auf- 
treten: Stimmritzenkrampf und Krampf des Sphincter ani Ist 
er in gehobener Stimmung, so ist seine Rede laut und frei, 
sein Stuhl ergiebig und „befriedigend"* Bei Depression (ins- 
besondere aus Anlaß irgendeiner Unzulänglichkeit) oder heim 
Verkehr mit Vorgesetzten und Höheren treten Stimmlosigkeit 
und Tenesmus zu gleicher Zeit auf, 

(Die Analyse dieses Patienten ergibt u* a,, daß er zu jenen 
nicht sehr seltenen Menschen gehört, die ihren Stuhl zurück- 
halten, weil sie davon eine „Stärkung" [in physischer und 
psychischer Hinsicht] erwarten, während sie von der Entleerung 
„geschwächt* zu werden fürchten. — Nach meiner bisherigen 
Erfahrung ist diese innige assoziative Verknüpfung von „Stärke" 
und „ Zurückhaitun g* auf infantile Unfälle zurückzuführen, in 
denen die Patienten „zu schwach" waren, den Stuhl zurück- 
zuhalten* Diese Tendenz zur Zurückhaltung strahlt dann auch 
auf psychische Gebiete aus und führt zur Zurückhaltung mög- 
lichst aller Emotionen, aller n Gefühl sergüsse"; ein Gefühls- 
ausbruch, der nicht mehr zurückgehalten werden konnte, kann 
ähnlich starkes Unglücksgefühl zur Folge haben, wie seinerzeit 
die anale Inkontinenz.) 



Beiträge zur Genital Symbolik 257 

Daß es zwischen Analerotik und Sprache gewisse Beziehungen 
gibt T wußte ich schon von Prof, Freud, der mir von einem 
Stotterer erzählte, bei dem alle Einzelheiten der Sprachstörung 
auf analerotische Phantasien zurückzuführen waren. Auch 
Jones wies in einer Arbeit vielfach auf die Möglichkeit der 
Libidoverschiebung vom Analen aufs Phonetische hin. Schließ- 
lich konnte auch ich in einer früheren Arbeit (über obszöne 
Worte) 1 auf die Beziehungen zwischen musikalischer Stimm- 
bildung und Analerotik hinweisen. 

Die Mitteilung obiger Fälle schien mir begründet, da sie 
die Annahme rechtfertigen, daß Stimm- und Sprachbildung 
sowie Analerotik nicht nur zufällig und ausnahmsweise, sondern 
gesetzmäßig miteinander verknüpft sind. Das Sprichwort: 
„Schweigen ist Gold" könnte als volkspsychologische Bestätigung 
dieser Annahme gelten, 

VDI 

Pecunia — ölet 
fror6; 



Ein junger Kaufmann war längere Zeit hindurch wegen 
seiner Zwangs- und Angstzustände bei mir in Behandlung, die 
ich aber nicht ganz zu Ende führen konnte, weil die ein- 
getretene Besserung, wie so oft, vom Widerstände als Motiv 
zum Abbrechen der Kur benützt wurde* Den aktuellen Anlaß 
zu seiner Erkrankung gab, wie die Analyse bald aufdeckte* das 
Verhältnis zu seiner Frau* Ich mußte dem Patienten auf Grund 
sehr deutlicher Anzeichen klarlegen, daß er am Konflikt zwischen 
der Geldliehe (Analerotik) und der übrigen Sexualität scheiterte* 

1) Bd. I dieser Sammlung, 
Fcrtuczi, Bausteine iur Psychoanalyse II 17 



25» & Ferenczi 

Er heiratete eine mehr als wohlhabende Frau, in die er nicht 
verliebt war, wahrend sein übw von interesseloser Hingebung 
träumte; u. a. dachte er oft auch bewußt an ein ganz mittel- 
loses, aber liebreizendes Weib, an dessen Seite er vielleicht das 
Glück, nach dem er sich sehnte, gefunden hätte. Ich mußte 
allerdings dem Patienten nahelegen, daß auch dieses Glück 
kein ungetrübtes gewesen wäre, da ja dabei seine nicht minder 
starke andere Leidenschaft, die Geldliebe, leer ausgegangen wäre* 

Bei einem unserer Gespräche brachte nun der Patient die 
meiner Ansicht nach entscheidende Bestätigung der voraus- 
gegangenen Deutungen. Er erinnerte sich, daß er kurz nach 
seiner Verlobung, beim intimen Beisammensein mit der Braut, 
plötzlich von einem unangenehmen Geruch aus ihrem Munde 
erschreckt wurde, Er entfernte sich unvermittelt, eilte zu einem 
Vertrauten und woEte die Verlobung sofort rückgängig machen. 
Man beruhigte ihn, und da der üble Geruch sich nicht mehr 
zeigte, ließ er von seinem Vorhaben ab, — die Heirat ging 
vonstatten. 

Diese Erinnerung mußte ich wie folgt erklären: Ein an 
sich offenbar unbedeutender Geruch aus dem Munde der Braut 
verknüpfte sich assoziativ mit der ursprünglichen Analerotik 
des Patienten* aus der die Geld liebe hervorging; er war nahe 
daran, sich einzugestehen, daß er des Geldes wegen zu heiraten 
im Begriffe steht; vor dieser Möglichkeit wollte er mit der- 
selben Angst die Flucht ergreifen, wie vor den eigenen schlecht 
verdrängten analerotischen Triebre gangen- Es lag hier also ein 
Fall von Charakterregression vor, der Rückfall eines 
Charakterzuges (Geldliebe) auf seine erotische Vorstufe. 1 Der 



1) Vgl. „Passagere Symptombildiuigen wahrend der Analyse", „Misch- 
gebilde von erotischen und Charaktersügen.* (S* 9 ff, bzw. 255 ff* dieses 

Band.ES.) 



Beiträge zur GenJtalsymboUk 259 

ubw Phantasie gelang es dann für einen Augenblick, den Mund 
der Braut zur Analöffhung zu machen. 

Wer nicht viel Erfahrung in der Psychoanalyse hat, -wird 
diese Erklärung außeror deutlich gezwungen und gewiß sehr 
antipathisch finden. Er wird — wie ich es so häufig höre — 
fragen: „Warum muß denn hier wieder die sogenannte , Anal- 
erotik* eine Rolle spielen? Läßt sich der Fall nicht einfach aus 
der ganz verständlichen Aversion jedes Kulturmenschen gegen 
einen schlechten Geruch, der ja im gegebenen Fall vorhanden 
gewesen ist, ohne Zuhilfenahme der , Charakterregression* ein- 
facher erklären ?** 

Anstatt mich auf diese Fragen einzulassen, will ich kurz 
einen zweiten Fall mitteilen. 

B 

Einer Frau, die in ihren Mann leidenschaftlich verliebt zu 
sein wähnt, halte ich vor, daß bei ihr verschiedene Symptome 
darauf hindeuten, daß sie ihren Mann eigentlich aus Interesse 
geheiratet hat und, da sie so etwas mit ihrem Charakter für 
unvereinbar hält, ihre Leidenschaft zum Manne übertreibt, 
Nach längerem Widerstände mußte sie nun sich und mir ein- 
gestehen, daß sie zur Zeit deT Verlobung eigentlich einen 
anderen jungen Mann ihrem späteren Manne vorgezogen hat, 
weiters, daß sie und ihre Familie sich damals in großeT 
materieller Not befanden, schlief31ich 1 daß ihr Mann damals 
für einen reichen Erben galt. 

Ich wies, wie im obigen Falle, auf die Analerotik hin, 
worauf die Patientin sofort mit folgender Erinnerung reagierte; 

„Als ich den jungen Mann, in den ich früher verliebt war, 
nach meiner Verlobung zum erstenmal sah, ereignete sich 
folgendes: Er hegrüßte mich und küßte mir die Hand; in 
diesem Augenblicke durchzuckte mich der Gedanke, daß ich 

17* 



2Ö0 S. Ferenczi 

kurz vorher am Klosett war und noch keine Gelegenheit hatte* 
mir die Hände zu waschen. Am Ende riecht er an meinen 
Fingern Kotgeruch t Meine Angst wurde so stark, daß ich 
sofort die Pinger an die Nase führen und auf Geruch unter- 
suchen mußte, wobei es mir vorkam, als ob eine anwesende 
Freundin ironisch lächelte/ 

Natürlich deutete ich diesen Erinnerungseinfall als Bestäti- 
gung meiner schon erwähnten Annahmen und fügte hinzu, 
daß sie sich eigentlich davor ängstigte, der junge Mann könnte 
an ihr „riechen**, daß sie aus Interesse heiratet. Hinter der 
Szene mußte ich übrigens die Wiederholung infantiler Kot- 
spiele vermuten* Die Patientin erinnerte sich dunkel, solche 
Spiele mit ihrem Bruder im Klosett aufgeführt zu haben. 

Ich muß es dem Leser überlassen, die große Überein- 
stimmung zwischen den mitgeteilten beiden Fallen für Zu- 
fälligkeit zu erklären, oder ihr einen Sinn zuzugestehen, even- 
tuell den Sinn, den ihr die Psychoanalyse zuschreibt. Betonen 
muß ich aber bei dieser Gelegenheit, daß die Psychoanalyse 
ihre Thesen niemals auf Spekulation, sondern immer auf die 
Häufung solcher Übereinstimmungen, also auf Tatsachen 
gründet» Die Beantwortung der Frage, woher diese Überein- 
stimmungen stammen, ist eine andere Aufgabe; die Analyse 
wird die Antwort darauf gewiß nicht schuldig bleiben. Sie 
kann sich aber nicht dazu drängen lassen» Erklärungen zu 
geben, solange sie nur über Tatsachen verfügt. Es ist jedenfalls 
ungerechtfertigt, die Nachprüfung von Tatsachen aus logischen 
Gründen abzulehnen, . 

Das lateinische Sprichwort, das ich in veränderter Fassung 
zum Titel dieser Mitteilung wählte, erscheint nach den obigen 
Auseinandersetzungen in neuem Lichte. Der Satz; das Geld 
stinkt nicht, ist ein Euphemismus mittels Umkehrung. Im 
Ubw heißt es sicherlich: Pectmia ölet, d. h, Geld = Kot. 



Beiträge zur Genitalsymbolik 26l 

IX 
Ungeziefer als Symbol der Schwangerschaft 

(19*4) 
Hinter der übertriebenen Angst vor Ungeziefer und hinter 
Deckerinnerungen, die sich mit der Beschämung bei der Ent- 
deckung dieser Art „Unreinlichkeit** beschäftigen, steckte in 
mehreren Fallen die bewußte Phantasie des Geschwängertseins. 
Das Gemeinsame der Schwangerschaft und des Behaftetseins 
mit Ungeziefer ist nebst der Schande — da* Beherbergen 
kleiner Lebewesen im und am Körper* Dasselbe gilt von Ein- 
geweidewürmern (Kind = „Wiirmchen*). Ungeziefer im Traum 
ist in diesem Sinne zu deuten. 



X 
Zwei typische Kopro- und Piidosymhole 

09 J S) 
Bei zwei Frauen, deren Zwangsbefürchtungen mit der Kinder- 
losigkeit zusammenhängen 1 und in deren Unbewußtem die 
Regression von der genitalen und parentalen auf die Anal- 
erotik in ähnlicher Weise vor sich ging, wie bei der zwangs- 
neurotischen Patientin Freuds, 2 spielen Ungeziefer und 
Eier eine ganz besondere Rolle. Beide (es ist fast unglaublich, 
Ms zu welchen Einzelheiten sich oft Neurosen wiederholen) 
leiden seit Kindheit an der Angst, sie hätten Läuse im Haare. 
Merkwürdigerweise entdecken sie zeitweilig tatsächlich 2u 
ihrem großen Schreck Exemplare dieses Ungeziefers auf der 
behaarten Kopfhaut, was aber kein Wunder ist, da sie eine 

1) Die eine der Frauen hatte zwar ein Kind, aber das genügte ihrem 
Unbewußten bei weitem nicht. 

2) Freud, „Die Disposition zur Zwangsneurose* 1 * (Gea, Sehr,, Bd» V, 
S* 277 ff») 



2Ö2 S, Ferenczi 

unverständliche — und ihrer Parasitophobie scheinbar wider- 
sprechende — Nachlässigkeit in bezug auf die Haartoilette 
zeigen* Iji Wirklichkeit trachten unbewußterweise beide, solche 
Parasiten zu erwerben, da sie ihnen die trefflichste Gelegenheit 
bieten, in symbolischer Weise ihre tiefstversteckten Wünsche 
zu befriedigen: die verdrängte Sehnsucht nach vielen, sehr 
vielen Kindern (die ja tatsächlich wie Parasiten der Mutter 
aufwachsen 1 ) sowie den Sadismus und die Analerotik, zu der 
sie nach der Enttäuschung an der Genitalität regredieren 
mußten (Töten des Ungeziefers, Wühlen im Schmutz). Damit 
die Analogie beider Fälle noch merkwürdiger wird, produ- 
zierten sie auch ein anderes Kopro- und Pädosymhol, das mir 
bis jetzt als solches unbekannt war, nämlich ein übergroßes 
Interesse für Hühnereier, Die eine der Patientinnen erzählte 
mir, als sie endlich anfing, sich für ihren Haushalt wieder zu 
interessieren, oft, welch unerklärliches Vergnügen es ihr bereitet* 
in einem Korbe frischer Eier herumzuwühlen, die Eier zu 
ordnen und zu zahlen; schämte sie sich nicht, sie würde sich 
stundenlang damit beschäftigen. Die andere (eine Frau vom 
Lande) ist fast ganz arbeitsunfähig; der einzige Ort, wo sie 
leistungsfähig blieb, ist der Hühnerhof; sie ist imstande* 
stundenlang Gänse zu stopfen und zuzuschauen* wie die Hühner 
ihre Eier legen, — sie leistet dabei selber Geburtshelferdienste, 
indem sie mit einem Finger in die Kloake des Tieres ein- 
dringt und das Ei herausholt. — Die symbolische Identität 
des Eies mit Kot und Kind ist noch durchsichtiger als die des 
Ungeziefers* — Man darf aber auch den Geldwert der Eier 
nicht vergessen; wissen wir doch, daß der Preis der Eier über- 
all als Maßstab der Billigkeit oder der Teuerung der Lebens- 
mittel gilt und daß Eier, besonders auf dem Lande, ähnlich 

1) Man vergleiche die vorangehende kleine Mitteilung; „Ungeziefer 
als Symbol der Schwangerschaft." 



Beiträge zur Genitalsymbolik 263 

wie das Geld, als Wertmesser fungieren. Es scheint» daß unter 
gewissen Lebensbedingungen die ontogenetische Umwandlung 
der AnaleTOtik in gewisse Analcharakterzüge unterwegs stecken 
bleibt. Jedenfalls liegt diese Eierliebhaberei der ursprünglichen 
Koprophilie viel näher als die — immaterielle — Liebe zum 
Gelde* 

Schließlich sei darauf hingewiesen, daß beide Kopro- und 
Pädosymbole (wie zu erwarten war) gelegentlich auch ihre 
phallische Bedeutung erkennen ließen. 



Zur Augensymbolik 



Die Selb stblen düng des Ödipus versuchte ich, mich 
auf psychoanalytische Erfahrungen berufend, als Selbst- 
entmanjiung zu deuten, 1 und behauptete, daß Augen oft 
symbolisch für Genitalien gesetzt werden* Die Tatsachen, auf 
die ich mich bei dieser Deutung bezog, will ich im folgenden 
kurz anführen. 

i) Eine junge Dame leidet an einer Phobie vor spitzen 
Gegenständen, besonders vor Nadeln ; ihre Zwangsbefürchtung 
lautet: ein solcher Gegenstand könnte ihr einmal das Auge 
ausstechen. Die nähere Untersuchung des Falles ergibt, daß 
diese Dame mit ihrem Freunde seit einer Reihe von Jahren 
in innigem Sexualverkehr steht, dabei aber sich ängstlich davor 
hütet, die Immissio penis zu gestatten, die ihre anatomische 
Integrität durch Zerreißung des Hymens schädigen würde. 
D i es er Dam e passieren nun allerlei Unfall e, die m eist das 
Auge treffen ; zumeist unbeabsichtigte SelbstLeschädigungen mit 
Nadeln. Deutung: Substitution des Genitales durch die Augen 

i) Symbolische Darstellung- des Lust- und Realität spxinzips im Ödipus- 
Mythos, 1911» (Enthalten im Sammelbande „Populäre Vorträge über 
Psychoanalyse", Int. P*A. BiJbL Nr. XIH), 



Zur Augensymbolik 265 



und Darstellung der das Genitale betreffenden Wünsche und 
Befürchtungen durch Zufallshandlungen und Phobien, die die 
Augen zum Gegenstand haben. 

2) Ein myopischer Patient mit bewußten Minderwertigteits- 
befürchtungen und kompensierenden Größen phantasien verlegt 
alle seine hypochondrischen und ängstlichen Gefühle und eine 
übertriebene Verschämtheit auf seine Kurzsichtigkeit; diese 
Gefühle gelten aber im Unbewußten dem Genitale, Als kleines 
Kind hatte er sexuelle „Allmachtsphantasien", die sich auf 
Mutter und Schwester bezogen ; später schmerzliche Einsicht in 
seine sexuelle Minderwertigkeit (Komplex des zu kleinen Penis, 
Hypochondrie, „ Seh wächezu stände"), die durch übertriebene 
Onanie und sadistische Koitusakte kompensiert wurden. Mit 
Hilfe der symbolischen Gleichung : Auge = Genitale, gelang es 
ihm nun, einen großen Teil dieser sexuellen Wünsche und 
Befürchtungen am Auge darzustellen. Die nicht einmal ganz 
gründliche analytische Aufklärung reduzierte die Hypochondrie 
ganz bedeutend. 

ß) Ich hatte Gelegenheit, eine Familie kennen zu lernen, 
deren Mitglieder ausnahmslos an einer übertriebenen Furcht 
vor Verletzungen und Krankheiten der Augen leiden. Schon 
die Erwähnung kranker oder verletzter Augen macht sie 
erbleichen, der Anblick solcher kann eine Ohnmacht zur Folge 
haben. Bei einem Mitgliede der Familie ließen sich nun die 
psychischen Störungen der Potenz als Äußerungen des gegen 
die sadistischen Gelüste reaktiv aufgetretenen Masochismus 
deuten; die Angst vor Augenverletzungen war die Reaktion 
auf den sadistischen Wunsch, Augen zu verletzen, eine Ver- 
schiebung des sadistischen Koitus Wunsches, Die sadistisch- 
masochis tische Komponente des Sexualtriebes konnte sich eben 
sehr leicht vom Genitale auf ein anderes leicht verletzliches 
Organ verschieben. — Ein anderes Mitglied dieser Familie 



2Ö6 S, Ferenczi 

dehnt Angst und Ekel vor Augen auch auf die Hühner- 
augen (!) aus, wobei nicht nur die äußere Ähnlichkeit 
und Namensgleichheit, sondern eine zweite symbolische 
Gleichung (Zehe — Penis) eine Rolle spielt ; es ist dies offenbar 
ein Versuch, das Symbol (Auge) dem Eigentlichen (Genitale) 
mit Hilfe einer Mittelvorstellung (Hühnerauge) wieder anzu- 
nähern* 

4) Ein Patient, der in der Kindheit Angst vor Käfern 
hatte, bekam in der Pubertät Angst davor, sich im Spiegel zu 
betrachten; besonders vor dem Anschauen der eigenen Augen 
und Augenbrauen, Diese Angst entpuppte sich einerseits als 
Selbstwahrnehmung seiner Verdrängungsneigung (sich selber 
nicht „Aug' in Auge 4 " sehen wollen), anderseits als Darstellung 
der Onanie-Angst. Mit Hilfe der Vorstellung der Beweglichkeit 
gelang es dem Kinde, die Aufmerksamkeit und die Affekte vom 
spontan beweglichen (erektilen) Organ auf die beweglichen 
Käfer zu verlegen. Auch die Verletzliclikeit des Käfers, den 
man selbst als Kind so leicht zertreten kann, macht ihn dazu 
geeignet, die Stelle des ursprünglichen Angxiffsobjektes, des 
Sexualorgans, zu vertreten. Eine weitere Verschiebung setzte 
dann das gleichfalls bewegliche und verletzliche Auge an Stelle 
des Käfers. Erwähnen möchte ich dabei, daß die Pupille im 
Ungarischen mit dem Worte ^Augenkäfer* bezeichnet wird. 

j) In einer ganzen Reihe von Angstträumen (meist aus 
der Kindheit erinnerten) kommen Augen vor, die wachsen und 
sich verkleinern. Aus dem ganzen Zusammenhange mußte ich 
diese Augen als Symbole des sich (bei der Erektion) ver- 
größernden männlichen Geschlechtsorgans ansehen. Die schein* 
bare Größenveränderung des Auges beim Öffnen und Schließen 
der Lidspalte wird offenbar vom Kinde zur Darstellung genitaler 
Vorgänge, die mit Größenveränderung einhergehen, benützt. 
Die oft übermäßige Angst kleiner Kinder vor den Augen der 



Zur Augensymbolik 2^7 



Eltern hat meiner Ansicht nach auch eine sexual symbolische 
Wurzel. 

6) In einer anderen Reihe von Träumen vertreten die 
Augen (als paarige Organe) die Testikel* Da nämlich das Gesicht 
(abgesehen von den Händen) der einzige unbedeckte Körperteil 
ist, müssen die Kinder ihre ganze Neugierde, die den übrigen 
Körperteilen gilt, am Kopf und am Gesicht ihrer erwachsenen 
Mitmenschen, besonders der Eltern, befriedigen. So wird jeder 
Teil des Gesichts der Vertreter einer oder mehrerer Genital- 
stellen. Besonders eignet sich das Gesicht (die Nase, in der 
Mitte zwischen den Augen und den Augenbrauen, darunter der 
Mund) zur Darstellung des Penis, der Hoden, der Schamhaare 
und des Afters, 

Ich zweifle nicht, daß die Verschämtheit, die man beim 
Angeschautwerden verspürt und die einen vom dreisten 
Anschauen anderer abhält, in der sexualsymbolischen Bedeutsam* 
keit der Gesichtspartien ihre Erklärung findet. Diese muß auch 
die große Wirkung der Augen des Hypnotiseurs auf sein 
Medium erklären helfen. Ich verweise hier auch auf die 
Sexualsymbolik im. „ Lieb äugeln", im züchtigen Niederschlagen 
der Augen, im Augenaufschlag usw. Vgl. auch die Redensart 
„auf jemand ein Auge haben", 

j) Zum Schluß will ich über einen Zwangsneurotiker 
berichten, der meine Deutung der Selbstblendung des ödipus 
nachträglich bestätigte. Als ungemein verzärteltes, an die Eltern 
fixiertes, aber züchtig und schamhaft gewordenes Kind erfuhr 
er eines Tages von Altersgenossen den wirklichen Hergang des 
Sexualverkehrs zwischen den Eltern. Seitdem ungeheure Wut 
auf den Vater, oft mit der bewußten Phantasie, daß er ihn 
{den Vater) kastriert, worauf aber stets Reue und Selbst- 
bestrafung folgen. Eine dieser Selbstbestrafungen war nun die, 
daß er seinem eigenen Bildnis die Augen aus- 



268 S* Ferenczi 

stach. Ich konnte dem Patienten erklären, daß er damit nur 
die am Vater vollzogene Kastration in entstellter Weise gesühnt 
hatte, entsprechend der mosaischen Talion -Strafdroh ung „Aug* 
um Aug J , Zahn um Zahn", die übrigens gerade die zwei 
Kastrationssymbole, Blendung und Zahnreißen, zum 
Exempel wählt* 1 



In einer Arbeit über ^Entwicklungsstufen des Wirklichkeits- 
sinnes" [im I. Band dieser Sammlung] versuchte ich die Ent- 
stehung der Symbolik aus dem Drang zu erklären, die infantilen 
Wünsche mit den Mitteln des eigenen Körpers als 
erfüllt darzustellen. Die symbolische Identifizierung der Gegen- 
stande der Außenwelt mit den Körperorganen ermöglicht es, 
einerseits alle Wunschobjekte der Welt am eigenen Leibe, 
anderseits an den anim istisch gedachten Objekten die geschätzten 
Organe des eigenen Leibes wiederzufinden, Die Zahn- und 
Augensymbolik wären Beispiele dafür, daß Körperorgane (und 
zwar hauptsächlich die Genitalien) nicht durch Gegenstände 
der Außenwelt, sondern auch durch andere Organe des Körpers 
selbst dargestellt werden können. Da* ist sogar wahrscheinlich 
die ursprünglichere Art der Symbolbildung. 

Ich denke mir, daß diese symbolische Gleichstellung der 
Genitalorgane mit anderen Organen und mit Gegenständen 
ursprünglich nur spielerisch, gleichsam aus Übermut geschieht. 
Die so entstandenen Gleichungen werden aber sekundär in den 
Dienst der Verdrängung gestellt, die das eine Glied der 
Gleichung abzuschwächen sucht, während sie das andere — 
harmlosere — um den Betrag des verdrängten Affektes 
symbolisch überbetont. So gelangt die obere Körper- 

1) Siehe auch meine Ausführungen über Zahnsymbolik in der Diskussion 
der Wiener FsA, Vereinigung: »Die Onanie" (Wiesbaden, lgn), 



Zur Augensymbolik 269 



hälfte als die harmlosere zu ihrer sexual symbolischen Bedeutung, 
und so kommt das zustande, was Freud „Verlegung 
von unten nach oben* nennt In dieser Verdrängungs- 
arbeit haben sich die Augen zur Aufnahme der vom Genitale 
verschobenen Affekte durch ihre Form und veränderliche Größe, 
ihre Beweglichkeit, ihren hohen Wert und ihre Empfindsamkeit 
als besonders geeignet erwiesen. Vermutlich wäre aber diese 
Verschiebung nicht so gut gelungen, wenn dem Auge nicht 
schon von vornherein jener bedeutende libidinöse Wert zukäme, 
den Freud in seiner Se\ualtheorie als besondere Komponente 
des Sexualtriebes beschreibt (Schaunieb), 



Einige klinische Beobachtungen bei der 
Paranoia und Paraphrenie 

(Beitrag zur Psychologie der „Systembildimg*) 
(*9 Z 4) 

I 

Eines Tages suchte mich die Schwester eines jungen 
Künstlers auf und erzählte mir, daß ihr Bruder A M ein sehr 
begabter Mann, sich seit einiger Zeit ganz sonderbar benehme, 
Er hätte die Abhandlung einet Arztes über die Senimbehandlung 
der Tuberkulose gelesen, 1 seitdem beschäftige er sich immer 
nur mit sich selbst, lasse seinen Harn und sein Sputum auf 
abnorme Bestandteile untersuchen, und obzwar sich solche nicht 
vorfanden, unterzöge er sich der Serumbehandlung bei jenem 
Arzte. Es zeigte sich bald, daß es sich bei ihm nicht um eine 
einfache hypochondrische Verstimmung handelte. Nicht nur 
jener Aufsatz, sondern auch die Persönlichkeit jenes Arztes 
machte auf ihn einen ungewöhnlichen Eindruck* Als dieser 
den jungen Mann einmal etwas barsch anfuhr, vertiefte er sich 

i) Diese Abhandlung, die fast alle nervösen und psychischen Störungen 
auf Tuberkulose zurückführt und demgemäß su behandeln rat» hat 

meinen Psvchoneurotikern viel zu schaffen gegeben. 



Klinische Beobachtungen bei Paranoia u. Paraphrenie 271 

in seinen Aufzeichnungen {die mir die Schwester zu lesen gab) 
in endlose Grübeleien über die Frage, wie man dieses Verhalten 
des Aiztes mit der Tatsache* daß jener ein wirklicher Gelehner 
sei (was er nicht zu bezweifeln wagte), in Einklang bringen 
könne. Es stellte sich dann heraus, daß seine hypochondrischen 
Ideen in ein größeres, philosophisches System verflochten, gleich- 
sam in dessen Gebäude hineingebaut waren. Seit längerer Zeit 
interessierte sich der junge Mann für die Naturphilosophie 
Östwalds, als dessen eifrigen Anhänger er sich bekannte; 
einen besonders tiefen Eindruck machte auf ihn die energetische 
Hauptidee und die starke Betonung des ökonomischen Prinzips 
in den Vorschlägen jenes Gelehrten* Die Sentenz, daß man mit 
möglichst geringer Energieausgabe möglichst viel zustande 
bringen soll, wollte er in seiner praktischen Lehensführung in 
jeder Hinsicht realisieren, verstieg sich aber dabei zu Über- 
treibungen, die sogar der die Intelligenz des Bruders besonders 
hochschätzenden Schwester sonderbar vorkamen. Solange er sich 
nur ungemein punktliche schriftliche Tagesordnungen zurecht- 
legte, in denen jeder körperlichen und jeder Art geistiger 
Tätigkeit eine bestimmte Zeit eingeräumt wurde, mag er noch 
als besonders folgsamer Schüler seines Meisters gegolten haben; 
er begann aber später die Tendenz zur Sparsamkeit derart zu 
übertreiben, daß er sie — natürlich unbewußt — förmlich ad 
absurdum führte* Am auffälligsten wurde dies, als die Ver- 
quickung mit den hypochondrischen Ideen zustande kam. Er 
spürte in den verschiedensten Organen Parästhesien, u* a. in 
den Beinen, und bemerkte, daß diese schwanden, wenn er das 
Bein hoch hob. Um nun seine Aufmerksamkeit, deren Energie 
er nach seiner Überzeugung für wertvollere Leistungen als zur 
Perzeption körperlicher Zustande zu verwenden die Pflicht hatte, 
von den Empfindungen im Beine abzulenken, hieß er seine 
Schwester, ihm das Bein hoch zu halten, damit er sich unge- 



272 S. Ferenczi 

stört in seine Gedanken — die wertvollsten Leistungen, deren 
er fähig war — versenken könne. Die Schwester kam diesem 
Wunsch öfters getreulich nach. — Allmählich kam er zur 
Einsicht, daß er selber eigentlich überhaupt keine andere 
Arbeit leisten dürfe als denken; die Ausführung seiner Ideen 
im einzelnen — eine untergeordnete Arbeit — müsse Leuten 
mit geringeren Fähigkeiten überlassen werden. So kam er dazu, 
sich nur mehr mit Problemstellungen zu beschäftigen y und 
füllte seinen Stundenplan mit der Aufgabe aus, über die letzten 
naturwissenschaftlichen, psychologischen und philosophischen 
Fragen nachzudenken. Seiner Umgebung gab er den Auftrag, 
in der von ihm genau vorgeschriebenen Weise für die absolute 
Ruhe während seiner geistigen Arbeit zu sorgen., All dies hätte 
seiner Familie noch keine ernstlichen Besorgnisse bereitet, hätte 
er — der bisher so fleißig seinen Agenden oblag — sich nicht 
einem völligen Nichtstun hingegeben* In seiner Anstrengung, 
„mit möglichst günstigem Koeffizienten" zu arbeiten, brachte 
er es also dazu, die nächstliegenden Aufgaben (da sie mit der 
Theorie der energetischen Ökonomie nicht wörtlich in Ein- 
klang zu bringen waren) zu vernachlässigen; das Gebot des 
möglichst ökonomischen Schaffens diente ihm alsOj und zwar 
folgerichtig, dazu, das Schaffen überhaupt aufzugeben. Er lag 
stundenlang untätig in gewissen künstlich hergestellten Posi- 
tionen. — Diese letzteren mußte ich als eine Art katatonische 
Körperhaltung, die rein psychischen Symptome als Bruchstücke 
von hypochondrischen und Größen Wahnideen auffassen und der 
Familie des Patienten zu verstehen geben, daß ich den Fall 
für eine paranoide Paraphrenie (Dem. praecox) und den jungen 
Mann einstweilen für anstaltsbedürftig hielte. Die Familie lehnte 
die Diagnose und den ärztlichen Rat zunächst ab, obzwar ich 
die Möglichkeit, daß es sich um einen leichten und vorüber- 
gehenden Anfall handle, offen ließ. 



Klinische Beobachtungen bei Paranoia u. Paraphrenie 273 

Bald kam aber die Schwester wieder und erzählte mir folgen- 
des: Der Bruder ersuchte sie, sie möchte in seinem Zimmer 
schlafen, da er sich so wohler fühle, was seiner geistigen 
Leistungsfähigkeit zugute komme; die Schwester leistete diesem 
Ansuchen Folge* Einigemal ließ er sich bei Nacht die Beine 
hoch heben. Dann fing er an, der Schwester von erotischen 
Gelüsten und Erektionen zu sprechen, die ihn in der 
Arbeit störten. Zwischendurch sprach er von seinem Vater, der 
ihn zu streng behandelt habe, und dem gegenüber er bis jetzt 
lieblos gewesen sei ; jetzt erst habe er in sich wie im. Vater 
ihre gegenseitige Zuneigung entdeckt. Plötzlich sagte er: es sei 
gegen die energetische Ökonomie, wenn er seine erotischen 
Bedürfnisse bei fremden Frauenspersonen und für Geld 
befriedige; es sei doch einfacher und müheloser, dabei gefahr- 
und kostenlos» mit einem Worte: ökonomischer» wenn sich die 
Schwester, im Interesse seiner psychischen Leistungsfähigkeit 
und in treuer Befolgung des „energetischen Imperativs", dazu 
hergebe* Nach diesem Zwischenfall (den übrigens die Schwester 
geheimhielt) und, nachdem der Patient selbstmordverdächtige 
Äußerungen tat, wurde er in einer Heilanstalt interniert. 

u 

Ein sehr intelligenter junger Mann, B,, der nebst der pünkt- 
lichen Erfüllung seiner Amtspflichten ganz bemerkenswerte 
dichterische Leistungen zustande brachte und dessen Ent- 
wicklungsgang Ich seit mehr als vierzehn Jahren verfolge, war 
mir stets als einer jener Größen- und Verfolgungswahnsinnigen 
bekannt, die es verstehen, ihre Symptome so weit zu zügeln, 
daß sie in der Gesellschaft noch bestehen können. Da mir 
seine literarischen Arbeiten gefielen und ich einigemal sogar 
den — allerdings mißlungenen - — Versuch machte, das Inter- 
esse maßgebender Persönlichkeiten auf ihn zu lenken, faßte er 

Ferenczl, Bausteine zur Psychoanalyse II 18 



274 S. Ferenczi 

eine ausgesprochene Sympathie zu mir. Er besuchte mich etwa 
einmal im Monat, erzählte mir wie einem Beichtvater seine 
Leiden und ging stets einigermaßen beruhigt von mir. In 
seiner Stellung brachten ihn die Kollegen und Vorgesetzten — 
wie er mir erzählte — in die peinlichsten Situationen. Er tue 
stets seine Pflicht, ja, meistens noch mehr, als man von ihm 
fordere, und doch (oder vielleicht darum!) seien sie ihm alle 
feindlich gesinnt. Offenbar beneide man ihn wegen seiner über- 
legenen Intelligenz und seiner hohen Verbindungen. Nach den 
Injurien befragt* die man ihm zufügte, konnte er nur geringfügige 
Scherze seiner Amtskollegen und eine das Maß des Gewöhnlichen 
nicht übersteigende Mißachtung seitens der Chefs angeben. Er rächte 
sich, indem er alle kleineren und größeren Versehen, Fahr- 
lässigkeiten, Regelwidrigkeiten, angeblich auch unrechtmäßige 
Vorteile, die sich die anderen Beamten zuschulden kommen 
ließen, sich sorgsam merkte. Zeitweise, wenn seine auf- 
gespeicherte Unzufriedenheit in offen e Auflehnung ausbrach, 
rührte er all diese meistens längst veralteten Sachen auf, 
brachte sie auch dem jeweiligen Leiter des betreffenden 
Ressorts zur Kenntnis» wodurch er sich immer, manchmal 
aber auch den Kollegen und Vorgesetzten, Unannehmlichkeiten 
und Verweise zuzog- Es gelang ihm endlich wirklich, sich mit 
fast jedem zu verfeinden, und er ersparte sich so die Mühe, 
die Feindseligkeit seiner Amtsbrüder aus kleinen Anzeichen zu 
konstruieren; er machte sich gründlich verhaßt; jede Sektion 
freute sich, ihn loszuwerden, und benützte jeden Anlaß, ihn 
in eine andere Abteilung versetzen zu lassen. Nach solchen 
Versetzungen gab es auch bei ihm n Versetzungsbesserungen". 
Von jedem neuen Chef erwartete er die endliche Anerkennung 
seiner Vorzüge, bei jedem glaubte er unzweideutige Anzeichen 
besonderer Hochachtung seiner Fähigkeiten und große Sym- 
pathie zu bemerken ; doch recht bald stellte es «ich heraus, daß 



Klinische Beobachtungen bei Paranoia u. Paraphrenie 275 

auch der neue Chef nicht mehr tauge als die früheren. Aller- 
dings hätten diese früheren ihn gewiß beim neuen Chef 
-denunziert; die ganze Bande stecke ja unter einer Decke usw. 
Ähnlich schlecht erging es ihm in seiner literarischen Tätig- 
keit, Die bereits anerkannten Schriftsteller bilden — wie er 
mir sagte — unter sich eine Interessengemeinschaft, „eine 
Maffia", die junge Talente nicht aufkommen läßt* Und doch 
seien seine Werke den allerberühmtesten der Weltliteratur an 
-die Seite zu stellen, — In sexueller Hinsicht war er stets 
ziemlich bedürfnislos. Er hat einigemal bemerkt, daß er bei 
Frauen ein ihm selber unerklärliches Glück hat, er gefalle 
allen, ohne daß er sich viel um sie kümmere, er müsse sich 
vor ihnen sehr in acht nehmen usw, (d, h, nebst den Ver- 
folgungs- und Größenideen produziert er auch erotomanische). 

Aus zeitweise gemachten Mitteilungen wurden mir dann 
auch die tieferen Schichten seiner seelischen Existenz bekannt. 
Et lebte unter ärmlichen Verhältnissen* was eine frühzeitige 
Entfremdung mit dem anfangs heißgeliebten Vater verursachte; 
er Übertrag dann (in seiner Phantasie) die Vaterrolle auf einen 
Ünkeh der es an Rang und literarischem Ruhm ziemlich weit 
brachte, doch bald mußte er einsehen, daß er von diesem 
Egoisten nichts zu erwarten habe, zog also seine Liebe auch 
von ihm zurück und machte — wie wir sahen — einerseits miß* 
lungene Versuche, in seinen Vorgesetzten die verlorene Vater- 
imago wiederzufinden, andererseits zog er seine Libido narzißtisch auf 
sich selbst zurück und delektierte sich an den eigenen hervor- 
ragenden Eigenschaften und Leistungen, 

Etwa im zwölften Jahre unserer Bekanntschaft kam es aber 
zum Zusammenbruch. In einer allzu heftigen Entrüstung über 
die vermeintliche schlechte Behandlung attackierte er tätlich 
seinen höchsten Vorgesetzten. Es kam zu einer langwierigen 
und peinlichen Untersuchung* die noch verhältnismäßig gl impf - 

10* 



276 S. Ferenczi 

lieh endete, der Patient wurde für „nervenkrank" erklärt und 
in Pension geschickt, Zu gleicher Zeit etwa — wohl schon 
etwas früher, aber besonders seit seiner Entlassung aus dem 
Amte — fing er an, sich eingehender für die psychoanalytische 
Literatur zu interessieren- 1 Unter anderem las er auch meine 
AbhancUung über den Zusammenhang zwischen Paranoia und 
Homosexualität, Er stellte direkt die Frage an mich, ob ich 
auch ihn für einen Paranoiker und Homosexuellen halte, und 
machte sich mit überlegenem Humor über diese Idee lustig. 
Doch scheint diese Idee in ihm Wurzel gefaßt zu haben und 
bei seiner sonstigen Untätigkeit üppig aufgeschossen zu sein, 
denn eines Tages kam er ganz erregt und enthusiasmiert zu 
mir und erzählte, daß er mir nachträglich recht geben müsse; 
er war wirklich ein Verfolgungswahns inniger; es sei wie eine 
Erleuchtung über ihn gekommen, daß er eigentlich innerlich 
ein Homosexueller sei; er erinnere sich verschiedener Vor- 
kommnisse, die ihm das direkt bestätigten. Jetzt könne er sich 
seine merkwürdigen — halb ängstlichen, halb libidinösen — 
Sensationen erklären, die er in der Gegenwart eines älteren 
Gönners stets verspürte; auch verstehe er jetzt, warum er die 
Neigung hatte, sich mir körperlich womöglich so weit zu 
nähern, daß er den Hauch meines Atems zu spüren 
bekomme** Nun wisse er auch, warum er jenen Gönner homo- 
sexueller Absichten (ihm gegenüber) beschuldigte: es war ein- 
fach der eigene Wunsch der Vater dieses Gedankens! 

Ich war sehr erfreut über diese Wendung, nicht nur mit 
Rücksicht auf den Patienten, sondern auch, weil dieser Fall 

t) Da es mir ganz aussichtslos schien, wollte ich ihn der Analyse 
nicht unterziehen. 

2) Diese seine Eigenart ist mir tatsächlich schau früher aufge fallen 
und von mir im Sinne des übertragenen Erotismus gedeutet worden; 
natürlich hütete ich mich aher seinerzeit, ihn darauf aufmerksam zu 
machen und ihm das Symptom zu erklären. 



-1 



Klinische Beobachtungen bei Paranoia u. Paraphrenie 277 

meine geheime Hoffnung, daß es um die Therapie der Paranoia 
im allgemeinen doch nicht so ganz schlecht bestellt sei* 
erstarken ließ* 

Tags darauf kam der Patient wieder; er war noch immer 
erregt, aber nicht mehr so euphorisch; er habe große Angst, 
sagte er mir; die homosexuellen Phantasien kämen immer 
unerträglicher über ihn ; er sehe große Phalli vor sich, vor 
denen er sich ekelt; er phantasiere sich mit anderen Mannern 
(u, a. auch mit mir) in päderastische Situationen hinein. Ich 
versuchte — mit Erfolg — ihn zu beruhigen, sagte ihm, daß 
diese Phantasien nur wegen ihrer Ungewohnt heit so stark auf 
ihn wirken, später werde er von diesen Ideen gewiß nicht so 
viel zu leiden haben. 

Dann hörte ich einige Tage nichts von ihm, bis mich eines 
seiner Familienmitglieder aufsuchte, um mir mitzuteilen, daß 
der Patient, der seit zwei, drei Tagen unzugänglich sei, 
halluziniere, vor sich hinspreche, am Vortage zuerst zu seinem 
Onkel, dann ins Palais eines bekannten Magnaten eingedrungen 
sei und dort Skandal gemacht habe* Von dort ausgewiesen, kam 
er nach Hause, legte sich zu Bett und wollte kein Wort mehr 
sprechen; zeitweise sei er aber ganz klar und versichere» es 
fehle ihm nichts und man soll ihn ja nicht in eine Irrenanstalt 
transportieren. 

Ich besuchte den Patienten und fand ihn tatsächlich in tiei 
katatonischem Zustande (starre Körperhaltung, Negativismus, 
Unzugänglichkeit, Halluzinationen), Im ersten Momente bei 
meinem Eintreten schien er mich zu erkennen, reichte mir 
die Hand, doch sofort verfiel er wieder in den katatonischen 
Stupor. — Es dauerte Wochen, bis er sich in der Heilanstalt, 
in die er interniert wurde, allmählich etwas erholte, und 
Monate, bis er von dort — gebessert — entlassen werden 
konnte* Als ich ihn wiedersah, hatte er nicht die volle Krank- 



278 & Ferenczi 

heitseinsicht, — ex objektivierte zum Teil seine paraphierten 
Beeinträchtigungsgefühle, ein Teil der alten paranoischen Wahn- 
gebilde war wieder lebendig, ■ — dagegen flüchtete ersieh ängst- 
lich vor homosexuellen Gedankenregungen, leugnete, daß er 
an einer Psychose leide» und glaubte nicht mehr an 
den kausalen Zusammenhang zwischen seinen 
psychischen Erlebnissen und der Homosexualität« 
Ich drang natürlich nicht weiter in ihn und versuchte nicht, 
ihm seine frühere Überzeugung wieder beizubringen. Der 
Patient mied mich von nun an auffällig; wie ich erfuhr, 
mußte er später wegen der Rezidive des Aufregungszustandes 
nochmals, diesmal für etwas kürzere Zeit, interniert werden. 

Das Gemeinsame an den hier mitgeteilten zwei Fällen 
(abgesehen von der in jedem Falle von Paranoia und Para- 
phrenie nachweisbaren latenten Homosexualität, auf die ich 
hier nicht naher eingehen will) 1 ist, daß uns beide recht 
interessante Aufklärungen über die Rolle der Wahnsystem- 
bildungen bei der Paranoia geben, Der Patient A erkrankt, 
indem er — statt sich die Mühe zu nehmen, ein eigenes 
System zu konstruieren — ein fertiges philosophisches System 
(die Naturphilosophie Ostwalds) en bloc adoptiert. Philosophische 
Systeme, die das ganae Weltgeschehen rationell zw erklären 
suchen und für das Ir rationelle (d. h, einstweilen Unerklärliche) 
keinen Raum übriglassen, wurden bekanntlich mit den 
paranoischen Wahnsystemen verglichen* Jedenfalls entsprechen 
solche Systeme ganz besonders den Bedürfnissen des Paranoikers, 
dessen Symptome gerade dem Zwange entspringen* die eigenen 
irrationellen inneren Strebungen aus dem äußeren Welt- 

1) Ich verweis« auf die diesbezüglichen Arbeiten von Freud (Ein 
autobiographisch beschriebener Fall von Paranoia» 1911» Ges. Sehr,, 
Bd. VIII) und von mir (Über die Holle der Homosexualität usw., Bd. I 
dieser Sammlung). 






Klinische Beobachtungen bei Paranoia u. Paraphrenie 279 

geschehen rationell zu erklären. Es zeigt sich hier auch recht 
hübsch, wie das adoptierte System allmählich immer mehr 
dazu verwendet wird, die eigenen rein egozentrischen, verdrängten 
Wünsche (Nichtstunj Inzestgelüste der Schwester gegenüber) zu 
rationalisieren. 

Der Fall B zeigt wiederum, wie verhängnisvoll es für einen 
Paranoischen sein kann, wenn ihm das System, das er sich 
mühevoll aufbaute und auf das gestützt er sozial noch tätig 
sein konnte, plötzlich entrissen wird, B gelang es, alle seine 
ethisch inkompatiblen Gelüste auf die bureaukratische Umgebung 
zu projizieren; er wurde zum Opfer einer systematischen 
Verfolgung- Aus dem Amte entlassen, wurde ihm gleichsam 
sein System geraubt; zufälligerweise stieß er gerade in dieser 
Zeit des Systemverlustes auf die psychoanalytische Literatur, die 
ihm — obzwar er auch früher einiges davon hörte — erst jetzt 
einleuchten konnte* Vorübergehend schien er geneigt, sein 
Verfolgungssystem mit der (nach unserer Ansicht) richtigen 
Einsicht in seine wahre Persönlichkeit einzutauschen, sich mit 
den eigenen verdrängten Komplexen zu befreunden, Doch bald 
zeigte es sich, daß ihm diese Einsichten allzu unerträglich 
waren, vor der stürmisch einsetzenden Angst mußte er sich — 
da er kein anderes passendes System zur Verfügung hatte und 
da ihm dies eine zweite neurotische Fixierungsstelle ermöglichte 
— in die Demenz flüchten. Er erholte sich aus dem para- 
phrenischen Anfall nur und insoweit, als es ihm gelang, die 
psychoanalytische Einsicht wieder aufzuheben und das Verfolgungs- 
system zu rekonstruieren. — Solche enge Beziehungen zwischen 
Systembildung und Paranoia erklären vielleicht auch die Tat- 
sache, daß neuen wissenschaftlichen, z. B. physikalischen und 
philosophischen Systemen, Erfindungen und Theorien stets ein 
ganzer Troß von Psychopathen nachfolgt, In therapeutischer 
Hinsicht mahnt uns der Fall B, die pessimistische Ansicht 



28o S- Ferenczi 



Freuds über die psychoanalytische Therapie der Paranoia 1 
a uf rechtzuerhalten. 

Die eigentümliche katatonische Haltung des Patienten A 
(Liegen mit hochgehobenem Beine) verdient meiner Ansicht 
nach eine besondere Hervorhebung, Die Deutung dieses 
motorischen Symptoms machte uns der Patient leicht, indem 
er die Aufgabe, das Bein zu halten, der Schwester übertrug 
und bald darauf mit den inzestuösen Gelüsten der Schwester 
gegenüber offen hervortrat. Wenn wir die uns längst bekannte 
symbolische Identifizierung von Bein und Penis* Beinstreckung 
und Erektion, hinzunehmen, dürfen wir wohl jene katatonische 
Haltung als Ausdrucksmittel (und gleichzeitiges Abwehrmittel) 
der verdrängten Erektionstendenz ansehen. Es ist denkbar, daß 
die Sammlung ähnlicher Beobachtungen die katatonische Steifheit 
überhaupt in diesem Sinne aufklären wird« Zur Stütze dieser 
Auffassung kann ich einen dritten Fall heranziehen. 

in 

Ein Paraphreniker mit ungemein scharfer Fähigkeit zur 
Selbstbeobachtung erklärte mir spontan, daß er mit allen seinen 
absonderlichen katatonen Haltungen und Bewegungen erotische 
Empfindungen an den verschiedenen Körperstellen abzuwehren 
sucht* Die extreme Rumpfbeuge Stellung — die er minutenlang 
einhielt - — diene ihm z. B. dazu, *,die Erektion des 
Darmes zu knicken". 



i) Im Gegensatz zu £ j e r r e, der eine Paranoia analytisch geheilt 
haben will. (Jahrb. f. PsA., II. Bd. Dieser Fall Bjertes ist nach 
meiner und Freuds Ansicht keine echte Paranoia gewesen.) 



Reizung der analen erogenen Zone als 
auslösende Ursache der Paranoia 

(Beitrag zum Thema: Homosexualität und Paranoia) 

(i 9 n) 
Die Analyse der Seh reb er sehen Selbstbiographie 1 und die 
Untersuchung paranoischer Patienten 1 stellte die entscheidende 
Rolle der meist mit Hilfe der Projektion abgewehrten Homo- 
sexualität in der Pathogenese dieser Psychose fest. Seitdem hatte 
ich eine Reihe von Paranoischen zu beobachten Gelegenheit 
und bei allen ohne Ausnahme mußte ich die Krankheitssymptome 
als Folgeerscheinungen der zerstörten sozialen Sublimierung der 
Homosexualität deuten. Sie waren alle als Individuen anzu- 
sehen, deren Entwicklung vom Autoerotismus zur Objektliebe 
eine Störung erlitt, und die dann infolge infantiler „narziß- 
tischer*' Fixierung und späterer akzidenteller Ursachen auf die 
homosexuelle Stufe zurückfielen* sich aber dieser mit ihrem 
Bewußtsein unverträglich gewordenen Perversion erwehren 
mußten. 

1) Freud, Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch 
beschriebenen Fall von Paranoia. (Ges. Sehr., Bd. VIH,) 

3) Ferencai, Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der 
Paranoia, (Bd, I dieser Sammlung), 



282 & Ferenczi 

Eine dieser Beobachtungen will ich hier nachholen* 

Ein etwa 45 Jahre alter* immer nüchtern gewesener, schwä- 
bischer Bauer 1 wird mir als Verfolgung« wahnsinniger vor* 
gestellt* Er leide — so erzählt mir seine Frau — an der fixen 
Idee, daß jeder Mann, der sich ihm nähert, sein Feind sei, 
ihn vergiften möchte, mit den Fingern auf ihn zeige, ihn 
hänseln wolle. Wenn der Hahn im Hof kräht, wenn ein 
Fremder auf der Straße an ihm vorbeigeht* so geschehe das 
immer seinetwegen* 

Ich frage den Patienten, wie er sich mit seiner Frau ver- 
trägt — (ich wußte, daß Ei fers uchts Wahnideen nicht nur bei 
der Alkoholparanoia vorkommen). Er wie die Frau antworteten 
einstimmig, daß diesbezüglich alles in Ordnung sei; sie hätten 
sich gern, hätten mehrere Kinder ; allerdings enthalte sich 
Patient, seitdem er krank ist, vom Geschlechtsverkehr, aber das 
sei nur, weil er „andere Sorgen" habe. 

Ich frage \veiter, ob er sich für die Gemeindeangelegenheiten 
interessiere und wenn ja : ob sich darin seit seiner Krankheit 
nichts geändert hätte. (Ich weiß nämlich aus Erfahrung, daß 
die später paranoisch werdenden, gleichwie die wirklich Homo- 
sexuellen, ein ungewöhnlich hohes Maß sozialen Interesses auf- 
bringen und betätigen, dieses aber beim Ausbruch der Paranoia 
ganz oder teilweise verlieren.) Die Frau antwortet mit einem 
lebhaft wiederholten „Ja"* Ihr Mann sei „Geschworner" ge- 
wesen, als solcher immer sehr eifrig, seit seiner Krankheit 
kümmere er sich um die Gemeinde gar nicht. 

Nun begann der Patient, d^x bis jetzt alles ruhig angehört 
und auch selbst bestätigt hatte, unruhig zu werden und sagte 
— darüber befragt — nach längerem Drangen t daß ich offenbar 

1) In der Nabe von Budapest gibt es eine kleine Anzahl von Dörfern 
mit deutscher Bevölkerung, Diese ungarläjidischen Deutschen werden 
gemeinhin „Schwaben" genannt. 



Reizung der analen Zone u. Paranoia 283 

von seiner Frau geheime Winke bekäme, denn er könne sich 
nicht vorstellen, daß ich sonst alles so zutreffend hätte erraten 
können* 

Ich setze das Verhör zunächst unter vier Augen fort, 
worauf mir der Patient nachträglich zugibt, daß ich auch bezüg- 
lich der Eifersucht recht gehabt hätte; er wollte es nur in 
Anwesenheit der Frau nicht sagen. Tatsächlich verdächtige er 
seine Frau insgeheim mit allen Mannspersonen, die im Hause 
verkehren, (Ich deutete mir die Eifersucht, unter Berücksich- 
tigung der seit Monaten beobachteten Abstinenz, die zur Ver- 
liebtheit nicht recht paßt, als Projektion des eigenen Gefallens 
am männlichen Geschlecht*) 

Ich frage nun, wann und unter welchen Umständen diese 
Veränderung in ihm und in seiner Umgebung entstand, worauf 
mir der Patient folgende zusammenhangende Erzählung gibt: 
Er sei vor einigen Monaten wegen einer Mastdarmfistel 
zweimal nacheinander operiert worden. Die zweite Operation 
habe der Arzt schlecht gemacht. Nach dieser Operation hätte 
er längere Zeit ein ^Rumoren in der Brust** verspürt und 
täglich mehrere Anfälle von „Todesangst" bekommen. Er hatte 
dabei das Gefühl* „als ob die Fistel plötzlich in den 
Magen hinaufstiege und er daran sterben müßte". 
Von dieser Angst sei er jetzt geheilt und jetzt wollen ihn die 
Leute für verrückt erklären. 

Die Frau und ein als Begleiter mitgekommener Bekannter 
bestätigten die Aussagen des Patienten und stellten insbesondere 
fest, daß die Wahnideen tatsächlich erst nach dem 
Aufhören der von der Operation ausgelösten 
Parästhesien und Angstzustän de eingesetzt 
hätten. Nachträglich hätte er auch den Operateur beschul* 
digt, die Operation mit Absicht schlecht ausgeführt zu haben. 

Nach allem, was mir über den Zusammenhang der Paranoia 



284 S. Ferenczi 

und der Homosexualität bekannt war, mußte ich hier annehmen, 
daß die Darmerkrankung und die infolge deren notwendig ge- 
wordenen Manipulationen von Männern (Ärzten) am Mastdarm 
bislang latent gewesene oder sublimierte homosexuelle Neigungen 
des Patienten durch Wiederbelebung kindlicher Erinnerungen 
entfacht haben konnten* Bei der symbolischen Bedeutsamkeit 
des gezückten Messers schien mir insbesondere die — ohne 
Narkose ausgeführte — zweite Operation, bei der das schnei- 
dende Instrument tief in den Mastdarm eingeführt wurde, 
geeignet, die infantile Vorstellung des coitus a tergo regressiv 
zu beleben. 

Ich machte nicht viele Umstände, sondern fragte den Patienten 
direkt, ob er nicht als Kind mit anderen Buben unerlaubte 
Dinge gemacht hätte. Die Frage überraschte ihn augenscheinlich 
und er ließ eine Weile auf die Antwort warten. Dann sagte er 
aber, — ziemlich verschämt, — daß er allerdings als fünf- bis 
sechsjähriger Knabe mit einem Altersgenossen» der jetzt 
einer seiner größten Feinde sei, ein eigentümliches 
Spiel zu treiben pflegte. Jener forderte ihn auf, sie möchten 
miteinander „Hahn und Henne** spielen. Er ging darauf 
ein und spielte dabei stets die passive Rolle, er war die „Henne , 
Der andere aber führte entweder den erigierten Penis oder den 
Finger in seinen Mastdarm ein; manchmal steckte er ihm 
Kirschen in den Anus und holte sie mit dem Finger wieder 
heraus. Dieses Spiel hätten sie bis zu ihrem zehnten bis elften 
Jahre fortgesetzt. Seitdem' er aber wisse, daß solche Dinge gottlos 
und ekelhaft seien, tue er nie dergleichen, es sei ihm sogar 
diese Geschichte seitdem nie eingefallen. Er versicherte mir 
wiederholt, daß er jetzt dieses schändliche Tun verachte. 

Diese Erinnerung beweist nun, daß unser Patient tatsächlich 
ungewöhnlich lange und intensiv bei der homosexuellen Objekt- 
wahl verweilte* diese aber dann energisch verdrängt, zum Teil 



Reizung der analen Zone u. Paranoia 2B5 

wohl sublimiert hatte. Die brutalen Eingriffe an seiner erogenen 
Analzone waren dann sehr wohl geeignet, den im Unbewußten 
fortlebenden Wunsch nach Wiederholung der infantil-homo- 
sexuellen Spielerei zu erwecken. Was aber damals kindische 
Üelustigung war, — die Sexualität, — wuchs inzwischen zum 
impetuosen und gefahrlichen Triebe eines erwachsenen, kräf- 
tigen Menschen heran, Kein Wunder, wenn sich der Patient 
gegen die abnorme (perverse) Verwendung solcher Libidomengen 
zur Wehre setzte und sie zunächst zu Parästhesien und 
Angst zu konvertieren, dann als Walingebilde aus dem 
Ich in die Außenwelt zu projizieren suchte. Den Parästhesien, 
die dem Ausbruche des Verfolgungswahnes vorausgingen („Auf- 
steigen der Mastdarmfistel in den Magen 4 ), entsprach wohl 
dieselbe unbewußte, passiv-päderastische Phantasie, die auch den 
Wahnvorstellungen zugrunde liegt. Es ist nicht unwahrschein- 
lich, daß dieses Stadium den Versuch einer paraphrenischen 1 
Erledigung der Homosexualität, d. h. die totale Abwendung 
vom Manne und die Rückkehr zum analen Autoerotismus 
bedeutete und daß erst mit der „Wiederkehr des Verdrängten", 
d* h. mit der Wiederbesetzung der lange Zeit hindurch sublimiert 
geliebten, dann ganz abgelehnten männlichen Objekte der 
Verfolgungswahn ausbrach. Der „krähende Hahn im Hofe", 
dem der Patient in seinen Wahnideen einen besonderen Platz 
einräumte, ist wohl derselbe „ größte Feind 1 *, dem gegenüber er 
als Kind die Henne spielte. 

Meine Vermutung aber, daß die Vergiftungsangst, 
wie in so vielen anderen Fällen, auch hier den Wunsch nach 

1) Paraphrenie ist der von Freud vorgeschlagene und ob seiner 
Unpräjndixierlichkeit empfehlenswerte Ausdruck an Stelle der „Dementia 
praecox"* Übrigens ist die Pathologie der par&phrenischen Psychose 
noch nicht so weit geklärt, daß man {2. B, in diesem Falle) die sen- 
siblen Reizerscheinungen und die Angst nicht auch als hysterische 
Konversionsversuche deuten könnte. 



286 S. Ferenczi 

Geschwängertwerden symbolisiert, konnte ich, da ich mit dem 
Patienten nur ein einziges Mal sprach» durch keine Beweise 
erhärten. 

Über die Aussichten der Heilung des Patienten mußte ich 
mich sehr skeptisch äußern, ließ aber die Möglichkeit offen, 
daß, wenn die Mastdarmfistel ganz verheilt und so das ^körper- 
liche Entgegenkommen" nachlaßt, die Wahnvorstellungen teil- 
weise oder ganz aufhören können und der Patient seine Subli- 
mierungsfähigkeit (Fähigkeit zur vergeistigten Homosexualität: 
Freundschaft, Gemeinsam) wiedergewinnen kann. 



Wirkung der Potenzverkürzung des Mannes 
auf das Weib 

(i 9 o8) 
Die Frage nach der physiologischen und psychischen Ursache 
der vorschnellen Ejakulation und die Beschreibung deT nervösen 
Zustände, die sie begleiten, hat schon eine große Literatur. 
Dagegen spricht man zu wenig oder gar nicht von den Folgen, 
die diese zeitliche Verkürzung der Kohabitation im Nexven- 
und Seelenleben des anderen Geschlechtes hervor- 
ruft Wer aber, den Weisungen Freuds folgend, das 
Ehe* oder Sexualleben der an Angsthysterie leidenden 
weiblichen Patienten eingehend untersucht, wird sich über- 
zeugen, daß die Angst, Beklemmungs- und Unruhezustände 
fast ausnahmslos auf sexuelles Unbefriedigtsein oder unvoll- 
kommene Befriedigung zurückzuführen sind und daß der 
häufigste Grund dafür die Ejaculatio praecox des Mannes ist. 
Doch auch abgesehen von den ausgesprochen pathologischen 
Fällen der Ejaculatio praecox (die mit mehreren anderen 
Zeichen der sexualen Neurasthenie gemeinsam aufzutreten 
pflegen) und abgesehen davon, daß das männliche Geschlecht 
im Vergleich mit dem weiblichen zumeist an relativer 
Ejaculatio praecox leidet, also selbst im günstigsten 



288 & Ferenczi 

Falle, wo beim Manne die Zeitdauer der Friktionen groß 
genug ist, stellt sich beim Weibe der Orgasmus oft nicht ein, 
sondern es besteht entweder volle Anästhesie oder es stellt sich 
zwar etwas libidinöse Irritation ein, doch bevor der Grad 
erreicht wäre, der zum Orgasmus nötig ist, ist der Akt durch 
den Mann schon beendigt, die Frau aber bleibt unbefriedigt. 

Daß dieser Zustand, wenn er sich stabilisiert, zu einer 
zumindest funktionalen Störung führen muß, hat nur der 
Egoismus der Männer und der meist männlichen Ärzte über- 
sehen können. Wir haben uns seit langem daran gewohnt, das 
Recht zu sexueller Libido und zum Orgasmus nur dem Manne 
zuzugestehen* Wir haben uns ein Frauenideal gebildet und es 
auch von den Frauen annehmen lassen, bei dem vom auf- 
richtigen Eingestehen und der Offenbarung sexueller Begierden 
nie, höchstens vom passiven Dulden die Rede sein kann, das 
also libidinöse Strebungen, wenn sie sich bei der Frau offen- 
baren, einfach zu den krankhaften oder sündhaften Dingen 
stempelt. 

Das weibliche Geschlecht, das sich in Bezug auf Moral wie 
auch in anderen Relationen den Anschauungen der Männer 
unterwirft, hat sich jenes Ideal so sehr zu eigen gemacht, daß es 
ein gegenteiliges Verhalten für die eigene Person selbst in 
Gedanken für unmöglich halt. Es kommt vor, daß eine an 
schwerster Angst leidende Frau, der, wie es sich beim Fragen 
herausstellt, keine anderen als frustrane Erregungen zuteil 
wurden, sich lebhaft und mit aufrichtiger Empörung gegen das 
Ansinnen wehrt, daß sie „eine solche* wäre, der „so etwas* 
abgeht* Nicht nur, daß sie sich nicht danach sehnt, sagt sie 
gewöhnlich, — sondern sie betrachte „die ganze Geschichte* 
eher als etwas Un angenehmes t eine für sie lästige Prozedur, 
der sie gerne entsagen würde, wenn es nur der Mann nicht 
forderte. 



Wirkung der Potenzverkürzung des Mannes auf das Weib 280 

Die erweckten und unbefriedigten Triebe lassen sich aber 
durch moralische Regeln allein nicht gut erledigen ; der sexuelle 
Wunsch, dem die Satisfaktion regelmäßig versagt bleibt, lebt 
sich in unan genehmen Charakterziigen des Weibes aus, bei 
dazu disponierten Individuen löst er aber auch eine Angst- 
neurose, Hysterie oder Zwangskrankheit aus. 1 

Gäben die Männer ihre egoistische Denkweise auf und 
stellten sie sich ein Leben vor, in dem sie den Akt immer 
unterbrechen müßten, bevor der Ausgleich der libidinösen 
Spannung eingetreten ist, so bekämen sie einen Begriff vom 
sexualen Martyrium des weiblichen Geschlechtes^ das — ein 
verzweifeltes Dilemma — zwischen Selbstachtung und voller 
Befriedigung zu wählen hat. Sie würden es dann leichter 
begreifen, warum ein so großer Teil der Frauen vor diesem 
Dilemma in die Krankheit flüchtet. 

Unser teleologisch gerichtetes Denken kann sich aber schwer 
dareinfinden, daß in der „besten der möglichen Weiten**, bei 
einer so elementaren organischen Funktion eine solche Differenz 
zwischen der Zeit, die zur Befriedigung der beiden Geschlechter 
nötig ist, natürlich sein könne. Und die nähere Untersuchung 
zeigt uns auch, daß nicht so sehr die organische Verschiedenheit, 
als* vielmehr die Verschiedenheit der Lebensumstande der 
beiden Geschlechter, die Verschiedenheit in der Größe des 
kulturellen Druckes, der auf beiden lastet, diesen „Dischronismus^ 
in der Sexualität der Ehegenossen erklärt. 

Die Mehrzahl der Männer heiratet nach mehr oder weniger 
(eher mehr) sexueller Betätigung, und die Erfahrung zeigt, daß 
auf diesem Gebiet die Gewohnheit nicht eine Erhöhung der 
Reizschwelle, sondern im Gegenteil vorschnelle Ejakulation 
nach sich zieht* Nicht unwesentliche Steigerung erfahrt diese 

1) Der Instinkt der Frau hat auch darin recht, daß die volle Abstinent 
die Nerven weniger angreift als die frustrane Erregung. 

Fertncil, Baustein« zur Psychoanalyse II 19 



290 S* Ferenczi 

Beschleunigung der Ejakulation hei der Mehrzahl der Männer 
durch die juvenile Masturbation« So kommt es dann, daß die 
Männer zumeist mit einer Art Potenzverkürzung heiraten. 

Demgegenüber wird vom weiblichen Geschlecht in den 
Mädchenjahren jede sexuelle Regung nicht nur in der Realität, 
sondern auch in der Phantasie methodisch ferngehalten; die 
häusliche Erziehung sorgt dafür, daß das Mädchen alles, was 
mit Sexualität zusammenhängt, ekelhaft und verächtlich findet* 
Das heiratsfähige Weib wird infolgedessen im Vergleich zu 
ihrem Mann in sexueller Hinsicht wenn nicht anästhetisch, 
so doch relativ hypästhetisch sein. Aber auch die Masturbation 
hat bei Frauen eine gegensätzliche d, h. den Orgasmus 
störende, hinausschiebende Wirkung. 

Ich fühle mich nicht berufen, die soziologischen Xonse- 
quenzen ans diesen Tatsachen zu ziehen und zu entscheiden, 
ob der im Rechte ist, der auch von den Männern bis zur 
Ehe Keuschheit verlangt, oder der, der die Frauen sexuell 
emanzipieren will. 1 Der Hygieniker dürfte mehr Sympathie 
für die Richtung hegen, von der die Verminderung der weib- 
lichen Hysterie zu erwarten ist, als für die, die die Hysterie 
auch in das männliche Geschlecht hineintragen will. 

Doch ich denke nicht, daß man nur zwischen diesen zwei 
Extremen zu wählen hat. Es muß einen Weg geben, der es 
gestattet, dem sexuellen Interesse der Frau mehr als bisher 
gerecht zu werden, ohne die auf die Familie gegründete soziale 
Ordnung zu zerstören. 

Der erste zaghafte Schritt in dieser Richtung ist die recht- 
zeitige sexuelle Aufklärung der Frauen. Wenn auch in dieser 
Hinsicht viel naive und unverständige Vorschlage auftauchen, 

l) Ich denke, die Frauen sind im Unrecht, wenn sie das p o 1 i- 
tische Wahlrecht für die Arznei aller ihrer Leiden ansehen. Es 
wäre natürlicher, wenn sie das sexuelle Wahlrecht forderten. 



Wirkung der Potenzverktirzung des Mannes auf das Weib 291 

sie tragen alle bei zu dem allmählichen Bruch mit dem auch 
heute noch verbreiteten brutalen Usus, daß ein in sexuellen 
Dingen ganz unerfahrenes, unvorbereitetes und verängstigtes 
Weib am Tage der Eheschließung einfach dem Manne aus- 
geliefert wird. 

Solange solche Verhältnisse herrschen, dürfen wir uns 
darüber nicht wundern, daß die relativ zu schnelle Ejakulation 
des Mannes und die verhältnismäßige Anästhesie der Frau im 
Eheleben in einen solchen Gegensatz zueinander treten und 
daß infolge der „Vorbildlichkeit der Sexualität" die „glück- 
lichen Ehen" so selten sind* 



ip* 



Soziale Gesichtspunkte bei Psychoanalysen 

(1922) 

1 

Der „Familienroman der Erniedrigung" 

Vor Jahren wurde ich telegraphisch in einen fashionablen 
Winterkurort zu einer jungen Komtesse als Consüaxius berufen. 
Diese Berufung überraschte mich nicht wenig, erstens weil 
man, besonders damals, in aristokratischen Kreisen der Psycho- 
analyse im allgemeinen sehr wenig Interesse entgegenbrachte, 
dann auch, weil auch der mir übrigens befreundete Kollege, 
ein älterer Privatdozent der Chirurgie, gleichfalls 3teiu Freund 
unserer Wissenschaft war. Das Rätsel löste sich aber, sobald 
mir nach meiner Ankunft die Krankengeschichte erzählt wurde* 
Die junge Gräfin hatte sich beim Rodeln ein Bein gebrochen, 
sei dabei bewußtlos geworden und habe in diesem Zustand 
laut die greulichsten und obszönsten Flüche, Schimpfworte und 
Redensarten herausgeschrien; dieser Sonderzustand habe sich 
seitdem einigemal wiederholt. „Das dürfte wohl doch ein 
Hysteriefall mit Freudscher Ätiologie sein," sagte sich der 
Kollege und ließ mich kommen. 

Am anderen und dem darauffolgenden Tage hatte ich Gelegen- 
heit, eine gleichsam psychoanalytisch gefärbte Anamnese des Falles 



Soziale Gesichtspunkte bei Psychoanalysen 293 

aufzunehmen. Die Patientin war eine neunzehnjährige hübsche 
Person, von dem etwas weichlichen Vater verzärtelt, von 
der Mutter strenger, aber vorsorglich und liebevoll behandelt. 
Ihre Übertragung galt bereits ganz ausgesprochen dem sie 
behandelnden Chirurgen, der ihr vor etwa acht Tagen den Gips- 
verband anlegte; mir gegenüber benahm sie sich viel reser- 
vierter, immerhin konnte ich mit Hilfe des Kollegen und der 
Eltern folgende Antezedentien feststellen : Die Patientin benahm 
seit jeher etwas sonderbar^ Wenn irgend möglich, flüchtete sie 
sich aus den herrschaftlichen Appartements des Kastells» das sie 
bewohnten, ins Dienstbotenzimmer, wo sie sich besonders an 
eine Amme attachierte, die sie seit ihrer frühesten Kindheit 
betreut hatte. Auch nachdem diese Amme aus dieser Stellung 
schied und in einem entlegenen Nebenhause des Gutes Unter- 
kunft fand, besuchte die Patientin, die inzwischen das Alter von 
16 bis 18 Jahren erreichte, diese Vertrauensperson immer 
wieder, ja sie brachte gegen den Wunsch der Eltern ganze Tage 
bei ihr zu t war ihr bei den häuslichen Arbeiten, auch den 
niedrigsten, wie Scheuern der Dielen, Füttern des Viehes, Reini- 
gung des Kuhstalles usw. behilflich, Nichts war ihr verhaßter 
ab die Gesellschaft ihrer eigenen Klasse; sie war nur mit Not 
und Mühe dazuzubringen, die unvermeidlichsten Besuche zu 
machen und zu empfangen. Ganz annehmbare aristokratische 
Bewerber wies sie ziemlich unwirsch ab* 

Vor einigen Jahren hatte sie eine Neurose durchgemacht, die mir 
die Mutter folgendermaßen schilderte : Plötzlich wurde die Patien- 
tin deprimiert, war stets verweint, verriet aber den Anlaß ihres 
Kummers niemandem. Die Mutter nahm sie mit nach Wien, 
in der Hoffnung, sie durch Unterhaltung aufzuheitern ; ihr 
Gemütszustand besserte sich aber auch dort nicht* Eines Nachts 
kam sie weinend ins Schlafzimmer der Mutter, schlüpfte in ihr 
Bett und eröffnete ihr ihr Herz, Sie leide, sagte sie, an einer 



294 S. Ferenczi 

furchtbaren Angst, sie fürchte, man habe sie im bewußtlosen 
Zustande vergewaltigt* Das hatte sich auf ihrem Landgut zuge- 
tragen, als sie die Mutter einmal zur Bahn begleitete* Nach 
der Abreise der Mutter bestieg sie den Wagen und langte bald 
beim nahen Kastell an, die Rückfahrt kann nicht mehr als 
fünf Minuten gedauert haben, Aber unterwegs sei ihr nicht wohl 
gewesen, wahrscheinlich war sie sogar vorübergehend bewußt- 
los und diesen Zustand hätte der Kutscher zum besagten 
Attentat benützen können. Ob der Kutscher ihr wirklich etwas 
angetan hätte, daran könne sie sich nicht erinnern ; sie weiß 
nur, daß, als sie erwachte, der Kutscher etwas zu ihr sagte, 
sie wisse nicht was. Die Mutter suchte sie zu beruhigen und 
setzte ihr auseinander, daß ihre Angst schon darum ganz grund- 
los sein müsse, da doch eine solche Tat bei Tage, im offenen 
Wagen, auf der lebhaft befahrenen Landstraße ganz unmöglich 
hätte ausgeführt werden können. Die nervöse Aufregung der 
Patientin legte sich aber erst, nachdem sie die Mutter von einer 
ganzen Reihe hervorragender Frauenärzte untersuchen ließ, die 
alle erklärten, daß sie körperlich unberührt sei* 

Während meines zwei Tage dauernden Aufenthaltes im Kur- 
ort konnte ich mich vergewissern, daß es sich um einen Fall 
von traumatisch exazerbierter Hysterie handelt, daß die rohen 
Flüche der Patientin irgendwie mit ihren bäuerischen Passionen 
und jener Vergewaltigungsphantasie zus am menh an gen und daß 
der Fall nur psychoanalytisch aufgeklärt werden kann. Soviel 
konnte ich aber schon nach dem Gehörten vermutungsweise 
angeben, daß sich die Patientin, was übrigens auch von Augen* 
zeugen bestätigt wurde, den Beinbruch durch Mutwillen, viel- 
leicht aus irgendwelcher Selbstbestrafungstendenz, zuzog. 

Später erfuhr ich, daß sich die Patientin statt der vorge- 
schlagenen psychischen Kur zur Nachbehandlung ihres Unter- 
schenkels in ein Sanatorium aufnehmen ließ, sich seither immer 



Soziale Gesichtspunkte bei Psychoanalysen 295 



mehr für die Chirurgie interessierte, im Kriege sich als Pflegerin 
betätigte und trotz des Einspruches der Eltern einen jungen 
Chirurgen jüdischer Abstammung heiratete. 

Ich war also nicht in der Lage, die Lücken dieser Kranken- 
geschichte analytisch auszufüllen, mußte mir aber dennoch sagen, 
daß es sich hier unverkennbar um einen Fall von umgekehrtem 
neurotischen Familienroman, um einen „Familienroman 
der Erniedrigung" handelte. Die geläufigen Familien- 
romane der Neurotiker sind bekanntlich Größenphantasien über 
Rangerhöhungen der Eltern, die aus bescheiden bürgerlichen 
oder ärmlichen Verhältnissen zu aristokratischer oder gar könig- 
licher Würde erhoben werden; ganz analoge Familienromane 
wiesen die psychoanalytischen Mythenforschungen Ranks in 
den bekanntesten Heldenmythen (Moses, ödipus, Romulus und 
Remus usw.) nach, die alle, von vornehmen Eltern stammend, 
ausgesetzt, von armen Bauern oder gar von Tieren aufgezogen, 
schließlich doch wieder zu Ansehen gelangen. Nach Ranks 
sehr plausibler Auffassung sind die tierischen, bezw. häuerischen 
Pflegeeltern eines- und die vornehmen Eltern anderenteils nur 
Doublettierungen der Imagines der Eltern überhaupt. 

Während also im Mythos die „primitiven** Eltern gewöhnlich 
als Vorläufigkeiten behandelt werden und den Vornehmen den 
Platz räumen müssen, sehnt sich meine Neurotika aus der vornehmen 
Welt in eine primitive zurück. Dieser anscheinend unsinnigeWunsch 
steht aber durchaus nicht vereinzelt da. Ich weiß es aus einer 
ganzen Reihe von Kleinkind ergeschichten, daß sich sehr viele 
Kinder unter Bauern, Dienstboten, kleineren Leuten wohler 
fühlen als in der eigenen, viel feineren Häuslichkeit* Nicht 
selten zeigt sich eine besondere Sehnsucht der Kinder, das 
Nomadenleben der Zigeuner zu führen oder gar in ein Tier 
verwandelt zu werden* In diesen Fällen ist es das unverhüllte, 
noch dazu inzestuöse Liebesleben, das auf die Kinder verlockend 



296 S. Fcrenczi 

wirkt und dem zu liebe sie sogar auf Rang uad Wohlstand 
verzichten möchten* Man könnte also in diesem Sinne eben- 
sowohl von hilfreichen Dienstboten und Zigeunern reden, die 
dem Kind in seiner sexuellen Not beistehen, wie so oft die 
„hilfreichen Tiere" in den Märchen. 

Bekanntlich setzt sich manchmal diese Tendenz der Rück- 
kehr zur Natur später auch in der Realität durch; die vielen 
und gerne weitererzählten Geschichten von Verhaltnissen zwischen 
Gräfinnen und Kutschern oder Chauffeuren, zwischen Prinzes- 
sinnen und Zigeunern verdanken also allgemein-menschlichen 
Strebungen das große Interesse, das sie erwecken. 

n 

Psychische Erkrankung als Folge des sozialen Aufstiegs 

Ich verfüge über eine kleine Beobachtungsreihe von Neu- 
rosenf allen» in denen unter den krankmachenden Ursachen dem 
Umstände, daß die Patienten in früher Kindheit, meist während 
der sexuellen Latenzzeit, mit ihrer Familie sozial höher stiegen, 
große Bedeutung zugeschrieben werden mußte. Drei dieser Fälle 
betrafen Männer, die an sexueller Impotenz litten, eine Patientin 
litt an Tic convulsif. Von den drei Impotenten waren zwei 
Vettern, deren Väter zur selben Zeit wohlhabend und „fein** 
wurden, zu einer Zeit* wo ihre Söhne 7 bis 9 Jahre alt waren. 
Alle drei Impotenten machten eine außerordentlich wilde und 
üppige, polymorph-p erver se infantile Sexualität durch, an deren 
Entfaltung sie durch keine Aufsicht, keine Konvention gehindert 
waren. Im besagten Alter kamen sie in ganz ungewohnt feine 
Verhältnisse, zum Teile mußten sie sogar den vertrauten länd- 
lichen Aufenthalt mit dem städtischen oder großstädtischen 
Leben vertauschen, Sie büßten bei diesem Wechsel ihren 
früheren Wagemut und ihre Selbstsicherheit ein, denn gerade 
wegen ihrer Ausgelassenheit mußten sie besonders starke 



Soziale Gesiditspunkte bei Psychoanalysen 297 

Reaktionsbildungen entwickeln, wollten sie den Ichidealen eines 
neuen, vornehmeren Milieus auch nur halbwegs entsprechen. 
Kein Wunder, daß dieser Verdrängungsschub gerade die sexuelle 
Aggressivität und die genitale Leistungsfähigkeit am stärksten 
in Mitleidenschaft zog. 

Schon bei diesen Patienten, noch mehr aber bei der Tic- 
Kranken konnte ich einen das Maß des Normalen weit über- 
steigenden Narzißmus konstatieren, der sich in hochgradiger 
Empfindlichkeit äußerte. Die geringste Nachlässigkeit beim 
Grüßen legten sie als Beleidigung aus; sie alle hatten den 
„Komplex des Geladen-sein-wollens" und konnten jemanden 
wegen Hintansetzung ihrer Person zeitlebens hassen. Natür- 
lich steckte hinter dieser Empfindlichkeit das Gefühl der 
eigenen sozialen Schwachen, besonders aber das unbewußte 
Wirken der perversen Sexualregungen- Die Tic-K ranke 
und einer der Sexual-Impotenten hatten auch das gemein, 
daß sie in der Latenzzeit nicht nur sozial, sondern 
gleichsam auch moralisch höher stiegen, indem gleichzeitig auch 
die Illegitimität ihrer Herkunft korrigiert wurde. Eine jüngere 
Schwester der Tic-Kranken t ältere und jüngere Brüder eines der 
Impotenten blieben von der Erkrankung verschont, vielleicht 
weil sie noch vor Abschluß der infantilen Sexualperioden oder 
schon zu Beginn der Pubertät den großen Milieuwechsel mit- 
machten, der ihnen also nicht mehr schaden konnte. Die 
I^atenzzeit hat ungeheure Bedeutung als die Zeit der Festlegung 
der Charakterzüge und der Statuierung des Ichideals, Die 
Störung der Einheitlichkeit dieses Prozesses etwa durch Änderung 
des moralischen Standard of Hfe mag häufiger, als wir es bis- 
her ahnten, bei den unvermeidlichen Konflikten zwischen Tch 
und Sexualität, zu neurotischer Erkrankung fuhren. 



Register 



Aberglauben 77 : u. Zwangsneurose 65 
Abfuhrinethode hei Psychosen II, 108 
Abraham K, 18 f t 31, 50, 10G, 120, 

Abolitionismus 11 

Abstinenz und frustrane Erregung II, 

389 
Abstinentismus 1 1 

Adler, A, 77, 184, 3G0; IT, 8a f, 84, 118 
Ästhetentum 114; u, Analerotik 117; 

u, Homoerotik 159 
AffekÜosigkeit II, 89 f 
AfFektreaktion u. Reminiszenz II, 86 
Affektübertragung 10 f, 15 t H, 217 
Affektverkehrung 12 i t 17g; u, Pest tag 

n, 181 

Affektvertaus chung; 1* <L Neurose II, 
14a; u. passagere Symptome II, 
145; i. Traum II, 141 f 
Aggressionsphantasien II, 93 f 
Aggressions trieb (Adler) 260 
Agieren; i. d. Analyse II, 45 f; u, 

Verdrängung n, 85 
Aktion und Hemmung II, 175 
Aktions fr eiheit d. Patienten IT, 108 
5i Aktiv* II, 107 

Aktivität II, 62 ff: u, Aktionsfreiheit 
d. Fat II, 108; u. Anlanger JI, 
101; bei Angsthysterie n. hysteri- 



scher Impotenz II, 50 f, 66; 

u, Aasoziationstechnik II, B?R; 
bei^Charakteranalvsen H t 80; u. 
Dauer d. Analyse II, 781"; Ein- 
wände gegen II, 85 f, ggf; u, 
Endspiele der Analyse II, 76^ u. 
Erazerbation d. Symptome II, 84; 
bei Geisteskrankheiten II, 78; bei 
hyst. Anfall II, 7 G; u. Ich II, 101; 
u, Impotenz II, 79; Indikation II, 
74fr, ioaf; u. Katharsis IL 
65, II, 85 f; bei Kinderneurosen 
11,78; bei Konversionshysterie II, 
76 f; Kontraindikation II t 75^ 
99 ff; U. Lehranalyse II, 10a; u. 
Lustprinzip II, 82; u. Männlich- 
keit 1 57 : u. psych . Ökonomie 
II, 85; u* Onanieentlarvung II, 
79; n* Passivität II, 65 f; bei 
Phobie II, 66 ; b. Ph. mit Zwangs - 
befürchtungen II, 67 ff ; u. soziale 
Seite d, Therapie II, 85 j u; 
Suggestion n. Hypnose II, 107, 
u- Tragfesligkeit d, Übertragung 
II, 75: Übertragung und Wi Ver- 
stand bei II, 100 f; u* Überzeu- 
gung d, Pat.^II, 113; u. Ver- 
sagung II, 7a, 101; u. Widerstand 
II, 84; u, Wiedererleben II, 86 



Register 



299 



Alexander, F. II, 109 

Alkohol; u, Fehlhandlung II, 131 j 
u, Homo Sexualität 126^ u, Hygiene 
128; Intoleranz gegen 147?; u. 
Neurosen 145a; u. Sublimioning 
127, 147, 150, 168 

Alkoholparanoia laaff, 146 ; u, Homo- 
sexualität 14$; tl Impotenz 126 

Allegorie 102 

Allmacht 67; bedingungslose 67; u* 
Erotik 79; d. Gedanken 63 f, 60; 
d* Kindes 85 ; magischer Gebärden 
72, 92; magisch-halluzinatorische 
69 f; d. obszönen Worte 77; u. 
Welterkenntnis 9» 

Allmachtsgefühl 77; u. Denken 76; 
ii. Realitätssinn 78 

Allmachtswahn. II, 228 

Alloplastik 221 

Ambisexualität 144, 152, 156, 158, 
II, 211 

Ambivalenz 90; u, Objektivität 91; 
u, Fehlhandlung II, 132, 154 

Amerigo 2^8 

Amphierotisch 152, 158 

Analcharakter 117; u. Analerotik II, 
254; Pedanterie n. Trotz II, 254 

Aji al er 1 ik ; u. Analcharakter II, 254; 
n> Ästhetentumii7;n. Charakter- 
regression II, 259 f;u. Charakter- 
ziige H, 223; u, Eigensinn 1109 
u. geistige Erzeugnisse II, 254 f; 
tu Geiz 110; 118; tu Geldinteresse 
iioff.ll, 2$$U a. Genitalitat H, 
159; u. Hypochondrie naf, 117; 
u. Parfüm 114; u* Riechlust 1115 
u. Sprache II, 257; Verdrängung 
169; der Wilden 119 

Analytiker; Analyse des II, 51; Auf- 
merksamkeit wälrend d. Analyse 
II, 64; Dosierung - d. Anteilnahme 
II, 50; Ferialzeit <L II, 57; Be- 
wältigung d. Gegenübertragung 
II, 50; Gleichgültigkeit gegen 
Einfälle d. Patienten II, 170; 
CTbertragungserfolge de* 11^ 51; 
Unbewußtes des u T d. Pat* II, 55 



Analzone u, Paranoia II* 281 ff 

Analyse; Abreaktion IL 119; affek- 
tives Erleben u, Überzeugung 
II, 9f, 114, 118; Agieren i. d. 
43 f; Aktivität u. Passivität II, 
63 f; des Arztes II, 51 ; u\ Aus- 
drucksverschiebungen II, 23 f ; Be- 
einflussung d. Pat, in der II, 58 ff 
„zum Beispiel" II, 47 ff; Brech- 
reiz u. Zappeln L d. II, 73; 
Dauer der u. Aktivität FT, ^8; 
diskontinuierliche IT, 5$f; Ein- 
schlafen L d* II, gif; Endspiel 
d, tu Aktivität II, 70 j Entschei- 
dung wahrend der IT, 45 f; Flatus 
i ä\ II, 27 f; Fragen <L Pat. II, 
45 fj Gebote u, Verbote L d. II, 
71 f, io3f; u. Geburtserlebnis 
(Kank)II, 118; Halluzinationen i. 
d. II, i8ff; Heihingserfolge II, 
i2jf; historische!!, ngf; Husten 
u. Lachen II, 23; körperliche 
Symptome während A. v» Hysterie 
II, lof; Magengurren L d\ 11^ 24; 
Milieu d, Pat, II, 56 f; iu Päd- 
agogik II, 81 ; passager e Charakter- 
regression II, so ; Onanie während 
d. II, 2if; Positur w* d* II, $6f; 
Schweigen d* Pat. L d. II, 4of; 
Schwindelempfindung gegen Ende 
IT, 2$f; Stuhlbeschwerden II, 21; 
u. Suggestion II, 58; sympto- 
matische Heilung II, 203 ; Termin- 
gebung II, L04S; Tränenfluß II, 
22; Umschalt ung am Schluß d, 
II, 5of, 41; Unruhe gegen Ende 
d. Stunde II, 28; Verhalten d, 
Arztes II, 46 f; u. Versagung II, 
67 j Vertiefung ÖMI, 55 f; Wieder- 
herstellung dt Kontaktes II, 55 f; 
zwei Phasen der II^ 64f 

Analytische Behandlung, Kur s. 
Analyse; Situation (Rank) II, 116 

Andreas-Salome, Lou 1x5 

Anfall, hysterischer u* Aktivität II, 
76 f 

Anfänger u. Aktivität II, 101 



3oo 



Register 



Angst; n, frustrane Erregung II, 288 j 
ti* Geburt 68; bei Hypnose 57, u, 
psychische Impotent II, 406; vor 
Ijeb^ndigbegrabeii werden H t 246; 
u. Libido II, 225 

Angsthysterie 40^54; aktive Technik 
bei II, 59 f, 66; u. ejaculatio 
praecox Ö, 287 

Angstneurose 18,' 4,7^ u* Beschäf- 
tigung Onanie II, 155 

Angstpollutionen II, 155 

Angstträume II t 155; u. Augensym- 
bolik II, 260 f; u* psychische Im- 
potenz II, 20$ 

Angstzustand 285, 285 ; n, Regression 

Animismvis 341: des Kindes 74; n» 

Wissenschaft 241 
Anpassung 94 f 
„Anspielungen durch ein Kleinstes" 

172 
Anthropophyteia II, 201 
Antialkoholismus n;u. Neurose 149 
Antipathie; u. Ekel 54; gegen 

Hypnotiseur 51 ff; u. Sympathie 

Archimedes II, 170 

Argent sec 118 

ATZt; u. Entscheidungen d, PaL 
während d. Analyse II, 46 t; Rolle 
seines Geschlechtes 15 f; u, PsA 
283, 204;Verhaltenbei Assoziation«- 
widerstand H, 44, f 

Assoziation, freie 258; u* Grundregel 
IT, 169; Kritik d. Patienten II» 
42; Mißbrauch der n, 58 ff, 74, 
87 f; u. Projektion II* 42!; 
Reihenfolge II, 42 f ; Zuende- 
denken u t Zuendesugen II, 45 

Assoziationsgebot u. Suggestion II, 
8 9 f 

Assoziationstechuik u. Aktivität II, 

87 ff 

Assoziationsverbot u. Suggestion IT, 

88 f 
Assoziationsversuche 22 
Assoziationswiderstand; u. Ausbleiben 



der Einfalle II, 40, Verhalten d. 
Arztes bei II, 44 f 
Audition coloree II, 155 
Aufklärung, sexuelle <L Frau IT, 

290 f 
Aufmerksamkeit; Dynamik der II, 
174; u. Hemmung II, i74f; u. 
Konzentration igof; u, Ver- 
drängung II, 170S; bei Hypnose 
u, Suggestion II, 170t; bei Para- 
phrenie u. Manie II, 172; beim 
Wita II, 172; u* Zensur heim 
Gleichnissuchen II, i6gf, 175 f 
Aufmischungen II, 60 
Auge u. Sonnensymbolik 200 
Augenreiben u. Onanie IT, 54 
Augensymholik H, 264 ff; u. Angst- 
träume II, 266 f; u, Testikel II, 
267 
Augenverletzungen, Furcht vor II, 

265 f 
Ausdrucksverschiebungen II, 22 ff 
Auseinandetlegung der Person im 

Traum II, 158 
Außenwelt 66f; u. Ich 73, 84, 93f 
Autoerotismus 55, 79 f, 155, 264; 
Amphimixis des 23t; Genitali- 
sierung 252 f; u. Tic 252 \ n. 
Katatonie 252; u- Perversion 255; 
u. Hysterie 19 
Autohypnose &8, 49 f 
Automatismus; hei Beten und Onanie 

II, 154 f; genitaler II, 155 
Autoplastik 221 
Autosuggestion 28, 49! 
Autosymbolismus 211, II, 20, 24if 
Autotomie 94t, 2i6f; u. Masochis- 
mus 217 

Bacchanalien II, 185 

Bad Homburg (psa, Kongreß) 28g 

,, Bannworte" 172 

Barthodeiszky, Dr. II, 154 

Beaurain 101 

Beachtungswahn u. Exhibition II, 54 

Beethoven 252 

Befehle bei Hypnose 56 



Register 



301 



BefeHsaulom&tisinen22i j pasthypno- 
tische 45, II, 237 

Begräbnis, dem eigenen beiwohnen 
n, 245 

Bekamt theitsgefühle H, 176 

Berlin (psa. Kongreß) 189 

Bernhardt 350 

Bemheim 27, 35 

Berührnngs angst II, 27 

Berührung szwang, symmetrischer II* 
256 ff; u* posthypnotischer Be- 
fehlsautomatismus II» 237; u. 
Trotz JI t 337; u. Waschzwang 
II» 337 

Beschäftigungsdelir 229 

Beschäftigungs drang 42 f 

Beschäfti^ungskrämpfe 229 

Be&chäfüguugs onanie II, 155 

Beschäftigungsträume II, 153 

Beschneidung; u. Judenfrage II, 113; 
Wirkung der II, 30* 

Beiita 115 

Beten; xu Onanie II, 1^4; u, Automa- 
tismus II, 154 f 

Bettwäsche, Symbolik II, 250 

Bewegungsstereotypien u» Symptom- 
handlungen ig 4 

Bewegrmgsangst 185 

Bewußtsein u. Unbewußte» II, 154 

Besieh ungswahn 129 

Eileam 115 

Bioanalyse 95 

Bisexuelle Anlage 14+f, 152 

Bjerre, P. II, 58, 61, 82, 84» »So 

Blasphemien 187 

Blendenwollen u. Kastration II, 191 

Blendung; u. Kastration H, 267 f; 
u. Zahnreißen II, 268 

Blepharitis 300 

Bleuler S6 T 1451", 150 t 

Bonhoeffer 151 

Brechreiz II, 73 

Breuer 207 

Breuer-Freud 51 f, 202, 309, 232, 
II, 65, 171, 218 

Brissaud 304* 224, 

Brieflasche, Symbolik II, 131t 



Brückenangst ; tu Brückensy mb olik 

II, 341; u. ejaculatio retardata 

II, 240 
Brückensymbolik II, 258 ff; u« dem 

eigenen Begräbnis Beiwohnen II, 

345f; u. Brückenangst If, 241; 

u. Don Juan-Legende IL 242 ff; 

11. männliches Glied II, 259; u. 

Leben- n, Todsymholik II, 2441*; 

in Träumen II, 259, 243; u. 

Zigarrenanzünden II t 245 
Bruder, feindliche, Komplex der, IT, 

Budapest (psa, Kongreß) 289 

Chaxakteranalyse 11. Aktivität II, 80 

Charakterzüge; anale u. urethrale 
231; u t Analerotik II, 255, 259; 
xu Regression II, 233, 258 t; ure- 
thrale 11, Zündeln IT, 234 

Charcot 27, 4Hf, 204t 

Charakterregression, passagere II, 20 

Chorea 218 

Chwolson, O. D, 256 

Columbias 278 

Cornelius J\epos II, 42 

Czynsky 55 

Damenimitatoren II, 252 

„Darstellung durch ein Kleinstes^ i$f 

Decker inner ung II, 212 

Defäkation u. Geldinteresse nof 

„Deja tu" II, 16*1 ff; u. infantile 
Sexualtheorie II, 163; u* passag&re 
Symptombildiuig II, 16g ; u* Tag- 
traum II, i&*2f; u« Traum II, 162 

Dementia praecox 18 f; bei Jung 247» 
257 ; mit paranoidem Einschlag 
14a ff 

Denken; u. Allmachtegefühl 76; be- 
wußtes 247; gerichtetes 246!; 
Hemmungen 190 ; u. Motilität 
189; u, Muskelinnervati on 189; 
u, Muskel t onus 191 ; phantastisches 
246; sprachliches 247; u, Sprach- 
symbol^9&f ; u. Sprachseieben 177; 
u Verkosten der Umwelt 88 f 



302 



Register 



Denkrealltät gif 
Destruktionsprodukte u.Erinnerungs- 

spuren 97 f 
Destruktionstrieb u« Eros 98 

Determinismus 78 

Deutung II, 89: u« Übertragung II, 109 

Dialoge des Unbewußten II, 251 f 

Dichter u, Gleichnisbildung JI > \j^ 

Dickens, Ch. II, 251 

Diebstahl u, Kastration II, 198 t 

„Dissoziationszustand des Gehirns" 

20 f 
j, Doktorspiel" 14, II, 149 
Don Juan II t £42 ff 
Don Juanismus i6Sf 
Dora (Patientin Freuds) 54^ 55, 235 
Doublettierung II, 295 
Drachenflieger, Symbolik II, 25of 
Drachensteigen, Symbolik II, 251 
Drenhhahn 127, 145 f 
Dualismus 95 
Dubois 21fr, II, 6$ 
„Durcharbeiten" u. Erlebniskolorit 

II, 103 

tchokinesis 225 

Echolalie igSf, 225; u. Tic 199, 213 

Echopraxie 199, 220 

Ehrenfels, von II, 212 

Eier, Symbolik II, a6if 

Eifersuchtswahn i2Öff, 146, II, 283; 

u. Übertragung 132 
Eigensinn u* Analerotik 110 
Einfälle d* Patienten, Gleichgültigkeit 

gegen II, 170 
Eingebung 50 

Einschlafen während Analyse II, 32 
Eitmgon 115 
Eiszeit u, Latenzzeit 82 f 
Ejaculatio praecox II, 205, 287!; 

u. Angsthysterie II, 287 ; u. 

Orgasmus der Frau II, 288; u. 

Masturbation II, 290 
Ejaculatio retardata u* Brückenangst 

II, 240 
Ekel; u, Antipathie 54; u t Erbrechen 

II, 248 ; vor dem Frühstück II, 247 i 



Elektrotherapie 25 

Elternkomplexe 29 f, 55, 52, 55 

Embleme 102 

Energetischer Imperativ H, 275 

Entspannungsübungen II, 110 

Epaminondas II, 42 

Epilepsie 70 

Erbrechen; u. Ekel II, 248; u. 
infantile Sexualtheorien II, 252 

Erinnerungsbilder, regressiv-hallu~ 
zinatorische Belebung 175 

Erinnerungsphantasien II, 92 

Erinnerungsspuren u. Destruktions- 
produkte 97! 

Erinnerungssysteme 210 

Erklärungskuren (Dubois) II, 65 

Erkranken, Dynamik d. II, 24 

Erlebnisstärke u, forcierte Phantasien 
H,9i 

Eros 100- il Destruktionstrieb 98 

Erotische Realität 79, 90 

Ersatz einfalle H, 1$ 

Ersparnisse 111 

Er wartun gs Vorstellungen u, Deutung 
II, 89 

Erziehung; u. kindliche Sexual- 
gewohnheiten II, 220; u.Phanta- 
sie II, 98 

Etymologisieren, zwanghaftes II, 5^ 

Exhibition .134; u. Beachtungswahn 
II, 34; u. obszöne Worte 18S; u. 
Strafmittel II, 224 

Exteriorisation 58, 60 f 

Familienroman der Erniedrigung H, 
2 95 ff; u. Heldenmythen II, 295 

Faulheit u* Neurose II, 255 

Federn, P. 199 

Fehlleistung 59, II, 170; vermeintliche 
II, 129 ff; u* Alkohol H, 151; u* 
Ambivalenz II, 152, 134; Doppel-* 
leishmg II, i2gf; u» Grubelsucht 
n> 154; u* Realitätsprüfung II, 
154; u* Symptomhandlung II, 
1J4J u- Tendenz II, 135; u. "I^aum 
im Traume II, 155 j u, Witz II, 136 

Feigheit u. Impotenz II, 208, 210 



Register 



303 



Ferenczi 10, 23, 58, 60, 78, 103* 
114, 117, 197, siof, 417, 221, 
223, *4 a > H* a6f * * 8 » 47* 5<>» 6 4* 
66 f, 75 f ; 78, 85 ff, 99, 104, 117, 

122, 131, 142,204,232, 242, 258, 

261, 268, 281 
Ferialncurosen II, i8lf 
Fernsymptome 256 
Ferrero 243 
Festtag; u. Affektverkehnmg II, 181 ; 

u* Zensurnachlafi II, i8u 
Feuer bohren 261 
Feuerlo sehen II, 255 
Fixierung, infantile 11. Übertragung 

5* 

Flatus 180, II, 27 f; u* Musikalität 
114 

Flexibilitas cerea u, Hypnose 220 

Fließ 144 

Flüche; u, Ödipuswunsch II, 171t; 
u* Verwünschungen 187 

Folklore 109 

Fonction du re'el 255 

Formamint (Fehlhandlung) II, 155 

France, Anatole 269 

Freimark, Hans II, 54 

Freud nf, 14, 17* 20, 28, 30, 54*40, 
43, 55 f T 60» 64 ff, 69, 72, 77, 81, 
88, 107, 109, 129, 149, 151» i5 6 > 
171, 174, 176, 181, 189, 194^ 198, 
212, 216, 222, 224» 250, 276 ff, 
279, 284fr, 289, 294fr; II, 10, 14, 
i6f, 21, 55, 76*, 86, 97, 113, 117* 
120» 153, 165, 165, 174, 183, 191, 

202 0% 306 f, 2lO, 215 f, 241, 246, 
26l, 292* 

— Angstprohlem 67 fj U, 155t, 219, 
225; Angstneurose 18, II, 205, 
221, 285 

— Hypnose n, Suggestion 50 f, II, 65 

— Lust- u. Eealitätsprinsip 621*, 78 f, 

99 

— Neuro senätiologie 80; II, 217 

— Neurosenlehre 23, 26; II, 24, 178, 
211 

— Paranoia 19, 120 ff, 280 f; II, 378 

— Paraphrenie 249, II, 285 



Freud, Positivismus II, 114 

— Schüler u. Mitarbeiter 296 

— Sexualmoral II, 212; Sexual- 
theorie, 5 Abhdlgv zur 237 ff, 
340 ff, 293 f 

— 70, Geburtstag 390 fr, £97! 

— Symbolik II> 343 

— Symptombildung II, 220; hyste- 
rische 209 f, 333 f 

— Therapie u, Technik, analytische 
55 f * 59» 6a, 64, 66 f, 72^ 75, 81, 
96, 101, 107 

— Traumdeutung 178; II, 12 2 ff* 
126 ff, 139, 156, 159, 162, 208; 
u. Traumauffassung Jungs 267 

— Triehlehre 85* 96, l^sf, 166, 

213f, 272, 287, II,l80,215, 2$$i 

n. Jungs ^Libido" 245 fr, 253 fr, 
356 f, 260, 262 ff, 265; Analerotik 
liof, 117; U, 257 

— Übertragung $;f, 15, &41; 29, 52; 

n, 42, 50, 60, 80 

— Unbewußtes II, 314 

— Vergessen 269 

— Verneinung 85 ff, ggf 

— Widerstand 31; II, 89 

— Wite 15, 39, 175, 177, 179; II, 172 

— Zwangsneurose 1601, 254; II, 52, 

Frömmigkeit u* Zwangsneurose II, 

32 f 
Frustrane Erregungen; 11, Angst II, 

288; u. Abstinenz IT, 289 
Funktionales Phänomen II, 241; u. 

roaterjale Parallele II, 241 f 

Crafton 156 

Ganser II, 74 

Gebärden, magische 72, 92 

Gebärdensymbolik 75 1 

Gebote; i* d. Analyse II, 71 f; bei 

Zwangsneurose H, lo^t 
Geburt 67 f; u. Angstaffekt 68 
Geburts angst u. Kastrations angst II, 

124t 
Geburtsphantasien u, Kastration s- 

angst II, 106 



Geburtstheorie, infantile II, 152 

Geburtstrauma, Theorie II, I22f 

Ge danken j forcierte II, 74; magische 
7Öf, ßo, s, a. Denken 

Gegenübertragung II, 41 ; u, Aktions- 
freiheit d. Pat. II, 108 ; Bewältigung 
n, 49 ff; Gefahren der II, 52 f; 
tu Übertragung II, 49t; Wider- 
stand gegen II, 53 

Geistige Erzeugnisse u. Analerotik 
II, 254 f 

Geisteskrankheiten n. Aktivität II, 78 

Geil u. Analerotik 110 

Geld u. Kot II, z6ü 

Geldfragen in der Analyse 17 

Geldinteresse; u. Analerotik lioff" 
11. DeFäkation nof; Ontogesie d. 
109 ff; u. Realitätaprinzip 119 

Geldkomplex u, Stuhlheschwerden 1 17 

Geldliebe; u, Analerotik II, 259; u* 
Heimlichkeit II, 354; u. Sexualität 
II, 257 f 

Geldstücke 11 $f 

Geldaymbolik ll5f 

Geldverkehr 115 

Genitalität u* Analerotik II, 159 

Genitalsymbole 104 

Genitaltrauma u, Männlichkeits- 
komplex II, 72 F 

Geruch d. Faxe« 111 

Geschwätzigkeit H, 36 

Gilles de la Tourettc 198, 218 

Glans penis, Überempfindlichkeit II, 

Ulf 

Gleichnisse 102, 105; Analyse von 
1I> 164 ff; Aufmerksamkeit u. 
Zensur bei H, i6of, 173 f; Lust beim 
Bilden II» 175 f; u* gleichgültiges 
Material II, iS8f; u, PsA H, 
lS^f; u. Symbolik II, 167 

Gleichsetzung u. Symbolik 104 

Gold; u. Kot i^ff, II, 255fr; u. 
Schweigen II, »55 f 

Gonorrhoe u* Impotenz II, 318 

Gowers »50 

Grasset 205, a^f 

Größenwahn 159, 154; u*Paranoiai*iff 



Groddeck II, 109, 124 

Groos 82 

Groß, O- ift, 148, 151 

Großvater; Imago des schwachen 
1071"; des starken io7f 

Groß vaterkomplex 106 ff 

Grübelsucht II, 94, 154 

Grundregel, psa. II, 58, 66; u. freie 
Association II, iGtjf ; bei Zwangs- 
neurose II, 58^ 6z 

Gummi-Überschuh, Symbolik II> 249 

Haag (psa. Kongreß) 289 

Hahn, Symbolik 191 

Hahnemann II, 185fr; Ambivalent II, 

190; Religiosität II, 194!; Subli- 

mierung II, 189 
Halbgeheilte; Rezidive H, $S; Über- 
tragung bei II, 55 
Halluzination; in der Analyse II, i8f ; 

u. Traum 178, 191 
Halluzinatorische Wunscherfüllung 70 
Haltungstic 218 f, 2*6 ff 
Hände, verschämte II, 53 f ; u. Onanie 

H, 54 
Hans, kleiner 55 

Harn u. Kot (Traumsymbol) II, 147 
Harndrang II, 20 f 
Hausfrauenpsychose II, ajjf 
Heilungsversuche der Neurotiker 25 f 
Heldenmythen; u. Familienroman II, 

295; hei Jung 465; u, primitive 

Eltern H, 295 f 
Hemmung; u, Aufmerksamkeit II, 

*74f ; n, Aktion II, 175 
Herbart 269 

Her ostr atischer Ruhm II, 254 
Herzangst II, 315 

Her z schmerzen, passogere H, 13! 
Hillel 280 

Hirschfeld, Magnus 157 f 
Hitzeempfindung, passagkre II, 14 
Holl6s II, 78 

Homoerotik s. Homosexualität 
Homosexualität i5zff; aktive, passive 

i54f; u, Alkohol 126; u. 

Alkoholparanoia 146 j u. Ano- 



Register 



305 



Italien d. Stimmlage II, 229; 
u. Hypnose 56; u. Impotent 126; 
11. Koprophilie 159; u. Kultur 167; 
in Narzißmus 153^ 15^ II, 228; 
Nosologie 152 ff; u. Paranoia 
i2oft\ 157, 153, II, 226; u. Potenz 
1371*; ti. Sexualkons ti tu tion 154; 
Soziologie i66f; u. SuMimierung 
158; Therapie 165; u. Traum 163; 
Vaterrollo hei der 159 

Hosenrollen 168 

Hühnerangensymbolik II, 266 

Husten u. Lachen II, 23 

Hydrotherapie 25 

Hygiene iu Alkohol 128 

Hypnose 28; u. Aktivität IT, 107; Angst 
u- Liebe hei 57; Aufmerksamkeit 
n. Verdrängung bei II, 170 f; 
Befehle bei 56; u. Flexibilität 
cerea 220; u« Homosexualität 56; 
u. Masochismus 46 f; Mißlingen 
von 51 fj mütterliche 37 £; u. 
Neurose 49^ u, Suggestion 55; 
u. Traum 59; Übertragung in 
der 24, 27fr, 35ff; väterliche 37^ 
u. Verliebtheit 5ßf; Wunsch zur 
II, 52 

Hypnotiseur; Antipathie gegen 51 f; 
Eignung nun 55 f; u* Hypnoti- 
sierender 58; u. Medium 28, 52, 
55; Wirkung der Augen II, 567 

Hypnotisierbarkeit «♦ Normale 50 f 

Hypochondrie u. Analerotik Ii2f, 117 

Hysterie 1 o f, i 8, 52 f, 77, 2 10 ; u. Auto- 
erotismus 19; Identifizierung L d. 
11 ff; Naschhaftigkeit bei 12 j 
VergewaltigungsplianLasie bei II, 

Hysterisches Symptom u* sexuelle 
Befriedigung 51 



Ibsen II, 210 f 
Ich; 



ten II, 210 f 

1; \u Außenwelt 75» 84, 95t; u« 
Libido II, 2 25 f ; u, V ersagungTI,io 1 
[eher inner uugssy stein 212, 214, 217, 

to IT ft 1 1 f * n A n trs iTrY-Li "U nl i c twi na 



her inner uugssy stein 212, 214, 217, 
232 j II, 241 £; u, Auto Symbolismus 
II, 241 

Foronczi, Bausteine zur Psychoanalyse II 



Icher Weiterung 19, 59 

Icherziehung u. Suggestion II, 65 

Ichs ehr umpfung 19 

Ichtriebe u. Realitätssinn jSf 

Identifizierung 2af, II, 144; mit dem 
Analytiker 87; in der Hysterie 
nf; des Kindes 44, 101; u. 
Sprache 75 f; unbewußte 102; von 
Wäsche u* Haut II, 250 

Idioten 206 

Ignotus IT, 209 

Illusionäre Täuschungen in der 
Analyse II, i$f 

Imago ^89, 292 

Imitation 11 

Imitationssucht 213 

Impotenz; u. Aktivität II, 80; u. 
Aktualneurose II, 221 ; u. Alkohol - 
Paranoia 126; Wert et Anamnese 
II, 206 j u. Angst II> 206, 219; u. 
Angstträume II, 208; Deutung u. 
Behandlung heim Mann n, 203; 
u* Diebstahl IT T 1985 n. Feigheit 
II, 208, 210; Formen der II, 216; 
u, Gonorrhöe II, 218; u. Herzangst 
II» 215; ti, Hypochondrie n, 205, 
218; hysterische, aktive Technik 
bei II, 59 f; u. Infektionsfurcht 
II, 2i7f; u. inzestuöse Fixierung 
II, 221 ; u, inzestuöse Objekt- 
wahl II, 215t; u. Parüsthesie II, 
205; u t Pseudohereditat II> 2i6f; 
psychische u. Kastrationsangst II, 
27; u. psa« Therapie II, 204; u, 
Psyehonaurose II, 220 f; u, 
Priifungsträunie II, 205; u» Selbst- 
vertrauen II, 197; u* Sexual- 
erlebnisse d. Kindheit II, 221; u. 
kulturelle Sexualmoral II, 2i2f; 
u. Zwangsvorstellung II, 208 

Infektion (Traumsymbol) H, 144 

Infektions furcht II, 217 

Interesse für psa. Literatur II, 276 

Intrauterinexistenz 66 f, 70; TL Not 
67 ; u* Regression 70; u. Schlaf 70 

Introjektion i$f, 29, 43 f, soff* 60 f T 
73, 92 ; bei Lotze 272 ; i, d + Neurose 



306 



Register 



211T; u, Objektliebe 59; u. Über- 
tragung 9 ff, 24; u. Verschiebung 
6of; u. Weltauffassung 2of 
Introversion 11* Musikalität 99 
Introversionspsychose (Jung) 247 
Inversion 154^ i66 t 247; u. Zwangs- 

homoerotik U Y 232 
Inzestuöse Objekt wähl; u. Impotenz 
II> 2 13 ff; u, Pubertät II, 215; 
u. Respektsperson II, 316 

Jan et IT, 59 
Jatrophilosophie 295 

Jones 106, i6"i t II } 59, 6t, 242» 257 
Journal, International of PsÄ 289 
Jung, C.G., 18, 2 2f, 50, 44, 48, 49, 

loa, 158, 245—268, II, 82, 84, 1 18, 

124, 205, 235 

Käferangst IT, 26S 

Kälte empf in den, passageres II, 14 

Kältegefühl II, aS 

Karsch-Haack, R 115 

Kastration u, Blendenwollcn II, 191 1 
267 1 Folgen der im Kindesalter II, 
1 96 ff ; u* p as s i v-homosesuelle 
Phantasien II, aoi; 11. Todes- 
angst II, 246 

Kastrationsangst; u, Geburtsangst II, 
H4f; u. Geburtsphantasien IT, 
106; u, Myopie H, 265; n. 
psychische Impotenz II, 27; ti* 
Retraktionsempfüidiuigen II, 27; 
it< Zusammenschrumpfen II, 26 

K astrat i ans drohung II, 187 

Kataklonie u. Tic 200 

Katharsis (Breuer-Freud) 284, II, 65, 
171; n. Aktivität II, 85 f, 218 

Katatonie 219, II, 277; Genitalisie- 
rung der Antoerotismen 252; 
Katalepsie hei 220 f; Mutazismus, 
Redezwang, Echolalie 225; Sym- 
bolik II, 280; 11. Tic iggf, 2i8f 

Katzenjammer IT, 185 

Keller, Gottfried 159 

Kind; Anintismus 74; Identifizierung 
44, 101; Monismus 84; Riechlust 



ujf; Schreien u. Zappeln 69; 
Signale 70; Triebbefriedigung 74 

Kinder analyse II, 81 

Kindergrößenwahn 6$ 

Kinderneurosen u. Aktivität II. 78 

Kindh ei ts Erinnerungen 54; \u Nackt- 
heit II, 224 

Kirchwcihfest II, 183 

Klaustrophobie 22, II, 246 

Klavierspiel, Angst beim n, Onanie- 
phantasien II, 70 f 

K Kleine Hysterie" 18 

Kleinpaul 21, 75, 187 

Kleptomanie 12 

Klitoriserotik u. Vagina II, 1 1 a f 

, : Klopfen" der Klitoris 250 

Koitusträume ohne Pollution II, 
157 ff; u. Sexualwunsch H, 160 

Kcmplexempruidlichkeit 150 

Komp] exfluclit 17 t 

Komplexmerkmale u. Paranoia 138 ff 

Komplexreaktionen 22 

Konditionalismus 78 

Kongresse, pSA* 289 

Konversion i8j 80, 120, 191; hyste- 
rische 72, 252; u. auto erotische 
Symbolisierung 210; U.Schwindel 
II, 51; passag er e II, 14 h? 

Konversionsliysterie u. Aktivität IT, 

77 
Konzentration s. Aufmerksamkeit 

Kopf druck, passag er er II, 13 f 

Kopfschmerzen II, 179, 181 

Koprolalie 186; u. Tic 193, 207, 
21g, 223, 250, II, 110 

Koprophagie II, 248 

Koprophemie 1,86, II, 111 

Koprophilie 34, 114, n6ff, II, 233, 
265 ; u. Besitz 116*; u. Homo- 
erotik 139; u* Riechlust 180; u, 
Rei nlichkeit II, 234 ; u. Trotz II, 234 

Kovacs, Prof* 229 

Kot: u. Geld II, 260; u. Gold 115JF; 
u. Harn II, 147 II, 25$; u* Spie)» 
zeug 131 

Kräpelin 22 if 

Krankhei Isn arzi ßmus 197 



Register 



3Q7 



Kratzreflex 216 
Kratz-Tic 215 f 

Xriegsneurosen 212 
Kristallschauer II, 171 
Kußtheorie d, Propagation 172 
Kultur u, Homosexualität 167 
Kryptographie II, 173 

Lachen 191 ; u. Husten II, 25 

Lachkrampf II, 25 

Latenzzeit II, 18; Durchbräche 162; 
u. Eiszeit 8a f; u* obszöne Worte 
181 ff, 185; u. Pubertät II, 34; u. 
Reaktionstypen 184 

Leco, Miguel Monara Vi c enteil o de 
II, 245 

Lehranalyse II, 125; 11. Aktivität II, 

Lehrerkomplex 46 [102 

Leibnix 269 

Lekanomanten, -skopeu II, 171 

Leonardo da Vinci 265, II, 165 

Leonidas 277 

Leporello 168 

Lessing 109 

Leuchtgasausdimsftmg 115 

Libido; u. Angst II, 225; frei- 
flottierende 18; n. Ich IL 225^ 
bei Jung 252JT; ti. Sexualhunger 
253; u. Übertragung IT, 65; 
„Wandlungen u. Symbole ct tf 243 — 
268 ; u* Wille Schopenhauers 254 

Libidostörung (Jung) 2$4f 

Libidotheorie (Jung) 244 

Lotze, Hermann 269—274 

Li eh äugeln, Sexualsymbolik II, 267 

Liebe bei Hypnose 57 

Lindner 229 

Loeb, Jacques 97 

Logik 98 

Losung 118 

Lustprinzip; u* Aktivität IL 82 f; u. 
Realitätsprinzip 84; n* Wirklich- 
keit 62 

Maeder 58, 60 f, 121, 267 
Männlicher Protest II, 202 
Männlichkeit u. Aktivität 157 



Männlichlseitskomplex u. Genital- 
trauma II, 72 f 

Märchen 83 

Magen -Darmstörungen II, 179, 181 

Magengurren II, 24 

Magie 76 

Maladie des tics 198, 200 

Malen 114 

Mamma, Komplex der groÖen 183 £ 

Mandel 151 

Manie 148$ Aufmerksamkeit u. Ver- 
drängung bei IT, 172 

Maniriertheit 199 

Masochismus 47; u, Antotcmie 217 j 
u, Hypnose 46 f 

Massage 25 

Masturbation s* Onanie 

Materiali sa tions phän omen e 2 3 2 

Materialismus 60 

Mathematik 98 f 

Matura träum II, 209 

Mayer, Robert 255, 255 

Medium u. Hypnotiseur 28, 32, 55 

Meige u* Feindel 201 — 250 passim 

Menschheitsentwicklung 92 

Mereschkowsky 44 ff 

Metapher 102, 105, II, 166 

Miktion, Hemmung bei II, 210 

Milieuwechsel u» Narzißmus II, 297 

Miller, Miß Frank 248^ 264*?, 267 

Mimikry 220 

Minderwertigkeitsgefühl 77 

Mischperson 54 

Monasterismus 229 

Monismus 84 

Motilität u.Denken i89;u.passag£re 
Konversion II, 14 

Motorischer Reaktionstypus 184, 189, 

Müller, H* 150 [217 

München (psa, Kongreß) 289 

Münzen 115 

Musik u. Sexualität 258 

Musikalität; u* Flatus 114; u. Intro* 

Muskel er otik 232 [version 99 

Muskeltonus 191 

Mutazismus 223 

Muthmann II, 203 

30' 



30« 



Register 



Mntterhypnose $8 T 41, 320, IT, 170 
Mutterkomplex 42 

Mutterleibssehnsucht 68, II, s^6 
Mutterüb ertragung i, d* Analyse II, 

124! 
Myopie ii, Kastrationsangst LL 26$ 
Mythologie ; u* Psychologie 345 f ; 

u. Symbolik II, 23Ö 
Mythos 109 

„Na abträglich er Gehorsam^ 45 

„Nachträglichkeit'* II, aio 

Nacktheit; u* Kindheitsermnerung 
IT, 924fr; als Schreckmittel II, 
222 ff; im Volksglauben II, 22$ 

Nacfrtheits träum IT, 222 f 

JN adeln, Phobie vor II, 2G4 f 

Nancy, Schule von 27 

Narzißmus 73, 131, 273, IL 201 ; u. 
Homo sp ku ali tat 155!, 159* IJ» 
228; konstitutioneller 198, 208, 
251; u. Milieuwechsel II, 297; u* 
Tic 19G, 301, ajof; u, Übor- 
tragungsliebe II, 80 

Narzißtische Neurose 232 

Naschhaftigkeit 12 

Nasentic 200 

Negative Übertragung 14F, 24 

Negativismus 86, 221 

Nervosität, gemeine 202 

Neuauflagen von Gefühlen 32 

Neurologie u* Übertragung 27 

Neurologen u. PsA zgs 

Neurose; u, Alkohol 145fr; u. Anti- 
alkoholismus 149; u. sozialer 
Aufstieg- II, 296 f; u, Faulheil II, 
255; u. Hypnose 4Qf; en minia- 
Iure II, 24; u, Paranoia II, 227; 
Pathogenese der u. Tuberkulose 
II, 317; u, Psychose bei Jung 
261; u. Suggestion 49 f; u, Ver- 
drängung II, 24 

Neurosentheorie (Ranks) II, i2öf, 

Neurosenwahl 80 [124 

Neurotiker; ihre Affekte lof; 
Heüungs versuche d. 25 f ; Intro- 
jektion 2iff; Komplexflticht irf. 



11. Kormale 23; Übertragungs- 

sucht iyf; Unruhe 18 
Nietzsche 57, 269 

Nürnberg (psa. Kongreß) 275, 289 
Noir 20Ü 

Normale u, Neurütiker 23 
Nunberg 200, 253 

Objekthaß 89 f 

Objekthamoerotik 155 ff; u t Gesell- 
schaft 169; u* Perversion 1GC; u, 
Übertragung 162 ff; Zwang z, 164 : 
m Zwangsneurose 158, i6of 

Objektivität 92; u. Ambivalenz 91 

Objektliebe 4.5t 59, 8$f, 96, 111; u. 
Onanie II, 149; u. Übertragung 59 

Objektvorstellung 90 

Objekt wähl 98 

Obszöne Worte 171fr, IT, 44* 110; 
u. Agieren d. Pafc 173; u. Affekt- 
verkehrung 179 f. 1 85 ; Aus- 
sprechen 178; u« Ethnographie 
1 88 ; bei Exhibitionisten u, Voyeurs 
186; Forcierung von II, 95; 
Macht <1 175; u. Neurotikcr 186; 
u, Orgasmus TT, 111; bei Per- 
versen i8Gf; Widerstand gegen 
171 f, 174, 179fr u, Zwangs- 
neurose II, 111 

Ödipuskomplex; invertierter 158; 
Jung 245, 265; in der Neurose 14* 

Ödipusphantasie II, 182 

Üdipus, Selbstblendimg II, 264 

ödipismus 80 

Ökonomie, psychische II, 85 

Okklusivpessar (Traum) H, 143 ff; 
Identifizierung II, 144 

Onanie II, 144; Abgewohnimg II, 220; 
u, Ag genreiben II, 54; Automatis- 
nms bei II, 154; u. Beten II, 
154; u. ejaculatio praecox II, 290; 
Er tappt werden 11, Beschämung IJ, 
2igf;u, Önychohyperästhesie 229; 
u. Onychophagie 229 ; u. Orgasmus 
d. Frau IL 290; passagere II, 31; 
U.Phantasie II, 153; u. Pollution 
II, 155: „primäre" TL 154; 11* 



Register 



OT 



Tic 229; u< verschämte Hände 

II, 34; u» Zwangshandlung II, 154 
Onanie äquivalente u, Tic 193 
OnanieenÜarvung u, Aktivität II, 79 
Onaniephantasien; forcierte II, 94fr; 

u* Klavierspiel II, 70 f 
Onychohyperasthesie u, Onanie 229 
Onychophagie u, Onanie 339 
Opis-Jiotonus II, 198 
Oppenheim 250 
Optimismus 77 f 

Organ erinnerungssy stein 214, 217 
OrganHbidostauung 15)8 
Qr ganminder Wertigkeit 297 
Organsprache 224 

Orgasmus ; Dischronismus d, Ehe- 
gatten II, 289; d, Frau u, Mastur- 
bation II, 290; u. obszöne Worte 
IT, 111; U* Sexualmoral II, 288; 
tj, Traum II, 15a 
Ortsgruppen d. psa* Vereinigung 289 
Ostwald W. II, 3?i 

Pädagogik u* Analyse II, 81 

Fäderasten i63f 

Parabel 103 

Paranoia 19*, 135 ff, 055, II, 270 ff; 
Angst zustünde II, 285, 285 ; u» 
Größenwahn 121; u« Homosexua- 
lität 120 ff, 157, 153*11, 276, 2Ö1, 

2&4f;u* Komplexmerkmale i3&ff; 
Mastdarmfistel bei einem Fall 
II, 2Ö5f; u. Farästhesien II, 271, 
2&$, 285; philosophisches System 
bei einem Fall II, 271 ff; 11. Pro- 
jektion 59, 78, 144; und Reizung 
d. analen Zone II, 281 ff; u* so- 
ziales Interesse II, 282; System- 
verlust II, 179; Therapie der II, 
280, Wahnsystcmbildungen hei 
II 27 Bf 

Paraphrenie 79, 249, 255, II, 270 ff; 
Aufmerksamkeit u. Verdrängung 
Tf, 172; u. Homosexualität II, 
285; paranoide II, 272; u. Sym- 
boldeutung II, 172 

Parasitophobie II, 262 



Parä*ihesie, passagcre II, 13 
Parfüm u. Anaierolik 114 
Passivität 11. Weiblichkeit 157 
Pathologie, organische 95 
Pathoneuroscn 1 97 
Pathoueu ro i i sehe" Libi dostei gerung 
„Palhos der Distanz" 37 [200 

Patienten II, 0"^; Aktionsfreiheit d. 
11. Gegen Übertragung II, 108; 
Fragen der IL 45 f; Handlungen 
i. d. Analyse H, 65 f; Passivität 

I, d* Analyse IL 64; Überzeugung 
u. Intelligenz II, H3f; Unbe- 
wußtes der u» Unbewußtes d« 
Analytikers IL 53 

Patriotismus 150 

Pessimismus 77 f 

Pfeifer 99 

Pferdephobie 33 

Pferde träume 55 

Phantasien; u* Erziehung IL 98; 
forcierte II, 74, 86ff; 11. Erleb- 
msstärke IL 91 ; Gefabren IL 96 f; 
Indikation II, 96; Verbots- 11. Ge- 
botsperiode 11,96; Wert II, 9&f; 
u, infantiles Sexualtrauma II, 97; 
u, Pollution II, 155t 

Penis, Komplex des iu kleinen II, 265 

Penissymbole 104 

Perversion; u« Genitalis! er uug d* 
Autoerotismen 255; 11, Ohjekt- 
Homoerotik 166 

Pfister II, 173 

Phimose 196 

Philosophisches System; u, Wahn- 
sy stem IT, 278; u. Psychopathen 

II, 279 

Pollution tt. Onanie II, 153 
Pollutionsträume; ohne Orgasmus II, 
152 f; u* Synästhesie IL *55f; u, 
Träume II, 158 
Positive Übertragung j^t 
Primärvorgang 88; im Organiseben 95 
Projektion 19» 73, 92; u. freie Asso- 
ziation II, 42 f; bei Lotze 272; 11* 
Paranoia 59, 78, 120, 144; u. 
Weltauffassung 20 f 



310 



Register 



Projektionssucht 59 

Prüfungsangst II, 22 

Prüfungsträuirie u. Impotenz II T 209 

Psychiatrie vor Freud »59; u- PsA* 29g 

Psychische Infektion 11 

Psychoanalyse; u« Ärzte s88, 294; an- 
gewandte £4^5 f; Angriffe gegen 
277 j u. amnestische Wissenschaft 
341; Argumente gegen 28/f; u. 
Determinismus 239; Gefahren für 
die 2S5; u. Gleichnisse II, 16+f; 
Guerillakrieg 27 8 ff, 284; heroi- 
sche Periode 276; Kampf der 
275 f; Mitarbeiter 278; u* Neuro- 
logen 293; u. Psychiatrie 293; n. 
Psychologie 240 f, 295; Technik 
der (Rank) II, n6ff; u. Über- 
tragung 12 f; Notwendigkeit eines 
Vereines 282 ff; Widerstände ge- 
gen 087 f 

Psychoanalytische Bewegung, Organi- 
sation 274—289 

Psychologie; Interesse für 99; u. Mytho- 
logie 245 f; u, Psychoanalyse 240 f, 
295; statistische Methode 145 

Psychose, Fixierungspunkt in der 
S6i; Wunscherfullung 70; zirku- 
läre u. Rausch 148 f 

Psyehoseauelle Impotenz 50 

Pubertät u. Latenzzeit II, 18 

Pubertätsriten II, 113 

Purimf est II, 183 

Rachephantasieu 162 

Rädertierchen 96 

Rank 252, II, 34* 104 ff, 109, 117 fr» 

13 8 ' l 5<>* l S^ HO, 2 95 
Rank u< Sachs 102 
Rausch, Symptome 147 f ; u* zirkuläre 

Psychose i48f 
Reaktionsbildungen 23 
Reaktionsweisen, archaische 96 
Realitätsprinzip u* Geldinteresse 118 
Realitätsprüfung 90, II, 134, 
Realitätssinn ; u. Allihac:htsgefühl 78 ; 

u. Ichtriebe 78 f; Phylogenese 81 ; 

u. Verdrängung 8if 



Rechenmaschine 88, 95; u. Wirklich- 
keitssinn 98 
Red« und Handlung 178 
Redezwang 223 

Regression II, 21; u. AngStZUStand 
Reichhardt 151 [II T 22 

Reihenbildung 156 
Reizworte 22, 138 ff 
Rekompense 87 t 
Religiöse Gefühle 251; Kult 77 
Reminiszenz u. Afrektreaktion II, 86 
Retraktionsemp Findungen II, 27, 199^ 

u. Kastration II, 200 
, 7 Revenants ö 14 
Riechlust; u. Analerotik 111; der 

Kinder 113t; u* Koprophilie 180 
Riesenmotiv 37 
Riklin, F, 83 
Robitsek, A, 250 
R6heim ir, ii2f 

Sachen nnerungssy steme 232 

Sachs, H, 74, IT, 175 

Sadger, I. 30, 140, 153, 161, 193, 

*5*> IT > 59* 6* 
Sadismus 217 

Salzburg (psa. Kongreß) 289 
Sammeln 1 14 f 
Saturnalien II, 183 
Schaulust u* optisches Empfinden II, 
Schautrieb II, 209 [156 

Schlaf u. Traum 70 
Schlagephantasien II, 92 C 
Schmeichelhypnose II, 170 
Schöpfungen, unbewußte 250 
Schopenhauer 253, zrfäi 269 
Schreber 164, II, 228, 281 
Schreckhypnose II, 170 
Schreien des Kindes 69 
Schuhfetischismus II, 207, 212 
Schweigen II, 256 
Schwindel; u* Enttäuschung II, 29 f; 

u* hysterische Konversion II, 51 
Schwindelempfindung gegen Ende d. 

Analyse II, 29 f 
Seelen Wanderung II, 165 
Sekimdärfunktion d. Neurosen 51 



Register 



3(1 



Sekundärvorgang 68; im Organischen 

Selbstbefriedigung u. Objektliebe TT, 

Selbstverstümmelung 21511 
Selbstzerstöningstrieb 9G ff 
Sexualerlebnisse der ersten Kindheit 

u* Psycho träumen IT, 22.1 
Sexualgew ohnheit, kindliche u. Er- 

ziehitng II, aao 
Sexualhunger u, Libido 253 
„Sesualisierung de* All u 105 f 
Sexualität; bei Jung 258^ 26$f; u. 

Musik 258 f; Widerstand gegeu 

primitive aßi f 
Sexualkonstitution u, Homosexualität 

15 + 

Sexualmoral, kulturelle; u* Impotenz 
II, 212 f; u. inzestuöse Objekt- 
wahl IT, 213 t 

Sexualtheorien, infantile; u» dejk vu 
IT, 165 j u f Erbrechen II» 252; 
\u Inzestschranke 174 

Sexualtrauma, infantiles II, 97 

Sichtotstellen 220 

Silberer 65, 101, *n, 25 a, II, 20, 
171, 241 

Simmel, E, II, 78 

Singultus II, 25 

Sisa, Dr. N. II, 255 

Skulptur 114 

Sokolnicka II, 77 

Solipsismus So, 94, IT, 114 

SoniiGiymytlios u. Heroeukult 251 

Sannensymbolik u. Auge II, 200 

Sonuensymbolische Phantasie II, 

Sonutagskruste TT, 56 [ 1 99^ 

Sonntagsneurosen II, 178 ff; u. 
Katzenjammer II, 185; u, ödipus- 
phantasie II, 182; u. langte Weile 
IT, 181 f 

Souchanow 151 

Sozialer Aufstieg u. Neurose II, 296^ 
s. Gesichtspunkt hei PsA II, 292 ff 

,. Spannungsempfindungen" II, 94 

Sperber 75 

Spiegelschauer IT, 171 



Spiel mit Worten 177 

Spielrein, S. 97 

Spielsaud j 1 2 f 

„Spiel ver derber** II, 181 

Spott u, Holm i, Traum II, 149t 

Sprache; it. Analerotik II, 257; u. 

Identifizierung 75 t 
Sprachsymbole u. Denken 98 t 
Sprachsymbolik 75 t 
Sprachzeichen; u* Denken 177; u« 

Regression 177 
Stärcke IJ, 246 
Stallgeruch ii5f 

Steiner, M. go, ll y 204, 214, 216, 218 
Steinzeit, infantile 114! 
Stekei i2f, 50, IT, 122, 157, 204, 214 
Stereotypien u. Tic 196, J98, 199, 

",75 
Stimmlage; u* Homosexualität II, 

229t, 252; psychogene Anomalien 

227 ff; zweierlei II, 229 ff 
Stimm] osigkeit it. Teuesmus IL 256 
Stocker 151 
Straßenkot 112 
Stricker 230 

Studentenschlägereien iÖ7f 
Stuhlheschw erden u. Geldfiomplex 117 
Stuhlhypochondrie 112 
Subjekthomocrotik 155 ff; u. Frauen 

160; u. Ödipuskomplex 158 
Sublimieriuig; u. Alkoholismus 127, 

147, 150, 168; u. Homosexualität 

13« 
Substitution 18 f, $4, 120, 161 
Süchtigkeit hei Schwangeren 12 
Suggestibilltät IT, 89; Genese 58 f 
Suggestion; u. Aktivität II, 107; u, 
Analyse IT, 58; u. Assoziation- 
gebot u. Verbot II, 88 f; Auf- 
merksamkeit und Verdrängung 
bei II, 170 f; a echeanee 47; u. 
Hypnose 35; u, Icherziehuug II, 
65; u. Neurose 49 f; u* psa. 
Suggestion II, 651 Übertragung 
bei der 24, 27 fr 
SvengaTi 56 
Symbolbildung 105, 109* II, 177; 



312 



Register 



Entstehung IT, 368; u. Genital- 
organe II, 268 f; u. Puber täts- 
onanie o$i ; Topik der II, 242; 
u, Verdrängung II, 342, 268 f 

Symbole; Ontogenese 10t ff; Phylo- 
genese 109 

Symbolik 74; 11. Gleichsetzung 104; 
u. Mythologie II, 258; u. Traum- 
deutung II, 238 

Sympathie; u, Antipathie 32 f; u. 
Sexualität 53 

Symptom, Üb erdet ermini er ung II, 12 

Symptombi! düngen, passagere XI, 9 ff, 
26 ff, 44, 75 ; u. Affektvertauschung 
II, 14a; u. d£ja vu H, 165; Sinn 
H, 11; Zahnschmerzen als II, 12 

Symptomhandlungen II, 170; u. 
Bewegungsstereotypien 194 

Synästhesie II, 155 t 

Tagtraum 16; tu „d£jk vu* II> 165 f 

TaH 011 strafe II, 14 

Tanzen, Drang zum 217 

Tauschhandel 115 

Tausk, Viktor 87, 229, II, 155 

Technik aktive, s, Aktivität 

Technik, therapeutische Jungs 266 

Telepathie 76 

Tenesmus; u. Stimmlosigkeit II, 256; 

Termingebung II, 76* 104, i22f; u. 
Daner d* Analyse XI, 106; Indi- 
kation II, 104^ Mißerfolge II, 
104; tt, Widerstand II, 106 

Terminsuggestionen 47f 

Terpentingeruch 11 3 f 

Therapie, aktive s, Aktivität; ana- 
lytische s. Analyse 

Tic 103 ff, 210; Abwehr 215; 11. Angst 
217; u. Charakter «ige 20$f; tu 
Degeneration 199; u* Demenz 
jgSf, 222 f; u. Dyspraxien 2 13 ff; 
Echolalie u* Echopraxie 199, 313; 
u, Enuresis 230; als Fluchtrefle* 
215; H yp er s en sib ilität 1 97 ; u, hypo- 
chondrische Selbstbeobachtung 
204; 11. Ichhysterie 253; u, Ideen- 
flucht 207; u. Identifizierung 222; 



Infantilität 20$; u. Katatonie 200; 
u. Katatonie 199^ u, körperliche 
Erkrankungen 200, 213; Konflikt 
bei an f; n. Koprolalie 195, 207, 
213, 359, II, 110; in der Latenz 
318; motorische Symptome 213!", 
235; il Narzißmus 196, 201, 208, 
230 f; u, Onanie 329; u. Onanie- 
äquivalente 139; passagerer 194; 
pathoneurotische 208, 230; phona- 
torischer 251; polygonaler 3*5; 
psychischer (Charcot) 206; it. 
Schmerzer imierungen 214; seeli- 
scher (Grasset) 225; u« Sexualität 
226; Sinn u. Bedeutung 194; u. 
Stereotypien 196V 198^ II, 73; 11- 
Temperament3i8;u* Trauma 209; 
u. traumatische Neurose 211; ti. 
Trieb 2i4f; Verschiebung 203; 
Wendung g^g^n eigene Person 
215; h. Widerstand 20$; u, 
Zwangshandlungen 203 f, 235; 11. 
Zwangsneurose 228 

Tierfigur, Symbolik II, 191 

Todesangst u, Kastration If, 246 

Todessymbolik II, 141 

Torticollis 219 

Traum; u. Affektvertauschung U, 
141 f; Auseinanderlegung drr 
Person II, 158; Brücken Symbolik 
im II, 239, 245; u. d4jä vu II, 
162; u* vermeintliche Feldhand- 
lung II, 135; u. Halluzination 191 ; 
bei Homoerotik 163; u. Hypnose 
39; Landschaften im II, 156; 
lenkbarer II, 137 ff; vom Okklusiv- 
pessar II, 143 ff; u. Orgasmus II, 
152; 11. Polin tionstraum II, 158; 
prophetischer 250; u. Realitäts- 
flucht II, 157; \l Schlaf 70, II, 
1 37 ; im Traum II, 137 ; 11, Traum- 
bilder II, 159^ ; u> Tranmphantasie 
II; 139; u* Übertragung 13!; u, 
Weckreiz II, 137; u* Wunsch- 
erfüllung II, 139 

Traumdeutungstechnik (Bank) II, 
120 ff 



Register 



313 



Trauma 197; der Geburt (Rank) II, 

106; u. Tic 209 
Traumatische Neurose h, Tic an 
Traumatophille 160 
Traumauffassung ;Jung) 267 
Traumen tstellung II, 208 
„Treppenwitz" IT, 210 
Tri ob entnii schling 89L 100 
Trjeblehre (Letze) 272 
Trotz u. Koprophilie II, 254; u. 

symmetrischer BenThrrmgszwang 
Trousseau 202 [II, 257 

Überredungskuren (Duh'ois) II, 65 
Üherrumpelnngshypnose 5C 
Übertragung 29, 45^ 120; bei Akti- 
vität II, ioo f; u, Deutung II, 109; 
u. Eifersuchtswahn 15a ; u. Gegen- 
übertraguu^ II, 49f;bei Gesunden 
II, 55 f; bei Halb geheilten II, 55; 
bei Hypnose 24, apff, 55 ff; u. 
infantile Fixierung 52 ; u* Intro- 
jektion $ff, 24; 11. Libido II, 65; 
negative 14 f; als Neuauflage 5a; 
u. Neurologie 26; u, Neurose 10; 
in der nichtanalytischen Therapie 
i6f* s^f; 11, Objekthomoerotik 
162 ff; u. Objektliebe 59 ; positive 
14 f ; i, d.PsA 1a f; bei Suggestion 
24, 27 ff ; Tragfähigkeit der 11. 
Aktivität II, 75 f; u. Traum 13, 
33 f; 11. Überzeugung II, 114; 
unbewußte 25; u. Unbewußtes 
531"; u, Verschiebung 12 f; 11* 
Widerstand II, 60 f 
Ühertragungserfolge d, Analytikers 

. n, 51 f 

Ubertragungsliebe; u. Narzißmus II, 

80; u* Verneinung 87 
Übertragungsphantasien, positive u. 

negative II, 92 
Übertragungs sucht 17!, 59 
Umgehung der Zensur II, 314 
Lmschaltung am Schluß der Analyse 

Umwelt, Verkosten der 11* Denken 
Unarten 65, II t 85 [88 f 



Unbewußte Übertragung 25 
Unbewußtes 94., 246 f ; d* Analytikers 

u, d* Pat* II, 53? w- Bewußtsein 

II, 134; Dialoge d, IL 23if; u. 

Übertragung 33 f 
Ungeziefer, Symbolik IL 2 (u ff: 11, 

Schwangerschaft IT, 261 
Unlustbejahung 84 ff: u. Neurone 87 
Unruhe am Ende der Analyse IL 28 
Unsinnsträume II, 149 
Urethra Ierotik u* Feuer lös eben IL 255 
Urinieren als Beruhigung IL 35 
Urlibido (Jung) 259! 
Urninge 159 
Urophilie 54 
Urprojektion 20 
Urüb ertragungen 20 
Urverdrängung IL 97 
Utraquismus 95 

Vagina; infantile Vorslelhmgcn II, 
251; il Klitoriserotik II, 1 1 2 f ; 
Komplex der kleinen 1 85 : it. Vor- 
haut IIj H2f 

Vaterhypnose 220, IL 170 
Vaterkomplex 42* 44 ff 
Vegetarismus 11 
Verbote ; L d* Analyse II, 7 1 f ; hei 

Zwangsneurose IL iö3f* 
Vergewaltigungsphantasie 11, Hysterie 

II, 294 
Verdauung, infantile Vorstellung von 

der II, 251 
Verdrängtes 11. Verdrängendes II, 

Verdrängung 247 ; u. Agieren II* $5 ; 
u, Aufmerksamkeit IL 169 ff; it. 
Gleichgültigwerden II, 172 ; 11. 
Neurose II, 24; u* Realitätseim] 
81 f; u t Symholbildung IL £42, 
268 f; u, Verdriiugungstendens II, 

Verein, Psychologie des 281 f [169 

Vereinigung, Internationale Psycho- 
analytische 288 f 

Vergessen 59, a6g; von Eigennamen 
II, 170 ; hei Lotie 270 ; eines 
Symptoms II t 36 



314 



Register 



Vergiftimgsaugst H, 285 

Verlag, Internationaler Psycho- 
analytischer 289 

Vorlegung; von unten nach oben 
550, II, 269; nach unten 231 

Verliebtheit 257 

Verliebtsein u. Hypnose 55! 

Verneinung 85 f, 95 f, qS; u, Über- 
tragtmgsliebe 87; der Wirklich- 
keit 86 

Versagung II, 67; u* Aktivität II, 
72, 11. Obertragimg II, 101 

Verschiebung; u* Introjektion 60 f; 
u. Übertragimg i2f 

Visueller Reaktionstypus 184 

Vorbeireden II, 74, 88 

Vorbeidenken II, 74 

Vorbe wüßtes 94, 250 

V or dräng ungs t end e n z u. V er d ran gimg 

Vorhauterotik II, na [II, 169 

Vörösmarty II, 18* 

Vorsexuell (Jung) 262» 264 

Vorstellungsangst 184 

Vorstellung^ identität 70 

„Vorstellungsmimik" 178, 182 

Voyeurs n t obszöne Worte 1S6 

VoyeurtTäume II, 156 

Wagner, R. 20 

"Wahlrecht der Frau IL 290 

Wahn Systembildung u, philosophische 

Systeme II, 278 
WahmehmungsidtmUtät 70» 176 
W äschere in igung u- Geil II, 234 
Waschzwang II, 237 
Wechselwirkung der Symptome 194 
Weckreiz II, 157 
Weiblichkeit u. Passivität 157 
Weimar (psa* Kongreß) 289 
Weiukrampf II, 25 
Welterkentitnis u. Allmacht 92 
Weltuntergangsmotiv TI, 228 
Widerstand 26, 31; u, Aktivität II, 

Sß t 101; gegen Hypnose $of; 

gegen Psychoanalyse 94; u* Ter- 

mingebung II, 106 f ; U.Übertragung 

II, 60 f 



Wiedererleben u. Aktivität II, 86 

Wiederfiiidtmgslust II, 176 

Wiederholungslust II, 176 

Wiegenlieder 68 

Wilde Psychoanalytiker II, 75t, 101 

Wirklichkeit; u h Lustprinzip 62; u. 
Vemeimmg SS 

Wirkli chkeits sinn ; Entw icklungstu fen 
6aff; u. Rechenmaschine 98 

Wißbegierde, infantile 181 

Witz 39 II, 175; Aufmerksamkeit 
u. Verdrängung II, traf; u, Vor- 
lust II, 17G 

Wolfstraum II, 126 fr 

„Wortbrücke" II, 148, 241 

Worte, magische 76f, 93 

Wortldangbüderu- Er innenmgsbi Ider 

Wühlen im Geld 118 [175 f 

Wunsch zur Hypnose II, 32 

Wunscherfullung u. Traum II, 159 

logi II, 110 

Zahnschmerz II, 12 

Zappeln II, 73; des Kindes 69 

Zauberei 77 

Zeitschrift, Internationale £ PsA 289 

Zigan-Gnanzünden, Symbolik II, 245 

Zotnaushruch 71 

Zote 175* i78f 

„Zündeln" II, 254 

Züricher Schule 277 f, II, £$$ 

„Zum Beispiel"; i« d. Analyse II, 

47 ff; im Traum II, 48 f 
Zusammenschrumpfen u* Kastrat ions- 

angst II, 26 
Zwangserseheimmgen, passagere II, 

16 ff 
Zwangshandlungen; i* d, Analyse II, 

73; u. Onanie II, 154; iu Tic 

205 f, 233 
Zwangsheterosexualität 168 
Zwangshomoerxrtik u. Inversion II, 

232 
Zwangsneurose Gßlf, 18; u, Allmacht 

der Gedanken 63 f; sadistisch- 

anale Fixierung 161 ; u, Fromraig- 



keit II, 52 f; Gebote u, Verhole schleppung von Arbeitsplänen II, 

II, iojf; u. psa. Grundregel II, 255 t 

38 f; als individuelle Religion II, Zwangsvorstellungen iSj , 191: liomo- 

52; u* Latenzzeit 162; u. Objekt- sexuelle II, 22 

homoerotik 158, iGof; 11. obszöne Zwischenstufe 155, 157, 164 

Worte II, 111; u* Tic 228; it, Ver- Zyklothymie 190 



Internationaler Psychoanalytis&er Verlag, Wien, VII 
Neuerscheinungen Frühjahr 1927 

Psychoanalyse der 
Ge s amt persönlidikei t 

Neun Vorlesungen über die Anwendung von 

Freuds Ichtheorie auf die Neurosenlehre 
von 

Dr. Franz Alexander 

Geheftet M. 9* — , Ganzleinen M II. — 

Inhalt: I) Entwicklung«?] chtnng der Psy ehoanalyse. 
Die Entdec k nn g des Ichs* Der ökonomische Vorteil der Ver- 
drängung. Die Schwäche des Ichs in der Kindheit. Der Wiederholungs- 
zwang als Äußerung des Trägheitsprinxips. Yeiinnerlichung der 
Realangst aur Gewi ssens angst. Die Strafe begünstigt die Sünde. 
Mißbrauch des Leidens als Mildarungsgrund. — II) D i e R 1 1 e 
des Ichs in der Neurose, Der hysterische und der 
paranoische Mechanismus. Die Schamreaktion, Projektion 
des Schuldgefühls, Der paranoische Mechanismus bedeutet Leugnen. 
Sinn der Geburts Sensationen in der Kur- — III) Recht- 
fertigung der dramatischen Darstellung der Neu- 
rosen, Die dynamis che Struktur der Zwangsneurasen 
und der Phobien. Der Narzißmus als erstes Zeichen der Persön- 
lichkeitsbildung. Eifersucht in der Kinderstube. Asketische Züge 
in der Ehe und in der Mutterschaft. Straß enangst als Folge von 
Dirnenphantasien. — IV) Der zwangsneurotische Zweifel, 
Triebentmischung he: der Sublimierung. Die Strafe als Befriedigung 
femininer Bestrebungen. Eine Zwangsezene. Der Sinn der hypo- 
chondrischen Befürchtungen. — V) Zusammenfassung, Die 



dynamische NeurosenformeL Erotisierung des Stxftfbedürfniasea^ 
Die Herkunft des Gewissens. Die Rolle des Leidens in Religion 
u. Erziehung. Die psychische Grundlage des Strafsvstems in der 
Gesellschaft Da» unvermeidliche Nacheinander von Lust u» Unlust 
Die biologische Wurzel der Unlusterwartungen. Festhalten an alten 
Befriedigungsarten. ^— VI) Da» Htiol o gi s che Problem der 
Neurose». Die Sublim) «rangen. Die übermäßige Ein- 
seJiränkung de* Trieblebens. Verwöhnung u. Üh erstrenge. Die 
frühzeitigsten Triebbeeinträchtigungen. Kriminalität, Verzicht auf 
reale Befriedigung Zeichen der »Schwäche * Das Urgesetz des 
Gewissen«, — VII) Triebmischungen. Ein Fall von masa- 
chi »tischen Transvestismus. Die sadistische Komponente 
6.tr Moral, Jugenderinnerungen. Wirkung der Todesnachricht. Die 
Strafe als Maske für Lustbefriedigungen, Die Perversion als Schutz 
vor Selbstzerstörung. — VIII) Triebmischungen und Tri eb- 
richtungen. Eine allgemeine Krankheitstheorie 
auf Grundlage der Tri eh lehre von Freud, Der 
in ver ti er te Ö dipuskompler* Die Rück wendung des Hasses in der 
Melancholie Masochtsmns u- Homos eznalität — IX) Die Trieb- 
grundlagen der N e u r o s e n. Die PersönüchkeiUbildnng, Die 
einzelnen Neurosen im Lichte der Trieblehre, 



Wie man 
Psydiologe wird 



von 



Theodor Reik 



Geheftet M. 3.60, Ganzleinen M* /, — 

Inhalt: I) Wie man Psychologe wird. — II) Psychologie unJ 

Depersonalisation. — III) Die psychologische 

Bedeutung des Schweigens. 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien, Vü 
Neuerscheinungen Frühjahr 199? 

Einführung in die Technik der 

Kinderanalyse 

von 

Anna Freud 

Geheftet M. 2.70, Ganzleinen M 4. — 

Inhalt: I) Die Einteilung der Kinder anal yse, — II) Die Mittel 
der Km der anal jae, — III) Die Rolle der Übertragung in der Kind er- 
anal j»e* — IT) Da* Verhältnis der Kinderanalyse zur Erziehung. 



Die heutige Psychologie 
der Pubertät 

Kritik ihrer Wissensdiaftlichkeit 

von 

Siegfried Bernfeld 

{Separat&bäruck aus Imago XIII, Heß l) 

Inhalt: I) Dm Menschenverstand. — - XI) Die Philosophie, 

HD Unkenntnis und Kühnheit. — IV) Die Pädagogik. — 

V) Überwundene Belastungen. 

Geheftet 3f+ 2,80, Ganzleinen M* 4,20 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien, VII 
Neuerscheinungen Frühjahr 1927 



Die Funktion 
des Orgasmus 

Zur Phytopathologie und zur Soziologie des GesAlechtslebens 

■von 

Dr. Wilhelm Reich 

Geheftet M. 10. — , Ganzleinen M 12.— 

Inhalt: I) Der neurotische Konflikt — II) Die orgastische 
Potenz — III) Die psych! sehen Störungen de* Orgasmus. 
a) Die Herabsetzung- der orgastischen Potenz (onani bischer Koitus, 
Onanie"; h) Die Zersplitterung des Orgasmus (akute Neurasthenie;; 

c) Die absolute orgastische Impotenz (Hypästhesie, Anästhesie); 

d) Die Sexualerregung bei der Nymphomanie — IV) Somatische 
Libi do st auung und Angst affekt, a) Allgemeines über Sinn, 
Tendenz und Quelle des neurotischen Symptoms; b) Angst und 
vaso vegetatives System; c) Sexual erregung und autonomes Nenrensystem \ 
d) Die psychische Ätiologie der Aktualneurose j e) Aus der Analyse 
einer Hysterie mit hypochondrischer Angst;/) Befürchtung und Angst- 
effekt — V) Psychoaeurotische Schicksale der Genit&llibido, 
1) Konversions Symptom und hysterische Impotenz; 2) Die Evrange- 
neurotische Impotenz; 3) Die genitale Asthenie der chronischen 
hypochondrischen Neurasthenie ; a) Aus der Analyse einer chronischen 
Neurasthenie; b) Die genitale Asthenie (Zwei Formen der ejaculatio 
praecox). — VI) Zur psychoanalytischen Genital theorie 
— VII) Die Abhängigkeit des Destruktionstriebes von 
der Libidost&uung — VIII} Über die soziale Bedeutung 
der genitalen Streb nn gen, a) Die Spaltung der genitalen 
Tendenzen in der Gesellschaft; b) Die Folgen für die Ehe; v) Zur 
Frage der Abstumpfung der GenitaHtät in der monogamen Ehe; 

tt) Der erotische und der soziale WirklichkeiHainn* 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien, VII 

Neuerscheinungen Frühjahr 1927 



Primitive Kunst und 
Psychoanalyse 

Eine Studie über die sexuelle Grandlage 
der bildenden Künste der Naturvölker 



von 



Dr. Eckart von Sydow 

(Mit Kuastbeilagca} 
Geheftet M. 8. — , Ganzleinen M* 10* — 



Inhalt; I) Die Wieder erweckung der primitiven Kunst — JJ) Die 
drei Wege zur Erkenntnis der neturvölkitelien Kunst. Untersuchung 
der Form: Kunstwissenschaft; de« Inhaltes; Völkerpsychologie; des 
Gehaltes: Psychoanalyse — III) Die sexuelle Grundlage der Bau- 
kunst. Vorstufen: Höhle, Wette rschirm. Die Wohnung. Psycho- 
analytische Deutung des räumlichen Urbildes — IV} Die sexuelle 
Grundlage der Plastik* Stein, Baum* Pfahl — V) Die sexuelle 
Grundlage der zeichnerischen Künste (Febgraviertug, Malerei usw.) 
— VI) Lust und Unlustprinzip in ihrem Verhältnis tum natur- 
völkischen Kunstwerk, Kunst- und Wirtschaft« formen bei den Natur- 
völkern — VII \ „Körperkunst" und deren »ejcuelle Grundlage, Ver- 
größerung der Körpermasse» Umbildung der Gliedmaßen. Eemalung 
und Tätowierung — VIII) Die geschichtliche Reihenfolge der 
Künste — IX) Kritik der psychoanalytischen Kunstphüosephie. 
O, Hanks Kttnslphilosophie, Die geistige Kunstfonn als seih ständige 
Kukurmacht — X) Der Grund des Stillstandes der primitives 
Kunst — "XT) Ziiiammenfasaung